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Sonntag, 25. April 2010

Das Sein und das Mögliche - eine Tagtraumgeschichte

Es soll ja Menschen geben, die auch tagsüber gelegentlich träumen. Im Frühling kann man es sich durchaus vorstellen, irgendwo spazieren zu gehen und dabei auf einer Parkbank zu sitzen. Möglich wäre es also schon, dort Menschen zu begegnen und mit ihnen über so allerlei nachzudenken. Wer mit wem nun wirklich... das bleibt verborgen.


- Im Grunde leben alle Menschen in einem von zwei Räumen. Der eine ist das Sein, der andere das Mögliche.
- Aha, und was schließen wir daraus?
- Vorsicht, bei den Schlußfolgerungen sind wir noch nicht... vorher wollen wir erklären, was es mit den beiden Räumen auf sich hat.
- Muss man das erklären?
- Beide Räume haben ihre Vorzüge... der Raum des Seins zeigt uns die Realität. Der Raum des Möglichen zeigt uns die Ideen.
- Kann man das wirklich so sagen, dass alle Menschen sich nur in einem der beiden Räume aufhalten?
- Nein, eher... dass sie den einen oder anderen bevorzugen. Solange sie sich auf das konzentrieren, was ist, übersehen sie das Mögliche. Und wenn sie nur das Mögliche sehen, verlieren sie vielleicht den Bezug zur Realität.
- Also wäre es am besten, öfter mal von einem Raum in den anderen zu wechseln?
- Das wäre möglich.... und manchmal scheint es auch so zu sein.
- Vielleicht merken manche Menschen es einfach nicht, in welchem Raum sie sich aufhalten... und kommen deshalb überhaupt nicht auf die Idee, nach einem zweiten Raum zu fragen...
- Möglich... das ist wohl so.
- Sind diese Räume wirklich voneinander getrennt? Oder gehört das Mögliche nicht irgendwo auch zum Sein?
- Im Grunde ist es so, dass das Mögliche dem Sein innewohnt... aber das Mögliche IST eben nicht, es ist nur als Möglichkeit möglich und kein wirklich Seiendes... zumindest noch nicht...
- Da müsste der Raum des Möglichen im Grunde viel größer sein als der Raum des Seins...
- Möglicherweise...
- Was bedeutet das nun, wenn man sich in dem einen oder anderen Raum aufhält?
- Beschränkung. So oder so - die beiden Räume lassen sich nicht so einfach vermischen. Die Sinne vermitteln keinen Blick auf das Mögliche, die Fantasie gibt keine Auskunft darüber, ob das Vorgestellte wirklich real ist... noch nicht einmal darüber, ob das Vorgestellte real werden kann.
- Und warum nicht?
- Weil die Realisten, die etwas Bestimmtes für möglich halten, sich dabei nur im Raum der eigenen Erfahrung bewegen - sich also auf das Seiende beziehen, auch dann, wenn es einmal war und nicht mehr ist. Der Raum des Möglichen dagegen ist ohne Fantasie nicht zu erkennen - aber nicht alles, was man sich vorstellen kann, ist auch wirklich möglich. Und nicht alles, was als Möglichkeit erscheint, ist auch sinnvoll.
- Das, was ist, ist auch nicht immer sinnvoll...
- Sinn ist keine Voraussetzung für das Sein. Sonst gäbe es keinen Unsinn auf der Welt.
- Welchen Sinn hat eigentlich das Sein des Unsinns?
- Genausogut kann man nach dem Sinn des Todes, des Schlechten und des Falschen fragen... ohne diese Gegenüberstellung könnten wir das Leben, das Gute und das Wahre nicht erkennen.
- Also kann das Seiende Unsinnig und das Mögliche sinnvoll sein... aber auch das Seiende sinnvoll und das Mögliche unsinnig...
- Genau.

Dieses Gespräch hat zwar im Raum des Möglichen stattgefunden, aber die Frage nach dem Sein ist, ganz realistisch betrachet, immer auch eine Frage nach dem Möglichsein. Realistisch ist, dass dabei durchaus sinnvolle Möglichkeiten erkennbar sind, die das Sein verändern können... wenn das Mögliche wirklich möglich ist. Und darüber kann man ganz real nachdenken... möglicherweise.

Sonntag, 28. März 2010

Freiheit der Wissenschaft: eine Illusion

Freiheit der Forschung und Lehre, Objektivität der Erkenntnis... Wenn Forschung durch die Wirtschaft finanziert wird, wird sie auch an marktwirtschaftlichen Prinzipien orientiert. Und damit ist sie auch als solche am Ende - längst gekauft, abhängig von vorgegeben Erkenntniszielen, die das Wünschenswerte belegen sollen und alles Unerwünschte ausblenden, sofern überhaupt jemand es wagt, danach zu fragen. Die Freiheit der Wissenschaft ist also eine Illusion und das untergräbt ihre Glaubwürdigkeit elementar. Denn wo nur das erforscht wird, was den Geldgebern genehm ist, wird auch nur das publiziert, was den wirtschaftlichen Interessen dient. Eine kritische, skeptische Einschätzung, der niemand folgen muss. Wer will, kann, soll und darf sich selbst eine Meinung bilden.






Dienstag, 16. März 2010

Philosophieren zwischen Sinn und Ergebnis

Mit der Erkenntnis, nicht in die Wissenschaft zu gehören, wirft Helmut Hofbauer grundsätzliche Fragen auf. Ist Philosophie eine Wissenschaft? Zunächst rüttelt die Frage an der simplen Gewohnheit, die Philosophie eben in die Geisteswissenschaften einzuordnen. Als solche beschäftigt sie sich auch mit wissenschaftstheoretischen Fragen und kann damit jeder Wissenschaft Impulse geben. Aber das, was mit Philosophie zu tun hat, ist weit umfassender und betrifft nicht nur die Wissenschaft als solche.

Das Problem ist der "Anspruch, man müsse in einer wissenschaftlichen Kommunikation gleichsam alle übrigen Denker und Forscher überholen, um überhaupt etwas sagen zu dürfen." (Hofbauer, a.a.O.).

Es wird still auf der Welt, wenn nur das wirklich Neue, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, gesagt werden darf. Als ungesunde Einstellung, die dem Sinn des Philosophierens entgegensteht, stellt dieser Anspruch ein Quelle von Kommunikationsstörungen dar. Sinnvoll also erscheint es, sich davon schnellstmöglich zu befreien. Als Blogleser zumindest käme es mir nicht in den Sinn, einen solchen Anspruch zu stellen. Die Tatsache, dass da überhaupt jemand seine Gedanken aufschreibt, ist ein Hinweis darauf, dass da jemand denkt - und das an sich ist schon ein Zeichen dafür, dass sich hier ein menschliches Bedürfnis ausdrückt, das andere Gedanken anstossen und - im günstigen Fall - neue Einsichten bewirken kann. Als persönliche Erfahrung, zu einem bestimmten Thema einen neuen Anstoss bekommen zu haben, mehr Klarheit oder auch eine differenziertere Sicht zu entwickeln, hat dieser Prozess auch dann Sinn, wenn es nicht um die absolut geniale Innovation allen bisherigen Denkens geht.

Das Spannungsfeld zwischen Sinn und Ergebnis beschreibt mögliche Standpunkte und Orientierungsmarken. Dort, wo das Nachdenken selbst als sinnvoll gilt, ist es nicht so wichtig, ob dabei auch etwas wirklich Neues herauskommt. Die konsequente Ergebnisorientierung dagegen bewertet den Prozesse des Nachdenkens nach dem, was sich an Neuem ergibt - und stellt den SInn der Tätigkeit, die doch Voraussetzung aller Ergebnisse ist, möglicherweise in Frage.

"Warum sollte es nicht Philosophie sein, z.B. einen Gedanken von Platon, Descartes oder Nietzsche zu wiederholen, ihn noch einmal zu denken und ihn dadurch erneut zum Leben zu erwecken?" (Hofbauer, a.a.O.)

Es gibt keinen Grund, anders formuliert: versteht man Philosophie als das Bemühen, Erkenntnisse zu gewinnen, sind die Gedanken, die bereits gedacht wurden, natürlich ein wertvoller Hinweis. In uralten Texten Gedanken zu finden, die auch heute noch wertvoll, anregend, stimmig sein können, ist ein Teil dieses Prozesses. Manches mag auch heute noch gültig sein, anderes überholt. Auch das ist Erkenntnis: dass manche Einsichten über einen sehr langen Zeitraum gültig bleiben können. Und - dass so manches, das als neu bezeichnet wird, seine Wurzeln in Gedanken haben kann, die bereits vor Jahrhunderten gedacht wurden.

Hat Platon mit seinem Bild vom Pferd und Wagenlenker die Freudsche Triebtheorie bereits vorweggenommen? Ist die paradoxe Intervention wirklich eine Erfindung der modernen sytemsichen Therapie - oder nicht mehr als die Neuauflage einer alten Technik, die sich in einer recht bekannten Aufforderung ausdrückt: "wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein"? Kognitive Dissonanz und Spinoza... es gibt sicher noch mehr Beispiele dafür, dass grundsätzliche Fragen des menschlichen Daseins immer wieder neu, immer wieder anders und doch im Kern sinngemäß identisch oder geringfügig variiert neu auftauchen.

Zurück zur Frage nach Sinn und Ergebnis - und der Auseinandersetzung mit den Ansprüchen an die Philosophie und ihre Ergebnisse:

Anstatt also ihn zu fragen: „Was ist das Neue an deiner Erkenntnis und was ist seine Relevanz für die ganze Gesellschaft?“ – sollte man ihn lieber fragen: „Welche Bedeutung hat dieser Gedanke für dich und welche Fortschritte ermöglicht er in deinem persönlichen Denksystem?“ (Hofbauer, a.a.O.)

Die Vorstellung einer 'persönlichen Denklandschaft' kann sehr hilfreich sein, um persönliche Probleme zu beschreiben. Dort, wo es gelingt, einen inneren Konflikt aufzulösen, weil klar geworden ist, dass manche Dinge, Überzeugungen, Ziele usw. eben nicht stimmig zusammen passen, hat persönliche Erkenntnis einen hohen Wert - auch dann, wenn es nicht um weltbewegend Neues geht. Das persönliche Denken, das sich auf die je eigene Lebenserfahrung bezieht und in der Auseinandersetzung mit dem Denken anderer seine Prägungen erfahren hat, entwickelt und immer wieder neu reflektiert wird, ist eine Perspektive außerhalb der Wissenschaft - und als solche mehr als die immanente Betrachtung in der Lage, Aspekte des Wissenschaftstreibens zu entdecken, die innerhalb des wissenschaftlichen Denkens selbst kaum wahrnehmbar sind. Wer in einem Boot sitzt und rudert, kann das Boot selbst nicht von außen betrachten - dazu muss man aussteigen.

Eine Frage....

Damit stehe ich vor dem großen Problem, wie man Erkenntnisse nennen soll, die nach wissenschaftlichen Kriterien wahr sind, aber weder einen Neuigkeitswert haben noch die Menschheit vom jetzigen Ausgangspunkt einen Schritt voranbringen (und ihren Entdecker dadurch zu einem wissenschaftlichen Star machen)??? (Hofbauer, a.a.O.)

...und eine persönliche Antwort:

'Fundamental'. 'Grundsätzlich'. Oder so ähnlich. Und die persönliche Bedeutung lässt sich leicht erkennen - fundamentale Erkenntnisse, die wahr sind, sich immer wieder bestätigen, geben Halt. Sie bieten eine Basis für das Miteinandersprechen, das Selbstverständnis und das Erkennen der Welt. Alles oder auch nur zuviel auf einmal in Frage zu stellen löst Unsicherheiten aus - und gerade dort, wo das Philosophieren sich auf die kritische Betrachtung einzelner Fragen richtet, sind grundsätzliche Einsichten, auf die man sich immer wieder beziehen kann, der feste Boden, der das Wagnis des Denkens in unbekannte Bereiche hinein überhaupt erst rational macht und dem Versinken im Sumpf potentiell unendlichen Fragens vorbeugt.

Fundamentale Einsichten immer wieder neu zu denken und dabei auch jene zu ermutigen, die kaum in der Lage sind, das Wort "Philosophie" zu buchstabieren, ist durchaus eine ehrenwerte Tätigkeit. Jedes Jahr wechseln sich die Jahreszeiten ab, in der Nacht wird es dunkel und wenn tagsüber am Himmel dunkle Wolken aufziehen, müssen wir damit rechnen, dass es bald regnet. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, aber deshalb sind sie nicht falsch.

Ist Philosophie nun wissenschaftlich oder nicht? Wenn man die individuelle Tätigkeit des Nachdenkens über sich selbst, andere und die Welt als Philosophieren bezeichnet, gibt es eine Dimension der Philosophie, die nicht notwendigerweise wissenschaftlich ist, es aber auch nicht sein muss. Andererseits gehört zur Suche nach Erkenntnis auch die Frage nach der Fundierung des Erkannten. Stimmt das denn? Sehen das andere auch so? Gibt es Belege, Begründungen, Erfahrungen und andere Einsichten, die meine Erkenntnis stützen?

So also trägt das Philosophieren den Keim der Wissenschaft immer schon in sich. Die Erkenntnis, dass überzogene Ansprüche Kommunikationsprozesse in der Wissenschaft (und nicht nur dort) stören, ist selbst eine philosophische Einsicht, die sich wissenschaftlich untersuchen und begründen lässt. Aus diesem Grund meine ich, dass gerade Menschen wie Helmut Hofbauer in die Wissenschaft gehören - wohin denn sonst?




Dienstag, 2. März 2010

Sprache, Wissenschaft und Erkenntnis

Denken ist nicht nur sprachliches Denken, aber Wissenschaft teilt sich über die Sprache mit. Nicht ausschließlich, denn Symbole, Zeichen, Formeln, Grafiken, Bilder und Gegenstände können ebenfalls in diesem Prozess eine Rolle spielen, wenn es um die Darstellung von Erkenntnissen geht. Was sich mit Worten nicht oder schlecht ausdrücken lässt, weil es eine umfangreiche Beschreibung erfordern würde, kann mit einem Bild deutlicher werden.
Die Sprache hat aber noch eine andere Bedeutung - als Bemühen, etwas zur Sprache zu bringen, wird Wissenschaft immer wieder zu einem Prozess, in dem neue Themen auftauchen, neue Begriffe bislang Unsagbares zum Gegenstand wissenschaftlicher und alltäglicher Forschung und Kommunikation machen. Der Sinn eines sprechenden Knochens lässt sich dem neuzeitlichen Catweazle nur erläutern, wenn man den Begriff "Telefon" kennt. Der Kerngedanke ist leicht zu verstehen. Wissenschaft kann, soll und muss sich auch um die Sprache bemühen.

Dabei stehen manche Wissenschaften vor einem besonderen Problem. In der Welt der Bits und Bytes hat man sich daran gewöhnt, dass immer wieder neue Begriffe auftauchen, die bislang unbekannt waren. Wer sie nicht kennt, steht also vor der Wahl, entweder nicht mitreden zu können, oder eben nachzufragen bzw. nachzuschlagen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Auf die Idee, einen Begriff zu ergoogeln, den man doch kennt und mit einer bestimmten Bedeutung verbindet, kommen dagegen nur wenige.

Geht es um Psychologie, um einen Gegenstand, der wir doch schließlich alle selbst sind, scheint so manches unmittelbar verständlich oder auch unsinnig, das in Begriffen der Alltagssprache irgendwie unmittelbar Zugängliches oder Erfahrbares in ungewohnte Zusammenhänge stellt. Leicht wird dabei übersehen, dass ein bestimmter Begriff in einer Fachsprache eine ganz andere Bedeutung haben kann, schlimmer noch, dass dieser Begriff innerhalb eines Faches oft mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird.

Diese potentielle Missverständlichkeit lässt sich mit einem skeptischen Blick auf Wittgenstein durch die Untersuchung der Sprache sicher nicht ein für allemal aus der Welt schaffen, aber entschärfen, reduzieren, klären. Einfach indem Begriffe geklärt, klar definiert und entweder als Konsens in den Kanon der Wissenschaft aufgenommen oder in seiner Bedeutungsvielfalt transparent gemacht wird. So einfach ist es nicht zu bestimmen, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte - eine eindeutige Definition erleichtert zwar so manches.
Eine neue Bedeutungskomponente kann aber auch ein Erkenntnisfortschritt bedeuten und sei es auch nur als anregende Frage, die Denkbewegungen und Forschungsansätze auszulösen vermag.

Erkenntnis mag sich anbahnen auf einer Ebene, die noch nicht die Worte und Formulierungen kennt, die einen Sachverhalt beschreiben - aber erst in der Sprache findet sie den Ort, von dem aus sie sich mitteilen kann. Und dort erst lässt sich - vielleicht - klären, ob das, was sich Erkenntnis nennt, Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen darf, korrigiert, modifiziert oder falsifiziert der Sammlung bekannter Irrtümer zuzuordnen ist.

Wirklich fruchtbar im Sinne des Erkennens wird Wissenschaft nicht dort, wo sie etwas feststellt und darauf beharrt - sondern dort, wo sie Fragen aufwirft, zum Mitdenken und Weiterdenken einlädt.

*

Theorien sind vorläufig: Karl Raimund Popper

Die nano-Sendung über Karl Raimund Popper ist zwar kurz - erklärt aber in 6 Minuten Grundzüge seines Denkens und kann auch ohne ein wissenschaftliches Studium das Prinzip der Falsifikation verständlich machen. Damit dürfte besser verständlich werden, warum wissenschaftlich denkende Menschen bestimmten Ansätzen, Denkmustern, Ideologien und Glaubensvorstellungen ablehnend gegenüber stehen. Die Sendung greift auch seine Schrift "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" auf - und gibt einen Einblick in die politische Bedeutung des Kritischen Rationalismus.






Montag, 4. Januar 2010

Wie lange dauert es, bis es klickt?

Es wird wohl ein größeres Projekt, den Zusammenhängen von Wissen, Wahrnehmen, Erkennen und Erkenntnis etwas näher auf die Spur zu kommen. Der 'Klick' als Bild für das Erkennen scheint gelegentlich nicht sofort zu kommen...

Alltagserfahrung... einen Apfel erkennt man sofort. Oder nicht? Tatsächlich scheint einige Zeit zu vergehen, bis ein wahrnehmbares Objekt erkannt wird. Es gibt Schätzungen von 100 bis 500 Millisekunden. In einem Experiment in Tel Aviv sollten Versuchspersonen ein Zeichen geben, wenn sie ein Objekt auf einem Bildschirm erkannten und darauf deuten. Die Objekte wurden jeweils nur sehr kurz eingeblendet, gemessen wurde die Aktivität des Gehirns mit dem EEG. Dabei zeigte sich, dass manche Versuchspersonen zwar angeben konnten, WO sie etwas gesehen hatten, aber sie konnten nicht sagen, WAS es war. Und das ist (meine Interpretation) ein Hinweis darauf, dass Wahrnehmen und Erkennen (im Sinne von: einem Objekt eine Bezeichnung zuordnen) zwei verschiedene Vorgänge sind. Zurück zum Experiment - etwa 300 bis 400 Millisekunden dauerte es, bis nach dem Auftauchen eines Objekts eine Reaktion im EEG erkennbar war. Einfache Objekte wie ein Würfel oder ein Apfel waren schneller zu erkennen, bei Worten dauerte es etwas länger. (Salti et. al. (2009))

Mit dem Blick auf dieses Experiment scheint die Vorstellung, Wissen als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' zu betrachten, noch recht gut vereinbar zu sein. Die Zeitspanne, die zwischen Wahrnehmen und Erkennen liegt, lässt sich auch verstehen als jener Zeitraum, den das Gehirn braucht, um den 'richtigen Begriff' zu finden. Wissen bezieht sich dabei auf sprachliches Wissen, als Kenntnis über die Merkmale eines Objekts, denen ein bestimmter Begriff wie 'Apfel', 'Würfel' usw. zu geordnet ist.

Die Darstellung zur Neurophysiologe des Lernens geht von einem ganz anderen Informationsbegriff aus:

"Sie [die Architektur der Nervenverbindungen im Gehirn, R.G.] speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt. Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese." (Wolf Singer)
Dieses Vorwissen als Grundstruktur des Gehirns ist zunächst nichtsprachlicher Natur. Denn das 'vorgefertigte Gehirn', das 'Fragen an die Welt stellt' (ebenda) ist nicht von Geburt an das Gehirn eines Lebewesens, das für alle Objekte eine Bezeichnung hat und sich unmittelbar einer differenzierten Sprache zu bedienen weiss. Das Vorwissen (von dem man wirklich sagen kann, dass es Erkenntnisprozesse steuert) ist zunächst 'strukturell', nicht sprachbezogen, damit auch nicht bewusst im Sinne von 'sprachlich bewusst'. Anders formuliert: wir wissen so manches, noch bevor wir einen Begriff dafür haben. 
Nun komme ich zum Einwand von Jochen Ebmeier bezüglich der Begriffe 'Wissen und Erkennen'. Die Unterscheidung von Wissen und Erkennen bleibt aus meiner Sicht nach wie vor sinnvoll. Genau genommen ging es mir aber um die Gegenüberstellung von Wissen und Erkenntnis - und dabei war 'mitgedacht', dass Erkennen und Erkenntnis wiederum zwei verschiedene Dinge sind. Mit einem zu eng gefassten Begriff von Information komme ich allerdings schnell ins Stolpern... Der Gedanke, dass auch Gene lernen können und damit Informationen speichern, ist nicht neu und hat in jüngster Zeit wieder 'Nahrung' bekommen: genetische Veränderungen können innerhalb weniger Jahre stattfinden. Kann man das als einen Lernprozess verstehen? Als Erkenntnisprozesse der Evolution? Auch wenn es mehr wie 'trial & error' aussieht... dass hier Begriffe wie 'Information' und 'Erkennen' angemessen sind, liegt irgendwie nahe. Wichtig erscheint mir aber auch eine Differenzierung der Begriffe:
 
- es gibt unterschiedliche Arten von Information - und nicht alle sind sprachlicher Natur
- es gibt unterschiedliche Ebenen und 
- unterschiedlich komplexe Formen des Erkennens und der Erkenntnis.

"Die Selbsttätigkeit unseres Erkenntnisapparats beginnt nicht erst beim Selegieren von eintreffenden Reizen ('Informationen')..." (Jochen Ebmeier in seinem Kommentar) - das will ich nicht bestreiten. Die Darstellung im Post 'ich weiss, dass ich weiss' könnte als lineares Erkenntnismodell verstanden werden - so, als würde Erkenntnis irgendwie mit der Wahrnehmung beginnen und in einer komplexen Erkenntnis wie etwa einem wissenschaftlichen Theorigebäude enden. Im Grunde betrachte ich Erkenntnisprozesse eher unter dem Blickwinkel eines hermeneutischen Zirkels - und das auch dort, wo Prinzipien des Kritischen Rationalismus (also: Hypothesen ableiten, Experimentieren, Falsifizieren usw.) realisiert werden. Einen wirklichen 'Anfang' oder ein 'Ende' gibt es nicht. Wahrnehmen, Erkennen, Erkenntnis und Wissen sind Phasen in einem sich beständig wiederholenden Prozess.

Und manchmal dauert es etwas länger als eine halbe Millisekunde, bis es klickt.


Literatur:

Jochen Ebmeier (2008). Zur Neurophysiologie des Lernens nach Wolf Singer.

American Friends of Tel Aviv University (2009, December 21). Now you see it, now you know you see it. ScienceDaily. Retrieved January 4, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2009/11/091130131329.htm 


Detlef Weigel, Stephan Ossowski, Korbinian Schneeberger, Norman Warthmann, Richard M. Clark, José Ignacio Lucas-Lledó, Michael Lynch, Ruth G. Shaw
The rate and molecular spectrum of spontaneous mutations in Arabidopsis thaliana
Science, 1. Januar 2010


Samstag, 2. Januar 2010

Ich weiss, dass ich weiss

Eine grundsätzliche Frage: wie sicher ist das Wissen, was können wir überhaupt wissen und wie stellen wir uns heute zu der Aussage "ich weiss, dass ich nichts weiss"? Anstoss, einmal wieder über das Thema nachzudenken, war ein Artikel von Jochen Ebmeier mit dem Titel "ich weiss". Das Thema ist mir zu wichtig, der Artikel zu ergiebig, um einfach nur eine kurze Antwort als Kommentar zu hinterlassen. Beim Lesen kam nach dem inneren affirmativen Nicken das Bedürfnis, das eine oder andere nun doch anders zu formulieren und weiter zu denken. Aber zunächst zum 'Nicken', dem Hintergrund für die Zustimmung.

"Es gibt kein Wissen ohne Prämissen" (Jochen Ebmeier)

Ja, ich weiss... Ich weiss, dass das Wissen auf Voraussetzungen beruht, und ich weiss, dass mir das Wissen um die Prämissen meines Wissens, wenn es denn überhaupt vorhanden ist, im Alltag sehr schnell wieder abhanden kommt. Weil es eben zu aufwendig wäre, sich all das ständig bewusst zu halten. Ich gehe davon aus, dass mir meine Sinne ein zutreffendes Bild der Realität vermitteln und bleibe doch skeptisch, weil ich eben auch um Wahrnehmungstäuschungen, Denkfehler und Täuschungen weiss. Ich weiss also, dass mein Wissen immer auch brüchig, vorläufig, revisionsbedürftig sein kann. Und letzten Endes auf Erkenntnisentscheidungen beruht, die etwas Bestimmes als 'wahr' annehmen, ohne dafür einen zwingenden Beleg anführen zu können.

Soweit also der Grundkonsens. Und nun wird es etwas schwieriger..: Denn in der kurzen Passage zur Beschreibung des "ich weiß" als Elementargestus wird Wissen als Anteilnahme beschrieben. Lässt sich diese Bewegung der Anteilnahme mit der nüchternen Vorstellung vereinbaren, Wissen sei im Grunde nicht mehr oder weniger als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' - und als solche keinesfalls auch nur annähernd so statisch wie die Informationen in einem Buch oder auf einem elektronischen Speichermedium? Fragezeichen als Anstoss zum Weiterdenken: ist diese Anteilnahme bereits eine Erfahrung des je eigenen Wissens und damit wiederum eine eigenständige Betrachtung wert? Kann man diese Anteilnahme mit Teilhabe (etwa im Sinne der 'Teilhabe am objektiven Geist') gleichsetzen und wenn ja (oder auch nein), wie ist dieses 'Teil von etwas sein' zu beschreiben?

Woher weiss ich, was ich weiss? Und - woher weiss ich, dass ich weiss? Wie kommt Erkenntnis zustande? Stehen die realistische und die idealistische Auffassung vom Weg der Erkenntnis wirklich ein Widerspruch? Wissen kann man verstehen als gespeichterte Information, die von aussen mehr oder weniger zufällig auf ein Individuum trifft. Berücksichtigt man die Selektivität der Wahrnehmung, wird deutlich, dass dieser Prozess so passiv eben nicht ist. Unterscheidet man dann verschiedene Formen des Wissens und grenzt davon die Erkenntnis ab, versteht Erkennen als das Zusammenfügen, Neuordnen und Interpretieren des je eigenen Wissens, können die aufgenommenen Eindrücke von aussen sich zu einem "Ergreifen" verdichten, ohne dass dabei ein Widerspruch des theoretischen Denkens auftreten muss. Im Erkennen also kommt das Wissen zu sich selbst, der Wissende wird sich seines Wissens bewusst (daher die Formulierung 'ich weiss, dass ich weiss') und nimmt es an. Hält es für wahr. Betrachtet es als Bestandteil der eigenen Lebensorientierung. Und zieht (vielleicht) persönliche Konsequenzen daraus.

Gehe ich dieser Unterscheidung von Wissen und Erkenntnis weiter nach und berücksichtige dabei das Prinzip der Perzeptbildung (das Auge ist keine Kamera, das Ohr kein Hörapparat, die Sinne bilden nicht einfach die Aussenwelt ab, das Gehirn macht sich selbst ein 'Abbild', ein 'Konstrukt' der Wirklichkeit), dann lande ich mit anderen Begriffen und anderen Worten sinngemäss ebenfalls bei der Aussage, dass das Wissen nicht nur passives Aufnehmen (ein "Rezeptakel") ist und die Erkenntnis erst recht. Also - das 'Wissen, dass ich weiss' entsteht keinesfalls automatisch und zwangsläufig. Den Denkapparat zu bemühen ist nicht überflüssig.
Das Denken schließlich kann Anlass sein, die durch die Sinne gewonnenen Erkenntnisse zu bezweifeln, zu hinterfragen - damit ist jede Erkenntnis auch potentiell 'diskutabel'. Die Frage ist, nach welchen Kriterien sich beurteilen lässt, ob eine bestimmte Erkenntnis nun 'gültig' ist und wenn ja, für wen und in welchen Zusammenhang. Vielleicht auch: unter welchen Voraussetzungen. Wir machen uns ein Bild von dem, was ist - und wenn ein solches Bild an einen 'Erkenntnisapparat' gebunden ist, kann es 'Objektivität' als Unabhängigkeit vom erkennenden Subjekt nicht geben. Objektivität ist nicht mehr als der Rückgriff auf allgemein anerkannte Voraussetzungen, die logische Schlussfolgerungen erlauben - und insofern 'unabhängig' vom erkennenden Subjekt sind.

Dass es 'objektiv wahre' Antworten auf Fragen gibt, verleiht der Wahrheit etwas Absolutes. Wissen und Erkenntnis aber sind relativ (bezogen auf einen bestimmten Bezugsrahmen) und zunächst subjektiv, durch intersubjektiven Konsens können sie an Objektivität angenähert werden. Ohne jedoch jemals dem Anspruch allgemeiner und ewiger Gültigkeit gerecht werden zu können. Das ist anstrengend, weil es bedeutet, dass es immer wieder neu notwendig ist, Wissen und Erkenntnis zu überprüfen, immer wieder neu nach dem, was wahr ist, zu fragen. Es ist unangenehm, weil es Unsicherheiten mit sich bringt, dem Wissen immer schon ein Fragezeichen anheftet.
 

*



Montag, 3. August 2009

Immer wieder von Null

"Irgendwie fange ich immer wieder bei Null an."
"Was bedeutet das?"
"Ich denke immer wieder über dieselben Fragen nach, komme aber keinen Schritt weiter."
"Das ist unangenehm."
"Ziemlich... es ist, als ob das Denken sich im Kreise dreht, ohne Ergebnis."
"Woran mag das liegen?"
"Keine Ahnung. Vielleicht stelle ich die falschen Fragen?"
"Was wären denn die richtigen Fragen?"
"Hm. Schwer zu sagen. Manchmal scheint mir etwas klar zu werden, und dann frage ich mich, ob das wirklich so ist. Und dann verschwimmt wieder alles - und so fange ich eben wieder von vorn an."
"Ein müssiges Unternehmen... es geht also nicht wirklich vorwärts..."
"Nein, überhaupt nicht. Schließlich kann ich alles hinterfragen und am Ende bleibt Nichts übrig."
"Es gab mal einen, der sagte: ich weiss, dass ich nichts weiss.."
"Kann ich überhaupt etwas wissen? Ich meine... was wissen wir denn schon wirklich?"
"Was bedeutet 'etwas wissen'?"
"Sicher sein. Wissen, wie etwas ist, ohne ständig darüber nachzudenken."
"Und diese Sicherheit fehlt dir..."
"Genau. Ich frage ständig weiter und alles, was ich zu wissen glaubte, wird immer wieder neu fragwürdig."
"Bedeutet 'fragwürdig' auch 'falsch'?"
"Hm. Nicht unbedingt... Zumindest heisst es, dass es nicht sicher ist."
"Stehen im Wald Bäume?"
"Ja sicher, dumme Frage..."
"Und das stellst du also nicht in Frage, das ist sicher, dass im Wald Bäume stehen?"
"Ja klar, sonst wäre es ja kein Wald."
"Aha."
"Wie - aha?"
"Ich wollte nur feststellen, dass es Dinge gibt, die du nicht hinterfragst. Aussagen, die für dich bedeuten: 'das ist so'."
"Und jetzt?"
"Vielleicht zeigt sich hier ein Weg und eine Methode - es gibt Menschen, die in ihrem Denken deshalb weiter kommen, weil sie bestimmte Dinge einfach akzeptieren, als Ausgangspunkt verwenden, ohne ständig darüber nachzudenken."
"Darüber muss ich mal nachdenken..."

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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