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Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr beinahe 100 Jahren gibt. Nun nennen sich aber viele "Kommunikationstrainer", ohne jemals die Existenz der Sprechwissenschaft zur Kenntnis genommen zu haben, und arbeiten mit alten, im Grunde völlig überholten Modellen. Eines wird dabei häufig übersehen: Fertigkeiten kann man trainieren, Fähigkeiten nicht. Was dabei herauskommt, ist die Vermittlung von "Techniken", "Taktiken" und "Strategien". Da werden dann bestimmte Formulierungen eingeübt und im Verkauf hört man dann "sehr gerne". Oder lauter Fragen, auf die man mit "Ja" antworten soll, damit sich aus der Gesprächsaufzeichnung die Zustimmung zu einem Vertrag ableiten lässt, den man nie abschließen wollte.  Was mit solchen Trainings auf jeden Fall nicht entwickelt wird, ist Gesprächsfähigkeit. 
Mit durchtrainierten "Kommunikationsprofis" kommt man höchst selten wirklich ins Gespräch. Und in der Politik lässt sich das täglich beobachten: die Unfähigkeit, auf eine klare Frage eine klare Antwort zu geben. Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die es wirklich drauf haben, kritische Fragen zu stellen, Schwachpunkte aufzudecken, und wer genau zuhört, kann feststellen, wie häufig dann ausschweifende, ablenkende oder beschwichtigende Pseudoantworten als Reaktion kommen. Das Redestehen (oder "logon didonai") ist nicht gerade Mode, sich irgendwie aus der Affäre ziehen, bloß nicht zugeben, dass man etwas nicht weiß, den Schein wahren, obwohl die Wahlversprechen längst gebrochen sind, das ist normal. Sich mit anderen verständigen, sich auf Frage und Antwort wirklich einlassen, das ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Haltung. Natürlich kann man tausendmal betonen, man sei ja schließlich Demokrat und demokratisch gewählt - das macht aber keinen Demokraten aus einem Angehörigen einer Partei, die die Demokratie scheibchenweise abschaffen will.
Kommunikationspädagogik muss mehr sein als Training, es gilt, Räume zu schaffen, in denen sich Gesprächsfähigkeit wirklich entwickeln kann. Es ist eine Frage der Haltung, ob man mit anderen wirklich ins Gespräch kommen will, oder sie nur benutzt, um selbst gut dazustehen, anderen "ein Gespräch zu reden", ohne wirklich etwas von dem oder der anderen zu erfahren. Also, ihr lieben Trainerinnen und Trainer, hört doch bitte auf mit "Sender" und "Empfänger" - das Modell von Shannon und Weaver stammt aus dem Jahr 1948 - Menschen kommen darin nicht vor. Ein Gespräch ist etwas anderes als die Übertragung von Nachrichten oder Botschaften, es geht um den gemeinsamen Sinn. Sinn gemeinsam zu konstituieren, Sinn zu verstehen, das ist mit Technik allein nicht zu erreichen. Es braucht dazu Menschen, die sich aufeinander einlassen, sich in ihrem Anderssein stehen lassen können. Gesprächsfähigkeit braucht Spannungstoleranz, es gibt keine Gesprächsfähigkeit ohne Konfliktfähigkeit. Und das ist weitaus mehr, als tausend Techniken oder Algorithmen jemals zustande bringen werden.

Aufmerksamkeit im Gespräch

Aufmerksamkeit hat zunächst einmal etwas mit der Wahrnehmung zu tun. Aber es geht nicht einfach darum, die Augen aufzumachen, die Ohren aufzumachen, die ja sowieso offen sind und keine Ohrenlider haben - was für den einen oder die andere gelegentlich eher bedauerlich sein mag. Klar ist: so wie ein Computer nur einen begrenzten Arbeitsspeicher hat und nicht mehr richtig arbeiten kann, wenn es zuviel wird, ist auch die Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns begrenzt. Es liegt nahe, dass die Aufmerksamkeit schwankt und deshalb auch mehr Fehler passieren können, wenn jemand abgelenkt wird. Telefonieren oder Gespräche führen während einer Autofahrt - das kann am Steuer zum Problem werden. Neu ist - dass auch das Gegenteil gilt. Zumindest belegt eine neue Studie, dass umgekehrt auch das Autofahren die sprachlichen Fähigkeiten begrenzt und einschränkt.
Man kann sich einfach dabei schwer auf ein Gespräch konzentrieren - die Fähigkeit, Sprache zu benutzen und Sprache zu verstehen, nimmt ab. Art Kramer, Professor für Sozialpsychologie in Illinois, beschreibt das sehr drastisch: "This study shows that various aspects of language go to hell when you're driving" - verschiedene Aspekte der Sprache gehen beim Autofahren zum Teufel.  In den Untersuchungen benutzte Art Kramer zusammen mit dem Psycholinguisten Gary Dell einen Fahrsimulator. Unter den 96 Versuchspersonen war die Hälfte älter als 65 Jahre, die andere Hälfte etwa 20 Jahre alt. Paarweise zugeordnet sollte eine Person eine Geschichte erzählen, die andere später wiedergeben, was sie behalten hatte. Zunächst wurde gemessen, wieviele Details erinnert werden konnten, wenn der Fahrer einfach nur im Simulator saß. In der zweiten Phase ging es simuliert durch dichten Stadtverkehr - die zweite Person saß daneben oder telefonierte mit dem Fahrer. Diejenigen, die in der Simulation durch dichten Stadtverkehr fuhren, erinnerten sich an 20 Prozent weniger Details - die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu behalten, war also deutlich reduziert. Wer nun meint, den Jüngeren würde das nicht so gehen, täuscht sich: auch bei ihnen nahm die Fähigkeit, eine Geschichte wiederzugeben, sehr deutlich ab.

Bereits im Dezember 2008 wurde eine Studie veröffentlicht, dass Telefongespräche während einer Autofahrt die Aufmerksamkeit erheblich stören - mehr als ein direktes Gespräch. Und das gilt auch, wenn eine Freisprechanlage benutzt wurde.

Ein Zitat von Gary Dell aus der aktuellen Studie stimmt nachdenklich: "With modern technology, we're talking more and more while we are doing other things, but we may be understanding one another less and less." Übersetzt: Moderne Technologie füht dazu, dass wir mehr und mehr Gespräche führen, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind. Und dabei verstehen wir uns gegenseitig immer weniger.

Grund genug also, nicht nur beim Autofahren mit Gesprächen vorsichtig zu sein und vor allem im Stadtverkehr eben nicht zu telefonieren. Gespräche zu führen, wirklich gute Gespräche zu führen, das setzt eben auch die volle Aufmerksamkeit voraus. Es geht eben nicht immer nur so nebenbei.


Quellen:

University of Illinois at Urbana-Champaign (2010, January 22). Driven to distraction: New study shows driving hinders talking. ScienceDaily.

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/01/100122222222.htm

American Psychological Association (2008, December 1). Drivers Distracted More By Cell Phones Than By Passengers. ScienceDaily. 

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2008/12/081201081917.htm

s. auch: 

Der springende Punkt


so manchem man ein liedchen singt,
doch keines jenem punkt, der springt
unbeachtet soll er leiden
und doch so mancherlei entscheiden

worauf es ankommt, macht er klar
macht einsicht möglich, wie es war,
sein könnte, sollte oder muss
beendet dann den überdruss

über die wirre vielfalt im denken
kann den blick auf das wichtige lenken

beendet die wirren im gedankensumpf
das fragen wird deutlich, nicht mehr dumpf
glocke der erkenntnis! im schädel klingt
durch den weisen punkt, der springt

Das Sein und das Mögliche - eine Tagtraumgeschichte

Es soll ja Menschen geben, die auch tagsüber gelegentlich träumen. Im Frühling kann man es sich durchaus vorstellen, irgendwo spazieren zu gehen und dabei auf einer Parkbank zu sitzen. Möglich wäre es also schon, dort Menschen zu begegnen und mit ihnen über so allerlei nachzudenken. Wer mit wem nun wirklich... das bleibt verborgen.


- Im Grunde leben alle Menschen in einem von zwei Räumen. Der eine ist das Sein, der andere das Mögliche.
- Aha, und was schließen wir daraus?
- Vorsicht, bei den Schlußfolgerungen sind wir noch nicht... vorher wollen wir erklären, was es mit den beiden Räumen auf sich hat.
- Muss man das erklären?
- Beide Räume haben ihre Vorzüge... der Raum des Seins zeigt uns die Realität. Der Raum des Möglichen zeigt uns die Ideen.
- Kann man das wirklich so sagen, dass alle Menschen sich nur in einem der beiden Räume aufhalten?
- Nein, eher... dass sie den einen oder anderen bevorzugen. Solange sie sich auf das konzentrieren, was ist, übersehen sie das Mögliche. Und wenn sie nur das Mögliche sehen, verlieren sie vielleicht den Bezug zur Realität.
- Also wäre es am besten, öfter mal von einem Raum in den anderen zu wechseln?
- Das wäre möglich.... und manchmal scheint es auch so zu sein.
- Vielleicht merken manche Menschen es einfach nicht, in welchem Raum sie sich aufhalten... und kommen deshalb überhaupt nicht auf die Idee, nach einem zweiten Raum zu fragen...
- Möglich... das ist wohl so.
- Sind diese Räume wirklich voneinander getrennt? Oder gehört das Mögliche nicht irgendwo auch zum Sein?
- Im Grunde ist es so, dass das Mögliche dem Sein innewohnt... aber das Mögliche IST eben nicht, es ist nur als Möglichkeit möglich und kein wirklich Seiendes... zumindest noch nicht...
- Da müsste der Raum des Möglichen im Grunde viel größer sein als der Raum des Seins...
- Möglicherweise...
- Was bedeutet das nun, wenn man sich in dem einen oder anderen Raum aufhält?
- Beschränkung. So oder so - die beiden Räume lassen sich nicht so einfach vermischen. Die Sinne vermitteln keinen Blick auf das Mögliche, die Fantasie gibt keine Auskunft darüber, ob das Vorgestellte wirklich real ist... noch nicht einmal darüber, ob das Vorgestellte real werden kann.
- Und warum nicht?
- Weil die Realisten, die etwas Bestimmtes für möglich halten, sich dabei nur im Raum der eigenen Erfahrung bewegen - sich also auf das Seiende beziehen, auch dann, wenn es einmal war und nicht mehr ist. Der Raum des Möglichen dagegen ist ohne Fantasie nicht zu erkennen - aber nicht alles, was man sich vorstellen kann, ist auch wirklich möglich. Und nicht alles, was als Möglichkeit erscheint, ist auch sinnvoll.
- Das, was ist, ist auch nicht immer sinnvoll...
- Sinn ist keine Voraussetzung für das Sein. Sonst gäbe es keinen Unsinn auf der Welt.
- Welchen Sinn hat eigentlich das Sein des Unsinns?
- Genausogut kann man nach dem Sinn des Todes, des Schlechten und des Falschen fragen... ohne diese Gegenüberstellung könnten wir das Leben, das Gute und das Wahre nicht erkennen.
- Also kann das Seiende Unsinnig und das Mögliche sinnvoll sein... aber auch das Seiende sinnvoll und das Mögliche unsinnig...
- Genau.

Dieses Gespräch hat zwar im Raum des Möglichen stattgefunden, aber die Frage nach dem Sein ist, ganz realistisch betrachet, immer auch eine Frage nach dem Möglichsein. Realistisch ist, dass dabei durchaus sinnvolle Möglichkeiten erkennbar sind, die das Sein verändern können... wenn das Mögliche wirklich möglich ist. Und darüber kann man ganz real nachdenken... möglicherweise.

Steht Brainstorming in der Gruppe der Kreativität im Weg?

Brainstorming in der Gruppe ist eine feine Sache, fördert die Entwicklung neuer Ideen und nutzt das Potential der Gruppe. Eine Gruppe, die etwa ein neues Produkt entwickeln will, sollte am besten funktionieren, wenn Fachleute aus verschiedenen Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen kommen. Stylianos Kavadias (Georgia Institute of Technology) und Svenja C. Sommer (HEC Paris) haben die Literatur zum Thema Brainstorming gesichtet und einen Vergleich angestellt: sind heterogene Gruppen wirklich produktiver - oder finden Spezialisten bessere Lösungen, wenn sie allein arbeiten? Sie kamen dabei zu dem Schluss, dass bei sehr speziellen Problemen eine heterogene Gruppe eher stört - während bereichsübergreifende Probleme besser von heterogenen Gruppen gelöst werden.


Die neueren Untersuchungen von Nicholas Kohn et. al. (Texas A&M University) werfen ebenfalls einen kritischen Blick auf die Ergebnisse von Brainstormingsitzungen.

"Fixation to other people's ideas can occur unconsciously and lead to you suggesting ideas that mimic your brainstorming partners. Thus, you potentially become less creative." (Nicholas Kohn)

Übersetzt: Die Fixierung auf die Ideen anderer kann stattfinden, ohne dass sie bemerkt wird. Und führt dann dazu, dass andere nachgeahmt werden, die Kreativität lässt nach.


Brainstorming, die Problembearbeitung in der Gruppe, kann also dazu führen, dass nur eine einzige Idee in Betracht gezogen und weiter verfolgt wird. Andere Ideen und Möglichkeiten werden unterdrückt. Dabei ensteht Konformität - auf Kosten der Kreativität. Gruppen sind also nicht immer der beste Rahmen, wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln. Die Studien (bei denen der AOL Instant Messenger eingesetzt wurde und verschiedene Gruppengrößen untersucht wurden) zeigen außerdem, dass die Produktivität höher ist, wenn die Gruppenmitglieder sich zeitweise ausklinken und ihren Gedanken allein nachgehen können. Dort also, wo es wirklich um Problemlösungen und neue Perspektiven geht, sollten Gruppen diesen Konformitätseffekt kennen und berücksichtigen. Die Lösung vom Denkmuster 'alles muss in der Gruppe diskutiert werden' führt zu einer breiteren Palette an möglichen Lösungen und einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Problem.

Kommentar dazu von meiner Seite: auch die Bemühungen im Umfeld des Qualitätsmanagements können sich als innovationsfeindlich herausstellen - wenn einmal gefundene Lösungen und Vorgehensweisen als Dienstanweisung fixiert werden, werden natürlich alle anderen Möglichkeiten unterdrückt. Sprüche wie "das machen wir schon immer so" oder "das ist eben so festgelegt" können dazu führen, dass ein Unternehmen in seiner Entwicklung stehen bleibt. Frage also: ist es gut, wenn alles nach Plan läuft - oder könnte das kreative Chaos, das Nachdenken über die Möglichkeiten, irgend etwas irgendwie anders zu tun, so manches eingerostete Unternehmen wieder in Schwung bringen?

s. auch: Probleme gemeinsam lösen


Literatur:

Nicholas W. Kohn; Steven M. Smith. Collaborative fixation: Effects of others' ideas on brainstorming. Applied Cognitive Psychology, 2010; DOI: 10.1002/acp.1699

Quellen:

Institute for Operations Research and the Management Sciences (2009, December 15). Brainstorming works best in less specialized efforts, study finds. ScienceDaily. Retrieved March 30, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2009/12/091210125924.htm

Wiley-Blackwell (2010, March 29). 'That was my idea': Group brainstorming settings and fixation. ScienceDaily. Retrieved March 30, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2010/03/100329112157.htm

Nicht widerlegt, also wahr?

Es klingt vernünftig, davon auszugehen, dass eine Aussage, die man nicht widerlegen kann, gültig oder wahr ist. Folgt man dem Denkmuster der Falsifikation, kann man sagen, dass eine Theorie, die man einfach nicht widerlegen kann, irgendwie brauchbar sein muss. Da muss doch etwas dran sein! Nun stelle ich einmal eine kühne Theorie auf, eine ganz einfache. Eine singuläre existenzielle Hypothese, ganz bescheiden. Sie lautet:

Irgendwo im Universum hüpft ein grünes Männchen mit Nickelbrille um ein lila leuchtendes Lagerfeuer.

Wie sinnig oder unsinnig eine solche Behauptung ist, sei einmal dahin gestellt. Also bitte, wer es nicht glaubt, beweise einmal das Gegenteil, widerlege - oder falsifiziere - die Theorie. Das Unternehmen könnte schon ziemlich aufwendig werden. Genau genommen müsste das gesamte Universum abgesucht werden, jeder Planet, jedes Objekt, auf dem sich ein Lagerfeuer befinden könnte... okay, jedes Objekt, das keine Atmosphäre hat, scheidet dabei aus, aber Moment... es könnte ja auch ein künstliches Lagerfeuer sein, das gar keine Luft benötigt und das grüne Männchen könnte in einem Anzug stecken, mit einer Sauerstoffmaske. Oder so. Wie auch immer... das Unternehmen Falsifikation ist so schwierig und umfangreich, dass ich mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass kein Mensch auf der Welt es schaffen wird, meine Behauptung zu widerlegen.

Irgendwo im Universum hüpft ein grünes Männchen mit Nickelbrille um ein lila leuchtendes Lagerfeuer.

Wenn das niemand widerlegen kann, muss es doch stimmen oder?
Die Schlussfolgerung lasse ich einmal offen. Wer lesen kann, hat auch einen Kopf zum Denken.

s. auch: Argumentationsfiguren
*

Unerwünscht sein

Alle Grausamkeiten unter den Menschen beruhen auf dem Gefühl der Unerwünschtheit. Bedingungen werden gestellt, unter denen andere 'da sein' dürfen. Wer sie nicht erfüllt, ist unerwünscht. Deutschland im Jahre 2010: eine 16-Jährige lässt ihr unerwünschtes Baby eiskalt im Schnee erfrieren.
Wer unerwünscht trotzdem aufwächst, lässt es früher oder später auch andere spüren - sie dürfen teilhaben an diesem Erleben. Und so trifft es wohl alle einmal, jenes Prinzip der Unerwünschtheit im menschlichen Zusammenleben. Anstatt die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, hält man ihnen ständig vor Augen, wie sie zu sein haben. Und wehe, wenn sie sich nicht daran halten...
Hinter diesem unpersönlichen 'man' kann sich jeder und jede Einzelne wunderbar verstecken.

Einfach nur da zu sein - das kann schon genügen, um unerwünscht zu sein.

Auschwitz war nur die letzte Konsequenz dieses Haltung. Überwunden ist sie nicht - weder in Deutschland noch sonstwo auf der Welt. Kein Individuum allein kann sie jemals überwinden. Denn sie liegt im Zwischen.

Frei nach Martin Buber: der Mensch wird am Du zum Ich (wenn er erwünscht ist) - oder zum Nichts (wenn er es nicht ist).

s. auch:

Kultur und Gedächtnis. Artikel über die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Scienceblogs, 2. Februar 2010.



Blogreview: Miteinander sprechen (aktualisierte Fassung)


Mit anderen zu sprechen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Aus Frage und Antwort entwickelt sich das Gespräch, wenn es denn jemanden gibt, der "da ist" und antwortet. Ist da wer? - gibt es da jemanden, zu dem ich Kontakt aufnehmen kann?
Ein Gespräch ist nicht einfach ein Transport von Information. Gespräch bedeutet, dass gemeinsam Sinn entsteht. Das kann auch schief gehen - und dann stellt sich die Frage, was ist denn nun ein gutes Gespräch? Wann ist ein Gespräch nicht nur ein Scheingespräch, sondern ein echtes Gespräch?

Was ist Gesprächsfähigkeit? - Wovon hängt es ab, ob Verständigung gelingt, welche Faktoren bestimmen den Sinn im Gespräch? Missverständnisse sind schnell entstanden, und wenn etwas anders "ankommt" als es gedacht war, entsteht eine bestimmte Erfahrung: So war das nicht gemeint! In Gesprächen stellt sich auch einmal die Frage, ob etwas "stimmt", ob eine Aussage "wahr" ist. Was bedeutet das eigentlich? Was ist gemeint mit den Begriffen Realität und Wahrheit? Was steckt dahinter, wenn jemand sagt: Ich verstehe dich (nicht)? Wenn Verstehen etwas mit Zuhören zu tun hat - ist das dann so selbstverständlich, dass man sagen kann: Zuhören kann doch jeder?
In einem Gespräch viele Dinge klären - Klärungsziele und Klärungsfragen können dabei nützlich sein.
Ob aber ein Gespräch überhaupt zustande kommt, ist auch eine Frage der Gesprächsbereitschaft. Menschen interessieren sich für unterschiedliche Themen - es spricht viel dafür, unterschiedliche Interessen im Gespräch zu berücksichtigen. Es gibt immer Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche - und daraus können Konflikte entstehen, wenn etwas "strittig" wird. Das Strittige ist die Grundlage des Streitens. Im sprechwissenschaftlichen Sinn bedeutet es argumentieren. Wie so etwas "geht", zeigt der Blick auf Argumentationsfiguren. Ist Streiten, ist das Austragen von Konflikten immer ein gegeneinander oder gibt es auch ein Miteinander Streiten? Müssen Konflikte immer zu einem Konsens führen, um gelöst zu werden? Die Gegenüberstellung Konflikte und Passung zeigt auf, dass ein Konsens nicht immer nötig ist. Konflikte können destruktiv werden, zu einem Kampfgespräch werden - Klären, Streiten, Kämpfen, Entwerfen sind unterschiedliche Muster, mit unterschiedlichen Auffassungen umzugehen. Gespräche können aus verschiedenen Gründen schwierig werden. Vielleicht ist gar nicht klar, was eigentlich strittig ist. Als Alternative zum "Munterdrauflosstreiten" ergibt sich dann: Klären, was strittig ist - sich über Strittiges verständigen. Wenn es denn geht... so manches Gespräch scheitert an der fehlenden  Kritikbereitschaft: Kritik annehmen ist nicht für alle so einfach. Vielleicht steht dahinter eine besondere Ablehnungssensibilität, die einer tieferen Auseinandersetzung im Wege steht. Das subjektiv Indiskutable: Gedanken zur Todesstrafe sind ein Beispiel für "gefühlsbeladene Themen", bei denen ist manchmal kaum möglich ist, "sachlich" zu bleiben.
Problematisch können aber nicht nur Inhalte sein - das Thema Rollensegmente zeigt, dass man auch in einer bestimmten Rolle "aus der Rolle fallen" kann... Unangenehme Erfahrungen kann man machen, wenn Ideen im Gespräch einfach abgebügelt werden. Es geht aber auch anders. "Machen Sie das so": ermutigende Kommunikation hat Zukunft.
Nicht nur Gespräche "an sich" können ein Problem sein, Probleme können auch Thema in einem Gespräch werden. Damit das Problemlösen im Gespräch nicht selbst zum Problem wird, sind Orientierungshilfen sinnvoll - wie etwa das Modell PISCO, das sich mit Überlegungen zur Gesprächsführung verbinden lässt, wenn man Probleme gemeinsam lösen will.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 in Deutschland trat der Bereich politische Kommunikation in den Mittelpunkt: mit der Redeanalyse zu Steinmeiers Deutschland-Plan verbunden ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Politik. Das geplante Duell Merkel-Steinmeier zeigte sich mehr als "Duett" - und warf auch die Frage auf, ob politische Kampfrhetorik noch zeitgemäss ist.

Globale Probleme erfordern immer mehr internationale Zusammenarbeit. Dabei steht die Neigung, die Dinge aus der Perspektive der je eigenen Kultur zu betrachten, Ethnozentrismus also, dem Gespräch im Weg. Wie aber kann dann globale Kommunikation aussehen?
Mit der Weigerung, einem englischen Korrespondenten auf Englisch zu antworten, hat Guido Westerwelle einige Diskussionen aufgeworfen. Deutschtum und Diplomatie: passt das zusammen? Gerade die englische Formulierung "let's agree to differ" zeigt die Zusammenhänge zwischen sprachlichen Formulierungen und Denkmustern auf. Unterschiedliche Bewertungsebenen erklären einen Teil der Komplexität, die Konfliktsituationen aufweisen können. Wie hängen Erwartungen, Konflikte und die Frage der Verständigung zusammen?





Probleme gemeinsam lösen

Wie kann man Probleme gemeinsam lösen? Geht das überhaupt? Als erster Denkanstoss zur eigenen Kommunikationsbiographie kann die Frage dienen, in welcher Situation solche Erfahrungen möglich waren und wie dort das Gespräch verlaufen ist. Lautet die Antwort "das kenne ich überhaupt nicht, bisher haben mir nur andere gesagt, was ich tun soll" oder: "bisher musste ich meine Probleme immer allein lösen, ich habe nie jemand gefunden, mit dem ich sie hätte besprechen können", fehlt etwas.
Etwas bescheidener gefragt: wo habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich ein Gespräch einen Schritt weiterbringt? Dort ist vielleicht "mehr" zu finden. Und ich denke, es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken, was das ist, das sich dort finden lässt.

Manchmal genügt ein kleiner Impuls, eine Idee, eine Anregung, um einen Problemlöseprozess in Gang zu bringen, am Laufen zu halten oder einen kleinen Schritt weiterzubringen. Impulse also können wertvoll sein, aber das ist nur ein Teil vom Ganzen.

Das Grundkonzept, das ich hier vorstellen möchte, beruht auf zwei Ansätzen. Zum einen auf der Denkpsychologie, die so allerlei nützliche Modelle liefert. Zum anderen auf dem Klärungsgespräch, das für Problemlöseprozesse eine sehr gute Grundlage liefert.
Anwendung kann und soll die Idee gemeinsamer Problemlösung vor allem dort finden, wo es um komplexe Probleme geht - ganz einfach deshalb, weil in solchen Situationen die Gruppe dem Einzelnen immer überlegen ist.

Probleme zu lösen als Aspekt der Lebensgestaltung ist zunächst eine individuelle Angelegenheit.

Das Denkmodell PISCO lässt sich aber auch als Strukturmodell für ein Problemgespräch nutzen. Es stammt von Edward de Bono und ist dargestellt in seinem Buch "Denkschule".

P steht für "Purpose", in der deutschen Übersetzung also "Zweck". Man kann auch sagen: "Ziel".

Zusammen mit den Prinzipien des Klärungsgesprächs, insbesondere mit dem Gedanken, den Gesprächsprozess offen zu halten, bieten sich hier öffnende Fragen an:

Worin besteht eigentlich das Problem? Was ist das Ziel? Was wollen wir erreichen?

An dieser Stelle geht es nicht um Vorschläge, schon gar nicht um Lösungen - es geht einfach um die Frage, wie sich ein Problem definieren lässt, was das Problematische am Problem ist und für wen. Das alle Beteiligten dieselbe Problemwahrnehmung haben, ist keinesfalls selbstverständlich. Einen bestimmten Sachverhalt als ein "Problem" zu sehen bedeutet nicht, dass es für alle anderen auch eines ist. Ein Problemgespräch zu gestalten bedeutet auch nicht, eine Lösung parat zu haben oder für andere eine Lösung zu liefern - gerade in pädagogischen und therapeutischen Zusammenhängen ist es wesentlich wertvoller, den Prozess im Auge zu behalten und Möglichkeiten zu schaffen, wie andere ihre Lösungen selbst finden können. Geht es dagegen um eine gemeinsame Problemsituation, ist die Wahrscheinlichkeit, dass gefundene Lösungen akzeptiert, getragen und umgesetzt werden, wesentlich höher, wenn sie eben nicht einseitig vorgegeben, sondern gemeinsam erarbeitet wurden.
Prozessorientiert gedacht geht es hier um die Klärung der Problemwahrnehmung, die Verständigung über verschiedene Sichtweisen und das Bemühen, eine gemeinsame Problemdefinition und Zielsetzung zu finden. Das wird vielleicht nicht immer gelingen - eine vorläufige Definition, eine grobe Problembeschreibung kann aber für den Anfang genügen.

I steht ursprünglich für "Input", also Eingabe, passender finde ich die Bezeichnung: Information.

Zum Klärungsgespräch gehört auch das Zusammentragen von Informationen, Sichtweisen und Perspektiven. In der Sprecherziehung wird das Klärungsgespräch auch als "Puzzle" bezeichnet - im günstigen Fall ergibt sich aus unterschiedlichen Bausteinen ein sinnvolles Ganzes. Dabei kann es sich allerdings auch zeigen, dass ein bestimmtes Problem mit den vorliegenden Informationen nicht gelöst werden kann. Als Leitfrage für Prozesse gemeinsamer Problemlösung kann deshalb die zielorientierte Informationssuche gelten:

Wo können wir Informationen finden, die uns helfen, das Problemfeld besser zu erfassen und uns einer Lösung näher bringen können?

Mit der Informationssammlung allein ist es aber nicht getan: das Strukturieren, Ordnen, Bewerten und Auswählen von Informationen führt in den Bereich des Informationsmanagements hinein.
Problemlösungen werden nicht allein dadurch besser, dass immer mehr Informationen zur Verfügung stehen - die Kunst und die Schwierigkeit besteht darin, relevante Informationen herauszufiltern, Schwerpunkte zu setzen und sich nicht zu sehr in Details zu verlieren, die nebensächlich oder irrelevant sind.

S steht für "Solution", also Lösung. Treffender scheint mir die Bezeichnung "Lösungsansätze"

Es gibt also ein Problem und es liegen Informationen vor, die das Problem betreffen. Ansätze sind vielleicht schon erkennbar, zeichnen sich durch Beweglichkeit aus. Der Begriff Beweglichkeit ist sehr wichtig - alles, was nicht beweglich ist, also nicht verändert werden kann, gehört zu den Rahmenbedingungen, die akzeptiert werden müssen - Lösungen lassen sich nur dort finden, wo sich etwas in Bewegung bringen und realisieren lässt. In den meisten Fällen gibt es mehrere Lösungen für ein bestimmtes Problem. Welche davon die Beste ist, lässt sich vielleicht nicht sofort erkennen. Wichtig ist vor allem, dass Ideen im Gespräch nicht zu früh beseite geschoben werden, sondern die Chance haben, sich zu entwickeln und zu entfalten.
Wenn die Zeit drängt, kann auch eine vorläufige Lösung tauglich sein - technische Entwicklungen etwa zeichnen sich häufig durch Lösungen aus, die nach und nach verbessert werden.

C steht für "Choice", also Wahl oder Entscheidung.

Während Informationssuche und das Bemühen um Lösungsansätze den Prozess öffnet, zielt der Prozess der Entscheidungsfindung auf einen Abschluss hin. Beraten kann man im Grunde endlos, es wird immer neue Informationen geben, die Anlass für ein neues Überdenken, kritisches Hinterfragen, neue Ansätze und spezifische Details geben können. Der kritische Faktor dabei ist die Zeit - Entscheidungen zu treffen verkürzt den Prozess, gelingt leichter, wenn akzeptiert wird, dass eine Lösung, die einigermaßen tragfähig ist, besser ist als ein endloser Prozess der Lösungssuche.

O steht für "Operate", also Handeln.

Die beste Lösung taugt nichts, wenn sie nicht realisiert wird. Individuelle Problemlöseprozesse unterscheiden sich dabei grundsätzlich von Methoden gemeinsamer Problemlösung. Die allgemeine Formulierung des Gesprächs als Verständigungshandlung "mit dem Ziel gemeinsamen Handelns" braucht im Einzelfall eine Differenzierung - denn Lösungen müssen nicht bedeuten, dass alle zusammen gemeinsam etwas tun. Möglich ist auch eine Aufgabenverteilung, eine Veränderung auf organisatorischer Ebene, ein Beschluss, oder das Handeln einer einzelnen Person.
Leitfrage also: wer soll was tun?

Soweit also das Grundmodell. Ob es sich in allen Situationen auf alle nur erdenklichen Probleme anwenden lässt, ist zweifelhaft. Als Orientierungshilfe, die sich bei Bedarf situativ anpassen lässt, steckt es immerhin einen Rahmen ab, in dem zentrale Elemente konstruktiver Prozesse beschrieben werden. Betrachtet man komplexe Problemlösungen als einen zielgerichteten und rückmeldegesteuerten Prozess, werden die einzelnen Phasen mehrfach auftreten - aus den Beobachtungen ergeben sich Hinweise darauf, ob die realisierten Handlungen "etwas gebracht haben", Korrekturen, Veränderungen, neue Ziele oder neue Informationen legen unter Umständen einen neuen Durchgang nahe. Anhand solcher Modelle lässt sich auch erkennen, wo etwas schief gehen kann:

  • Sind die Ziele unklar, fehlt die Grundlage für sinnvolle Entscheidungen, der Prozess läuft "irgendwo hin" und landet vielleicht an einer Stelle, die nicht erwünscht ist
  • Fehlen wichtige Informationen, bleiben Entscheidungen "in der Luft hängen" und können bestenfalls zufällig zu brauchbaren Ergebnissen führen
  • Bleiben Möglichkeiten ausgeklammert oder werden zu früh bestimmte Ansätze fokussiert, lassen sich zwar Lösungen finden - aber nicht unbedingt die beste
  • Werden notwendige Voraussetzung für die Realisierung bestimmter Handlungen übersehen, entsteht vielleicht ein "toller Plan", der aber letzten Endes doch nichts verändert.

Für die Entwicklung der Problemlösefähigkeiten in einer Gruppe ist die Rolle des Vorgesetzten genauso hinderlich wie die Parteinahme für eine bestimmte Position bzw, einen bestimmten Lösungsansatz. Beginnt das Gespräch mit der Prämisse, dass die Lösung im Grunde schon klar ist, die wichtigsten Entscheidungen schon getroffen sind, entsteht nicht mehr als ein Scheingespräch.
Die Grundregel des Klärungsgesprächs "sich gegenseitig ernst nehmen - als Person und in der Sache" fördert die Haltung, gemeinsam nach der Lösung für ein Problem zu suchen. Und dabei persönliche Konflikte zurückzustellen. Prozessdirektivität als handlungsleitendes Prinzip für eine Person, die das Gespräch leitet, bedeutet, sich inhaltlich zurückzuhalten, eigene Ideen und Vorstellungen zurückzuhalten und stattdessen zu beobachten, in welcher Phase sich die Gruppe befindet und vor allem durch öffnende Fragen (möglichst jeweils nur eine) den Prozess zu steuern.
Am Ende des Prozesses (bzw. eines vorher definierten Zeitabschnitts) sind Methoden der Integration, Zusammenfassung und Verständigungssicherung sinnvoll.


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Literatur:
DeBONO, E. (1995). Denkschule. München: Orbis Verlag.
GEISSNER, H. (1986). 2. Auflage. Sprecherziehung. Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Scriptor.

Netzwerke und Hierarchie: wenn Machtstrukturen Lösungen verhindern

Bingo! Dachte ich mir, als ich den folgenden Videoausschnitt fand. Klarer kann man es wohl kaum auf den Punkt bringen... Aber zuerst einmal muss ich vielleicht erklären, was mir durch den Kopf ging...

  • Die Welt wird immer komplizierter.
  • Die Probleme werden komplexer.
  • Es gibt strukturelle Probleme in unserer Gesellschaft, die der Lösung von Problemen deutlich im Wege stehen.
  • Disziplingebundenes Denken in der Wissenschaft steht der Lösung von Problemen oft im Weg, denn nicht jeder "Gegenstand" tut uns den Gefallen, sich in die engen Grenzen einer einzigen Disziplin einzufügen.
  • Institutionen, Unternehmen und die öffentliche Verwaltung sind hierarchisch organisiert.
  • Hierarchien sind "institutionalisierte Konfliktlösungen" - manchmal tauglich, manchmal aber auch miserable Pseudolösungen.
  • Brauchen wir also in manchen Bereichen (Wirtschaft, Gesundheitswesen, Bildungswesen, Politik..) neue Formen der Kooperation, die symmetrische Interaktionen "auf Augenhöhe" jenseits der etablierten Hierarchien ermöglichen?

Die einfache Schlussfolgerung - Hierarchien haben sicher ihren Sinn, machen Organisationen übersichtlich. Und können wunderbar funktionieren, erleichtern die Kontrolle. Sie haben etwas Bequemes, wenn man weiss, woran man sich orientieren kann. Es ist einfach, wenn man eben hier und da einfach dazu steht, nicht zuständig zu sein und sich damit um bestimmte Probleme mit Recht herumdrücken kann. Wenn man sich aber nur an irgendeiner Stelle intensiver mit einem Problem auseinandersetzt, komplexe Zusammenhänge erkennt, die eben über den Bierdeckelhorizont einer Disziplin, einer Institution, eines Unternehmens usw. hinausgehen... dann bleibt nur die Perspektive interdisziplinärer, institutionsübergreifender, vernetzter Zusammenarbeit übrig. Genau das aber wird systematisch verhindert - denn es passt nicht in hierarchisches Denken, bedeutet Machtverlust.



Vor vielen Jahren kam ich beim Brüten über den Begriff "Konfliktfähigkeit" unter anderem zu einem wichtigen Satz:

Konfliktfähigkeit heisst auch, auf Macht verzichten zu können.

Ob ich da nun "verzichten" oder "verzichten können" schreiben sollte, war mir anfangs nicht klar. Das Verzichtenkönnen ist also kein Zufall - denn es geht nicht darum, Macht einfach nur abzugeben, was konkret sowieso nicht immer und nicht so einfach geht.

Etwas unwohl ist mir jetzt geworden, weil ich einen Ausschnitt aus dem Zusammenhang gerissen habe. Wer also einen Anfang sucht, kann sich den Vortrag, aus dem der Ausschnitt stammt, auch von Anfang an ansehen - es beginnt mit der Frage, wer Peter Kruse eigentlich ist.

Ein Gedanke passt noch dazu, der aus einer ganz anderen Ecke stammt, der psychoanalytischen Familientherapie nämlich: manchmal geht es nicht um das Machen, sondern um das Zulassen von Veränderung. *

Den Gedanken, dass viele komplexe Probleme auf dieser Welt nur dann gelöst werden können, wenn mehr Vernetzung zugelassen wird, stelle ich einmal als These in den Raum bzw. das Netz. Ohne die Hoffnung, dass unmittelbar verständlich ist, was das alles bedeuten soll...

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(*s. dazu: BAURIEDL, TH. (1984). Beziehungsanalyse. Das dialektisch-emanzipatorische Prinzip der Psychoanalyse und seine Konsequenzen für die psychoanalytische Familientherapie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)Blocksatz

Das echte Gespräch

Scheingespräche, Pseudokommunikation... die nette Insiderformulierung "da hat mir einer ein Gespräch geredet", was im Klartext bedeutet: das war ein Scheingespräch, da hat mir jemand nicht zugehört und ist auf meine Äußerungen nicht eingegangen... eine klare Definition für den Begriff "Scheingespräch" zu finden ist gar nicht so einfach. Mehrere Denkmodelle sind möglich und aus verschiedenen Gründen sinnvoll. Die eher unangenehme Einsicht ist, dass es sehr wenige echte, vollständige Gespräche gibt, und das hat viele Gründe. Was nun herauskam bei dem Versuch, zu klären, was ein echtes Gespräch denn nun ist und von einem Scheingespräch unterscheidet, ist eine Liste von Merkmalen.

1. Freiwilligkeit
Alle Beteiligten können frei entscheiden, ob und inwieweit sie sich am Gespräch beteiligen oder nicht.

2. Verantwortlichkeit
Alle Beteiligten stehen zu ihren Äußerungen, übernehmen Verantwortung für sich, ihre Aussagen und ihre Beziehungen - aber nicht füreinander.

3. Geteilte Situationsmacht
Alle Beteiligten können über Themen, Inhalte, Ort und Zeit des Gesprächs mitbestimmen.

4. Symmetrie und Wechselseitigkeit
Die Beteiligten sprechen "auf Augenhöhe" miteinander, es gibt kein deutliches Machtgefälle, keine einseitige Weisungsbefugnis.

5. Tauschbarkeit der Rollen
Alle Beteiligten können prinzipiell alle Rollen einnehmen.

6. Volle Verfügbarkeit über alle Sprechhandlungen
Alle Beteiligten können sich äußern und Fragen stellen.

7. Gesprächsregularien sind verhandelbar
Die Regeln, denen das Gespräch folgt, sind prinzipiell verhandelbar.

8. Gesprächsprozess und Ergebnis sind offen
Was im Verlauf des Gesprächs zum Thema wird, welche Schwerpunkte dabei gesetzt werden und was am Ende "dabei herauskommt", ist offen.

9. Äußerungen sind zu einem hohen Anteil auf Äußerungen anderer bezogen
Alle Beteiligten nehmen wieder aufeinander Bezug, greifen Äußerungen anderer auf, ergänzen, fragen, klären usw.

10. Es gibt kein Steuerungsmonopol
Alle Äußerungen können inhaltsbezogen, personbezogen oder verlaufsbezogen sein.

11. Freie Meinungsäußerung
Alle Beteiligten können ihre Meinung frei äußern, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

12. Selbstbestimmung
Wer woraus welche Konsequenzen für das je eigene Verhalten bzw. Handeln zieht, ist offen - alle Beteiligten sind und bleiben für ihre Entscheidungen und Handlungen selbst veranwortlich.

Alle zwölf Merkmale einzufordern setzt die "Latte" sehr hoch an - dann gibt es nur sehr wenige echte Gespräche, die meisten sind eben auf die eine oder andere Art "Pseudo". Realistisch ist also der Gedanke, dass Gespräche meist personal, situativ und thematisch eingeschränkt sind. Ob und inwieweit das in welcher Situation sinnvoll und angemessen ist, darüber lässt sich viel nachdenken... Immerhin: anhand der Merkmale lassen sich Ansatzpunkte bestimmen, die zu einer Vervollständigung "unechter Gespräche" führen können. Lernen und lehren kann man echte Gespräche genau genommen überhaupt nicht - denn ein Seminar zum Thema "echte Gesprächsführung" würde durch den Rahmen bereits Rollenmuster und eine inhaltliche Struktur vorgeben. Die Hintergründe für verschiedene Einschränkungen in Gesprächen lassen sich auch nicht so ohne weiteres aufzulösen - sich all diese Dinge bewusst zu machen bedeutet aber, sich von der Illusion zu befreien, Lehrer könnten mit Schülern, Vorgesetzte könnten mit Mitarbeitern wirklich echte Gespräche führen.
Eingeschränkt und damit unecht und defizitär werden die meisten Gespräche durch Situations- und Rollenmuster. Muster, die uns so selbstverständlich erscheinen, als seien sie "vom Himmel gefallen". Das sind sie aber nicht... sie haben sich entwickelt und etabliert, können mehr oder weniger sinnvoll sein. Die Frage ist, worin das Scheinbare des Scheinbaren wirklich besteht - Vorgesetzte, die von "flachen Hierarchien" sprechen und mit Sprüchen wie "wir sind ein Team" Symmetrie vortäuschen, verschleiern damit im Grunde nur die Realität ungleicher Rechte. Lehrer, die glauben, sie könnten mit ihren Schülern wirklich "ins Gespräch" kommen, täuschen sich über die Beschränkungen hinweg, die mit vorgegebenen Lehrplänen verbunden sind. Authentisch sind nur jene Gespräche, in denen das Unechte des Unechten erkannt und auch benannt werden kann.

Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche


1. Manches haben wir mit allen Menschen gemeinsam.
2. Manches haben wir mit vielen Menschen gemeinsam.
3. Manches haben wir mit einigen Menschen gemeinsam.

4. Manches unterscheidet uns von allen anderen Menschen.
5. Manches unterscheidet uns von vielen anderen Menschen.
6. Manches unterscheidet uns von einigen anderen Menschen.

7. Gäbe es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen,
könnten wir uns nicht miteinander verständigen.
8. Gäbe es keine Unterschiede zwischen den Menschen,
gäbe es keinen Grund, sich miteinander zu verständigen.
9. Gäbe es keine Widerprüche zwischen den Menschen,
gäbe es keinen Grund, danach zu fragen, was gut, richtig, wahr usw. ist.

10. Unterschiede können Widersprüche sein,
können aber auch nur als Widerspruch interpretiert werden.
11. Unterschiede können entstehen, wenn Gemeinsamkeiten als Unterschiede,
Unterschiede als Gemeinsamkeiten wahrgenommen werden.
12. Gemeinsamkeiten sind die Grundlage, Unterschiede der Anlass
und möglicherweise Thema der Verständigung.

13. Verständigung kann dazu führen, dass aus Unterschieden Widerprüche entstehen,
die Gemeinsamkeiten in den Hintergrund treten lassen.
14. Es scheint den Menschen gemeinsam zu sein, dass ihnen Unterschiede und Widersprüche schneller ins Bewusstsein dringen, obwohl sie nach Gemeinsamkeiten suchen.
15. Verständigung kann dazu führen, dass hinter Widersprüchen
Unterschiede erkennbar werden, aus denen neue Gemeinsamkeiten entstehen.

16. Manchmal sind es gerade die Unterschiede, die Gemeinsamkeiten stiften.
17. Unterschiede, die nicht als Widerpruch wahrgenommen werden,
können zusammen passen oder nicht.

18. Gemeinsames entsteht häufig aus der Passung von Unterschieden,
der Toleranz gegenüber Widersprüchen und
der Betonung der Gemeinsamkeiten trotz aller Unterschiede und Widersprüche.

Kritikbereitschaft: Kritik annehmen

Kritikbereitschaft hat zwei Seiten - als Bereitschaft, Kritik zu äußern, scheint sie für manche recht angenehm zu sein. Als Bereitschaft, Kritik anzunehmen, eher nicht. Zumindest drei Aspekte sind dabei von Bedeutung: der Inhalt, die Form und - nicht zuletzt - wer da kritisiert. Genauer: wer, in welcher Rolle, in welcher Situation, wer sonst noch anwesend ist. Ein Grundproblem, das in öffentlichen Beziehungen, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Beratungsituationen und therapeutischen Zusammenhängen eine Rolle spielt, ist das angenommene Interventionsrecht - die Annahme also, dass ein Lehrer, Berater, Vorgesetzter, Erzieher, Therapeut usw. natürlich "etwas sagen darf", das Recht auf Kritik hat und bei Bedarf eben auch etwas Unangenehmes zum Ausdruck bringen kann. Die Frage ist, ob diese Kritikbereitschaft aus der jeweils anderen Perspektive auch akzeptiert wird.
Von wem also lassen sich die Menschen etwas sagen, wer darf auch Unangenehmes äußern?


Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die hier statistische Aussagen macht, ist bereits im Jahr 2006 durchgeführt worden. Bei 22358 Befragten (Alter: ab 18 Jahre) kann man von einer breiten Datenbasis ausgehen, die Fragestellung zur Kritikbereitschaft ist auch nur ein Teil des Sozioökonomischen Panels.
Ob sich in den letzten drei Jahren an diesen Zusammenhängen wohl sehr viel verändert hat? Selbst dann, wenn man einen gewissen Spielraum lässt und mögliche Entwicklungen einkalkuliert, bleibt der Trend des Ergebnisses ziemlich eindeutig. Was man eindeutig sagen kann: es gibt Unterschiede.
Die Bereitschaft, sich "unangenehme Wahrheiten" anzuhören, ist nicht in allen Beziehungen gleich stark ausgeprägt, Kritik wird nicht automatisch von jeder x-beliebigen Person akzeptiert. Es wird wohl auch darauf ankommen, worum es gerade geht... der Begriff "unangenehme Wahrheiten" zielt auf die empfindlichen Bereiche ab, Verhaltensweisen, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale also, die nicht gerne wahrgenommen werden, als problematisch oder konfliktbesetzt erlebt werden. Naheliegend scheint zu sein, dass eher nahe Bezugspersonen solche Dinge sagen dürfen, Partner, Freunde, Eltern.


Die ausgewählte Darstellungsform berücksichtigt die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer sind blau dargestellt, Frauen in orange.





Partner stehen also ganz oben - sie haben die größten Chancen, auch unangenehme Dinge sagen zu dürfen. Logischerweise entstehen dabei dann aber auch die schwierigsten Konflikte. Für manche veilleicht überraschend: zwei Drittel der Männer geben ihre Partnerin als die Person an, die am ehesten etwas Unangenehmes sagen darf, bei den Frauen ist es etwas mehr als die Hälfte. Bei den Familienangehörigen steht ganz oben die Mutter - die Tochter taucht bei den Frauen noch mit 9,2% auf. Alle anderen Familienangehörigen haben bei heiklen Themen nicht viel zu melden. Entferntere Verwandte, Stiefeltern, Vorgesetzte und "bezahlte Helfer" (darunter fallen wohl alle professionellen Ärzte, Berater, Therapeuten, Erzieher usw.) haben hier "nichts zu melden".


Es gibt einige interessante Alterstrends: bei den 18-19-Jährigen rangiert die Mutter mit 48,5% auf Rangplatz 1 - die Partner haben statistisch (13,8%) noch recht wenig zu sagen. Dieser Prozentsatz steigt bei den 20-29 Jährigen auf 38,7% an und erreicht ab dem 30. Lebensjahr die Zweidrittelmarke (68,8%). Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Mutter kontinuierlich ab. Die Tochter dagegen (falls vorhanden) gewinnt an Bedeutung und erreicht bei den über 70-Jährigen immerhin einen Stellenwert von 21 Prozent.


Wie sieht es denn nun bei Leuten aus, die gar keine Partner haben? Verheiratete nennen zu 84,8% Ehepartner/in als erste Person, die etwas Unangenehmes sagen darf, bei nicht Verheirateten sind es 63,8%. Bei Singles - 1,9%, hier tritt wieder die Mutter mit 28,6% in den Vordergrund, gefolgt von Tochter, Sohn und Schwester.


Die Ergebnisse scheinen mir recht bedeutsam - auch wenn in modernen Zeiten des Internets viel Privates öffentlich wird, bedeutet das noch lange nicht, dass alle das Recht haben, sich gegenseitig "die volle Wahrheit" zu sagen. Auch innerhalb der Verwandtschaft, am Arbeitsplatz, selbst in professionellen Beziehungen, die als vertraulich gelten, ist die Bereitschaft sehr gering, sensible Bereiche der Kritik auszusetzen. Privates will also privat bleiben - die besten Chancen, unangenehme Wahrheiten so zu vermitteln, dass sie auch angenommen werden, bestehen in einer engen Partnerschaft. Alle anderen, sofern sie nicht eine besondere Beziehung entwickelt haben, sollten also besser vorsichtig sein, wen sie in welcher Frage mit unangenehmen "Wahrheiten" (auch das ist schon eine bedenkenswerte Formulierung) konfrontieren. Denn selbst dann, wenn die Inhalte und die Form gut durchdacht sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Äußerungen nicht akzeptiert werden.


Es gibt noch eine Statistik aus der erwähnten Befragung, die in diesem Zusammenhang wichtig ist: die Anworten auf die Frage "Gibt es eine Person, die Ihnen auch mal unangenehme Wahrheiten sagen kann/darf?"





Die meisten (86% der über 18-Jährigen) hören sich unangenehme Dinge überhaupt nicht gern an. Egal, von wem es kommt. Für manche ist vielleicht auch das eine "unangenehme Wahrheit". Also: ich habe nichts gesagt! Nur aufgeschrieben, damit es lesen kann, wer mag - oder auch nicht. Die Empfehlung, in Gesprächssituationen, Diskussionen und noch mehr in emotional aufgeladenen Konfliktsituationen sehr vorsichtig mit dem Selbstbild des oder der anderen umzugehen, hat jedenfalls eine solide emprische Grundlage.

Ablehnungssensibilität

Mit dem Begriff "Ablehnungssensiblität" meine ich das Phänomen, dass Menschen unterschiedlich stark auf Ablehnung reagieren, unterschiedlich empfindlich sind, was reale oder vermeintliche Ablehnung betrifft. Am deutlichsten wird dieser Effekt, wenn jemand ein Selbstbild entwickelt hat, das durch negative Schemata geprägt ist wie "keiner mag mich" oder "ich bin einfach doof, uninteressant" usw.
Es gibt noch weitere Zusammenhänge, die hier eher als Denkmodell und nicht als bereits ausgearbeitete Theorie vorgestellt werden sollen. Der Grundgedanke dabei ist die Vorstellung, dass die Reaktionen auf andere Meinungen, wertende oder kritische Bemerkungen von Interpretationsmustern abhängt, die sich in Form von Schemata (also formulierten Sätzen, die selbstwertbezogene Überzeugungen beschreiben) darstellen lässt. Verschiedene Ausprägungen müssten sich dann in Unterschieden bezüglich der Ablehnungssensibilität niederschlagen. Im Grunde interessiert mich dabei mehr das Individuum als eine statistische Gesetzmässigkeit. Frage also: wie geht es einer bestimmten Person mit verschiedenen Interpretationsmustern?
Wer das Kommunikationsmodell Schulz v. Thuns kennt, kann zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Menschen, die stark auf dem "Beziehungsohr" hören, empfindlicher auf Kritik reagieren als Leute, die sich mehr auf das "Sachohr" konzentrieren. Die individuelle Frage dabei ist: komme ich besser mit anderen Meinungen, Einwänden und Kritik zurecht, wenn ich mich mehr auf die sachlichen Aspekte konzentriere?
Nach Interpretationsmustern zu fragen öffnet noch weitere Möglichkeiten.
Als Beispiel:

"Wer eine andere Meinung vertritt, lehnt mich ab"

Es geht hier nicht um die Frage, ob das wirklich so ist, sondern wie die Äußerungen anderer Meinungen interpretiert werden - dort wo dieses Schema wirksam ist, müsste (so meine Hypothese) eine erhöhte Ablehnungssensibilität auftreten. Ganz anders dürften das innere Erleben aussehen, wenn ein anderes Schema wirksam ist, etwa:

"Andere Meinungen sind anregend"

Die Konsequenzen können dabei unterschiedlich sein - gekoppelt an das Motiv, andere von der je eigenen Meinung zu überzeugen, wird eher ein Streitgespräch entstehen. Unterschiede werden sich auch ergeben, wenn nicht das Rechtbehaltenwollen im Vordergrund steht, sondern Kontakt und Austausch sich - wenn es mehr um das "Streiten an sich" geht und es dabei nebensächlich ist, was von der eigenen Auffassung am Ende noch übrigbleibt, sind andere Auffassungen keinesfalls ein Zeichen von Ablehnung.

Verstehen ist immer ein "Verstehen-als". Finden sich in der Kommunikationsbiographie prägende Erfahrungen, in denen die eigene (abweichende) Meinung als "falsch", "dumm" oder "inakzeptabel" bezeichnet wurde, liegt es nahe, von einer erhöhten Ablehnungssensibilität auszugehen. Wer dagegen häufiger die Erfahrung gemacht hat, dass kontroverse Aufassungen sehr spannend sein können, das Streiten (verstanden als argumentative Auseinandersetzung, in der es um die Sache geht und nicht darum, sich gegenseitig "fertig zu machen") Spass machen und den Horizont erweitern kann, wird ganz anders reagieren können.

In Konfliktsituationen zu berücksichtigen, dass in der eigenen Biographie, aber auch bei anderen möglicherweise Kommunikationsnarben entstanden sind, die sich in erhöhter Ablehnungssensibiltät niederschlagen können, bedeutet konkret, nach solchen Interpretationsmustern zu fragen. Dort, wo es möglich wird, die Schemata zu erkennen und zu bearbeiten, die für empfindliche Reaktionen verantwortlich sind, zeigen sich Ansatzpunkte, anders zu reagieren. Gibt es in diesem Zusammenhang auch "gesunde" oder "realistische" Schemata?
Als generalisierte Haltung ist die erste Variante ("wer eine andere Meinung vertritt, lehnt mich ab") problematisch. Realistisch (aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus) ist die Annahme, dass andere, auch gegensätzliche Auffassungen keinesfalls automatisch "Ablehnung" bedeuten. Hilfreich also müsste es sein, wenn sich die Erfahrung kontroverser Auseinandersetzungen mit angenehmen Gefühlen verbinden lässt - wertvoll also ist demnach das Erlebnis, "anders denken zu dürfen" und auch mit vorläufigen, wenig durchdachten, fragwürdigen Ansichten angenommen zu sein. Dort nämlich entsteht die Freiheit, im Gespräch über das eine oder andere nachzudenken, eigene Standpunkte neu zu formulieren und Einwände zu berücksichtigen.

Der Zusammenhang verschiedener Rollensegmente wirft weitere Fragen auf: ist Ablehnungssensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal, das in verschiedenen Rollensegmenten unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann? Zumindest theoretisch wäre es möglich, dass jemand in der Rolle als Fachmann (oder Fachfrau) souverän mit Kritik umgehen kann, fundiert und sicher argumentieren kann, durch Fragen oder Einwände nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Geht es dagegen um persönliche Fragen und private Dinge, könnte eine weitaus höhere Sensibilität zu Problemen führen, auch dort souverän mit Einwänden umzugehen. Auch die umgekehrte Situation ist denkbar. Was den einen auf die Palme bringt, lässt den anderen völlig kalt. Was mich in einem bestimmten Rollensegment reizt und herausfordert, offensive Kontaktaufnahme auslöst, führt in einem anderen vielleicht zu Frustration und Rückzug.

Sich all diese Dinge bewusst zu machen ist alles andere als leicht. Ablehnung zu erfahren ist unangenehm. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich abgelehnt fühlt oder wirklich abgelehnt wird. Täuschungen, Irrtümer und Missverständnisse sind allgegenwärtig. In Wirklichkeit könnte so manches auch irgendwie ganz anders sein. Es gibt noch einen Spruch: "diejenigen, die mich mögen, kennen mich, diejenigen, die mich nicht mögen, können mich". Dass sich alle in allem einig sind oder werden, das ist eine Utopie und nicht einmal eine wünschenswerte. Was auch immer ich wie auch immer betrachte - irgendjemand auf der Welt wird es ziemlich sicher anders sehen. Und?



Ideen im Gespräch

"Was der Bauer nicht kennt..." - es ist eine alte Volksweisheit und sie scheint immer noch gültig zu sein. Offenheit für neue Ideen ist keinesfalls selbstverständlich - der Umgang mit Ideen deshalb auch eine Frage an die Gesprächskultur. Gelegentlich finden sich kreative Köpfe, tauschen sich aus, bereichern sich gegenseitig, entwickeln hier und da etwas weiter, fördern sich gegenseitig, inspirieren und lassen sich inspirieren. Dabei kann es um alles Mögliche gehen, um Kochrezepte, Strickmuster, Basteleien, Technik, Malerei, Kunst, Musik... Neues eben. Untereinander können sich Kreativlinge oft sehr gut verständigen und manchmal brauchen sie dafür keine Worte. Improvisieren, der Kreativität freien Lauf lassen... es ist die Grundlage für so manches Kunstwerk, für technische und kulturelle Innovationen.
Im Gespräch werden Ideen schnell zum Problem - dort nämlich, wo sie mit bestehenden Beurteilungsmustern, mit Gewohnheiten, Regelungen, etablierten Gegebenheiten kollidieren. Sie müssen nicht unbedingt kollidieren, es genügt schon, wenn es so aussieht, als sei mit einer neuen Idee eine Veränderung verbunden, die irgendwie nach "Umdenken" aussieht... Es hat seinen Grund, warum die Regeln für eine Brainstormingsitzung ein Bewertungsverbot vorsehen - denn Bewertungen und Urteile stören den kreativen Prozess. Konflikte um Ideen und Kreativität sind also überall dort zu erwarten, wo kreative Menschen auf realistische, schnell urteilende, an der aktuellen Situation orientierte Menschen treffen. Das Problem ist, das so manche Idee zunächst weich und vorläufig sein kann, oft nur einen Kern darstellt, der weiter entwickelt werden muss, bis etwas Rundes, Vollständiges, Brauchbares entsteht. Stark realitätsbezogene Menschen sehen zunächst das Unfertige und finden problemlos viele Gründe, warum das Neue nichts taugen kann. Das Vorläufige zu akzeptieren und wachsen zu lassen fällt manchen schwer - wer also neue Ideen in ein Gespräch einbringt, wird mit solchen Einwänden rechnen müssen.
Im schlimmsten Fall wird alles Neue verworfen - denn die Frage, was aus einer Idee werden kann ist typisch für Kreative, nicht aber für sinnesorientierte Gegenwartsmenschen, die sich schwer damit tun, über das momentan Gegebene hinaus zu denken.
Welche dramatischen Folgen neue Ideen haben können, zeigt das Beispiel von Johannes Kepler sehr deutlich. Natürlich dreht sich die Sonne um die Erde und die Sterne sind am Himmel festgenagelt - was für eine verrückte Idee muss das sein, die Erde würde sich um die Sonne drehen...
Neue Ideen sind nicht immer so revolutionär wie die Relativitätstheorie, aber der Effekt, dass manche erstmal nur "Bahnhof" verstehen, ist durchaus häufig zu beobachten. Nun hat aber das Problem auch eine andere Seite - neue Ideen brauchen natürlich den Bezug zur Realität, wenn sie konkret werden sollen - und in dieser Phase ist die Grundhaltung, die den kreativen Prozess zunächst einmal empfindlich stört, nötig, eine wichtige Ergänzung.
Zunächst scheint das Wissen um solche Orientierungen und Präferenzen nicht sehr weit verbreitet zu sein, die Einsicht, dass kreative Menschen grundsätzlich "anders gestrickt" sind, kann einem konstruktiven Gespräch sehr im Weg stehen. Dort, wo sinnesorientierte und gegenwartsorientierte Menschen in Führungspositionen sind, haben neue Ideen meist keine Chance. Es sei denn, sie sind bereits passgenau ausgearbeitet und sehr weit entwickelt. Aber dazu kommt es oft nicht mehr - denn jene, die erstmal abgebügelt werden, als Spinner und Visionäre, Träumer und weltfremde Idealisten abgestempelt sind, werden sich zehnmal überlegen, ob sie neue Ideen überhaupt noch ansprechen. Und so wird so manches, wenn überhaupt, bestenfalls im stillen Kämmerlein entwickelt. Oder geht ganz verloren...
Eine These möchte ich einmal einfach so in den Raum stellen: soziale Systeme können sich nicht weiterentwickeln, wenn neue Ideen vorschnell beurteilt und abgetan werden. Unternehmen, die nicht in der Lage sind, den Blick nach vorn zu richten und für die Zukunft neue Ideen zu entwickeln, werden früher oder später untergehen. Führungskräfte, die neuen Ideen keinen Raum lassen und kreative Menschen unterdrücken, begehen einen großen Fehler. Genauso problematisch sind aber auch kreative Teams, denen es nicht gelingt, ihre Ideen früher oder später auf dem Boden der Realität zu verankern. Realisten und Kreative brauchen einander - tun sich im Gespräch aber oft schwer miteinander. Es wäre viel gewonnen, wenn die Realisten lernen würden, eine Zeit lang den Mund zu halten und neue Ideen zu betrachten, ohne zu bewerten. Und die Kreativen... überlegen sich besser sehr genau, wieviel sie von sich und ihren Ideen in welchem Zusammenhang einbringen. Denn dort, wo alles, was irgendwie neu oder anders ist, schnell beiseite geschoben wird, haben Kreativität und Innovation keine Chance.

Rollensegmente

"Soziale Rollen sind - im kommunikativen Vollzug - Sprechrollen" (SW, S.71)
"Erziehung zur Gesprächsfähigkeit heißt folglich auch: Erziehung zur Sprechrollendifferenzierung" (SE, S.33)
Rollensegmente - was ist das eigentlich? Ausgangspunkt ist zunächst der Gedanke, dass wir alle im sozialen Geschehen Rollen "spielen" oder "haben". Ein Grundgedanke dabei: es spielt eine Rolle, welche Rolle ich spiele... Gelegentlich ist das Bewusstsein der je eigenen Rolle bzw. die Frage, wer in welchem Zusammenhang welche Rolle spielt, recht hilfreich - auch, wenn es darum geht, herauszufinden, warum Konflikte entstehen und was da nun eigentlich "los ist". Mit dem Begriff der Rollensegmente wird so manches aber noch präziser - manche Konflikte lassen sich am einfachsten mit dem Begriff der Rollensegmentverschiebung beschreiben.
Zur Erläuterung möchte ich zunächst ein Beispiel erzählen, eine wahre Geschichte... sie wiederholt sich immer wieder und so manche und mancher wird davon ein Liedchen singen können. Es geht dabei um zwei Brüder, die etwas gemeinsam hatten. Den Vater zum Beispiel, aber noch mehr, oder: noch schlimmer: der eigene Vater war auch Lehrer in der eigenen Schule. Und dieser Umstand brachte so manches Problem mit sich... Manchmal ging es den beiden wirklich auf den Geist, den eigenen Lehrer auch zuhause um sich zu haben. Offensichtlich fiel es beiden Seiten, also allen dreien, gelegentlich schwer, zwischen den Rollen klar zu trennen. Der Sohn begegnete dem Vater eben auch als Schüler seinem Lehrer. Und der Vater als Lehrer wollte sich dem Vorwurf entziehen, den eigenen Sohn als Schüler womöglich bevorzugt zu behandeln - und war deshalb zu den eigenen Söhnen besonders streng.
Genauer betrachtet gab es aber noch weitere Segmente: auf dem Pausenhof konnte der Schüler seinem Lehrer im Rollensegment "Vertreter der Institution Schule" begegnen. Dort gab es zwar nicht unbedigt den Druck, aufmerksam zuzuhören (schliesslich war ja Pause), aber unbedingt den Anspruch, sich "anständig zu verhalten". Und dabei kann es aus der Lehrerperspektive durchaus zu einer schwierigen Frage kommen: behandle ich diesen Schüler jetzt als Schüler an dieser Schule, als Schüler in meiner Klasse oder als meinen Sohn, der er nunmal auch noch ist?
Etwas peinlich wurde die Angelegenheit auf einer Klassenfahrt nach Frankreich. Nach dem Besuch in einem Museum wurde der ältere Sohn gefragt, wer denn der Herr gewesen sei, der so schlecht Französisch gesprochen habe... Nun, das war unser Lehrer... Und welches Fach er unterrichte? Französisch...
Sollte er sich nun als Schüler für seinen Lehrer oder als Sohn für seinen Vater schämen?
Es gibt noch mehr Beispiele für verwickelte Situationen, in denen sich Rollensegmente überlagern oder miteinander in Konflikt geraten können. Im Berufsleben treten solche Schwierigkeiten gelegentlich durch "Sonderrollen" auf - sei als Sonderbeauftragte für Sicherheit, Hygiene, Qualitätsmanagement usw. oder als Mitarbeitervertreter bzw. Betriebsräte. Manche dieser Rollen machen ohne entsprechende Weisungsbefugnisse keinen Sinn - das kann aber bedeuten, dass der Sicherheitsbeauftragte, der ansonsten als Arbeitnehmer gegenüber seinen Vorgesetzten weisungsgebunden ist, im Einzelfall auch Möglichkeiten haben muss, spezifische Hinweise und auch Anweisungen zu geben. Dass sich dabei Rollen überlagern und Konflikte entstehen können über die Frage, wer nun wem etwas zu sagen hat, ergibt sich von selbst - dort kann es eine große Hilfe sein, deutlich zu machen, wer in welcher Rolle (bzw. welchem Rollensegment) zu wem in welcher Rolle (bzw. in welchem Rollensegment) spricht. Ähnliche Probleme treten auch in Familienbetrieben auf - wenn die eigenen Kinder Arbeitnehmer sind, wird der Arbeitgeber eher Leistung abverlangen, während der Vater eher das Wohlergehen der Kinder im Sinn hat - und im günstigen Fall verständnisvoller reagiert. Das muss aber nicht so sein - und es hängt eben viel davon ab, ob die Rollen und Rollensegmente klar voneinander getrennt sind, ob die Überlagerungen und Verschiebungen als solche überhaupt bewusst werden und in ihrer Problematik deutlich werden.
Segmentverschiebungen treten auch auf, wenn die Generationsgrenzen verwischt werden - da wird der älteste Sohn möglicherweise zum Ersatz-Vater für die Geschwister und Ersatz-Partner für die Mutter, ohne zu begreifen, welche Überforderung damit verbunden ist. Vielleicht wird die Tochter zum Kummerkasten für den alleinerziehenden Vater und damit in eine Rolle gedrängt, die sie nicht ausfüllen, der sie nicht gerecht werden kann. Rollen in der Familie zeigen auch deutlich, dass es manche Rollen gibt, aus denen man nicht "aussteigen" kann - Kinder bleiben immer die Kinder ihrer Eltern, egal wie alt sie sind. Eltern können enorme Probleme damit haben, sich von den eigenen Kindern pflegen zu lassen, weil es nun so gar nicht zum Modell passt, dass sich doch eigentlich die Eltern um die Kinder kümmern sollten und nicht umgekehrt... Selbst dann, wenn die Kinder hochqualifiziert sind - das Verhältnis "Fachmann - Laie" wird durch die Überlagerung mit familiären Rollen schnell zum Problem.
Systemisch betrachtet sind überlagerte Rollen grundsätzlich problematisch - Grund genug also, in Konfliktsituationen auch die Rollen genauer unter die Lupe zu nehmen, die dabei möglicherweise eine entscheidende Rolle spielen...

Gesprächsbereitschaft

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ – das ist ein Axiom von Paul Watzlawick. Einspruch! Wenn es um Gespräche geht, kann man sehr wohl ein Gespräch verweigern. Diese Weigerung ist durchaus ein „kommunikatives Signal“ – ein Gespräch kommt aber nur zustande, wenn auf beiden bzw. allen Seiten Gesprächsbereitschaft gegeben ist. Sonst – geht es nicht.
Also: ein Gepräch setzt im direkten Vollzug Gesprächsbereitschaft voraus. Ersetzt man „Gespräch“ durch „Dialog“ und bezieht moderne Formen der (medienvermittelten schriftlichen) Kommunikation im Internet mit ein, kann man sehr wohl einen Dialog verweigern. Dann aber stellt sich die Frage, was Gesprächsbereitschaft eigentlich ist, an welchen Stellen ein Gespräch ins Stocken geraten, brüchig werden oder ganz scheitern kann. „Mit DEM nicht!“ – oder „mit DER nicht!“, das ist eine Möglichkeit. Vielleicht ja doch, aber nicht jetzt. Oder nicht hier. Oder nicht so… wenn „ich“ mit „dir“ ins Gespräch kommen möchte, sind viele Elemente mehr oder weniger automatisch vorausgesetzt. Aber, wie ich meine, keinesfalls selbstverständlich…


Gesprächsbereitschaft ist, wenn
ich
in der Rolle, die ich habe, also:
der Rolle, die ich mir selbst zuschreibe,
die mir auch von anderen zugeschrieben und zugestanden wird,
im Rollensegment, in dem ich mich bewege,
mit dir, dem einen, der oder den anderen,
in deiner Rolle,
die ich dir zuschreibe und zugestehe
in deinem aktuellen Rollensegment,
in dem du dich bewegst,
über das von wem auch immer angesprochene oder angedeutete Thema
in einem Themenfeld, das für uns beide bzw. alle von Interesse und Bedeutung ist,
gerade jetzt,
gerade hier,
aus gutem Grund
mit einem bestimmten Ziel
etwas Bestimmtes
mit einer bestimmten Sprechhandlung (als Frage, Äußerung, Rückmeldung, Stellungnahme, Vorwurf , Aufforderung etc.)
in meiner und deiner aktuellen Stimmungslage
in genau dieser Situation, in der wir uns gerade befinden,
besprechen, klären oder diskutieren möchte.

An jedem der genannten Punkte kann Gesprächsbereitschaft eingeschränkt sein oder ganz fehlen. Gespräche können scheitern
  • am Zeitpunkt („jetzt nicht“)
  • am Ort („nicht hier“)
  • am Thema („nicht darüber“)
  • am Kommunikationsstil („nicht so“)
  • an Rollen, Rollenzuschreibungen oder Rollensegmenten („nicht als...“)
  • an Motiven, Gründen oder Zielen („nicht unter diesen Voraussetzungen, mit diesem Ziel, aus diesem oder jenem Grund…“)
  • an der Situation – zum Beispiel an äußeren Störungen wie Lärm, Unterbrechungen usw. die ein Gespräch nicht möglich machen.

In allen Bereichen spielen auch kulturelle Muster eine Rolle – bezogen auf die Frage, was „zwischen Tür und Angel“, im Sitzen oder Stehen, in der Sauna oder in der Kantine, im Rahmen einer institutionell festgelegten Sitzung oder auf dem Fussballplatz „passend“ oder „besprechbar“ ist.
Die Sammlung ist noch nicht vollständig. Zu den schwierigeren Problembereichen gehören die Grenzen der Konfliktfähigkeit, der Toleranz und der Semantisierbarkeit. Wenn Standpunkte sehr weit auseinander liegen, wenn die Unterschiede und Gegensätze als sehr groß und unvereinbar erscheinen, wenn Vorschläge der einen Seite für den oder die andere(n) nicht akzeptabel sind, können Gespräche (etwa Verhandlungen) scheitern. Sie müssen aber nicht endgültig scheitern, wenn die eine oder andere Seite über Haltung, Standpunkte und Vorschläge nachzudenken bereit ist und Annäherungen, neue Vorschläge oder Einstellungen erarbeitet werden. Mit „Semantisierbarkeit“ ist gemeint, dass nur das im Gespräch besprochen werden kann, was eben auch sprachlich formuliert, also „zur Sprache gebracht“ und verstanden werden kann. Grenzen der Semantisierbarkeit setzen auch bei gegebener Gesprächs- und Konfliktbereitschaft der Gesprächsfähigkeit und der Konfliktfähigkeit Grenzen – und werfen die Frage auf, ob und mit welchen Mitteln der Kontakt auf andere Art fortgesetzt werden kann.
Gesprächsbereitschaft kann personal, personbezogen, situativ oder thematisch begrenzt sein oder ganz fehlen. Die Vorstellung, jeder könne mit jedem und jeder an jedem Ort zu jeder Zeit über alles sprechen oder in einer anderen Form (gebärden, schreiben…) kommunizieren, ist eine Illusion.

Interessen im Gespräch

Wenn Menschen miteinander sprechen, geht es immer auch um ETWAS, um ein Thema also. Wenn sich beide oder mehrere für dasselbe Thema interessieren, kommt leichter ein Gespräch zustande, das zumindest scheint naheliegend zu sein. Frage also: was interessiert die Menschen denn überhaupt? Gibt es dabei Trends und Unterschiede, Themenfelder die wichtiger sind als andere?
In einer Studie des Insituts für Demokopie in Allensbach wurden im Jahr 2008 insgesamt über 10000 Personen im Alter von 14 bis 64 Jahren befragt. Die Befragten sollten angeben, für welche Themen sie sich besonders interessieren, Mehrfachnennungen waren möglich. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse auf Statista im Januar 2009.*

Allgemein interessante Themen

Auffallend ist das starke Interesse am Themenfeld "Gesundheit" - mit 53% gab etwas mehr als die Hälfte der Befragten hier ein besonderes Interesse an. Danach kommen die Felder "Urlaub und Reisen", "Internet", "Haut- und Körperpflege".

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

In einigen Themenfeldern gibt es rein statistisch auffallende Unterschiede zwischen Männern und Frauen.Der deutlichste Unterschied ist bei Fragen zu Kosmetik und Make-up zu erkennen: 35,7% der Frauen haben ihr ein besonderes Interesse, bei Männern sind es 1,9%. Betrachtet man die Themenfelder, die auf starkes Interesse stossen (ab 40%) gibt es geschlechtsspezifisch typische Bereiche:

Typische Frauenthemen sind:

  • Gesundheit
  • Haut- und Körperpflege
  • Bücher
  • Wohnen, Einrichten
  • Kochen, Kochrezepte
  • Urlaub, Reisen

Typische Männerthemen sind:

  • Internet
  • Computernutzung
  • Sport
  • Gesundheit

Interessenschwerpunkte bei verschiedenen Altersgruppen

Der Vergleich verschiedener Altersgruppen zeigt deutliche Trends:
Das Interesse an Fragen zur Gesundheit steigt mit zunehmendem Alter, die Themenfelder "Internet" und "Computer" sind dagegen typische Themenfelder der jüngeren Generationen - hier nimmt das Interesse statistisch gesehen mit zunehmendem Alter ab. Ältere interessieren sich weniger für neue Technologien, Mode, Kinofilme, CDs und DVDs, dafür immer stärker für Politik.


Schlussbemerkung und Interpretation

Auch wenn mancher und manche von sich behauptet, "mit mir kann man über alles reden", sind sehr wahrscheinlich bestimmte Themen interessanter als andere. Statistiken sagen nichts über ein ganz konkretes Individuum. Die Zahlen belegen aber, dass Interessen geschlechtsspezifisch unterschiedlich stark ausgeprägt sind und sich Interessenschwerpunkte im Lebenslauf verändern. Ich glaube, dass es gut ist, im Hinterkopf zu behalten, dass andere Menschen ganz andere Interessengebiete haben können - mehr oder weniger in einer anderen Welt leben. Die Brille, durch die wir die Welt sehen, ist auch durch unsere Interessen getönt.

* Anmerkung im November 2009: die ursprünglich eingebetteten Statistiken sind inzwischen nicht mehr frei verfügbar und wurden deshalb entfernt. 
  

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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