Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Freitag, 5. Juni 2009

Ideen im Gespräch

"Was der Bauer nicht kennt..." - es ist eine alte Volksweisheit und sie scheint immer noch gültig zu sein. Offenheit für neue Ideen ist keinesfalls selbstverständlich - der Umgang mit Ideen deshalb auch eine Frage an die Gesprächskultur. Gelegentlich finden sich kreative Köpfe, tauschen sich aus, bereichern sich gegenseitig, entwickeln hier und da etwas weiter, fördern sich gegenseitig, inspirieren und lassen sich inspirieren. Dabei kann es um alles Mögliche gehen, um Kochrezepte, Strickmuster, Basteleien, Technik, Malerei, Kunst, Musik... Neues eben. Untereinander können sich Kreativlinge oft sehr gut verständigen und manchmal brauchen sie dafür keine Worte. Improvisieren, der Kreativität freien Lauf lassen... es ist die Grundlage für so manches Kunstwerk, für technische und kulturelle Innovationen.
Im Gespräch werden Ideen schnell zum Problem - dort nämlich, wo sie mit bestehenden Beurteilungsmustern, mit Gewohnheiten, Regelungen, etablierten Gegebenheiten kollidieren. Sie müssen nicht unbedingt kollidieren, es genügt schon, wenn es so aussieht, als sei mit einer neuen Idee eine Veränderung verbunden, die irgendwie nach "Umdenken" aussieht... Es hat seinen Grund, warum die Regeln für eine Brainstormingsitzung ein Bewertungsverbot vorsehen - denn Bewertungen und Urteile stören den kreativen Prozess. Konflikte um Ideen und Kreativität sind also überall dort zu erwarten, wo kreative Menschen auf realistische, schnell urteilende, an der aktuellen Situation orientierte Menschen treffen. Das Problem ist, das so manche Idee zunächst weich und vorläufig sein kann, oft nur einen Kern darstellt, der weiter entwickelt werden muss, bis etwas Rundes, Vollständiges, Brauchbares entsteht. Stark realitätsbezogene Menschen sehen zunächst das Unfertige und finden problemlos viele Gründe, warum das Neue nichts taugen kann. Das Vorläufige zu akzeptieren und wachsen zu lassen fällt manchen schwer - wer also neue Ideen in ein Gespräch einbringt, wird mit solchen Einwänden rechnen müssen.
Im schlimmsten Fall wird alles Neue verworfen - denn die Frage, was aus einer Idee werden kann ist typisch für Kreative, nicht aber für sinnesorientierte Gegenwartsmenschen, die sich schwer damit tun, über das momentan Gegebene hinaus zu denken.
Welche dramatischen Folgen neue Ideen haben können, zeigt das Beispiel von Johannes Kepler sehr deutlich. Natürlich dreht sich die Sonne um die Erde und die Sterne sind am Himmel festgenagelt - was für eine verrückte Idee muss das sein, die Erde würde sich um die Sonne drehen...
Neue Ideen sind nicht immer so revolutionär wie die Relativitätstheorie, aber der Effekt, dass manche erstmal nur "Bahnhof" verstehen, ist durchaus häufig zu beobachten. Nun hat aber das Problem auch eine andere Seite - neue Ideen brauchen natürlich den Bezug zur Realität, wenn sie konkret werden sollen - und in dieser Phase ist die Grundhaltung, die den kreativen Prozess zunächst einmal empfindlich stört, nötig, eine wichtige Ergänzung.
Zunächst scheint das Wissen um solche Orientierungen und Präferenzen nicht sehr weit verbreitet zu sein, die Einsicht, dass kreative Menschen grundsätzlich "anders gestrickt" sind, kann einem konstruktiven Gespräch sehr im Weg stehen. Dort, wo sinnesorientierte und gegenwartsorientierte Menschen in Führungspositionen sind, haben neue Ideen meist keine Chance. Es sei denn, sie sind bereits passgenau ausgearbeitet und sehr weit entwickelt. Aber dazu kommt es oft nicht mehr - denn jene, die erstmal abgebügelt werden, als Spinner und Visionäre, Träumer und weltfremde Idealisten abgestempelt sind, werden sich zehnmal überlegen, ob sie neue Ideen überhaupt noch ansprechen. Und so wird so manches, wenn überhaupt, bestenfalls im stillen Kämmerlein entwickelt. Oder geht ganz verloren...
Eine These möchte ich einmal einfach so in den Raum stellen: soziale Systeme können sich nicht weiterentwickeln, wenn neue Ideen vorschnell beurteilt und abgetan werden. Unternehmen, die nicht in der Lage sind, den Blick nach vorn zu richten und für die Zukunft neue Ideen zu entwickeln, werden früher oder später untergehen. Führungskräfte, die neuen Ideen keinen Raum lassen und kreative Menschen unterdrücken, begehen einen großen Fehler. Genauso problematisch sind aber auch kreative Teams, denen es nicht gelingt, ihre Ideen früher oder später auf dem Boden der Realität zu verankern. Realisten und Kreative brauchen einander - tun sich im Gespräch aber oft schwer miteinander. Es wäre viel gewonnen, wenn die Realisten lernen würden, eine Zeit lang den Mund zu halten und neue Ideen zu betrachten, ohne zu bewerten. Und die Kreativen... überlegen sich besser sehr genau, wieviel sie von sich und ihren Ideen in welchem Zusammenhang einbringen. Denn dort, wo alles, was irgendwie neu oder anders ist, schnell beiseite geschoben wird, haben Kreativität und Innovation keine Chance.

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Lieber Rolf,
    ein ausgesprochen guter Post, den Du hier abgeliefert hast - Respekt.
    Ich finde einfach keinen passenden Kommentar, der Deinem Post gerecht wird.
    Ich verfasste zwar schon etwas, fand es dann aber doch nicht so gelungen und löschte es.
    Egal was ich diesen Post betreffend, gedanklich auch im Kopf habe, ich treffe damit nicht das, was ich zu sagen wünsche.
    Ein guter Post. ;-)

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