Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Mittwoch, 25. März 2009

Identität, Amokläufe und Thinspiration

Das muss ich wohl erklären. Was haben Amokläufe und Thinspiration miteinander zu tun? Etwas, das ich bei beiden Themen vermisse… die Frage nach der Identität. Also… da gibt es Websites und Blogs, in denen die Philosophie der Thinspiration verbreitet wird. Das geht natürlich nicht, das ist jugendgefährend. Also – verbieten. Das kann man nachvollziehen, ist irgendwie nicht ganz verkehrt….
Da läuft in Winnenden einer Amok. Ähnliche Fälle gab es ja bereits, ich will das hier nicht wiederholen. Warum? Die quälende Frage ist verständlich, da gilt es viel Entsetzen aufzuarbeiten. Und dann melden sich Leute, die Facetten zusammen tragen…. Profile, kriminologische Überlegungen. Erklärungen. Die Frage nach Waffen kommt auf. Verständlich. Was braucht ein Mensch so viele Waffen im Haus? Gesetze sollen eingehalten werden, in Ordnung. Computerspiele sind beteiligt, also… auch hier der Gedanke, zu verbieten, was jugendgefährend ist. Oder sein kann.
Und dann gibt es auch Einwände – dass die Spiele nun doch nicht so gefährlich sind, rein statistisch betrachtet.
Es gibt eben viele junge Leute, die am PC spielen und trotzdem nicht Amok laufen. Die ganze Angelegenheit ist kompliziert, wir wollen eine Erklärung. Erklärung? Oder geht es darum, zu verstehen? Das ist ein Unterschied!
Arnold Schwarzenegger ballert in so manchem seiner Filme ziemlich wild durch die Gegend. Ähnliches gilt für Sylvester Stallone, Bruce Willis, Steven Seagal und viele andere mehr. Aber keiner von diesen Schauspielern ist in einer Schule Amok gelaufen. Sie haben wohl etwas Besseres zu tun… Bruce Willis etwa: Heiraten! Vielleicht gefällt ihm das besser, als herumzuballern und sich anschließend das Leben zu nehmen….
Ich unterstelle mal, dass sich gute Schauspieler ziemlich tief in ihre Rolle „hineinhängen“ – und oft lange Zeit trainieren, um ihre Rolle spielen zu können. Aber Rambo ist eben eine Figur in einem Film. Und Sylvester Stallone – ist ein anderer. Mit diesem Menschen Sylvester Stallone kann man vermutlich ganz gemütlich einen Kaffee trinken gehen ohne befürchten zu müssen, dass er mit Handgranaten um sich wirft.
Und das ist der Punkt: „method acting“ hin oder her – eine Rolle ist eine Rolle. Und nicht das Leben. Schauspieler spielen wesentlich echter und lebendiger ihre Figuren, als es am PC möglich ist. Aber sie identifizieren sich nicht damit. Nicht wirklich. Es ist und bleibt eine Rolle und deshalb kann ein Schauspieler auch Politiker werden und dort etwas ganz anderes tun, als Sarah Connor zu suchen, um sie zu „terminieren“.
Die Spiele selbst sind nicht das Problem – die Identifikation mit einer Rolle, die Idealisierung der Gewalt, die Definition des Selbst über gewalttätige Aktionen, das Bedürfnis, beachtet zu werden, was im realen Leben nicht gelingen mag… dort liegt das Problem.
Thinspiration? Ich kann mir viele Fotos dünner junger Frauen ansehen… und mich schon aus genetischen Gründen nicht damit identifizieren. Dafür bin ich auch zu alt (nur so nebenbei)… also gilt auch hier: nicht die Pro-Ana und Pro-Mia-Seiten sind das Problem. Gefährlich wird es, wenn sich junge Mädchen mit diesen verzerrten Idealen identifizieren. Keinen anderen Weg sehen, Anerkennung zu finden, sich zu finden, eine Antwort zu finden auf die zentrale Frage: WER BIN ICH?
Es geht bei beiden Problemfeldern um Beziehungsstörungen, um ein gestörtes Miteinander, um Probleme des Miteinandersprechens, um Kommunikationsnarben, um ein misslungenes Selbstgespräch, um die Flucht in eine Welt, die nicht mehr verständlich ist – für Außenstehende.
Identität konstituiert sich hier in der Negation, ist Ausdruck des Widerstands – und bedeutet, dass die Integration, das Hineinwachsen in die Gesellschaft nicht gelungen ist. Die wichtigsten Zusammenhänge kann man auch Kindern beibringen… Theater zu spielen (nicht „Theater machen“, das ist etwas anderes…) bedeutet: auf die Bühne gehen und eine Rolle annehmen. Als Rumpelstilzchen, ein Engel oder auch böser Wolf. Beim Verlassen der Bühne wird die Rolle abgelegt – samt Käppchen, Flügel, tiefer Stimme und Kostüm. Und geht es eben wieder an die Hausaufgaben und (leider) irgendwann ins Heiabettchen. Was auch immer Kinder und Jugendliche am PC spielen – es kommt darauf an, zu verstehen, dass ein Spiel ein Spiel, eine Rolle eine Rolle ist – und nicht das Leben. Was auch immer ich da „spiele“, welche Rolle auch immer ich übernehme, das bin nicht ICH.
Identität ist etwas anderes. Identität ist viel mehr als das, was man am PC realisieren kann, viel mehr als das, was ein Model oder ein Ideal jemals repräsentieren kann. Identität zeigt sich im Miteinandersprechen – dort werde ICH von DIR erkannt oder „identifiziert“. Ach, den kenne ich doch… An-Spruch als Angesprochensein, aber auch als Zu-Spruch und berechtigte Erwartung, berechtigte Grenz-Setzung – sie gehören zur Entwicklung der Identität. Sich selbst in der Begegnung mit anderen Menschen zu finden – das ist eine elementare Erfahrung. Wenn sie misslingt – können Katastrophen entstehen. Die wirkliche Katastrophe aber ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die bei aller Technik, bei aller Aufgeklärtheit in einer ach so hoch entwickelten Zivilisation, auf diese Prozesse nicht genug achtet. Zu wenig Sorge dafür trägt, dass junge Menschen in die Gesellschaft hinein wachsen und dort zu sich finden können. Die Frage „WER BIN ICH?“ braucht eine Antwort. Und sie lässt sich nicht allein finden. Wird keine Antwort gefunden – haben die Anderen versagt.

Kommentare:

  1. Rolf Du schreibst:
    Die Frage „WER BIN ICH?“ braucht eine Antwort. Und sie lässt sich nicht allein finden. Wird keine Antwort gefunden – haben die Anderen versagt.

    Rolf, das ist doch wohl nicht Dein Ernst?

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  2. Ernst schon, aber vielleicht nicht so leicht verständlich. Das provokative Element darin steckt in der Zuschreibung von Verantwortung an die Mitmenschen, wenn es um die Frage der Identitätsentwicklung geht.

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  3. Natürlich besteht eine Verantwortung der Mitmenschen jungen Menschen gegenüber, im Sinne von Erziehung, sie bei der Identitätsentwicklung und Wertefindung zu unterstützen. Zum einen besteht diese Verantwortung auf Seiten der Eltern und zum anderen auf Seiten der Lehrer.
    Die Frage ist doch aber, ab wann ein Mensch das Zepter selbst in die Hand nehmen soll..muss bzw. kann?
    Anzumerken, dass die Mitmenschen grundsätzlich versagt haben, wenn ein Mensch "sich nicht findet" bzw. die Frage "wer er ist" nicht beantworten kann, halte ich tatsächlich für provokativ.

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  4. Wenn die Frage gestellt wird, worin die Verantwortung anderer besteht´, wenn es um den Prozess der Identititätsentwicklung geht, hat die Provokation ihren Zweck im Grunde schon erfüllt. Vielleicht können wir uns darüber verständigen, dass Identität ein Prozess ist, der sich im Miteinander vollzieht und entwickelt. Ob sich dabei ein genauer Zeitpunkt angeben lässt, ab dem ein Mensch sich selbst bestimmen kann, ist schwer zu sagen. Möglicherweise taucht die Frage nach der eigenen Identität im Lebenslauf immer wieder einmal auf?

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  5. Hallo ROlf,
    ich finde den Ansatz, Thinspiration und Amoklauf hinsichtlich der Ursachen zu verbinden, sehr interessant. Eigentlich passen in diese Kategorie auch noch solche Phänomene wie Komasaufen, Onlinesucht usw.
    Auffällig finde ich, dass ganz viele Probleme von Jugendlichen inzwischen erschreckende Ausmaße annehmen. Gesoffen wurde zu meiner Jugendzeit auf Partys auch schon. Da lag dann auch mal der eine oder die andere in der Ecke. Es gab magersüchtige Mädchen, es gab Schlägereien, es gab Dauergäste in Spielhallen. Und doch war die Dimension eine andere.
    Ich sehe gerade die Jugendlichen, die Heranwachsenden, als sehr gefährdet. Zum Einen erfolgt in diesem Alter die unbedingt notwendige und richtige Abnabelung vom Elternhaus. Zum anderen ist die Suche nach der Identität doch sehr stark (noch) eine Suche nach Identifikation. Die Vorbilder, an denen sich Jugendliche orientieren - hier kommt die Gesellschaft und die Medien ins Spiel - und damit auch die Verantwortung anderer und aller.
    Mein Eindruck ist leider der, dass gerade die Altersklasse 12 bis 20 wenig bis keine wohlwollende Lobby hat.
    Liebe Grüße, Sabine

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  6. @ Sabine: Das Problemfeld ist sehr vielschichtig und es gibt da viele Details, die ich noch lange nicht zu Ende gedacht habe... aber die Frage, welche Identifikationsmöglichkeiten in der Gesellschaft angeboten werden, scheint mir sehr zentral zu sein. Orientierung also und das Wissen um Möglichkeiten, die eigene Entwicklung zunehmend selbst in die Hand zu nehmen... das macht einen Unterschied. Die Lobby für die Altersklasse 12 bis 20 - gibt es die überhaupt?
    Liebe Grüße, Rolf

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  7. "Die Lobby für die Altersklasse 12 bis 20 - gibt es die überhaupt?"

    Die Frage stelle ich mir immer mehr. Nimmt diese Altersklasse keine Angebote an oder bekommt sie einfach keine? Wie ich es im nächsten Umfeld erlebe, nehmen die Jugendlichen, bei direkter Ansprache, sinnvolle Freizeitangebote durchaus dankbar an, Eigeninitiative bei der Suche entwickeln sie jedoch nur sehr eingeschränkt. "Streetworking" wäre angebracht, zu dieser Altersgruppe hingehen, auf sie zugehen, sie abholen. Leider sind genau das die Stellen, bei denen staatlicherseits schon am meisten eingespart wurde. Vandalismusschäden beseitigen ist anscheinend billiger *sarkasmusoff*

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  8. @Sabine: Früher war ich lange Zeit ehrenamtlich in der Jugendarbeit aktiv - auch aus der Erfahrung heraus, dass ich von den "jungen Erwachsenen", also Leuten, die einfach ein paar Jahre älter waren als ich, sehr stark profitiert habe. Offene Jugendarbeit ist aber auch schwierig - und es fehlt am Bewusstsein dafür, wie wichtig diese Arbeit ist. Dass sinnvolle Freizeitangebote gern angenommen werden und dabei auch so manches Talent erkennbar wird, diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Der Aufwand ist aber auch sehr groß - und als die Jungendlichen dann anfingen, "Sie" zu mir zu sagen, war es für mich langsam Zeit, aufzuhören... Das "Abholen" halte ich auch für sehr wichtig. In der Schule bleibt eben wenig Zeit für tiefer gehende Diskussionen - sie sind aber nötig, wenn man wirklich einen Standpunkt entwickeln will. Dort, wo diese Auseinandersetzung mit Älteren fehlt, gedeihen natürlich auch leichter Szenemuster, ideologische Einseitigkeiten und problematische Formen wie Komasaufen und Kriminalität. Es ist ein weites Feld...

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  9. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Und auch in deinem Beitrag taucht das "Zauberwörtchen" ehrenamtlich auf...ist es nicht ein ganz trauriges Bild, dass dafür keine oder zu wenige bezahlte (Fach-)Kräfte zur Verfügung stehen?

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  10. Hallo gehts noch was ihr hier schreibt find ich echter quatsch ganz ehrlich ihr kratzt hier an der Oberfläche herum und ihr veralgemeinisiert hier jeden das ist schlimm kann ich da nur sagen ihr versteht nicht einmal im Ansatz die Psyche dieser Menschen und ihr Sucht immer alle gleich nach der Idealen Lösung von dem Verhalten anstatt das man versucht an dem Problem selbst etwas zu machen.
    Mal abgesehen davon sind wir alle in der Lage einen Amoklauf zu begehen denn unter den richtigen Umständen entscheidet man sich entweder für einen Amoklauf oder einen Selbstmord nur mal so als kleines Beispiel. Denn es regt mich einfach auf wenn Leute die nicht mal Versuchen solche Menschen zu verstehen gleich davon reden sie haben die und die Erfahrung mit Jugendlichen gemacht meint ihr nur weil jemand integrierd wird ist das die Lösung nein eben nicht!
    So falls das ganze etwas verwirrend geschrieben sein sollte entschuldige ich mich dafür da ich echt aufgebracht war und einfach geschrieben hab. Hoffe es gibt euch zu denken!!

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  11. Schade, dass du dich in der Anonymität versteckst und meine Antwort so, wohl wahrscheinlich nicht lesen wirst.
    Es interessiert mich wirklich ernsthaft, wo du die Gründe und die Möglichkeiten siehst. Welche Umstände sind es deiner Meinung nach, die einen Amoklauf oder Selbstmord auslösen? Wo liegt das eigentliche Problem?
    Interessierte Grüße,
    Sabine

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