Traumatische Erlebnisse scheinen für manche Psychotherapeuten ein rotes Tuch zu sein – mehrfach habe ich von Patienten erfahren, sie seien damit abgewiesen worden, in den Einzelgesprächen im Verlauf einer psychosomatischen Rehabilitation sei ihnen gesagt worden, das müssten sie wieder mit nach Hause nehmen, dafür sei hier keine Zeit.
Solche Erfahrungen machen die ganze Angelegenheit oft noch unangenehmer – wenn sich jemand nach vielen Jahren oder Jahrzehnten endlich dazu durchgerungen hat, von schlimmen Erlebnissen zu berichten, dann sollten sie nicht auch noch die Erfahrung machen, dass niemand darauf eingehen will.
Natürlich gibt es spezielle Zusatzausbildungen für die Traumatherapie, natürlich macht es Sinn, nach Psychotherapeuten zu suchen, die sich darauf in besonderer Weise spezialisiert haben. Aber auch ohne den Anspruch, in die Aufarbeitung tief und umfassend einzusteigen, lässt sich einiges tun, um Wege aufzuzeigen, Entlastung zu ermöglichen und vor allem die Erfahrung des Alleinbleibenmüssens mit unangenehmen Erfahrungen zu korrigieren.
Eben das ist gemeint mit dem Ansatz fragmentierter Traumabearbeitung. Gewalterfahrungen, Missbrauch, Misshandlung, schlimme Unfälle usw. lassen sich nicht in 5 Minuten aufarbeiten, Traumafolgestörungen nicht mit einem einzigen Zauberspruch aus der Welt schaffen. Gerade dann, wenn ein Erlebnis überwältigend, niederschmetternd, überfordernd oder unerträglich war, lässt es sich nicht ‚als Ganzes’ erfassen. Wer dem Prinzip ‚Erinnern und Durcharbeiten’ folgt und dabei solche Situationen untersucht, wird immer wieder neue Aspekte entdecken können. Möglichst viel aufzudecken und dann die Traumatisierten damit allein zu lassen, das ist das Schlimmste, was man ihnen antun kann. Schrittweise vorzugehen und dabei immer mehr Fähigkeiten zu aktualisieren und weiter zu entwickeln dagegen eine sehr wirksame und hilfreiche Methode.
Die Frage, wann ein Trauma hinreichen ‚bearbeitet’ oder ‚aufgearbeitet’ ist, lässt sich nicht so leicht beantworten. Traumafolgestörungen sind gute Kriterien dafür: wenn flashbacks, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Albträume usw. nachlassen, scheint die Aufarbeitung gelungen. Es kann aber auch bedeuten, dass das traumatische Erlebnis erneut weit weggeschoben, analytisch gesprochen massiv verdrängt wird. Vielleicht ist das ja auch sinnvoll und damit komme ich zu einer differenzierteren Betrachtung dessen, was als Verdrängung bezeichnet und oft als unangemessen bzw. krankhaft eingeordnet wird.
Die Psyche verfügt über Schutzmechanismen.
Wenn eine Situation unerträglich ist, kann ich mich aus ihr befreien – selbst dann, wenn ich mich kaum bewegen kann. In meiner Phantasie bin ich dann ganz woanders, gar nicht da, das Schlimme betrifft mich nicht, hat mit mir nichts zu tun. Ich bin woanders, ich bin ein anderer, das was mir widerfährt, bin ich nicht.
Vielleicht dauert es dann Jahre oder Jahrzehnte, bis das Erlebnis sich wieder meldet, gewissermaßen ‚Hallo’ sagt und nun endlich mal bearbeitet werden möchte. Wie ein Brief, zeitgemäßer vielleicht: eine E-Mail, die immer noch nicht beantwortet wurde, sich aber auch irgendwie nicht löschen lässt.
Beantworten ist dann auch: zu erkennen, „das war ich wirklich, das ist mir passiert“. Sich an das Schreckliche herantasten, um schrittweise zu verstehen, was da eigentlich geschehen ist, wie es geschehen konnte, all die Fragen zu beantworten, die quälend sein können, Fragen nach dem Warum, warum gerade ich, warum gerade mir so etwas passieren musste.
Fragmente sind Splitter, Erlebnisaspekte, Gefühlsqualitäten wie Entsetzen, Schuld, Angst, Scham, Misstrauen, Unsicherheit und Verzweiflung. Wenn alles auf einmal mit aller Wucht ins Bewusstsein strömen würde, könnte die emotionale Überschwemmung alles zunichte machten, was an konstruktiver Aufarbeitung angeregt wird.
Nehme ich dagegen ein einzelnes Fragment heraus, wird die komplizierte Geschichte leichter handhabbar. Gehe ich davon aus, dass ein dicker Brocken darin besteht, in der Vergangenheit hängenzubleiben, ist allein die Fähigkeit, auf der Zeitachse wieder zurück in die Gegenwart zu finden, eine große Hilfe.
So, liebes Trauma, ich komme mal zu Besuch, aber ich sage es gleich: wenn es mir zuviel wird, dann gehe ich wieder. Es ist eine bildhaft-symbolische Betrachtung, die Schutzmechanismen entwickelt gegenüber der Gefahr, von einem traumatischen Erlebnis gewissermaßen gefangen zu werden. Äußerungen wie „ich muss immer daran denken“ zeigen, dass solche spontan ins Bewusstsein dringenden quälenden Erinnerungen durchaus zwanghaft wirken können. Sich befreien heißt dann, entscheiden können, ob ich mich erinnern will oder nicht. Sprachanalytisch betrachtet: ‚ich erinnere mich’ ist eine reflexive Formulierung, ich tue da etwas mit mir, sage ich dagegen ‚ich erinnere etwas’ kommt ein Objektbezug zum Ausdruck.
Sich aufdrängende Erinnerungen sind mit dem Erlebnis von Unkontrollierbarkeit verbunden.
Alles, was in irgendeiner Weise dazu dient, Selbstkontrolle zu entwickeln, hilft auch, diesen unangenehmen Aspekt traumatischer Erlebnisse zu reduzieren. Das Fragment „ich bin hilflos und kann nichts tun“ bekommt durch die Erfahrung zunehmender Selbstkontrolle eine andere Akzentuierung, verliert an Bedeutung. Das, was in einer Situation hilft, Einfluss zu nehmen, sich nicht hilflos zu fühlen, lässt sich vielleicht auch in einer anderen Situation einsetzen.
Wenn ich eine Situation erinnere, also bewusst wieder wachrufe, erkenne, dass ich damals vielleicht hilflos war, heute aber, jetzt gerade nicht hilflos bin, dann ist die Erinnerung nicht mehr so schlimm. Gleichzeitig wird damit eine Brücke geschlagen, die aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zurückführt.
Damit sind natürlich noch lange nicht alle Fragmente beschrieben, die bei traumatischen Erlebnissen relevant sind. Aber ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass auch Verhaltenstherapeuten, die vielleicht mit der Aufarbeitung vergangener Erfahrungen ‚gar nichts am Hut haben’, durchaus etwas tun können, um die Traumabearbeitung vorzubereiten.
Dann müssen die Betroffenen nicht noch länger damit allein bleiben. Vielleicht hilft ein kleiner Schritt in einem kleinen Fragment nur ein kleines Stück weiter.
Aber das ist doch schon etwas.
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Mittwoch, 30. Oktober 2013
Mittwoch, 16. Dezember 2009
Polizeigewalt in Dänemark
Keine schönen Bilder: dänische Polizisten schlagen auf Demonstranten ein. Mehr Einzelheiten über die Vorgänge in Dänemark rund um die Klimakonferenz finden sich in einem Artikel der ZEIT.
Bilder vom 13. Dezember: "we are peaceful, what are you?". Wir sind friedlich...
Es wäre besser gewesen, wenn der dänische Polizeichef das Angebot der Schweden angenommen hätte. Es gibt Leute, die einfach nur ihrem Anliegen Ausdruck verleihen wollen und sich deshalb an einer Demonstration beteiligen. Polizisten sollten unterscheiden können zwischen friedlichen und gewalttätigen Demonstranten. Man kann erkennen, ob sich jemand zu wehren vermag oder nicht. Knüppel einzusetzen, wenn sich jemand nicht wehren kann, das ist unehrenhaft - und lässt Zweifel an der Qualität der Ausbildung aufkommen, die die eingesetzten Kräfte hinter sich haben. Anstatt Gewalt zu begrenzen, werden Aggressionen ausgelöst - solche Methoden fördern die Gewaltbereitschaft, bergen die Gefahr von Eskalationen in sich. Solche Bilder schaden dem Ansehen Dänemarks und der dänischen Polizei, der Polizei überhaupt. Sie schaden dem Ansehen der Demokratie.
Es gab zu Recht Kritik am brutalen Einsatz der Polizei im Iran während der Demonstrationen nach der Wahl - die Bilder von Neda gingen um die Welt. Aber was in Europa geschieht, ist im Prinzip dasselbe - mit dem "Lümmelpaket" wurde den Polizisten erlaubt, gewalttätig zu sein. Mehr als ein beschämter Blick zu Boden im Angesicht der Demokratie in Europa bleibt da nicht übrig.
Inzwischen ist die Präsidentin der Klimakonferenz zurückgetreten...
Es ist heiss geworden in Kopenhagen, trotz des Winters. Das Problem dabei.... für vernünftige Entscheidungen braucht man einen kühlen Kopf.
Bilder vom 13. Dezember: "we are peaceful, what are you?". Wir sind friedlich...
Es wäre besser gewesen, wenn der dänische Polizeichef das Angebot der Schweden angenommen hätte. Es gibt Leute, die einfach nur ihrem Anliegen Ausdruck verleihen wollen und sich deshalb an einer Demonstration beteiligen. Polizisten sollten unterscheiden können zwischen friedlichen und gewalttätigen Demonstranten. Man kann erkennen, ob sich jemand zu wehren vermag oder nicht. Knüppel einzusetzen, wenn sich jemand nicht wehren kann, das ist unehrenhaft - und lässt Zweifel an der Qualität der Ausbildung aufkommen, die die eingesetzten Kräfte hinter sich haben. Anstatt Gewalt zu begrenzen, werden Aggressionen ausgelöst - solche Methoden fördern die Gewaltbereitschaft, bergen die Gefahr von Eskalationen in sich. Solche Bilder schaden dem Ansehen Dänemarks und der dänischen Polizei, der Polizei überhaupt. Sie schaden dem Ansehen der Demokratie.
Es gab zu Recht Kritik am brutalen Einsatz der Polizei im Iran während der Demonstrationen nach der Wahl - die Bilder von Neda gingen um die Welt. Aber was in Europa geschieht, ist im Prinzip dasselbe - mit dem "Lümmelpaket" wurde den Polizisten erlaubt, gewalttätig zu sein. Mehr als ein beschämter Blick zu Boden im Angesicht der Demokratie in Europa bleibt da nicht übrig.
Inzwischen ist die Präsidentin der Klimakonferenz zurückgetreten...
Es ist heiss geworden in Kopenhagen, trotz des Winters. Das Problem dabei.... für vernünftige Entscheidungen braucht man einen kühlen Kopf.
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Montag, 6. Juli 2009
Das subjektiv Indiskutable: Gedanken zur Todesstrafe
Der Begriff des "subjektiv Indiskutablen" hat eine längere Vorgeschichte... es geht hier um eine Beobachtung in Gruppendiskussionen. Es gibt Dinge, über die "man" einfach nicht diskutieren kann. Konkrete Beispiele dafür waren extreme Ansichten, radikale Meinungen oder auch grundsätzliche Positionen, von denen jemand auf keinen Fall abrücken möchte. "Indiskutabel" heisst dann: darüber diskutiere ich nicht, das lasse ich nicht in Frage stellen, oft auch: das begründe ich nicht. Manchmal lassen sich solche Positionen auch nicht begründen, scheinbar zumindest. Lässt man den Betreffenden Zeit und Raum, zeigt sich oft, dass Vorstellungen, die als indiskutabel bezeichnet werden, meist eben doch recht gut begründet sind.
Eine etwas differenziertere Betrachtung zeigt Unterschiede auf: das Indiskutable kann eine gewaltige Kommunikationsbarriere sein - muss es aber nicht. Immerhin zeigt der sprechwissenschaftliche Begriff des "begründeten Dissens" eine Möglichkeit auf, die im Alltag oft verloren geht. Man muss sich nicht einig sein, um ein Gespräch fortsetzen zu können, auch das Streiten hat sehr wohl einen Sinn, wenn es unterschiedliche Standpunkte gibt, die nie zu einem Konsens, auch nicht zu einer dialektischen Synthese führen. Möglicherweise können und dürfen unterschiedliche Standpunkte stehen bleiben, als Argumentationsgrundlage weiter existieren, eine Einigung gibt es zwar nicht, aber die Positionen sind begründet und - respektieren sich gegenseitig. Dieser gegenseitige Respekt ist ein Haltungsmoment, das dem subjektiv Indiskutablen fehlt - dort, wo andere Meinungen oder eine bestimmte Position als unhaltbar, absolut inakzeptabel bewertet werden, ist der gegenseitige Respekt nicht mehr möglich. Und damit auch eine sachliche Auseinandersetzung kaum noch vorstellbar. Standpunkte, die in den Bereich des subjektiv Indiskutablen fallen, sind Kommunikationsbarrieren, lösen Brüche und Trennungen aus, zeigen sich als emotionale (oft heftige) Reaktion, Rückzug, Kontaktabbrüche usw. Solche Bereiche für sich selbst zu klären scheint mir sehr wertvoll - denn es ermöglicht eine Erklärung, auch wenn sie nur darin besteht, eine bestimmte Position als indiskutabel zu markieren. Tut mir leid (oder auch nicht), aber darüber kann ich und will ich nicht diskutieren. Für den oder die andere(n) wird dann zumindest erkennbar, dass hier ein heikler Punkt erreicht ist, auf dem man nicht unbedingt "herumreiten" muss. Unter Umständen geht es aber doch um ein wichtiges Thema, das nicht "unter den Teppich gekehrt" werden kann, ohne einen Riss in den sozialen Beziehungen zu hinterlassen. Und dann?
Bleibt die Frage, ob und inwieweit die Möglichkeit besteht, das Indiskutable eben doch "disponibel" zu machen, will heissen, "verfügbar" und damit "besprechbar" (was nicht automatisch auch "verhandelbar" bedeutet) zu machen. Wie das gehen soll? Da gibt es etwas, das ich nicht akzeptieren kann. Diese Aussage führe ich einmal probeweise weiter: da gibt es etwas, das ich nicht akzeptieren kann, weil...
Es dauert vielleicht seine Zeit, auf die Frage nach dem "weil..." Antworten zu finden.
Vielleicht gab es einmal eine Zeit intensiven Nachdenkens und Abwägens, bis ein bestimmter Standpunkt "bezogen" war und zu einer klaren Auffassung wurde. All diese Überlegungen einfach so über Bord zu werfen ist nicht leicht. Es kann erklären, warum manche Standpunkte verfestigt sind und nicht gerne aufgegeben werden - weil es eben in ihrer Entstehungsgeschichte schwerwiegende Gründe gab, die eine bestimmte Schlussfolgerung nahe legten. Das Anliegen zur Klärung des je eigenen Bereichs subjektiv indiskutabler Standpunkte hat aber noch einen weiteren Aspekt: die kritische Prüfung, die erneute Reflexion eines Standpunkts, das neue Infragestellen (auch wenn es nur als "Selbstgespräch" stattfindet) kann diese Gründe (wieder) bewusst machen, sie erneut bestätigen oder auch ergänzen, modfizieren, aktualisieren. Vielleicht auch revidieren.
Lange genug ging es jetzt um den heißen Brei herum: aufgeschreckt durch die Kontroverse um die Todesstrafe bleibt also die persönliche Standpunktklärung, die (soweit bin ich inzwischen vorgedrungen) für mich nicht mehr in den Bereich des subjektiv Indiskutablen gehört. Also: ich bin gegen die Todesstrafe, und die Begründung besteht in einem ethischen Prinzip. Wenn ich menschliches Leben "an sich" für wertvoll einschätze, kann ich Tötung und Mord, ob absichtlich oder fahrlässig, nicht befürworten.
Die Todesstrafe für Menschen zu fordern, die eine andere Meinung vertreten (wie kürzlich im Iran gefordert) - das ist eine Haltung, die für mich nun wirklich indiskutabel ist.
Stoff zum Nachdenken lieferte mir der Film "Die Jury" - es geht dabei um einen schwarzen Amerikaner, der zwei weisse Männer erschiesst, die seine Tochter missbraucht und getötet haben. Am Ende wird er frei gesprochen. Darüber kann man sich streiten - denn das Recht auf Selbstjustiz ist eine sehr problematische Angelegenheit. Und Mord ist Mord. Trotzdem ging es mir wohl so wie den meisten anderen - am Ende ist das "just world motive" zufrieden, die Gerechtigkeit scheint durch den Freispruch wieder hergestellt. Die Hintergründe machen die Morde aus Rache nachvollziehbar, verständlich.
Eine wichtige Erkenntnis hängt an dieser Geschichte: Verstehen und Einverständnis sind verschiedene Dinge, verstehen heisst nicht auch "einverstanden sein". "Sie haben den Tod verdient" - das ist eine zentrale, legitierende Aussage in diesem Film. Nur - wer urteilt darüber, wer in welcher Situation unter welchen Bedingungen für welche Tat (vorausgesetzt, sie wurde auch wirklich begangen) den Tod verdient hat? Da gab es einen, der ein Attentat vorbereitete, einen Mord plante, sich daran ernsthaft beteiligen wollte, einen Menschen umzubringen. Einen, der selbst Pfarrer war und die Bergpredigt lehrte. Einen, der angesichts dessen, was sein Staatsoberhaupt tat und plante, nur noch den Weg sah, "dem Bösen in die Arme zu greifen". Dieser Mensch, den ich da meine, war Dietrich Bonhoeffer, seine Gedanken über die Beteiligung am Attentatsversuch auf Adolf Hitler wird in seinem Buch "Widerstand und Ergebung" beschrieben. Für ihn blieb es aber dennoch ein "Weg durch die Schuld". Legitimieren und moralisch rechtfertigen wollte er den geplanten Mord also dennoch nicht.
Standpunktklärung: das Thema "Todesstrafe" ist ein weites Feld, es geht auch um Gewalt, um Werte, um Prinzipien, um Recht, Philosophie und Religion, um Straftaten verschiedener Ausprägung, um viele Einzelfragen, die im Grunde fein säuberlich voneinander getrennt werden müssten. Wenigstens. wenn eine sachliche Auseinandersetzung möglich werden und bleiben soll, in der die Gefühle, die zweifellos ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, ebenso zu "ihrem Recht" (in mehrfacher Hinsicht) kommen können.
Verstehen lässt sich das Bedürfnis, die eigene Familie zu schützen, verstehen lässt sich auch das Motiv der Gerechtigkeit, verstehen lässt sich das Bedürfnis, Rache zu nehmen. Verstehen lässt sich aber auch der Hintergrund, der gegen die Todesstrafe spricht. Wer über andere richtet, sie zum Tod verurteilt, handelt zumindest partiell nach denselben Prinzipien wie jene, die einen Mord begehen. Sie nehmen sich das Recht, über das Leben anderer Menschen zu entscheiden. Todesstrafe bedeutet, zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht - eine höchst fragwürdige Angelegenheit.
Es gibt noch einen Aspekt, der nachdenklich stimmt... die Frage nach der "Rehabilitationsfähigkeit". Menschen können sich ändern, Straffälligkeit muss kein "lebenslanges Schicksal" sein. Dort aber, wo sich eine dissoziale Persönlichkeitsstörung zeigt, wo die Einsicht fehlt, damit auch die Bereitschaft zur Veränderung und einer gründlichen Psychotherapie nicht gegeben ist, steht das Recht des Einzelnen gegen das Recht der Öffentlichkeit. Dort bleibt nur, wenn man für die Todesstrafe nicht plädieren will, eine lange Haftstrafe - zum Schutz der anderen. Und - es bleibt die Skepsis, die aus der praktischen Unmöglichkeit resultiert, sichere Aussagen über die Wahrscheinlichkeit neuer Straftaten zu machen.
Die Vorstellung "wer einmal missbraucht, vergewaltigt oder tötet, wird es wieder tun" ist zwar im Prinzip falsch - bei Persönlichkeitsstörungen sieht die Angelegenheit aber etwas anders aus. Als Argument gegen die Todesstrafe kommt also der Gedanke hinzu, die Chance zu einer Korrektur der Lebensführung zu lassen - wohl wissend, dass nicht alle diese Chance nutzen können und nutzen werden.
Trotz allem - die Achtung vor dem menschlichen Leben lässt sich nicht glaubwürdig vermitteln, wenn auch nur an irgendeiner Stelle für die Todesstrafe plädiert wird. Es geht nicht um ein Entschuldigen, Verhätscheln oder Gesundbeten: bei allem, was sich diskutieren lässt und sicher immer wieder einmal auch sinnvollerweise diskutiert werden sollte, bleibt die Frage nach grundsätzlichen Prinzipien im Hintergrund. Dort, wo sich nur eine Erkenntnisentscheidung treffen lässt, lässt sich der Begründungsgang nicht unendlich weit zurückführen.
Aus jahrelangem Nachdenken über das Phänomen Konfliktfähigkeit blieb die Vorstellung zentral, dass Konfliktfähigkeit und Gewaltanwendung nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das ist eine Setzung, kein Theorieaspekt, der sich empirisch belegen liesse. Ein Grundgedanke, der unter anderem klar und deutlich gegen die Todesstrafe spricht.
Denn dort, wo Menschen sich einseitig oder gegenseitig Gewalt antun, sind sie miteinander und aneinander gescheitert.
Eine etwas differenziertere Betrachtung zeigt Unterschiede auf: das Indiskutable kann eine gewaltige Kommunikationsbarriere sein - muss es aber nicht. Immerhin zeigt der sprechwissenschaftliche Begriff des "begründeten Dissens" eine Möglichkeit auf, die im Alltag oft verloren geht. Man muss sich nicht einig sein, um ein Gespräch fortsetzen zu können, auch das Streiten hat sehr wohl einen Sinn, wenn es unterschiedliche Standpunkte gibt, die nie zu einem Konsens, auch nicht zu einer dialektischen Synthese führen. Möglicherweise können und dürfen unterschiedliche Standpunkte stehen bleiben, als Argumentationsgrundlage weiter existieren, eine Einigung gibt es zwar nicht, aber die Positionen sind begründet und - respektieren sich gegenseitig. Dieser gegenseitige Respekt ist ein Haltungsmoment, das dem subjektiv Indiskutablen fehlt - dort, wo andere Meinungen oder eine bestimmte Position als unhaltbar, absolut inakzeptabel bewertet werden, ist der gegenseitige Respekt nicht mehr möglich. Und damit auch eine sachliche Auseinandersetzung kaum noch vorstellbar. Standpunkte, die in den Bereich des subjektiv Indiskutablen fallen, sind Kommunikationsbarrieren, lösen Brüche und Trennungen aus, zeigen sich als emotionale (oft heftige) Reaktion, Rückzug, Kontaktabbrüche usw. Solche Bereiche für sich selbst zu klären scheint mir sehr wertvoll - denn es ermöglicht eine Erklärung, auch wenn sie nur darin besteht, eine bestimmte Position als indiskutabel zu markieren. Tut mir leid (oder auch nicht), aber darüber kann ich und will ich nicht diskutieren. Für den oder die andere(n) wird dann zumindest erkennbar, dass hier ein heikler Punkt erreicht ist, auf dem man nicht unbedingt "herumreiten" muss. Unter Umständen geht es aber doch um ein wichtiges Thema, das nicht "unter den Teppich gekehrt" werden kann, ohne einen Riss in den sozialen Beziehungen zu hinterlassen. Und dann?
Bleibt die Frage, ob und inwieweit die Möglichkeit besteht, das Indiskutable eben doch "disponibel" zu machen, will heissen, "verfügbar" und damit "besprechbar" (was nicht automatisch auch "verhandelbar" bedeutet) zu machen. Wie das gehen soll? Da gibt es etwas, das ich nicht akzeptieren kann. Diese Aussage führe ich einmal probeweise weiter: da gibt es etwas, das ich nicht akzeptieren kann, weil...
Es dauert vielleicht seine Zeit, auf die Frage nach dem "weil..." Antworten zu finden.
Vielleicht gab es einmal eine Zeit intensiven Nachdenkens und Abwägens, bis ein bestimmter Standpunkt "bezogen" war und zu einer klaren Auffassung wurde. All diese Überlegungen einfach so über Bord zu werfen ist nicht leicht. Es kann erklären, warum manche Standpunkte verfestigt sind und nicht gerne aufgegeben werden - weil es eben in ihrer Entstehungsgeschichte schwerwiegende Gründe gab, die eine bestimmte Schlussfolgerung nahe legten. Das Anliegen zur Klärung des je eigenen Bereichs subjektiv indiskutabler Standpunkte hat aber noch einen weiteren Aspekt: die kritische Prüfung, die erneute Reflexion eines Standpunkts, das neue Infragestellen (auch wenn es nur als "Selbstgespräch" stattfindet) kann diese Gründe (wieder) bewusst machen, sie erneut bestätigen oder auch ergänzen, modfizieren, aktualisieren. Vielleicht auch revidieren.
Lange genug ging es jetzt um den heißen Brei herum: aufgeschreckt durch die Kontroverse um die Todesstrafe bleibt also die persönliche Standpunktklärung, die (soweit bin ich inzwischen vorgedrungen) für mich nicht mehr in den Bereich des subjektiv Indiskutablen gehört. Also: ich bin gegen die Todesstrafe, und die Begründung besteht in einem ethischen Prinzip. Wenn ich menschliches Leben "an sich" für wertvoll einschätze, kann ich Tötung und Mord, ob absichtlich oder fahrlässig, nicht befürworten.
Die Todesstrafe für Menschen zu fordern, die eine andere Meinung vertreten (wie kürzlich im Iran gefordert) - das ist eine Haltung, die für mich nun wirklich indiskutabel ist.
Stoff zum Nachdenken lieferte mir der Film "Die Jury" - es geht dabei um einen schwarzen Amerikaner, der zwei weisse Männer erschiesst, die seine Tochter missbraucht und getötet haben. Am Ende wird er frei gesprochen. Darüber kann man sich streiten - denn das Recht auf Selbstjustiz ist eine sehr problematische Angelegenheit. Und Mord ist Mord. Trotzdem ging es mir wohl so wie den meisten anderen - am Ende ist das "just world motive" zufrieden, die Gerechtigkeit scheint durch den Freispruch wieder hergestellt. Die Hintergründe machen die Morde aus Rache nachvollziehbar, verständlich.
Eine wichtige Erkenntnis hängt an dieser Geschichte: Verstehen und Einverständnis sind verschiedene Dinge, verstehen heisst nicht auch "einverstanden sein". "Sie haben den Tod verdient" - das ist eine zentrale, legitierende Aussage in diesem Film. Nur - wer urteilt darüber, wer in welcher Situation unter welchen Bedingungen für welche Tat (vorausgesetzt, sie wurde auch wirklich begangen) den Tod verdient hat? Da gab es einen, der ein Attentat vorbereitete, einen Mord plante, sich daran ernsthaft beteiligen wollte, einen Menschen umzubringen. Einen, der selbst Pfarrer war und die Bergpredigt lehrte. Einen, der angesichts dessen, was sein Staatsoberhaupt tat und plante, nur noch den Weg sah, "dem Bösen in die Arme zu greifen". Dieser Mensch, den ich da meine, war Dietrich Bonhoeffer, seine Gedanken über die Beteiligung am Attentatsversuch auf Adolf Hitler wird in seinem Buch "Widerstand und Ergebung" beschrieben. Für ihn blieb es aber dennoch ein "Weg durch die Schuld". Legitimieren und moralisch rechtfertigen wollte er den geplanten Mord also dennoch nicht.
Standpunktklärung: das Thema "Todesstrafe" ist ein weites Feld, es geht auch um Gewalt, um Werte, um Prinzipien, um Recht, Philosophie und Religion, um Straftaten verschiedener Ausprägung, um viele Einzelfragen, die im Grunde fein säuberlich voneinander getrennt werden müssten. Wenigstens. wenn eine sachliche Auseinandersetzung möglich werden und bleiben soll, in der die Gefühle, die zweifellos ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, ebenso zu "ihrem Recht" (in mehrfacher Hinsicht) kommen können.
Verstehen lässt sich das Bedürfnis, die eigene Familie zu schützen, verstehen lässt sich auch das Motiv der Gerechtigkeit, verstehen lässt sich das Bedürfnis, Rache zu nehmen. Verstehen lässt sich aber auch der Hintergrund, der gegen die Todesstrafe spricht. Wer über andere richtet, sie zum Tod verurteilt, handelt zumindest partiell nach denselben Prinzipien wie jene, die einen Mord begehen. Sie nehmen sich das Recht, über das Leben anderer Menschen zu entscheiden. Todesstrafe bedeutet, zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht - eine höchst fragwürdige Angelegenheit.
Es gibt noch einen Aspekt, der nachdenklich stimmt... die Frage nach der "Rehabilitationsfähigkeit". Menschen können sich ändern, Straffälligkeit muss kein "lebenslanges Schicksal" sein. Dort aber, wo sich eine dissoziale Persönlichkeitsstörung zeigt, wo die Einsicht fehlt, damit auch die Bereitschaft zur Veränderung und einer gründlichen Psychotherapie nicht gegeben ist, steht das Recht des Einzelnen gegen das Recht der Öffentlichkeit. Dort bleibt nur, wenn man für die Todesstrafe nicht plädieren will, eine lange Haftstrafe - zum Schutz der anderen. Und - es bleibt die Skepsis, die aus der praktischen Unmöglichkeit resultiert, sichere Aussagen über die Wahrscheinlichkeit neuer Straftaten zu machen.
Die Vorstellung "wer einmal missbraucht, vergewaltigt oder tötet, wird es wieder tun" ist zwar im Prinzip falsch - bei Persönlichkeitsstörungen sieht die Angelegenheit aber etwas anders aus. Als Argument gegen die Todesstrafe kommt also der Gedanke hinzu, die Chance zu einer Korrektur der Lebensführung zu lassen - wohl wissend, dass nicht alle diese Chance nutzen können und nutzen werden.
Trotz allem - die Achtung vor dem menschlichen Leben lässt sich nicht glaubwürdig vermitteln, wenn auch nur an irgendeiner Stelle für die Todesstrafe plädiert wird. Es geht nicht um ein Entschuldigen, Verhätscheln oder Gesundbeten: bei allem, was sich diskutieren lässt und sicher immer wieder einmal auch sinnvollerweise diskutiert werden sollte, bleibt die Frage nach grundsätzlichen Prinzipien im Hintergrund. Dort, wo sich nur eine Erkenntnisentscheidung treffen lässt, lässt sich der Begründungsgang nicht unendlich weit zurückführen.
Aus jahrelangem Nachdenken über das Phänomen Konfliktfähigkeit blieb die Vorstellung zentral, dass Konfliktfähigkeit und Gewaltanwendung nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das ist eine Setzung, kein Theorieaspekt, der sich empirisch belegen liesse. Ein Grundgedanke, der unter anderem klar und deutlich gegen die Todesstrafe spricht.
Denn dort, wo Menschen sich einseitig oder gegenseitig Gewalt antun, sind sie miteinander und aneinander gescheitert.
Dienstag, 30. Juni 2009
Die Panzerknacker von Crailsheim
Also, dees isch wohl echt a bissle domm gloffa. Oiner hat emol a Schloss uffglasse, des hätt mr bloss verdräha missa. Isch halt vrgessa worda. On jetzt... fählat halt a paar Pischdole aus em Ratheisle. En Crailsheim. Also... net dass do jetzt Oiner uff dia Idee kommt, Amok z'laufe...
Des kann aber au en Trick gwäsa sei... die Schwoba sen nämlich schlau. Dr Schlissel war zwar em Schublädle... aber wer woiss, vielleicht war Mercurochrom druff?
Sicher isch emol: wer Amok laufe will, muss erschtemol bei dr Polizei vorbeikomma. Dann senn schomal die Fengerabdrick do, ohne dass mr mit emma deira Mercedes viele Kilometer faare muss. Benzin koscht schließlich au Geld. Dees vom Steierzahlr. On spare missa mr doch au...
So. On jetzt verrote mr no den nägschde Trick: des Zahleschloss isch wiedr verdräht. On die nägschde Panzerknacker, die Amok laufa wellat - die nemma mr dann feschd. Im Korbus delikti mensa policiae flagranti. Der Korb... der isch em Schrank. Damit en koiner glaut.
Des glaubt jetzt widr koi Mensch... also: wer bloss glaubt, was er sieht... DO GUGGSCH...
Des kann aber au en Trick gwäsa sei... die Schwoba sen nämlich schlau. Dr Schlissel war zwar em Schublädle... aber wer woiss, vielleicht war Mercurochrom druff?
Sicher isch emol: wer Amok laufe will, muss erschtemol bei dr Polizei vorbeikomma. Dann senn schomal die Fengerabdrick do, ohne dass mr mit emma deira Mercedes viele Kilometer faare muss. Benzin koscht schließlich au Geld. Dees vom Steierzahlr. On spare missa mr doch au...
So. On jetzt verrote mr no den nägschde Trick: des Zahleschloss isch wiedr verdräht. On die nägschde Panzerknacker, die Amok laufa wellat - die nemma mr dann feschd. Im Korbus delikti mensa policiae flagranti. Der Korb... der isch em Schrank. Damit en koiner glaut.
Des glaubt jetzt widr koi Mensch... also: wer bloss glaubt, was er sieht... DO GUGGSCH...
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