Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Donnerstag, 3. September 2009

Mobbing Replay

Irgendwie kam mir das alles recht bekannt vor, so als sei ich schon einmal hier gewesen...
Die Empfangshalle kannte ich bereits, aber sie hatte sich verändert.
Klar, das war Orbital Alpha, aber es schien einige Zeit vergangen zu sein. Die Informationszentrale war neu, es gab Schilder über verschiedenen Türen und eine große Tafel.
Auf einer stand "Mobbing Replay" zu lesen und das machte mich neugierig. An der Zentrale erfuhr ich, wie ich diesen Ort erreichen konnte, ich sollte eben nachfragen, ob der Raum vielleicht belegt sei. Er war belegt. Darunter leuchtete aber auch eine Schrift: "Besucher auf Anfrage erlaubt". Eine Art Klingel war zu erkennen, also... ein Versuch konnte nicht schaden.

Als sich die Tür öffnete, sah ich ein Krankenhaus. Flügeltüren, könnte ein Operationssaal sein, dachte ich mir. In der Mitte des Flurs stand ein Schwarzafrikaner im Arztkittel, zumindest vermutete ich das, nachdem seine Hautfarbe wirklich sehr dunkel war. Es gab noch mehr Personen in weissen Kitteln... aber niemand bewegte sich. "Kommen Sie herein," lud mich der schwarze Doktor ein. "Falls Sie sich für das Thema Mobbing interessieren, könnten Sie mir eine Hilfe sein." Aha, ja klar, das interessierte mich. Nur - was da vor sich ging, war mir nicht klar.

"Das hier", erklärte Demmo (so hatte er sich vorgestellt), "ist eine Art Holodeck. Die Figuren sind Hologramme. Anfassen kann man sie nicht, sie haben keine materielle Substanz. Aber ich kann sie programmieren, verändern und mit meinen Händen bewegen." Das fand ich nun spannend und so langsam wurde mir klar, wozu die Ringe an seinen Händen dienten. Die Sensoren konnten die Bewegungen seiner Hände auf eine ausgewählte Figur übertragen. Aha! Was er hier in Szene setzte, das waren reale Erlebnisse, die er näher untersuchen wollte. Deshalb also dieses "Replay"...

"Vielleicht sollte ich etwas erzählen," fuhr Demmo fort, "als Arzt habe ich viel Ablehnung erfahren und bin oft sehr unfair behandelt worden. Nur wehren konnte ich mich nicht... Oft waren die Leute scheinbar sehr freundlich zu mir. Um mich dann später in die Pfanne zu hauen. In diesem Raum versuche ich zu verstehen, was da eigentlich geschehen ist." Er trat zu einem fahrbaren Bett, stellte sich neben das Hologramm des Kranken, der darin lag. Weisse Hautfarbe und ich ahnte schon, was jetzt kam.
"Von dem lasse ich mich nicht behandeln!", hörte ich das Hologramm sagen. Die Technik war wirklich überzeugend, bis hin zum deutlich ablehnenden Tonfall. Und jetzt?
"Das hat mich schwer getroffen", erklärte Demmo,"und ich hatte keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte." Offen gestanden hatte ich auch keine Ahnung, was er hätte sagen können... also fragte ich Demmo, was er sich denn gewünscht hätte.
"Dass die Patienten den Arzt in mir sehen und nicht den Schwarzen", antwortete er und ich sah seine Augen feucht werden. "Im Grunde kann man hier doch auch etwas erfinden, oder? Können wir nicht einen hilfreichen Kollegen vorbeischicken?", fragte ich Demmo, der diese Idee ganz gut fand. Plötzlich hatte ich einen weissen Kittel an. Nicht so richtig, es war eine holographische Projektion, die leidlich gut passte, und sogar meine Bewegungen mitmachte, wenn ich nicht allzu schnell war. "Bitte", meinte Demmo, "sprechen Sie". "Das ist Dr. Demmo," sagte ich also zum Krankenbett, "er ist Facharzt und Sie können ganz beruhigt sein. Bei ihm sind Sie in guten Händen". Demmo standen jetzt die Tränen in den Augen, Tränen, die er wohl in der Realität nie gezeigt hatte. So ungefähr hätte es vielleicht sein können, aber so war es nie gewesen, wie er mir erzählte. "Die Kollegen haben mich immer allein gelassen. Das sei schließlich mein Problem und mit solchen Vorurteilen müsse man eben leben". "Ist das jetzt eigentlich schon Mobbing?", fragte ich weiter. "Schließlich war das ja nicht unbedingt böse Absicht!". "Das ist nicht so wichtig. Im Grunde sage ich mir, die fehlende Unterstützung ist ein Teil vom Ganzen. Nicht der schlimmste, aber ein wichtiger Teil. Den Kollegen war es einfach egal, wie es mir ging. Alle dachten nur an sich, ihre Aufgaben, ihre Karriere, an was auch immer...".

"Was geschieht eigentlich da drüben?", wollte ich nun wissen. Zwei Krankenschwestern hatte er dort platziert, die sich über irgend etwas zu unterhalten schienen. "Das weiß ich nicht genau", erklärte mir Demmo, "aber ich hatte immer das Gefühl, dass hinter meinem Rücken über mich gesprochen wird. Wenn ich näher kam, verstummten die Gespräche. Also malte ich mir stets aus, was sie da wohl über mich erzählten. Auf jeden Fall nichts Gutes, da war ich mir sicher. Und das ist ein Aspekt, der mich sehr hilflos macht."

Keine Chance, dachte ich. Was kann man schon dagegen unternehmen, wenn hinter dem Rücken getuschelt wird. Über andere herziehen, das ist kein Problem. Wehren kann man sich nicht dagegen, ob es geschieht und was da geschieht, ist nicht kontrollierbar. "Moment mal," wandte ich jetzt ein, "ist das nur eine Vermutung oder wurden da wirklich Gerüchte verbreitet?" "Nach ein paar Monaten war ich mir sicher, dass hinter meinem Rücken über mich gesprochen wurde", sagte Demmo, "sonst wären viele Vorwürfe, die man mir entgegen gehalten hat, nicht gekommen".

So recht weiter schien ihm diese Einsicht auch nicht zu helfen. Es fiel ihm aber noch eine Geschichte ein. "Einmal sah mich eine Krankenpflegerin entsetzt an und fragte mich, ob ich wahnsinnig geworden sei... Sie sollte dem Patienten im Zimmer 112 eine Spritze geben. Nun war aber der Patient, für den die Spritze gedacht war, in ein anderes Zimmer verlegt worden... und das wussten alle. Nur ich nicht. Da stand ich natürlich ziemlich blöd da." Au weia, das hätte ins Auge gehen können!

Es gab noch mehr solche Geschichten um Demmo. Mit dem Skalpell konnte er umgehen, aber mit diesen vielen kleinen Stichen zurecht zu kommen, die ihm das Leben im Krankenhaus schwer gemacht hatte, da fehlten ihm die Strategien. Das Spannende an diesem "Holodeck" war die Möglichkeit, all diese Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So manches liess sich auf dieser Ebene aber nicht lösen.
Lange überlegten wir, was eine "professionelle Haltung" sei. "Zum Teufel mit der professionellen Haltung," meinte Demmo schließlich. "Auf diesem Deck geht es um mich als Person".
Am Ende kamen wir zu einer wichtigen Einsicht: wenn die Umstände sehr ungünstig sind und den Arzt krank machen, kann er unmöglich ein guter Arzt sein. Das "Mobbing Replay" war eine praktische Einrichtung: alles, was wir da gestellt, variiert und ausprobiert hatten, ließ sich abspeichern."Das," meinte Demmo, "sollten sich alle Ärzte einmal ansehen". Na, vielleicht auch noch andere Leute, dachte ich im Stillen. Etwas erleichtert wirkte er, aber so mancher Brocken steckte da wohl noch drin.

Eines Tages würde es eine große Datenbank geben, mit dem sich alle möglichen Problemfelder durchgehen ließen. Hoffte ich jedenfalls. Plötzlich piepste es... aha, mein Wecker. Schade. Ich hätte mich gern von Demmo verabschiedet.

Kommentare:

  1. Moin Rolf,

    das hast mal prima umgesetzt. Also die E-Mail von Gestern und diese "Science Fiction", die täglich tausendfach in der Realität geschieht. Da nutzt auch ein Gleichstellungsgesetz nichts. Wie sollte es auch überwacht werden. Beschlossen wurde es, weil es sich gut anhört, halten tut sich aber keiner dran.
    Ich wünschte, du könntest dich mal von Scotty auf das Holodeck beamen lassen....
    Ich wünsche dir trotz des verregneten Tages (zumindest bei mir) einen guten Tag. Möge er dir einige neue Erkenntnnisse bringen und dir ein neues Ziel offenbaren!

    Liebe Grüße vom Jürgen

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  2. Morgen Rolf.

    Habe schon eine Weile hier nicht mehr geblättert. So fehlt mir etwas der Bezug zu deiner "tiefen" Geschichte. Also werde ich mich aufmachen, um ein paar Kapitel früher den Ursprungssinn zu ergründen. Bekanntlich machst du ja nichts ohne einen Sinn. ich weiss wie gesagt nur noch nicht aus welcher Richtung diesmal der Stein des Anstosses bei dir rollt. ;-) Schau mor ma. ;-)
    Ansonsten eine sehr realisrische Umsetzung. Die Einheit zwischen traumhafter Fixion und "Realität" ist dir sehr gut gelungen. Zumal es nicht immer einfach ist, gleichzeitig aus der Betrachterperspektive in die "Ichebene" zu wechseln und dabei einen entsprechenden Dialog zu formen, ohne irgend eine Zeitebene zu verletzen. Hat mir vom Inhalt erst einmal aus schreibtechnischer Sicht gefallen. Die Aussage in diesem Fall hingegen ist wieder so eine Gradwanderung zwischen Mobbing und Rassismus. Also nicht nur Mobbing an sich, sondern eher vielleicht entsprechender Rassenhass und daraus resultierend Mobbing. Anders rum wäre sonst wahrscheinlich Mobbing ja Rassismus?
    Wünsche dir auch noch eine erfolgreiche Restwoche.

    LG rolf

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  3. Hallo Kralle,

    danke erstmal... im Grunde geht es mir mehr um Mobbing als um Rassismus. Ein Kernelement sehe ich in der Andersartigkeit des anderen - die Hautfarbe ist dabei etwas Augenfälliges, aber es können auch ganz andere Dinge sein. Andere Denkmuster, andere Kultur, andere Sprache, irgendwelche Kleinigkeiten,
    oder typisch für ländliche Regionen: "der/die ist nicht von hier". Es ist nur ein Baustein, sagen wir eine Hypothese: Menschen, die auf irgendeine Art "anders" sind, werden eher gemobbt als diejenigen, die bekannt sind und sich etabliert haben. Ganz allgemein scheint das Arbeitsleben in wirtschaftlich schwierigen Situationen generell härter zu werden - höhere Anforderungen, mehr Konkurrenz, weniger Verständnis und Kooperation. Der Aufassung "in Krisenzeiten gibt es eben mehr Mobbing, da kann man nichts machen" will ich mich aber auch nicht anschließen, das wäre mir zu einfach. Vieles ist möglich und es sind in der Fachliteratur bereits viele konkrete Ansatzpunkte ausgearbeitet worden. Die verfremdende Fiktion ist im Grunde eine Methode, vorwegzunehmen, was sein könnte - und damit Impulse zu produzieren, die sich individuell und situativ zusammen gesetzt zu konkreten Handlungsmöglichkeiten entwickeln lassen. Der Frage nachzugehen, wo und wann und wie man Kollegen unterstützen kann, ist nicht nur eine Frage des Umgangs und der Menschlichkeit - es trägt auch dazu bei, dass "der Laden besser läuft". Mobbing entgegenzutreten ist damit eben auch aus einer nüchternen betriebswirtschaftlichen Kalkulation heraus sinnvoll.
    Aber jetzt kommt ja erstmal das Wochenende...

    LG Rolf

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  4. Ich kann nur zaghaft kommentieren: "Aha, wieder was gelernt."

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