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Sprache des Erlebens

Eine Erfahrung, die für Psychotherapeuten nicht ganz ungewöhnlich sein dürfte ist, dass sich viele Menschen sehr schwer damit tun, ihr inneres Erleben zu beschreiben. Es fehlen die Worte, es fehlen die Worte, manchmal gar das Verständnis dafür, worum es in der Psychotherapie wirklich geht. Es ist immer noch keinesfalls selbstverständlich, zwischen Psychologie und Medizin unterscheiden zu können, zu begreifen, dass Psychologie nicht einfach eine Teildisziplin der Medizin ist, nicht alle, die als ‚Psychologen’ bezeichnet werden, auch wirklich welche sind. Wenn jemand die Medikamente aufzählt, die die ‚Psychologin’ verschrieben hat, wird das schnell ersichtlich – denn so wie es im Moment (noch?) aussieht, dürfen Psychologen gar keine Medikamente verschreiben, es sei denn, sie sind gleichzeitig Ärzte. Oder Ärztin natürlich.
Gewisse Ähnlichkeiten bestehen gelegentlich mit Mr. Spock (für Unkundige: der Wissenschaftsoffizier aus der alten Reihe ‚Raumschiff’ Enterprise, ein spitzohriger Vulkanier, der die Menschen unvernünftig findet und alles aus der Perspektive der Logik betrachtet). In einem Film fragt ihn eine Computerstimme: „wie fühlen Sie sich?“. Und er antwortet: „ich verstehe die Frage nicht“.

Damit beginnt das Problem, das Problem ‚geschieht’. Vielmehr: es ‚geschieht’ eben nicht, weil die Sprache für das innere Erleben, das mit der Frage nach den Gefühlen angesprochen ist, verarmt ist oder scheinbar gänzlich fehlt. Dabei muss es sich nicht gleich um Alexithymie handeln, der ‚Unfähigkeit, Gefühle zu lesen’, vielleicht ist es einfach nur ungewohnt, nicht erlernt. Und vielleicht auch eine Grenze, die uns die Sprache überhaupt nahe legt. Oberflächlich betrachtet. Genau besehen gibt es tatsächlich eine Fülle von durchaus alltäglichen Formulierungen, die Erlebnisse beschreiben. Ich glaube und hoffe, dass die Beschäftigung mit solchen Formulierungen auch dann weiter helfen kann, wenn es um eine zunächst rein sprachliche Betrachtung geht. Letzten Endes aber geht es um die Entwicklung einer Fähigkeit – der Fähigkeit, inneres Erleben ‚zur Sprache zu bringen’. Womit vorausgesetzt wird, dass das Erlebte auch erlebt werden kann und eben eine gewisse Übung erforderlich ist, um passende Worte und Formulierungen auch wirklich zu finden. Bringen wir dabei nun die Sprache zum Erleben oder das Erleben zur Sprache? Vielleicht ist es beides, in einem Prozess der inneren Überprüfung lässt sich entwickeln, welche Formulierung am besten passt.

So zeigt sich dann das Therapeutische im Anbieten von Formulierungen, im Tasten nach Worten, die vielleicht das wiedergeben können, was die Erlebenden selbst nicht in Worte fassen können. Oder noch nicht. Auch wenn es nur ungefähr passt, ist ein Schritt getan, der sich dann weiter ausbauen lässt.

„Da belastet mich etwas“. Das ist ein sehr vorsichtiger Anfang, der deshalb Sinn macht, weil das Gespräch über das, was ‚in Ordnung ist’, keinen Anlass für Psychotherapie mit sich bringt. Da ist irgendetwas schwierig, oder: da gibt es einen Punkt, an dem ich nicht weiter komme oder nicht weiter weiß… Solche Aussagenfragmente können ein Ansatz sein, von dem aus weiter gefragt werden kann. Was es denn nun ist, das schwierig ist, wie denn der Punkt zu beschreiben ist, an dem es nicht weiter zu gehen scheint.  Eine solche Situation kann sehr unangenehm sein, unbehaglich, und das ist auch ein Erlebnismoment. Als Erklärung beziehungsweise Begründung, warum es manchen wohl so schwer fällt, ihr inneres Erleben zu beschreiben, möchte ich einen neuen Begriff einführen, der ebenfalls ein Erlebnismoment ist, aber kaum direkt ausgesprochen wird. Erlebnisangst. Was bedeutet: ich habe Angst davor, mich mit meinem inneren Erleben zu beschäftigen, weil das unangenehm werden könnte, weil dabei vielleicht etwas zutage tritt, das mir gar nicht gefällt.

Dort aber, wo es schier unmöglich ist, das eigene Erleben zu beschreiben, drängt sich die Frage auf, ob der oder die Betreffende überhaupt noch am Leben ist – psychisch am Leben, meine ich damit. Denn gerade das Erleben ist der Ort, an dem das Leben sich seiner Lebendigkeit bewusst zu werden vermag. Wer sich davor fürchtet, reduziert das je eigene Potential im Grunde auf eine Ebene des mechanischen Funktionierens, eine Ebene, die noch unter der Erlebnisfähigkeit eines Tieres liegt.  Hunde beispielsweise können erstaunliche  gruppendynamische Kompetenzen entwickeln, spüren, wenn irgendwo „dicke Luft“ ist, unruhig werden oder sich zurückziehen. Leider fehlt ihnen die Fähigkeit, sich dabei mit klaren Worten verständlich zu machen – aber sie erleben etwas und reagieren darauf. Das gemeinsame Element, das „Reagieren auf etwas aufgrund des inneren Erlebens“, ist ebenfalls ein indirekter Zugang zum Erleben.  Extraverbale Kommunikation (die landläufig als ‚Körpersprache’ bezeichnete Art, sich mit anderen zu verständigen)  deutet auf bestimmte Erlebnismomente, bleibt dabei aber potentiell immer dem Missverstehenkönnen ausgesetzt, denn eine Reaktion wie „Weggehen“ kann aus einem „Sich-Unwohl-Fühlen“ ebenso entstehen wie aus einem Termin, der dringend erscheint – auch wenn der Wunsch, zu bleiben, recht stark sein mag.

Genau dort liegt ein starkes Argument, sich mit der Sprache des Erlebens zu beschäftigen – denn dort, wo sich das innere Erleben nicht klar und eindeutig aus Verhaltensweisen, Äußerlichkeiten und Reaktionen ableiten lässt, bedeutet „sich mit dem eigenen Erleben zur Sprache bringen können“ auch: zumindest die Chance zu haben, verstanden zu werden.  Und: die Chance zu haben, sich selbst ein kleines bisschen besser zu verstehen.

Sprachgefängnisse


nicht jedem wort kann es gelingen,
dass es den weg zur freiheit schafft
stumm sind die, die nie erklingen
gefangen in der sagenhaft

nicht jedes wort zu jeder zeit
entspricht dem bild der menschlichkeit
verleiht stattdessen tieren kraft
man spricht hier auch von fabelhaft

doch worte sind nicht nur geknebelt
sie werden ab und zu vernebelt
zum verständnis eine lücke klafft
der sinn gerät in schleierhaft

erscheint die wahrheit gar zu wild
nicht wirklich plastisch, wird ein bild
zum mittel, das komplexes rafft
den sinnen näher ist bildhaft

hörbar ist auch, wenn fehlen stücke
ganz unsinnhaft wird sinn zur tücke
die teile sind verkürzt, gestrafft
umfassendes in lückenhaft

so manches, was dem wort anhaftet
scheint selbstverständlich, einerlei
ob der sinn das nun verkraftet
beschränkt ist eben nicht ganz frei

* 

Kurzspra Einführ

Di Kurzsprach ha di Eigschaf, da jewei am End etwa fe. Ab al Üb is da ga interess, wei ma überprü ka, ob ei Tex trotz versta wer ka. Sol Üb für de Gei beu übrig den Abbauproz im Alte vor. Au son ka da gan lusti sei, zwischendu die grau Zell im Hirn etwa zu strapazie. Wer rast, der rost, sa ein Sprichwo. Immerhi dürft es interess sei, herauszufi, wievie ma vo ein verstümmel Tex noch versteh. So bekomm ma ein Gefüh, wie automati das Le geword is. Und es zei si, dass wir ni Buchstab fü Buchstab zu Kennt nehm, son glei gan Wört. Wenn ab di letzt Silb im Grund überflü is, dann fra man si, wofü si eigentli da is. Wieivi Zeit könnt ma spa, we ma öfte ma di letzt Silb weglass würd? In manche Dialek wi das gemach. Un trotzde ka man es versteh. Mi etwa Üb viellei. Od is da ein Fra der Ästheti? Di Kurzspra könnt ein Hilf sei, we ma twitt wi un weni Zeich zur Verfüg ha. Da ge alle kürz. Ab ob da alle versteh, da i die Fra. Auf jed Fa is es ni zu empfehl, die Kurzspra in de Schul fü Aufsätz zu verwend. Da gi bestimm viel rot Markier, als vie Fehl. Ab zu Glü sin wi ja ni imm in de Schul.
Wokämwidaauhi?
*

der Sprach tut not


der sprach tut not
gedacht zu werden
der sprach tut not
gesproch zu werden

die end verschluck
gar seltsam guck
weil kaum versteh
was jetzt gescheh

das wort nicht end
wie man es kennt
zur falt der sorg
man sich besorg

fix und behend
ein neues end
damit der sprach
nicht etwas fehl

mit müh man sich
durch worte quäl
beim les und hör
den sinn wegstehl

*

Sprache, Wissenschaft und Erkenntnis

Denken ist nicht nur sprachliches Denken, aber Wissenschaft teilt sich über die Sprache mit. Nicht ausschließlich, denn Symbole, Zeichen, Formeln, Grafiken, Bilder und Gegenstände können ebenfalls in diesem Prozess eine Rolle spielen, wenn es um die Darstellung von Erkenntnissen geht. Was sich mit Worten nicht oder schlecht ausdrücken lässt, weil es eine umfangreiche Beschreibung erfordern würde, kann mit einem Bild deutlicher werden.
Die Sprache hat aber noch eine andere Bedeutung - als Bemühen, etwas zur Sprache zu bringen, wird Wissenschaft immer wieder zu einem Prozess, in dem neue Themen auftauchen, neue Begriffe bislang Unsagbares zum Gegenstand wissenschaftlicher und alltäglicher Forschung und Kommunikation machen. Der Sinn eines sprechenden Knochens lässt sich dem neuzeitlichen Catweazle nur erläutern, wenn man den Begriff "Telefon" kennt. Der Kerngedanke ist leicht zu verstehen. Wissenschaft kann, soll und muss sich auch um die Sprache bemühen.

Dabei stehen manche Wissenschaften vor einem besonderen Problem. In der Welt der Bits und Bytes hat man sich daran gewöhnt, dass immer wieder neue Begriffe auftauchen, die bislang unbekannt waren. Wer sie nicht kennt, steht also vor der Wahl, entweder nicht mitreden zu können, oder eben nachzufragen bzw. nachzuschlagen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Auf die Idee, einen Begriff zu ergoogeln, den man doch kennt und mit einer bestimmten Bedeutung verbindet, kommen dagegen nur wenige.

Geht es um Psychologie, um einen Gegenstand, der wir doch schließlich alle selbst sind, scheint so manches unmittelbar verständlich oder auch unsinnig, das in Begriffen der Alltagssprache irgendwie unmittelbar Zugängliches oder Erfahrbares in ungewohnte Zusammenhänge stellt. Leicht wird dabei übersehen, dass ein bestimmter Begriff in einer Fachsprache eine ganz andere Bedeutung haben kann, schlimmer noch, dass dieser Begriff innerhalb eines Faches oft mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird.

Diese potentielle Missverständlichkeit lässt sich mit einem skeptischen Blick auf Wittgenstein durch die Untersuchung der Sprache sicher nicht ein für allemal aus der Welt schaffen, aber entschärfen, reduzieren, klären. Einfach indem Begriffe geklärt, klar definiert und entweder als Konsens in den Kanon der Wissenschaft aufgenommen oder in seiner Bedeutungsvielfalt transparent gemacht wird. So einfach ist es nicht zu bestimmen, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte - eine eindeutige Definition erleichtert zwar so manches.
Eine neue Bedeutungskomponente kann aber auch ein Erkenntnisfortschritt bedeuten und sei es auch nur als anregende Frage, die Denkbewegungen und Forschungsansätze auszulösen vermag.

Erkenntnis mag sich anbahnen auf einer Ebene, die noch nicht die Worte und Formulierungen kennt, die einen Sachverhalt beschreiben - aber erst in der Sprache findet sie den Ort, von dem aus sie sich mitteilen kann. Und dort erst lässt sich - vielleicht - klären, ob das, was sich Erkenntnis nennt, Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen darf, korrigiert, modifiziert oder falsifiziert der Sammlung bekannter Irrtümer zuzuordnen ist.

Wirklich fruchtbar im Sinne des Erkennens wird Wissenschaft nicht dort, wo sie etwas feststellt und darauf beharrt - sondern dort, wo sie Fragen aufwirft, zum Mitdenken und Weiterdenken einlädt.

*

Zur Kritik an Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus

Die Welt ist alles, was der Fall ist
wenn es der Fall ist, das die Welt ist
dann ist im Falle, dass die Welt ist
eben das Sein der Welt auch der Fall


Wie kann aber der Fall, dass die Welt ist,
als Aussage über die Welt
Bestandteil dessen sein, worüber etwas ausgesagt ist
wenn die Welt doch alles ist, was der Fall ist?


Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen.
Ludwig Wittgenstein und Raimund Popper mochten sich wohl nicht besonders... das ist ein Sachverhalt. Eine Verbindung hat es wohl gegeben... aber ob die beiden wohl glücklich gewesen, hätte man sie beide als Gegenstände bezeichnet?


Dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.
Okay, vielleicht geht sie ja nicht auf... trotzdem, so aus Erfahrung, möchte ich die Hypothese wagen: es ist verflixt wahrscheinlich, dass sie morgen aufgeht. Wenn nicht, bleibt es eben dunkel. Aber selbst dann wäre meine Hypothese nicht falsifiziert... aber nein, das war jetzt Popper...


Die Welt ist unabhängig von meinem Willen.
Wenn sich das alle Politiker zu Herzen nehmen würden... würde keiner mehr etwas tun.
Also bitte: falls es jemandem in den Sinn kommen sollte, den Müll nach unten zu tragen oder ein Bild an der Wand aufzuhängen, dann hat das keinen Sinn, so etwas zu wollen. Die Welt ist unabhängig davon.


Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.
Ich stelle eine Frage, habe aber keine Antwort. Andere auch nicht. Alle sagen: "keine Ahnung". Eine Antwort ist das schon, aber beantwortet ist die Frage dann eben doch nicht. Im Prinzip könnte ich eine Frage stellen und sie an Ludwig Wittgenstein richten. Aber ich fürchte, er wird mir nicht antworten.


Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Manche Menschen haben schlimme Dinge erlebt und es fällt ihnen schwer, darüber zu sprechen. Aber sie können etwas darüber schreiben. Schweigen im Sinne von 'sich nicht äußern' müssen sie also nicht.


Tut mir aufrichtig leid... da gibt es viele Fragwürdigkeiten und Schwachpunkte. Dass sich Probleme auflösen, wenn man nur die Sprache zerpflückt... schön wär's.


Andere Leute haben sich viel ausführlicher und fundierter mit Ludwig Wittgenstein beschäftigt. An dieser Stelle möchte ich auf Peter Möller verweisen. Links zu seinen Texten begrüßt er (so steht's auf seiner Seite), also füge ich hier den Link zu seiner Kritik an Wittgenstein ein.


*

Die Sprache und das Sein


Da fragt man sich, wie kann das sein?
Ist Sprache schon Beleg fürs Sein?
Kann Sprache auch was andres sein?
Kann das, was ist, auch anders sein?

Das Sein der Sprache ist schon da
denn ohne Sprache wär das Sein nicht da
das Sein könnt' sprachlos gar nicht sein...
aber es könnt' auch anders sein!

Ist ohne Sprache denn nur Nichts?
Verborgen bloss nur mangels Lichts?
So steh ich sprachlos vor dem Sein
am Ende des Gedichts


*

Zuschreiben und zusprechen

Man schreibt sich selbst etwas zu und spricht anderen etwas ab - spricht andere an und schreibt sich selbst ab. Dinge kann man auf- und abschreiben, auf- und absagen, aber was 'aufsprechen' bedeuten soll, ist ein Geheimnis. Aufschreiben kann man sich selbst irgendwie auch nicht - auch hier ist eine Lücke in der Symmetrie, die Fragen nach den Anomalien der Sprache und ihren Bedeutungen aufwirft. Das Zuschreiben geschieht ohne Stift, das Abschreiben des Selbst ist möglich, obwohl das Selbst nicht aus Worten besteht. Das Wörtliche, einen Vorgang Beschreibende mischt sich mit Metaphern, die bildhaft jenem Vorgang entlehnt sind...

Und manchmal wird erst beim Aufschreiben deutlich, was an Unsagbarem im Ausgesprochenen dem einen oder der anderen notwendigerweise in seinem Sinn verborgen bleiben muss.

*

cross and cline

wa rumschrei
pt mannim toi tschencross
untklein wa rumtrennt
mandieh sil benauf
imle bennie komm
teiner drauf

dersin maxich
wolverän
dern wa
rumsonst
machtmann
sichdimü


* 

Zoom-Room: Bilder und Sprache




Wie funktioniert denn das jetzt wieder? Ohne Vorwarnung war ich in diesem Raum gelandet und fand um mich herum viele Bilder, plastisch, dreidimensional, aber ohne erkennbaren Zusammenhang. Wenigstens gab es keine einheitliche Szene. Ein kleines Pult stand vor mir und kleine Kabel waren an meinem Kopf befestigt. Wer und warum mir diese Dinger angeklebt hatte, daran konnte ich mich nicht erinnern.
"Da kann man ja glatt den Boden unter den Füssen verlieren", dachte ich und staunte über das, was geschah... plötzlich schien ich in der Luft zu schweben, samt Pult wohlgemerkt, ahnte aber schnell, dass es eine Illusion sein musste. Bildhaft und unmittelbar hatte dieses seltsame Gerät mir sichtbar "den Boden weggezogen". Langsam ahnte ich, was hier geschah - Bilder, Metaphern, sprachliche Formulierungen, die in irgendeiner Form visualisierbar waren, wurden unmittelbar in Bilder umgesetzt. Irgendwie musste dafür eine Datenbank mit Bildern zur Verfügung stehen, die nach den Prinzipien der Transformationsgrammatik abgerufen wurde.
Noch wahrscheinlicher aber war, dass hier Elemente der
Metaphernanalyse in Algorithmen umgesetzt worden waren.
"Da bleibt mir doch glatt die Spucke weg", sagte ich laut. Und nun war ich gespannt, was daraus werden würde - aber mehr als ein kleines rotes Lämpchen leuchtete nicht auf. Dazu gab es wohl noch kein Bild und ich überlegte, wie es aussehen könnte. "Bodenlosigkeit" ist ja auch ein Bild, aber man kann sich dabei vorstellen, in der Luft zu schweben. "Bodenloser Unsinn" dagegen ist ein Bild, das im Grunde kein reales Bild ist. Eine Raummetapher und eine Bewertungsmetapher, wobei die Raummetapher im Grunde auch eine Bewertungsmetapher darstellt...
Wenn "die Spucke wegbleibt", dann ist das ein Bild für "Sprachlosigkeit", aber das ist ebenfalls etwas wenig Konkretes. Dass jemand mit offenem Mund da steht und nicht mehr antworten kann, so etwas kann man sich vorstellen.
Wozu sollte ein solcher Raum gut sein? Eine Spielerei, ein Forschungsprojekt?

Miteinandersprechen ist auch: Bilder entwickeln, gestalten, austauschen.

Dieser Raum machte solche Prozesse sichtbar - und brachte ein verwirrendes Sammelsurium aus Bildern an Wände, Decke und Boden. Etwas begreifen, mit Händen greifen, eine Bewegungsmetapher. Das kann ich nicht erkennen, das sehe ich nicht ein: eine Metapher zur Wahrnehmung.
Bilder sind Abkürzungen, machen Dinge anschaulich - können aber auch verzerren, seltsame Zusammenhänge darstellen und damit als Mittel der
Manipulation eingesetzt werden.
Als ich das Pult etwas näher betrachtete, fand ich ein Zeichen, das wie eine Lupe aussah, daneben ein Stift, der sich als Leuchtstift entpuppte und ebenfalls ein Lupenzeichen aufwies. Bilder, die an die Wände projiziert waren, liessen sich damit anleuchten und vergrößern. Ein nettes Spielzeug...
Auch das kleinste Bild konnte damit ein ganzes Stück größer werden. Als ich das besagte rote Lämpchen aufleuchten sah, wurde mir bewusst, dass ich da etwas Merkwürdiges gedacht haben musste. Ein ganzes Stück größer? Was ist eigentlich "ein Stück größer" und vor allem: was ist "ein ganzes Stück?". Wie groß wäre denn "ein halbes Stück größer"?
Bilder in der Sprache... ein weites Feld. Mehr darauf zu achten, das war der wichtigste Impuls aus dieser Erfahrung. Bilder in Formulierungen einbetten, aussprechen und mitteilen - das bedeutet nicht, dass wirklich ein Bild "transportiert" wird. Vielleicht entsteht beim Hören ein ganz anderes... Möglicherweise wird dabei auch "gemogelt", weil das Bild den Sachverhalt, den es beschreiben soll, verzerrt oder umkehrt. "
Peacemaker" ist eben keine Bezeichnung für ein Gänseblümchen...
Plötzlich hatte ich den Faden verloren. Wieder ein Bild, erkannte ich. Über Missverständnisse, Sprache und Denken, Formulierungen und Inhalte hatte ich mir bereits viele Gedanken gemacht. Die Bilder darin, dahinter, darunter, darüber, dazwischen... waren möglicherweise viel wichtiger als es schien.
Geträumt hatte ich also wieder einmal. Mir alles nur eingebildet.


...nächste Folge: Kompetenztüftler.

Bilder des Unterbewusstseins: FMRI

"Mir dämmert etwas", sagen manche. "Irgendwie hatte ich so eine Ahnung" - mit solchen und ähnlichen Formulierungen beschreiben wir Gedankengänge, die noch nicht so deutlich, nicht klar im Bewusstsein vorhanden sind. So manches bahnt sich an, bevor es uns bewusst wird. Für solche Phänomene gibt es verschiedene Bezeichnungen, da ist vom Vorbewussten, Unbewussten, vom Unterbewusstsein die Rede, weniger bekannt ist der Begriff der "metakognitiven Empfindungen".
Es scheint, als würde sich im Gehirn so manches abspielen, das uns nicht greifbar ist, das wir demzufolge auch nicht in Worte fassen können. Solche Prozesse lassen sich aber als Bild darstellen. Die funktionelle Magnetresonanztomographie macht es möglich.

FMRI ist der englische Begriff dafür (functional magnetic resonance imaging) - und damit lässt sich sichtbar machen, welche Prozesse sich im Gehirn vollziehen werden - noch bevor sie bewusst sind.
Stephen José Hanson, Russell A. Poldrack und Yaroslav Halchenko konnten anhand solcher Bilder vom Gehirn mit hoher Genauigkeit vorhersagen, welcher "mentale Status" sich ergeben wird. Vom "Gedankenlesen" zu sprechen ist dabei allerdings etwas zu weit gegriffen - so einfach ist das auch nicht, bestimmte Funktionen des Gehirns einer bestimmten Hirnregion zuzuordnen. Neuere Ergebnisse sprechen dafür, dass die Verbindungen im Gehirn immer wieder neu entstehen. Je nachdem, womit ein Mensch beschäftigt ist, entstehen immer wieder wechselnde Muster in den grauen Zellen. Entscheidend ist weniger, wo genau im Gehirn etwas geschieht, sondern welches Muster neuronaler Aktivität gerade abläuft. Wenn die Forschung weiter voranschreitet, könnte es möglich werden zu erkennen, ob jemand gerade nachdenkt, eine Entscheidung trifft oder auch lügt. Ungewöhnliche und abweichende Muster könnten als Hinweis auf psyschische Störungen über solche Bilder erkannt werden. Es läuft darauf hinaus, stets das gesamte Gehirn "im Auge" zu behalten, wenn man komplizierte Prozesse verstehen will - die Beobachtung einer kleinen Hirnregion allein genügt nicht.

Was haben die Forscher denn nun eigentlich genau gemacht?
130 Versuchspersonen bekamen 8 verschiedene Aufgaben gestellt - Lesen, sich eine Liste merken, Entscheidungen treffen usw. Gleichzeitig wurden mit der funktionellen Magnetresonanztomographie Bilder der Vorgänge im Gehirn angefertigt. Durch den Vergleich der Bilder konnten die Forscher mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent erkennen, welche Aufgaben die Versuchspersonen bearbeitet hatten.
Die Unterschiede zwischen den Mustern sind dabei nicht sehr groß - im weiteren Verlauf ist geplant, ein Diagnosesystem zu entwickeln, mit dem sich zum Beispiel Störungen wie ADHS oder Autismus anhand der Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen lässt. Auf jeden Fall... haben die Forscher kürzlich eine weitere Million Dollar für weitere Studien bewilligt bekommen.

Quelle: Science Daily

Das Video gibt einen Einblick, wie solche Bilder aussehen... keine Panik: dabei wird nichts aufgeschnitten, die Bilder entstehen von aussen.

Sprich in mein rechtes Ohr

Die Sprache ist gelegentlich recht aufschlussreich... da gibt es Redewendungen wie "auf einem Ohr taub sein" oder die bekannte Klage von Eltern, die Kinder hätten ihre Ohren "auf Durchzug gestellt"... Auf jeden Fall gibt es zu diesem Thema eine neue Studie, die ich hier kurz vorstellen möchte.
Wir machen dazu einen kleinen Ausflug nach Italien, nach Chieti genauer gesagt. An der Universität "Gabriele d'Annunzio" untersuchten Dr. Luca Tommasi and Daniele Marzoli in einer Serie von drei Studien, ob es einen Unterschied macht, auf welches Ohr eine Äußerung trifft. Zum Verständnis muss vielleicht kurz die Hemisphärenasymmetrie erwähnt werden - die rechte Hirnhälfte ist für die linke Körperseite zuständig und umgekehrt. Die Forschung zu Sprachzentren im Gehirn hat bereits eine längere Tradition, vereinfacht gesagt ist eher die linke Hirnhälfte für Sprache zuständig. So gesehen liegt die Vermutung nahe, dass das rechte Ohr eher geeignet ist, sprachliche Reize aufzunehmen und zu verarbeiten. In der Tat zeigte sich in den Studien, dass das rechte Ohr bevorzugt wird - die Wahrscheinlichkeit, dass eine Aufforderung aufgenommen und umgesetzt wird, ist größer, wenn sie auf das rechte Ohr trifft. Nun könnte man einwenden, das wäre ja wohl eine Laborstudie gewesen, die man auf den Alltag nicht übertragen könne... stimmt aber nicht.
In der ersten Studie ging es um einen Club, laute Musik im Hintergrund, das bedeutet also, man muss schon etwas näher kommen, wenn man sich verständlich machen will. 286 Personen wurden untersucht - und dabei erfolgten 72 Prozent der Ansprachen in das rechte Ohr. Die Schlussfolgerung, dass NUR das rechte Ohr angesprochen wird, wäre falsch, aber die Präferenz ist deutlich und stimmt mit den Laboruntersuchungen überein.
In der zweiten Studie ging es um eine Anfrage: "kann ich mal eine Zigarette haben?" (so ungefähr, aus dem Italienischen frei übersetzt). Die Frage war, welches Ohr der oder die Angesprochene zur Verfügung stellt... 58 Prozent (von 160 beobachteten Personen) näherten sich mit dem rechten Ohr, 42 Prozent mit dem linken. Auch hier zeigte sich also: das rechte Ohr wird bevorzugt.
In der dritten Studie wurde direkt das linke oder rechte Ohr angesprochen: bei 176 Versuchspersonen zeigte sich, dass sie statistisch signifikant mehr Zigaretten bekamen, wenn das rechte Ohr angesprochen war. Insgesamt ziehen die Forscher den Schluss, dass die Präferenz der linken Hirnhälfte für sprachbezogene Kommunikation bestätigt ist, ebenso dass Annäherungs- und Vermeidungsverhalten stärker über die linke Hirnhälfte gesteuert werden.

Etwas nachdenklich bin ich schon geworden... die klassischen Festnetztelefone (vor allem die alten Wählscheiben) waren so konzipiert, dass die Wählscheibe am besten mit der rechten Hand zu bedienen war - der Hörer landet dann links, also eher auf dem "falschen Ohr". Wenigstens wird jetzt nachvollziehbar, warum manche Leute ihr Telefon auf die linke Seite stellen oder ihr Handy an das rechte Ohr halten. Möglicherweise gibt es aber auch individuelle Unterschiede - vielleicht bevorzugt der eine oder die andere nun doch das linke Ohr, auch wenn das nicht bedeuten muss, dass die Hirnhälften vertauscht sind... Zumindest gibt es Hinweise darauf, dass die linke Hirnhälfte meistens für die Sprachverarbeitung zuständig ist, die rechte Hälfte aber nicht ganz unbeteiligt ist und bei manchen Menschen sogar die wichtigere Hälfte sein kann. Wie auch immer, vielleicht wäre es interessant, einmal zu beobachten, welches Ohr sich besser zum Telefonieren eignet - und ob die Kinder eher reagieren, wenn sie die Aufforderung, die Hausaufgaben zu machen (oder ähnliches) in das rechte Ohr geflüstert bekommen.

Quelle:
Science Daily. 23/06/2009. Need Something? Talk To My Right Ear
Die Studie im Original:
Marzoli et al. Side biases in humans (Homo sapiens): three ecological studies on hemispheric asymmetries. Naturwissenschaften, 2009; DOI: 10.1007/s00114-009-0571-4

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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