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Sonntag, 30. September 2012

Wirkt Psychotherapie auch übers Telefon?


Die Schwelle zur Psychotherapie ist hoch - in Deutschland warten viele monatelang auf einen Therapieplatz, aber das ist nicht das einzige Problem. Die Angst vor der Therapie, die Befürchtung gesehen zu werden, die Schwierigkeit, gerade in ländlichen Regionen dort hin zu kommen, wo es Psychologische Psychotherapeuten gibt, hält zudem noch mehr Menschen davon ab, überhaupt einen Therapieplatz zu suchen. Wenn das alles auch per Telefon ginge, es hätte Vorteile, allen Bedenken, die da sein mögen zum Trotz. Vorteile und Nachteile lassen sich diskutieren, eine Frage ist dabei zentral: wirkt Psychotherapie denn überhaupt übers Telefon?
Immerhin fehlt der extraverbale Bereich, die Möglichkeit, Verhalten direkt zu beobachten, es fehlt der direkte Kontakt in einem gemeinsamen Raum.

In Cambridge wurde diese Frage untersucht: 39.000 Paiteten wurden dabei befragt, das ist eine beträchtliche Anzahl. Der Vergleich bezog sich auf Kognitive Therapie - in der einen Gruppe im direkten Kontakt, in der anderen übers Telefon. Für die meisten zeigten sich beide Varianten in gleicher Weise wirksam, ausgenommen ist dabei eine abgrenzbare Gruppe mit ernsthafteren Problemen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass Psychotherapie per Telefon auch jenen zugänglich ist, die aufgrund von Transportproblemen, beruflichen Verpflichtungen, körperlichen Einschränkungen oder anderer Probleme gar nicht in der Lage wären, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen. Außerdem waren die Kosten in der Studie für die Psychotherapie per Telefon deutlich geringer (im Originaltext sind 36,2% Kostenersparnis angegeben, die Zahl bezieht sich auf den Osten Englands).

Dem Wunsch der University of Cambridge, bei Bezugnahme auf diese Studie einen Link auf die ensprechende Seite zu setzen, komme ich gern nach:



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Samstag, 19. März 2011

Wie werden Menschen mit Katastrophen fertig?


Tschnernobyl ist lange her, zuerst kam der Schock und dann helle Aufregung... und nach einiger Zeit war es dann doch nicht mehr so schlimm. Vor diesem Hintergrund ist der Umgang mit Katastophen eine zweischneidige Sache - denn 'Umgang' kann auch 'Wegschieben' bedeuten und ist dann zwar für das Individuum gesünder, wirft aber auch Probleme auf, wenn zuwenig oder nicht gründlich genug Konsequenzen gezogen werden. Die Frage nach Prinzipien der Katastrophenbewältigung ist anders formuliert die Frage nach dem, worauf es ankommt - und die Antworten haben verschiedene Ebenen. Irgendwie werden Menschen dann doch immer wieder mit Katastrophen fertig. Warum eigentlich? Und: wie?

1. Abstand gewinnen

Abstand gewinnen bedeutet nicht automatisch Abwehren oder Verdrängen - auch das Dissoziieren als 'inneres Weggehen' ist ein Bewätigungsmechanismus, der eine Schutzfunktion hat und in bestimmten Zusammenhängen als einzige Chance übrig zu bleiben scheint. Im wesentlichen geht es um das Ziel, sich nicht völlig überwältigen zu lassen, die Handlungsfähigkeit zu bewahren bzw. wieder herzustellen.

2. Verstehen

Die Zusammenstellung von Dokumentationen zu den Themen Kernkraft und Tsunami folgt dem Gedanken, nach Erklärungen zu fragen, aber auch Erklärungen vermittelbar zu machen - dabei steht für 'ganz normal Sterbliche' weniger die wissenschaftliche Präzision im Mittelpunkt, eher die 'Fassbarkeit'. Eine Vorstellung von dem zu bekommen, was da eigentlich geschehen ist, macht es leichter, Erfahrungen einzuordnen und zu bewerten.

3. Rationalität

Als wissenschaftlich denkender Mensch halte ich nichts von religiösen Erklärungsmustern, die Naturkatastrophen als "Strafe Gottes" einordnen und dabei mehr zusätzliche Ängste erzeugen und damit die Bewältigung erschweren. Zur Rationalität gehört auch die Unterscheidung von kontrollierbaren und nicht kontollierbaren Aspekten - an den Prozessen im Innern der Erde können wir im Moment wenig ändern, am Umgang mit der Kernkraft dagegen sehr wohl.
Rational ist es, nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich schwierige Situationen in den Griff bekommen lassen - der Einsatz um das AKW Fukushima folgt diesem Prinzip und ist (Kritik hin oder her) nicht nur bewunderswert, sondern auch Ausdruck funktionaler Angstbewältigung. Zu Recht, wie ich meine, bezeichnet man die 'Fukushima 50' als Helden, denn Angst haben sie gewiss. Aber Helden sind eben keine Menschen, die keine Angst haben, sondern solche, die ihre Angst überwinden und trotzdem etwas tun können.

4. Korrektur bisheriger Sichtweisen

 "Das hätte ich nie für möglich gehalten"... diesen Satz haben in den letzten Tagen wohl viele Menschen gedacht oder auch ausgesprochen. Angela Merkel ist dafür kritisiert worden, als sie sagte, es sei eine neue Lage entstanden. Versteht man 'Lage' als subjektive Repräsentation, dann hat sich sehr wohl für sehr viele Menschen die Lage verändert - auch dann, wenn es objektiv betrachtet keine grundsätzlich 'neuen' Risiken der Atomkraft gibt, Psycho-logisch ist das Moratorium der Kernkraftwerke auf jeden Fall - sie entspricht, salopp ausgedrückt, der Erfahrung, dass es Zeit braucht, sich auf Veränderungen einzustellen und dass dabei der je eigene Standpunkt vielleicht auf einer sehr grundsätzlichen Ebene neu überdacht werden muss. Auch dort, wo sich Sachverhalte nicht verändert haben, kann diese Überprüfung bisheriger Sichtweisen zu einer neuen Bewertung, einer neuen Situationseinschätzung führen.

5. Hoffnung und Optimismus

Was ich mit Hoffnung und Optimisums meine, ist keine "rosa Brille", sondern durchaus eine realitätsbezogene Einstellung, die ebenfalls eine rationale Grundlage haben kann. Wunder daeuern gelegentlich etwas länger und sind zur Begründung von Hoffnung und Optimismus nur bedingt geeignet. Nachdem es gelungen war, ein Stromkabel zum AKW in Fukushima zu legen, hatte das Prinzip Hoffnung wieder einen konkreten Anker - auch wenn von "vollständiger Kontrolle" nicht die Rede sein kann, zeigt sich die Begrenzbarkeit des Übels...

Ohnmacht und Hilflosigkeit legen passvies Abwarten nahe, für viele ist das tatsächlich auch die einzige Möglichkeit. Hoffnung beruht darauf, dass sich die Dinge nicht nur ändern, der Wind gelegentlich auch in die 'richtige Richtung' weht, sondern auch auf der Möglichkeit, etwas dafür zu tun, dass sie sich ändern. Optimismus ist immer dann angebracht, wenn es eine, sei es auch nur 'irgend eine' Handlungsmöglichkeit giibt, auch wenn ein ausgearbeiteter Katastophenplan fehlt.

6. Initiative

Das Prinzip Initiative scheint für Japaner weniger vertraut, es ist ein eher individuelles Prinzip, 'die Dinge in die Hand zu nehmen'. Dort, wo bestehende Strukturen zusammen gebrochen sind und eine stabile Struktur fehlt, wird Initiative aber ein wichtiges Prinzip, das Leben (wieder) in den Griff zu bekommen.

7. Normalität

Es mag kalt und verständnislos erscheinen, im Zusammenhang mit der Bewältigung von Katastrophen von Normalität zu sprechen. Für die obdachlos Gewordenen, die nicht nur ihre Felle, sondern auch Verwandte, Freunde und Bekannte davon schimmen sahen, ist nichts mehr normal. Trotzdem ist das lange Verharren in einem Schockzustand nicht hilfreich, die Bewältigung führt früher oder später zu einem ganz normalen Alltag zurück.

...soweit die Skizze. Mehr als ein Entwurf sollte es nicht sein.

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Donnerstag, 17. März 2011

Katastrophenberichte können traumatisierend wirken

Die American Psychiatric Association hat soeben einen Text veröffentlicht, in dem es darum geht, mit Kindern über das Erdbeben in Japan zu sprechen. Die Bilder, die durch die Medien gehen, sind dramatisch - so etwas kann ganz schön mitnehmen, Ängste und Entsetzen auslösen.

Wenn man sich dann noch mit der Problematik auseinandersetzt, kann es leicht traumatisierend werden, vor allem dann, wenn man sich vorstellt, dass das alles gerade jetzt Realität ist. Es ist ja auch Realität! Dem Hinweis, dass es für Personen aller Altersgruppen traumatisierend wirken kann, folgt die Ergänzung, dass Kinder sich schwerer davon distanzieren können.

Die Tatsache, dass in Deutschland Jodtabletten gekauft werden und die Geigerzähler ausverkauft sind, spricht ebenfalls dafür, dass hier Angst und Panik um sich greifen, obwohl keine Gefahr besteht. Lebensmittel, die bereits vor längerer Zeit aus Japan importiert wurden, sind natürlich nicht radioaktiv verseucht und neue Importware wird geprüft.

Die APA weist zu Recht darauf hin, dass nicht alle Medien eine Warnung vorausschicken, wenn möglicherweise dramatische, traumatisierende Bilder folgen - so gesehen sind bereits die Nachrichten ein Problem, ebenso wie Fernsehsender, die den ganzen Tag lang immer wieder aus Japan berichten und die Bilder von hohen Wellen, verzweifelten Menschen und zerstörten Städten haufenweise über den Bildschirm rasen lassen. 

Vertraute Strukturen beibehalten und eben nicht das ganze Leben umkrempeln, das gibt Halt. Kinder (und Erwachsene, möchte ich ergänzen) brauchen Hilfestellung, das zu verstehen, was da geschieht. Wenn sie es wollen und bereit dazu sind. Und hier gibt es (da bin ich mir sicher) große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und Regionen. In den USA gibt es an der Westküste eine andere Situation als im Osten, in Deutschland kann man sich im Landesinnern einen Tsunami kaum vorstellen - die Japaner dagegen wissen sehr wohl, was ein Tsunami ist und haben auch mehr Erfahrungen mit Erdbeben.

Auch die Erklärung, der Tsunami sei eine Strafe des Himmels, "weil die Japaner so selbstsüchtig sind", halte ich nicht gerade für eine glückliche Aussage - denn die Ursachen liegen im Innern der Erde, Erdbeben entstehen durch die Bewegung der Erdplatten und das hat nichts damit zu tun, dass die Japaner irgend etwas falsch gemacht hätten.

Florian Freistätter hat bereits darauf hingewiesen, dass die Berechnungen zum Weltuntergang (Daten addieren und dadurch auf das angebliche Ende der Welt kommen) unsinnig sind.

Aber zurück zu den Empfehlungen der APA - schreiben, malen, Musik machen - all das sind Möglichkeiten der Aufarbeitung, der Auseinandersetzung. Für 'uns' als diejenigen, die weit weg und nicht unmittelbar bedroht sind, sinnvoll, nicht dagegen in den Katastrophengebieten selbst. Dort geht es erstmal um das schlichte Überleben, um Unterkunft, Nahrung, Strom, Benzin usw. Die Aufarbeitung kommt dort erst später, wenn die körperliche Sicherheit gewährleistet ist.

Zum Schutz von Kindern aber auch von Erwachsenen kann ich die Empfehlung der APA nur dreimal dick unterstreichen: die Konfrontation mit diesen schrecklichen Bildern begrenzen und Kinder damit auf keinen Fall allein lassen!

Es ist schon schlimm genug.

Wer einigermaßen Englisch lesen kann, hier der Link zur APA: 

Mittwoch, 16. März 2011

Kaiserlicher Trost

Es passt gut zu meinen Vorstellungen von Unterstützung bei der Bewältigung von schwierigen Situationen: die Ansprache des Kaisers in Japan, von der unter anderem die Financial Times Deutschland berichtet. Die wahre Bedeutung des Kaisers in Japan ist mir zwar wenig vertraut, aber soviel konnte ich den Medien entnehmen: es ist eine Seltenheit, dass er sich überhaupt meldet. Er habe Mut zugesprochen, hieß es in den Texten, aber wenn er wirklich eine wichtige Figur ist, bedeutet schon die schlichte Anwesenheit sehr viel. Aus einer rationalen Perspektive scheint es viel wichtiger, konkrete Hilfe zu leisten, Gefahren einzudämmen und alles zu tun, damit sich die Lage normalisieren kann und Schlimmeres verhindert wird. Betrachtet man die Gefühlslage, steht ein anderes Erfahrungsmoment im Vordergrund, das wesentlich stärker zur Angstreduktion beitragen kann - die schlichte Erfahrung, nicht allein zu sein. Da ist jemand. Ich bin nicht allein gelassen. Da kümmert sich jemand um mich. Ganz anders als bei Politikern kann ihm niemand vorwerfen, er wolle sich nur über die nächste Wahl retten oder verfolge irgendwelche politischen Interessen. Der Kaiser ist, wenn ich das richtig deute, eine Vaterfigur, eine stabilisierende Komponente in der inneren Situation seiner Landsleute.

Es gibt noch eine Komponente, von der ich glaube, dass sie eine große Rolle bei der Bewältigung der aktuellen Situation spielt: die Tradition und die Geschichte, sehr wohl mit Blick auf Hiroshima und Nagasaki, einschließlich der Erinnerungen an das Ende des zweiten Weltkrieges. Die Tradition vermittelt die Einbettung in große zeitliche Zusammenhänge, die Geschichte ist eben auch eine Geschichte des Wiederaufbaus, eine kollektive Erfahrung, die das Überlebenkönnen und Wiederaufbauen bewusst zu machen vermag. Die Geschichte stellt der Ohnmacht des Schicksals die Macht des Handelns in der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft gegenüber. Es ist absehbar, was daraus werden wird - zunächst das Bemühen, die elementaren Voraussetzungen wieder herzustellen und das Zerstörte wieder aufzubauen. All das bringt das Weggespülte nicht zurück und macht die Toten nicht mehr lebendig, aber es lindert den Schmerz.

Die Voraussetzungen sind zwar gegeben, dass es in Japan zu posttraumatischen Belastungsstörungen in enormem Ausmass kommt, zwingend ist es aber nicht. Vielleicht gelingt über die pragmatische Orientierung an der Gegenwart hinaus der Blick nach vorn, der die Erfahrung ermöglicht, dass es trotzdem weiter geht - und Angst eine zwar schlimme, aber zu überwindende, zeitlich begrenzte Gefühlsqualität ist. So sehr sie auch bebte, irgendwann kommt die Erde wieder zur Ruhe und lässt der Neugestaltung Raum.

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Ängste in Deutschland und Japan, Atomkraft und Angstbewältigung

Die Erkenntnisse aus meinen Recherchen kurz zusammengefasst:
 
  • In Deutschland gibt es keine erhöhten Strahlungswerte, gemessen wird ständig, (Informationsquelle: Bundesamt für Strahlenschutz).
  • Jodtabletten zu nehmen ist deshalb nicht sinnvoll, eher schädlich. 
  • Auch ohne Atomkraftwerke kann Deutschland genug Energie produzieren - wir brauchen sie nicht.

Kommentar von meiner Seite:

Wer Atomkraftwerke als "sicher" bezeichnet, lügt. Sicherheit ist ein relativer Begriff, selbst bei höheren Sicherheitsstandards ist das 'Restrisiko' eben nicht zu beherrschen. Vernünftige Entscheidungen zu treffen bedeutet, nicht nur die Wahrscheinlichkeit, sondern auch das Ausmass einer möglichen Katastrophe zu berücksichtigen. Nachhaltig wirksam können politische Entscheidungen nur dann sein, wenn sie langfristige Wirkungen und Nebenwirkungen mit einkalkulieren. Vor allem dann, wenn wir ohne größere Probleme auf Atomkraftwerke verzichten können, sollten wir das auch tun. Und das so schnell wie nur irgend möglich.

Die Konsequenzen, die aus einem Reaktorunfall entstehen, sind gravierend:
- körperliche Krankheiten durch Strahlenschäden,
- psychische Störungen und Traumata, aber auch
- hohe Folgekosten durch die Notwendigkeit, langfristig strahlende Reaktoren notdürftig abzusichern.

Bei allem Unglück ist die gegenwärtige Situation auch eine Chance, Realitätsverzerrungen und Illusionen aufzudecken und davon Abstand zu nehmen. Bedauerlich, aber menschlich ist der Umstand, dass oft erst Kontrollverlust, hervorgerufen durch eine Katastrophe, zum Umdenken führt. Dabei scheint vieles, was jetzt als "neue Erkenntnis" dargestellt wird, keinesfalls neu - es war schon bekannt, wurde aber aus irgenwelchen Gründen verheimlicht, verharmlost, politischen oder wirtschaftlichen Interessen geopfert.

Bei allem Respekt vor der Vernunft brauchen wir auch Empathie, um nicht nur vernünftige, sondern auch menschliche Entscheidungen treffen zu können. Überall dort, wo es um den Einsatz potentiell gefährlicher Technologien geht, sind ethische Fragestellungen unverzichtbar - gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass wir nicht tief genug blicken können, weder ins Erdinnere hinein noch in die menschliche Psyche. Das, was im Verborgenen geschieht, lässt sich eben nicht exakt vorhersehen, nicht prognostizieren und nicht beherrschen.

Die Tendenz geht deutlich weg von der Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien. Das ist ein Weg, der sich gehen lässt, wenn wir das wollen. Wenn es funktoniert, werden vielleicht auch andere Länder erkennen, dass es bessere, menschlichere Möglichkeiten gibt.

Ich möchte noch einmal auf ein Prinzip, das mir für den Umgang mit Ängsten wichtig geworden ist: verwandle Angst in Fürsorge und Vorsorge. Die Angst vor Erdbeben, Tsunami und radioaktiver Strahlung ist in Japan eine reale Angst - Fürsorge und Vorsorge sind nur dort möglich, wo sich etwas tun lässt. Dort, wo wir ohnmächtig sind, ist es eine Frage der Vernunft, diese Ohnmacht auch zu erkennen, gerade dort nun wirklich "ohne Tabus" zu diskutieren. Dort aber, wo Entscheidungen möglich sind, bedeutet Vorsorge auch, unkalkulierbare Risiken zu vermeiden - und Fürsorge, das Schicksal und die Situation Einzelner in aller Deutlichkeit zur Kenntnis zu nehmen.
So gesehen ist Empathie ein notwendiger Bestandteil politischer Vernunft.

Kaum beachtet scheint mir in den Medien die Frage, wie Kommunikationsprozesse verlaufen sind und welche Konsequenzen diese Prozesse für die Psyche der Menschen haben. Ein kollektives Trauma, eine kollektive Panikstörung - das ist ein Aspekt, der hinter der sachbetonten Berichterstattung zurückbleibt. Zu wenig wird die Frage gestellt, wie viele Einzelne den Boden unter den Füßen wieder gewinnen können, zu wenig Energie fließt in die Bemühungen, den menschlichen Aspekt zu berücksichtigen und die Potentiale zur Überwindung der traumatischen erfahrungen zu fördern.

Hier in Deutschland ist das alles kaum vorstellbar - klar ist mir nur, dass ich wesentlich besser mit Gefahren umgehen kann, die in irgendeiner Form greifbar, erkennbar, abschätzbar sind. Vor einer Welle kann ich weglaufen, wenn es wackelt, kann ich immerhin nach Möglichkeiten suchen, mich irgendwo festzuhalten, mich auf den Boden setzen und eine geeignete Stelle suchen, damit mir nicht irgend etwas auf den Kopf fällt. Wenn es um Strahlung geht... ohne Geigerzähler kann ich nichts erkennen, die Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Wenn ich keine Ahnung habe, wie schlimm es wirklich ist... wirkt Desinformation angstverstärkend.

Bei Facebook gibt es eine Seite "Japan - in Gedanken sind wir bei Euch".

Ein Hinweis auf einen Artikel auf ntv zeigt das Problem in aller Deutlichkeit: Angst und Unmut wachsen, weil es nicht genügend Informationen gibt. Aus einer psychologischen Perspektive ist das fatal - denn gerade jetzt sind Maßnahmen notwendig, Vertrauen zu stabilisieren, Kräfte zu wecken und zu stärken, die eine Bewältigung der Situation möglich machen. Stattdessen weiß niemand etwas Genaues und gerade dann wird aus dem Zustand der Angst heraus schnell das Allerschlimmste befürchtet - und die Angst wächst. Wenn der Schock nachlässt und die Kräfte schwinden, eine ruhige, disziplinierte Haltung aufrechtzuerhalten, werden diese Ängste durchbrechen. Genau dann kommt es darauf an, Wege zu finden, wie sich Angst überwinden lässt, genau dann sind Verlässlichkeit, Solidarität und Rückhalt, Vetrauen und Zuversicht notwendig. Die Frage der Angstbewältigung scheint aber niemanden zu interessieren... bleibt das Individuum in der politischen Diskussion auf der Strecke? 

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Dienstag, 15. März 2011

Erdbeben und Atomkraft

Kann man Erdbeben voraussehen? Wie entstehen sie eigentlich und welche Konsequenzen haben sie? Könnten Atomkraftwerke sicherer sein, wenn Erdbeben besser prognostiziert werden?

Eine kurze Vorbemerkung sei gestattet: es geht mir im Moment nur um Fakten, dahinter steht aber noch das Anliegen, in der gegenwärtigen Diskussion eine nüchterne Perspektive darzustellen, die nach der rationalen Grundlage der durchaus verständlichen Ängste fragt.

Liegt es an der Position der Sterne, hätte also ein Astrologe das Erdbeben in Japan voraussehen können? Auf die Idee, so eine Frage zu stellen, wäre ich selbst nicht gekommen, aber dass ein 'Astrologiefan' wie Florian Freistätter sich mit dieser Frage beschäftigt, ist nicht verwunderlich. Auf den Artikel zum Erdbeben in Haiti verweise ich hier nur...

In den Medien wurde in den letzten Tagen oft genug davon berichtet: Ursache für Erdbeben sind die Bewegungen der Erdplatten und besonders kritisch wird es da, wo mehrere Platten aufeinander treffen. Das bedeutet erstmal, dass die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben mit einer Stärke von 8,9 mitten auf einer Platte ziemlich gering ist. Aber heißt das nun, dass die Atomkraftwerke in Deutschland eben doch sicher sind und ein GAU oder Super-GAU in Deutschland überhaupt nicht passieren kann? Nein. Nachdem es bereits mehrere Unfälle in Atomkraftwerken gegeben hat, kann von absoluter Sicherheit keine Rede sein.

Ob das nun als Wahlkampftaktik eingestuft wird oder nicht – der Ansatz, die Sicherheit von Atomkraftwerken genauer unter die Lupe zu nehmen und alle AKWs, die nicht benötigt werden, abzuschalten, hat seine Rationalität. In China und Japan scheint man die Dinge anders zu sehen, andererseits war in manchen Artikeln zu lesen, die Sicherheitsvorschriften in Japan seien wesentlich strenger als bei uns. Gut genug waren sie trotzdem nicht – und die Vorwarnzeit für den Tsunami war viel zu kurz, um wirksame vorbeugende Maßnahmen treffen zu können.

Damit komme ich zur Frage, wie es um die Frühwarnsysteme bestellt ist...

Einen Artikel dazu schrieb die FAZ am 11.März 2011 – dort wird beschrieben, das Frühwarnsystem hätte gut funktioniert und bereits nach 9 Minuten erste Warnmeldungen bereit gestellt. Zugestanden, ohne das System wäre manches noch schlimmer gewesen, aber in Anbetracht der Bilder und der Opfer in Japan ist das ein schwacher Trost. Die simple laienhafte Schlußfolgerung lautet, dass es wohl nicht so einfach ist, Erdbeben und Tsunamis längerfristig vorauszusehen – die Frage, ob sich solche Frühwarnsysteme verbessern lassen, liegt nahe.

Ein Artikel der Uni Potsdam stimmt da skeptisch: die Erde bebt, wann sie will, Schadensbegrenzung ist möglich, aber so wie es aussieht, sind Erdbeben eben nicht langfristig prognostizierbar.  
Eine Darstellung des Tsunami-Frühwarnsystems im Pazifik findet sich in einem Artikel der ZEIT. Das Kernproblem kommt auch hier zum Ausdruck: viel Zeit bleibt selten.

So, jetzt trete ich mal gewissermassen einen Schritt zurück und frage mich, wie vernünftig das eigentlich ist, in einem Erdbebengebiet überhaupt ein Atomkraftwerk zu bauen. Und dann noch an der Küste. Alles was mit Elektronik zu tun hat, reagiert in der Regel nicht besonders begeistert auf Erschütterungen, Hitze und Wasser. Dass in einem solchen Fall alles Mögliche ausfällt, das ist auf jeden Fall vorhersehbar. Wer seine Sinne einigermaßen klar beisammen hat, muss also erkennen, dass in bestimmten Regionen ein erhebliches Risiko besteht, dass es früher oder später zu einer Katastrophe kommt. Und jetzt träume ich mal ein bisschen... steht dort eine Solaranlage oder ein Windrad, gehen vielleicht Solarzellen kaputt oder ein Windrad stürzt um. Schaden entsteht dann auch... aber das ist, wenn es um Menschenleben geht, kein Vergleich zur Gefahr radioaktiver Strahlung.

In Japan kommt noch ein weiteres Problem hinzu: ob und wie genau die Öffentlichkeit über Folgeschäden unterrichtet wird, hängt vom Kraftwerksbetreiber ab. Fukushima I... ist außer Kontrolle geraten und Naoto Kan ist sauer. Nun kann man sich darüber streiten, ob genaue Informationen Panik auslösen würden – aus der Sicht betroffener Bürger steht aber meiner Ansicht nach das Informationsbedürfnis im Vordergrund. Dass der Ministerpräsident aus erster Hand informiert sein möchte, kann ich gut verstehen, trotz des Einwands auf Twitter...


Eine kurze Zwischenbilanz...: Frühwarnsysteme lassen sich bestimmt noch verbessern, aber sie sind im Moment zumindest nicht gut genug, um umfangreiche Vorbereitungen möglich zu machen. Erdbeben und Tsunamis lassen sich nicht wirklich vorhersehen, kontrollieren auch nicht.

Ob es möglich wäre, eine Kernschmelze zuverlässig zu verhindern, wenn eine Vorwarnzeit von mehreren Stunden erreichbar wäre, ist eine schwierige Frage – sie ist aber auch rein hypothetisch. Dass es Naturkatastrophen gibt, denen wir nichts entgegenzusetzen haben, ist eine Sache – das müssen wir akzeptieren, ob es uns nun gefällt oder nicht. Aber darüber hinaus das Risiko von Strahlenschäden einzugehen, das ist ein ganz anderes Thema.

Ganz nüchtern: die Aussage, Atomkraftwerke seien sicher, ist und war schon immer falsch.

Tschernobyl ist lange her... bei You Tube habe ich ein Video ausgegraben, das den Reaktor 20 Jahre später zeigt, also im Jahr 2006.




Schlußfolgerungen? Bitte selbst nachdenken, dazu gehört auch die Frage, ob es ein 'Missbrauch der Katastrophe' ist, wenn neu über Atomkraft nachgedacht wird. Auf einen Artikel aus den Scienceblogs möchte ich noch verweisen, dort sammelt Jörg Rings Quellen zum Fukushima-Kraftwerk-Störfall.

Sachlich und nüchtern zu bleiben ist schwer genug...

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Mittwoch, 9. März 2011

Depression, Angst und körperliche Beschwerden

Wenn jemand sagt, "mir geht es gut", dann kann das im Prinzip mehreres bedeuten. Vielleicht bedeutet es, "ich fühle mich gut", vielleicht auch "ich bin körperlich fit". Oder auch beides. Nehmen wir an, das ist nicht der Fall und ein Arztbesuch ist fällig. Erzählen die Leute dann mehr körperliche Beschwerden, wenn es ihnen auch psychisch nicht gut geht? Tut mehr weh, gibt es mehr oder stärkere Schmerzempfindungen, wenn die Psyche angeknackst ist?
Da könnte durchaus ein Zusammenhang bestehen... irgendwie scheint das auf der Hand zu liegen.

Depressionen und Angst haben tatsächlich einen Einfluss darauf, wie ausgeprägt die Symptome sind, die beim Arztbesuch berichtet werden. Allerdings auf unterschiedliche Art:
Depressive berichten mehr Beschwerden aus der letzten Zeit, erinnern sich also stärker an unangenehme Körperempfindungen - vielleicht sogar mehr als tatsächlich vorhanden waren.
Ängstliche dagegen sind stärker an der Gegenwart orientiert und interpretieren unklare Körpersignale schneller als Hinweis darauf, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist.


Eine Grundsatzfrage dabei ist, wie eine Beurteilung möglich sein soll, ob jemand mehr Symptome berichtet als tatsächlich vorhanden sind oder waren - und dazu ist ein Blick auf die Methode nötig, mit der die Zusammenhänge untersucht wurden.

Erster Teil der Studie: 144 Studenten wurden befragt, sollten das Ausmass ihrer depressiven Stimmungen einschätzen, anschließend bei 15 körperlichen Symptomen angeben, wie häufig diese in den letzten 3 Wochen aufgetreten waren.
Das Ergebnis: ein höheres Mass an depressiven Verstimmungen korreliert mit mehr körperlichen Symptomen. Anders: wer "mies drauf" ist, dem geht es auch körperlich schlechter.

Zweiter Teil der Studie: 125 Studenten wurden in verschiedenen Gruppen eingeteilt, dann wurden verschiedene Gefühlszustände angeregt - Ärger, Angst, Glück, Depression oder "neutral". Anschließend wurden 24 körperliche Symptome abgefragt (Schwäche bzw. Erschöpfung, Herzbeschwerden, Muskelschmerzen und Magenbeschwerden) - verbunden mit der Gegenwart, also ob sie jetzt gerade vorhanden sind.
Die Versuchspersonen aus der Angstgruppe berichteten dabei mehr körperliche Symptome als die anderen.

Ein Einwand: könnte es nicht sein, dass gerade das Auslösen von Angst zu körperlichen Symptomen führt, der zweite Teil also nichts anderes bedeutet, als selbstversteckte Ostereier gefunden zu haben? Bei Herzbeschwerden wäre das nachvollziehbar, bei Erschöpfung allerdings nicht - wenn es also generell zu mehr Beschwerden kam (und nicht nur jenen Effekten, die für Anstzustände typisch sind), dann scheint doch etwas dran zu sein.

Dritter Teil: 120 Studenten wurden ähnlich wie im zweiten Teil in unterschiedliche Stimmungszustände versetzt. Diesmal wurden gegenwärrtige UND vergangene Symptome abgefragt. Im Durchschnitt beschrieben die Ängstlichen fünf Symptome zum gegenwärtigen Zeitpunkt, die anderen Gruppen nur eins oder zwei. Die Depressiven erinnerten sich an durchschnittlich 7 Symptome aus den letzten 3 Wochen, die anderen Gruppen im Schnitt drei.

Die Forscher sind sich dessen bewusst, dass diese Ergebnisse auch problematische Schlussfolgerungen nahelegen können. Sinngemäß könnte daraus im ärztlichen Kopf werden, dass Depressive und Ängstliche eben gern mal übertreiben, entweder für den Moment oder in bezug auf die letzte Zeit. Damit, so ihr Vorschlag, lässt sich aber auch vorsichtiger umgehen - entweder, indem Angehörige ebenfalls gefragt werden oder mithilfe eines Tagebuchs, in dem die Patienten ihre Beschwerden aufzeichnen. Einen zweiten kritischen Punkt greifen sie ebenfalls auf: das Alter der Studenten, das die Übertragung auf die Patientenschaft in einer Arztpraxis fragwürdig erscheinen lässt. Eine weitere geplante Studie soll sich deshalb mit Älteren beschäfigen, um herauszufinden, ob der Effekt auch bei einer Altersgruppe um die 40 auftritt.

Bleibt als vorsichtiges, aber immerhin plausibles Resumée: körperliche Beschwerden werden durch psychische Beschwerden wie Depressionen oder Angst beeinflusst. Auf unterschiedliche Art.

Quelle:

Science Daily


Die Studie im Original:
M. Bryant Howren, Jerry Suls. The symptom perception hypothesis revised: Depression and anxiety play different roles in concurrent and retrospective physical symptom reporting.. Journal of Personality and Social Psychology, 2011; 100 (1): 182 DOI: 10.1037/a0021715

Montag, 26. April 2010

Wie rational sind unsere Ängste?

Hat Angst etwas mit Rationalität zu tun? Können Ängste vernünftig sein? Ja. Manchmal. Manchmal auch nicht. Oder - mehr oder weniger. Wenn ich Angst habe, einfach so über die Straße zu gehen, ist die Angst, überfahren zu werden, real. Denn da könnte ja wirklich etwas passieren. Also - es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass etwas passieren könnte. Vernünftig ist dann eben, vorsichtig zu sein. Und weil ich weiß, dass ich da etwas tun kann, um die Gefahr zu reduzieren, ist Angst hier kein großes Problem. Die Vernunft, die in der Angst steckt, bezieht sich auf ein Risiko, eine Gefahr, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftritt. Nur - wie groß sind denn die Gefahren wirklich, die Ängste auslösen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Forschung zur Risikowahrnehmung - und die Ergebnisse zeigen, dass wir dabei meistens kräftig daneben tippen. Das, was uns aufregt, Ängste auslöst und Sorgen bereitet ist nicht unbedingt das, was uns umbringt.
Ali Arbia hat das Thema mit seinem Artikel Mediale Wahrnehmungsverzerrungen und Risiko aufgegriffen - und beschreibt darin die Verschiebung der Wahrnehmung durch die Aufmerksamkeit, die einem bestimmten Thema in den Medien zuteil wird. Und das kann eben bedeuten, dass für ein vergleichsweise geringes Risiko ein enormer Aufwand betrieben wird, während wesentlich gefährlichere Bereiche in den Hintergrund treten. Gleichzeitig wird deutlich, dass das Thema Risikowahrnehmung sich durch viele unterschiedliche Bereiche zieht - denn Risiken können sich auf Gesundheitsrisiken, ökologische Risiken, Technologien und politische Bedrohungen beziehen. Mit der Bemerkung, dass die mediale Berichterstattung "unser Bauchgefühl prägt", hat Ali Arbia einen zentralen Aspekt des Problemfelds angesprochen. Denn das psychische Erleben folgt eben nicht der Rationalität, was bedeuten würde, einem großen Risiko auch eine entsprechend intensive Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ziemlich harmlose Tiere wie Spinnen und Mäuse können enorme Ängste hervorrufen, während andere Dinge, die im Grunde wesentlich gefährlicher sind, keine Reaktion hervorrufen.
Marc Scheloske hat sich ebenfalls mit dem Thema Risikowahrnehmung beschäftigt. In seinem Artikel über Phonetisch-terminologische Aspekte der Risikowahrnehmung beschreibt er die Bedeutung der Begriffe, mit denen eine bestimmte Gefahr bezeichnet wird. Ist eine Substanz nur deshalb gefährlicher, weil der Name schwerer auszusprechen ist? Eine grundsätzliche Annahme ist recht einfach: das Bekannte macht weniger Angst. Die Logik der systematischen Desensibilisierung beruht ja auf der Erfahrung, dass das vermeintlich Bedrohliche gar nicht so schlimm ist. Wer sich einer Spinne langsam annähert und dabei die Erfahrung macht, dass eben doch nichts Furchtbares passiert, verliert mit der Zeit auch die Angst. Aber etwas Unbekanntes, das noch dazu schwer auszusprechen ist... das muss gefährlich sein...
Ein weiterer sehr aufschlussreichen Artikel stammt von Peter M. Wiedemann und Johannes Mertens: Sozialpsychologische Risikoforschung wird mit Risikokommunikation in Verbindung gebracht - und dabei wird die unterschiedliche Einschätzung von Risiken durch Laien und Experten als Kernkonflikt deutlich. Es ist ein Problem, das sich durch viele Felder hindurchzieht. Wie hoch ist die Akzeptanz bestimmter Technologien (wie etwa der Kernenergie) in der Öffentlichkeit und welche Rolle spielt dabei die Einschätzung der Risiken, die mit dieser Technologie verbunden ist?

Den Abschnitt zur "Psychometrie der Risikowahrnehmung" möchte ich kurz zusammenfassen:

Risiken werden intuitiv bewertet. Als gefährlich gilt vor allem...
...das, was die eigene Person betrifft,
...was man selbst nicht beeinflussen kann,
...von anderen Menschen verursacht ist (im Vergleich zu natürlichen Risiken) und
...zu einer Katastrophe mit mehreren Todesfällen zum gleichen Zeitpunkt führen kann.

Das klingt einfach und handfest und man kann so manche plausibel klingende Schlußfolgerung daraus ableiten. Wiedemann und Mertens bewerten den Ansatz der psychometrischen Risikobewertung trotzdem kritisch. Kann man damit individuelle Risikobewertungen erklären? Das scheint nicht so ganz gelingen zu wollen...
Zurück zur Studie, die Marc Scheloski erwähnt hat - in der Bezeichnung einer Substanz durch verständliche oder unverständliche Begriffe sind keine Informationen über persönliche Betroffenheit, Kontrollierbarkeit oder die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe enthalten. Warum also erscheint das, das schwer auszusprechen ist, gefährlicher?
Als Alternative möchte ich deshalb hier die These in den Raum stellen, dass es vor allem die inneren Bilder sind, die Menschen mit einem Risiko verbinden, die über Rationalität oder Irrationalität der Risikowahrnehmung entscheiden. Eine Katastrophe wie der Anschlag auf das World Trade Center, das ist etwas Schlimmes, das ist gefährlich, da muss man etwas tun. Andere Dinge sind vielleicht viel wahrscheinlicher, aber sie werden als relativ harmlos wahrgenommen, weil unser Gehirn kein Katastrophenbild damit verbindet. Als kleine Ergänzung eine Geschichte von Whorf. Nicht dem Worf aus Star Trek, sondern von Benjamin Lee Whorf... (aus "Sprache - Denken - Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie"). Eine Halle war abgebrannt. Was war geschehen? Ein Arbeiter hatte eine brennende Zigarette in ein Wasserbecken geworfen. Wie das sein kann? Die Flüssigkeit war eben brennbar... aber in der Wahrnehmung des Arbeiters war das "Wasser" natürlich harmlos. Sprache vermittelt Bilder und prägt damit die Risikowahrnehmung.

Vielleicht sind die Aliens ja noch gefährlicher als alles andere? Die Spekulationen über Sinn und Wahrscheinlichkeit außerirdischer Besuche überlasse ich gern den Physikern und Alienfans. Der Skepsis von Jörg Rings schließe ich mich an: warum sollten Außerirdische, die notwendigerweise ein sehr hohes technologisches Niveau erreichen müssten, um überhaupt auf die Erde zu gelangen, ein Interesse daran haben, uns auszuplündern? Stellt man sich assimilierwütige Borgs vor, muss der Kontakt zu Außerirdischen eine furchtbar riskante Sache sein. Käme ein Vulkanier mit einer zu einem V geformten Hand und dem Spruch "Lebe lang und in Frieden", sieht die Sache schon anders aus. Die Rationalität der Angst könnte also durchaus etwas mit den Bildern zu tun haben, die wir um bestimmte Substanzen, Technologien, Ereignisse, Tiere, Menschen, Gruppen, Katastrophen usw. herumbasteln.

Noch eine kurze Bemerkung zum Thema "Risikokommunikation, Experten und Laien" - die mediale Verzerrung lässt sich vielleicht korrigieren, wenn sich Wissenschaftler darum bemühen, möglichst realistische Vorstellungen von dem zu vermitteln, was gefährlich ist oder gefährlich werden kann. Einen breiten Konsens zur Risikoeinschätzung wird es deshalb trotzdem nicht in allen Fragen geben. Menschen sind nun einmal unlogisch.

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Montag, 30. November 2009

Gefährlich... Männer reagieren anders als Frauen

Die Frage, ob es ein 'männliches' und ein 'weibliches' Gehirn gibt, ist ein weites Feld. Wie sieht das eigentlich mit Ängsten aus - reagieren Männer da anders als Frauen, ist Angst ein eher weibliches Phänomen?

Dieser Frage ging Dr. Urbanik mit seinen Kollegen an der Uni Krakau in Polen nach. 40 Versuchspersonen, davon 21 Männer und 19 Frauen, im Alter zwischen 18 und 36 Jahren, wurden mit dem Verfahren der Magnetresonanztomographie untersucht. Die Versuchspersonen bekamen Bilder zu sehen - im ersten Durchgang nur 'negative', im zweiten nur 'positive'. Die Bildersammlung diente dazu, bestimmte Gefühle auszulösen. Die Frage war dann, wie das Gehirn auf die Bilder reagiert.
Männer und Frauen reagieren unterschiedlich - die Hirnregionen, die jeweils aktiviert werden, legen bestimmte Schlussfolgerungen nahe. Frauen reagieren auf negative Reize stärker emotional, Männer konzentrieren sich stärker auf die Sinnesreize und reagieren stärker handlungsorientiert. Bei Männern wurde das autonome Nervensystem stärker aktiviert - die Beschleunigung des Herzschlages und das System "Angreifen oder Flüchten" wird schneller ausgelöst. Aus der Beobachtung, dass bei Männern durch die Betrachtung negativer Bilder stärker das autonome Nervensystem aktiviert wird, leiten die Forscher eine stärkere Tendenz ab, in gefährlichen Situationen aktiv zu werden. Frauen stellen positive Bilder stärker in einen sozialen Zusammenhang rufen Erinnerungen ab - während Männer sich eher auf das konzentrieren, was sie tatsächlich wahrnehmen.

Soweit also die Zusammenfassung der Ergebnisse. Beobachten und Messen lässt sich, welche Hirnregionen aktiviert werden - im Labor. Wie es in der Realität aussieht und ob die Tendenzen zu Recht verallgemeinert werden können, das ist eine andere Frage.
Epidemiologische Studien zeigen tatsächlich ein stärkeres Auftreten von Angststörungen bei Frauen - Angst und Panikattacken treten doppelt so häufig auf. Die Erklärung, dass das weibliche Hirn eben 'anders tickt', hilft allein aber auch nicht viel weiter... aus der Interpretation 'stärker innenorientiert' ergibt sich aber auch ein Ansatz - die Möglichkeit nämlich, die Aufmerksamkeit gezielt nach aussen zu lenken und handlungsorientierte Strategien zu entwickeln. Das Muster "Flüchten oder Angreifen" ist als 'Patentrezept' genauso problematisch - das Innehalten und Nachdenken kann in der Realität genauso ein sinnvolles Korrektiv darstellen. Hilfreich kann es sein, sich bewusst zu machen, dass automatische Reaktionen auf der physiologischen Ebene gewissermassen 'vorprogrammiert' sind. Einmal tief durchatmen und sich entspannen zu können - das ist ein wertvoller Schritt. Entspannungsverfahren, die mit körperlichen Aktivitäten verbunden sind, sind dabei besonders interessant.

Quelle:


s. auch: Angst und Panik

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