Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Freitag, 26. Juni 2009

Kann eine Wahlfälschung rational sein?

Gehen wir einmal von einer typischen Wahl in Europa aus... wenn einer auf die Idee käme, seine verstorbene Oma zur Wahl zu schicken, zweimal mit verschiedenen Ausweisen abstimmen wollte... das würde auffallen. Im großen Umfang eine Wahl zu fälschen - kaum vorstellbar. Und wenn irgend etwas nicht stimmt, sagen wir, weil durch ein Unwetter mehrere Wahlurnen im Wasser ertränkt worden wären... dann müsste die Wahl eben wiederholt werden. Ohne Wenn und Aber. Nun sieht es aber so aus, als ob im Iran eine Wahl bewusst gefälscht wurde - gezielt. Mit Mitteln, die wir als unangemessen, undemokratisch ansehen. Und dann wird - zwei Wochen danach - allen Ernstes behauptet, die Wahl wäre völlig in Ordnung. Alles sei überprüft worden... Wer glaubt so etwas und - wer glaubt, dass es einer glaubt?
Zwei Dinge sind daran auffällig: zum einen ist es (vorausgesetzt, die Sache mit der Fälschung stimmt) eine dreiste Lüge, der Versuch, die ganze Welt für dumm zu erklären. Zum anderen ist es eine Logik, hinter der nur eines stehen kann: die Überzeugung, dass das iranische Volk zu dumm ist, um über die eigenen Geschicke zu entscheiden. Priesterliche Fürsorge also für ein Volk, das droht, dem Falschen hinterherzulaufen? Nun ja, wenn der Zweck die Mittel heiligt, dann ist es natürlich logisch, dass man auch einmal ein bisschen mogeln muss, um den "Richtigen" zu unterstützen. Nach dem Motto: was nicht passt, wird eben passend gemacht... Es kommt dann aber noch eine weitere Voraussetzung hinzu: die Vorstellung, dass ein Einzelner besser als das ganze Volk wissen kann, was für das Volk gut ist.
So ungefähr müssen manche Ajatollahs denken - und daraus das Recht zu jeder Form von Gewalt ableiten, ob es nun Prügel sind oder die Todesstrafe.
Aus unserer Sicht ist das alles ungerecht und brutal. Die Frage ist, was bedeutet denn im Islam Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist, "Dinge an ihre rechtmäßigen Plätze zu bringen" - und stellt im Islam einen hohen sittlichen Wert dar. Immerhin: wenn man davon überzeugt ist, dass Ahmadineschdad als Präsident "am rechtmäßigen Platz" ist, auch wenn es dafür keine Mehrheit im Volk geben sollte - dann ist das systemimmanent noch irgendwie "logisch". Aber "heiligt" der Zweck dann jedes Mittel?
Gewalt lässt sich im Islam legitimieren als "Kampf gegen Ungläubige" - und es gibt direkte Aufforderungen zur Gewaltanwendung im Koran . Andererseits fand ich auch eine ganz andere Auffassung, die Islam und Gewalt als unvereinbar beschreibt.
Kulturell gibt es auf jeden Fall klare Unterschiede zwischen dem christlich geprägten Abendland und dem islamisch geprägten Orient. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Bemühen um einen Dialog - mit seiner Idee, den Islam innenpolitisch den christlichen Kirchen gleich zu stellen, stößt Wolfgang Schäuble allerdings im Moment wohl auf wenig Zustimmung....

Für die Frage einer möglichen Demokratie im Iran (nach westlichen Vorstellungen) sind diese Unterschiede auf jeden Fall relevant - dort, wo religiöse Vorstellungen über die Politik dominieren, muss die Diskussion zuerst auf dem Boden der Theologie geführt werden. Innerhalb des Islam stellt sich die Frage, ob die "Dinge am rechten Platz sind", wenn ein Ajatollah darüber bestimmt, wer Präsident sein soll und sich dabei eben auch das Recht heraus nimmt, eine Wahl zu fälschen. Ausgehend von unseren Vorstellungen von Demokratie ist es einfach unmöglich, auf Leute einzuprügeln, nur weil sie eine andere Meinung vertreten. Wenn in Bayern einer mit einem gelben Fähnchen wedelt und lieber Guido Westerwelle als Bundeskanzler haben will, weil er den viel netter findet als Angela Merkel, wird man ihn deshalb nicht gleich erschießen... Betrachtet man ihn jedoch als Ungläubigen, gegen den man (je nachdem, welche religiöse Haltung man vertritt) zur Not eben auch mit Gewalt vorgehen darf, sieht die Sache anders aus.

Weiter gedacht stellen sich viele Fragen: ist der Islam mit den Menschenrechten vereinbar? Kann es (aus der Sicht des Islam) gerecht sein, die Menschenrechte zu verachten? Ist es aus der Sicht des Islam vertretbar, anderen die eigene Meinung aufzuzwingen, notfalls mit Gewalt?
Betrachtet man die Konflikte zwischen der momentanen Regierung im Iran und der westlichen Welt, prallen weltliche Vorstellungen von Demokratie und religiös geprägte Denkmuster aufeinander, die einer ganz anderen Logik folgen - und für uns zu völlig unhaltbaren Konsequenzen führen. Vorgehensweisen, die nicht akzeptabel sind, weil sie die Freiheit missachten und damit aus westlicher Sicht eben ungerecht sind. Ob es für die Muslime nun "religiös korrekt" ist oder nicht - die gewalttätige Auseinandersetzung im Iran macht auch den Islam höchst unsympathisch...
Als Weltbürger können und dürfen wir Stellung beziehen und deutlich sagen, dass wir die Gewalt im Iran nicht in Ordnung finden. Gleichzeitig aber kann die Frage, wie aus der Theokratie im Iran eine Annäherung an "mehr Demokratie" möglich wird, nur aus dem Islam selbst beantwortet werden. Soweit also mein persönliches Resumée... Was die Aussenminister der G8-Staaten dazu meinen, geht ebenfalls in diese Richtung.




Kommentare:

  1. Die obersten religiösen Führer im Islam achten schon auf ihre Vorherrschaft. Und solange Staat und Religion nicht strikt voneinander getrennt werden, wirde auch eine reguläre Wahl nicht viel an den vorherrschenden Verhältnissen ändern. Aber vielleicht wäre es ein Aufbruch in die richtige Richtung.

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  2. Nachdem, was ich bisher so gelesen und gehört habe, verstehe ich das Angebot des Wächterrats als Entgegenkommen mit dem Ziel des Machterhalts. Theokratie und Demokratie scheinen nicht zusammen zu passen... und wenn auf den Straßen "Tod dem Diktator" gerufen wird, steht dahinter der Wunsch nach Demokratie - und das ist wirklich mehr als nur eine Neuwahl. Aus der islamischen Revolution könnte eine demokratische Revolution werden...

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  3. Vor ein paar Jahren mußten wir in Teheran zwischenlanden und wir hatten ca. 5 Stunden Aufenthalt im Flughafen. Wir Frauen mußten uns einen Schleier umlegen und durften erst dann das Flugzeug verlassen. Der Flughafen selbst war schmutzig und scheußlich. Mit den dort wartenden Iranern konnte man kein Wort wechseln. Ein wenig mehr Weltoffenheit wäre für den Iran wohl angebracht. Und die wird es wohl erst dann geben, wenn sich die demokratischen und fortschrittlichen Iraner durchgesetzt haben.

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