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Montag, 14. März 2011

Zoominami - die Traumakuppel

Irgendwann im Jahre 2050 betrat ich diese seltsame Kuppel, die aussah wie eine Halbkugel. Mit einer konkreten Frage war ich auf Orbital Alpha angekommen und fühlte mich von diesem als "Traumakuppel" überschriebenen Raum angezogen. Wann ist ein Erlebnis ein traumatisches Erlebnis? Vor allem aber: wie werden Menschen mit traumatischen Erlebnissen fertig? Die Ereignisse in Japan im März 2011 erinnerten mich an einen Abschnitt im ICD-10... das war für viele eine Situation, "die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde." Gleichzeitig fragte ich mich, ob die Medien in dieser Situation wirklich hilfreich gewesen waren oder in so manchem Fall die Traumatisierung eher verschlimmert hatten. Die Kuppel war von mattem Licht erhellt, in der Mitte stand eine Konsole, mit der ich allerdings nichts anzufangen wusste. Diese Schriftzeichen... konnte ich nicht entziffern. "Sie gestatten?", sprach mich jemand von hinten an. "Mein Name ist Zoominami. So nennt man mich, seitdem ich diese Kuppel gebaut habe. Sie ist für meine Landsleute gebaut worden, sollte ihnen helfen, mit den Erlebnissen nach dem Tsunami fertig zu werden." "Und - war sie hilfreich?", fragte ich zurück. "Sie war. Sie ist. Immer wieder kommen Leute hierher, nicht nur um eigene Erfahrungen aufzuarbeiten, auch um aus der Geschichte zu lernen." "Diese Bezeichnung... erinnert mich an 'Zoom'..." - "Das ist Absicht. Es liegt nicht nur daran, dass in Japan Kameras hergestellt werden... Es ist ein Bild dafür, bestimmte Dinge näher zu beleuchten, den Abstand herzustellen, ihn je nach Belieben vergrößern und verkleinern zu können. Sehen Sie... wenn Sie plötzlich zusehen müssen, wie ihr Haus weggerissen wird, wenn alles, was Sie sich mühsam erarbeitet haben, einfach so verschwindet, zerstört, überschwemmt wird... da wird es ziemlich schwer, ruhig und gelassen zu bleiben. Sie zeigen es vielleicht nicht, lächeln vielleicht sogar, weil Ihnen Freundlichkeit beigebracht wurde. Im Innern aber... spült die innere Welle Ihr ganzes Leben weg. Und dann... brauchen Sie eine andere Perspektive, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen."

Zoominami drückte auf eine Taste... und plötzlich schien alles zu wackeln. Die Bilder kannte ich, die Darstellung war sehr realistisch und simulierte das Erdbeben. Unwillkürlich setzte ich mich auf den Boden und fühlte mich trotzdem nicht sicher... nach wenigen Minuten schaltete Zoominami die Demonstration wieder ab. "Wie geht es Ihnen?", fragte er. "So etwas habe ich noch nie erlebt..", war meine Antwort. Und auch das kam mir bekannt vor - und machte mich nachdenklich. "Wenn nun jemand hierherkommt und diese Bilder, diese Erfahrung noch einmal machen kann... wirkt das dann nicht wie eine Retraumatisierung, die alles noch schlimmer macht?". "Möglicherweise. Es ist wichtig, sorgfältig auszuwählen, welche Programmbestandteile aktiviert werden. Ein grundsätzliches Anliegen ist das Bemühen um den richtigen Abstand, die Balance zwischen Erinnern und Ablenken - und das Bemühen um die Überwindung der emotionalen Grunderfahrungen, die mit diesem Erdbeben verbunden sind." Ich dachte nach, was er wohl damit meinte. Soweit ich mich da hineinversetzen konnte... Ohnmacht kam mir als erstes in den Sinn, Verzweiflung und Fassungslosigkeit. Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten, aber auch die Zerstörung von Illusionen, einem Gefühl von Sicherheit, das durch eine solche Erfahrung nachhaltig zerstört wurde. Das alles hätte ich gern mit Zoominami besprochen, aber er hatte längst eine andere Taste gedrückt. Und jetzt... stand ich in einer kleinen Sporthalle, der Boden begann leicht zu wackeln.
"Das Gleichgewicht wieder finden. Balance herstellen...", das war alles, was er mir an Hinweis gab. Mir dämmerte langsam, worauf er hinauswollte... ich sollte die Erfahrung machen, dass ich das Gleichgewicht immer wieder neu finden kann, mir selbst das Gefühl von Sicherheit wieder erarbeiten konnte.

Das alles musste ich erstmal verdauen... insgesamt waren kaum zehn Minuten vergangen, schätzungsweise.
"Das genügt für heute", meinte Zoominami. "Solche Erfahrungen brauchen Zeit, bis man sie verdaut hat." - "Fragen die Menschen, die hierher kommen, nicht immer wieder nach dem 'Warum'?", wollte ich nun wissen. "Manche ja... und nicht alle finden eine Antwort, mit der sie leben können. Dann helfe ich gelegentlich etwas nach." "Und wie? Ich meine... was ist Ihre Antwort?"
"Nach langem Nachdenken bin ich zu einer einfachen Antwort gekommen. Es liegt daran, dass die Erde ein lebender Planet ist. Ständig bewegt sich etwas. Und dabei geschehen Dinge, die aus einer globalen Perspektive im Grunde ganz normal sind, auch wenn sie für viele Einzelne eine Katastrophe bedeuten. Und das... nimmt dem Leiden den Schrecken nicht ganz weg, aber es hilft, Abstand zu gewinnen. Zu erkennen, dass das Leben weiter geht, was auch immer geschieht."

Bewundernswert, irgendwie. Unbehaglich war mir trotzdem zumute. Wer fragt schon danach, wie man mit so einem Erlebnis fertig wird?

*




Mittwoch, 19. Mai 2010

Schleier

Nichts, aber auch gar nichts war zu erkennen, als ich aus dem Lift trat. Nebel überall, graue Schleier, wohin ich mich auch wandte. Schon wieder so ein bescheuerter Traum, dachte ich mir und fragte mich, wozu das nun wieder gut sein sollte. Das Metphorische dämmerte schon unter der Oberfläche und schien mir zu raten, die Augen zu bewegen, wachsam zu sein, hin und her zu blicken, den Kopf zu schütteln, damit sich die nebelhaften Gebilde klarer abzeichnen sollten. Langsam nur setzte ich einen Fuß vor den anderen, um das Stolpern zu vermeiden, um niemandem auf die Füsse zu treten, schließlich war ja nichts zu erkennen. Schemenhaft waren Umrisse erkennbar, ich streckte meine Hände aus, um nirgendwo anzuecken, niemanden umzurempeln oder gegen eine Wand zu laufen.
Eine ganze Weile stolperte ich so umher, bis ich einen Zug spürte, etwas bewegte sich an meinem Kopf. Als ich mich umblickte, konnte ich niemanden erkennen.
Irgend jemand hatte mir den Schleier vom Kopf gezogen, der meine Sicht verdeckt hatte. Manchmal also liegt das Nebelhafte so dicht vor den Augen, dass man es nicht erkennt. Gefangen in der Suche nach komplizierten Erklärungen ist gelegentlich das Einfachste nicht mehr zu erkennen.
Das sollte mir wohl etwas sagen, blieb aber in seiner Bedeutung vorerst ein Rätsel.
 
*

Montag, 17. Mai 2010

Euronomia

Er musste wohl bemerkt haben, dass ich nervös mit einer Euromünze spielte. Verirrt hatte ich mich, irgendwo auf Orbital Alpha und das Gemurmel hinter dem grauen Strubbelbart sollte wohl so eine Art Gesprächseröffnung werden. Früher konnte man mit einem Euro tatsächlich etwas kaufen, aber heute... unter 10 Euro war kein Brötchen mehr zu bekommen und der Wert sank weiter. "Schlimm", sagte der Fremde, "Zeit für Euronomia". Was das bedeuten sollte, war mir völlig unverständlich.
"Kleine Quizfrage", meinte er. "Was ist der Wirtschaftskreislauf:
a) der regelmäßige Weg eines Kneipenbesuchers von der Theke zum Klo und zurück
b) der Weg eines Betrunkenen um eine Straßenlaterne, die den verlorenen Hausschlüssel zwar nicht erleuchtet, aber den einzigen Bereich darstellt, in dem man etwas sehen kann oder
c) die Zirkulation von Wertpapieren, die keinerlei materiellen Gegenwert haben?"
So etwas Kompliziertes konnte ich im Schlaf natürlich nicht beantworten.... "Okay," meinte der Bärtige gnädig, "ich erkläre es mal etwas anders. Wenn du die Wahrscheinlichkeit verkaufst, dass eines Tages auf deinem Acker eine Kartoffel wächst, gerät das System aus den Fugen. Früher oder später. Warte deshalb, bis etwas gewachsen ist, und verkaufe dann die Kartoffel."
Aha. Klar. Nein, doch nicht klar... "Euronomia ist, wenn man sich auf die gesunden Grundlagen des Wirtschaftens besinnt. In deiner Zeit ist globale Wirtschaft nichts anderes als eine riesige Kneipe, in der alle besoffen sind".

Als ich aufwachte, verstand ich nur noch Kartoffel.

Mittwoch, 14. April 2010

Spencer Johnson, Entscheidungen und Psychosen

Die Fahrt im Space Elevator hatte ich kaum wahrgenommen, noch bevor ich ein Bild davon entwickelt hatte, in welcher Ecke der Raumstation Orbital Alpha ich denn diesmal gelandet war, reichte mir jemand einen Zettel. Zettel? Wie altmodisch, dachte ich noch.
"Ja oder nein?", stand darauf. "Spencer Johnson?", kam meine spontane Reaktion. "Ja, genau." Aha, dachte ich halbwach dämmernd, wenn ich von so etwas träume und mir Spencer Johnson begegnet, dann stehen wohl Entscheidungen in meinem Leben an. Soso... Wollte er mich zu einer Wanderung einladen? Es wurde eher ein Spaziergang daraus, rund um den Orbitalring, der die Raumstation kreisförmig umschloss. Der Blick in den Weltraum war faszinierend, so weit über den Wolken in die Ferne blicken zu können, das hatte schon seinen Reiz. Ins Gespräch vertieft über Höhen und Tiefen, beweglichen Käse, Veränderungen und Entscheidungen stellte er mir unerwartet eine Frage. "Was stellen Sie sich unter einer Psychose vor? Und jetzt bitte keinen Lehrbuchvortrag...". Da überlegte ich dann eine Weile...
"Psychose ist ein unvollständiger Bezug zur Realität", antwortete ich schließlich.
Spencer Johnson war erstaunt. "Kein 'gestört', kein 'verrückt'?", wollte er wissen. Nein, die Wahl des Wortes 'unvollständig' war bewusst gewählt, so etwas fällt mir eben nur im Traum ein... "Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Idee. Wollen ein Buch schreiben über Entscheidungen, kommen auf die Idee, eine Wanderung als Rahmen zu wählen, schreiben ein paar Zeilen, zwei oder drei Seiten. Welche Impulse kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie einen Schritt zurücktreten und sich sagen, 'das Werk ist unvollständig'?" - "Weiter schreiben natürlich, inzwischen ist das Buch ja längst fertig", sagt er. Richtig, das Buch ist längst fertig... wie so manches andere auch. "Was wäre gewesen, wenn jemand den Entwurf als 'verrückt' oder 'gestört' bezeichnet hätte?" - "Nichts, ich hätte mich höchstens darüber geärgert", meinte er und rätselte wohl, worauf ich hinaus wollte.
"Im Grunde geht es um eine einfache Strategie - der Weg aus der Psychose ist die Suche nach der Realität. Das hat auch etwas mit Entscheidungen zu tun. Und so ähnlich, wie man seinen Verstand und sein Herz befragen kann, wenn es um Entscheidungen geht, kann man auch Fragen stellen, um den Bezug zur Realität zu vervollständigen. Was ist für mich real? Was ist für andere real? Wie kann ich mich mit anderen über das verständigen, was real ist?" - "Das klingt beinahe so, als würden Sie Psychosen nicht besonders ernst nehmen... So einfach ist es nun wirklich nicht", wandte er ein. "Schließlich flüchten manche gerade deshalb in die Psychose, weil sie die Realität nicht aushalten können". Trotz allem stimmte er mir zu, dass auch das mit Entscheidungen zu tun hatte... auch wenn sie nicht unbedingt sehr bewusst getroffen waren. So. als würde sich die Psychose langsam heranschleichen, aus einer vagen Idee eine feste Überzeugung basteln... Ich dachte an Birdy:


Klar, fliegen zu können wie ein Vogel, das wäre eine feine Sache. Im Traum ist das ja auch kein Problem. Die Bälle, die sein Freund schließlich anschleppt, um ihn in die Realität zurück zu bringen, haben dagegen etwas Handfestes. Zum Anfassen.
Beim Aufwachen sortierte ich erstmal... begegnet bin ich Spencer Johnson nie, aber sein Buch "Ja oder nein" gibt es wirklich. Den Film "Birdy" auch. Es hat schon was, wenn man zwischen Realität, Fantasie und Traum klar und deutlich unterscheiden kann.

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Dienstag, 29. Dezember 2009

Der Meister des Zorns

Das Land war mir fremd. Vor allem aber wunderte ich mich darüber, dass der dunkelhäutige Mann, der mir gegenüber saß, einen Regenschirm bei sich hatte. Bei dem Wetter? Es war so warm, dass ich wohl träumen oder irgendwo in einer Zukunft gelandet sein musste, in der die globale Erwärmung.... "Mein Name ist Mohandas", riss er mich aus meinen Gedanken. "Die meisten nennen mich Mo. Man nennt mich auch den Meister des Zorns. Erzähle mir, was dich bewegt."
Es ist schwierig, mitten in einem Traum irgendwie mit dem Aufwachen beschäftigt zu sein... das gehörte wohl in die Rubrik der immer wieder auftretenden Fragen aus dem Bereich 'Umgang mit Gefühlen'. Hatte ich da eine Frage? "Ich gehe davon aus, dass es gesund ist, wenn man Gefühle ausdrücken kann. Das gilt natürlich auch für den Zorn. Ich meine damit aber nicht das wilde Umsichschlagen, sondern das Gespräch darüber. Es kann auch eine Szene sein, ein Bild, eine Zeichnung oder etwas anderes." Mo dachte eine Weile nach und deutete ein Nicken an. "Früher dachte ich auch so ähnlich. Ich hatte mich daran gewöhnt, meinem Zorn freien Lauf zu lassen. Bis ich den Mahatma traf, der mich etwas ganz anderes lehrte." Als er meinen fragenden Blick bemerkte, ergänzte er: "ich bin auch in die Zukunft gereist. Und stelle fest, dass die Menschen immer noch nicht genug gelernt haben. Vor allem aber weiss ich aus Erfahrung, dass meine Methode für viele Menschen sehr nützlich ist. Der Mahatma sagte mir, behalte deinen Zorn für dich. Staue ihn auf. Mach etwas Wertvolles daraus. Etwas, das die Welt bewegt." Ein hoher Anspruch, dachte ich mir. Und es passte nun gar nicht zu meiner Vorstellung vom Aufarbeiten, Ausdrücken und Loslassen. Oder doch? "Wenn der Zorn eine wertvolle Form gefunden hat, drückt er sich auch aus. Aber auf eine Art, die selten als Zorn erkennbar ist." Darüber musste ich erst eine Weile nachdenken....
"Wie macht man etwas Wertvolles aus dem Zorn?" fragte ich schließlich.
"Es ist wichtig zu erkennen, was dich zornig macht", erklärte Mo. "Zorn über die Vergangenheit nützt überhaupt nichts. Sie wird zur Bitterkeit und nimmt dir jede Hoffnung. Denn die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Zorn über einen Zustand in der Gegenwart ist etwas anderes. Wenn es dort einen Punkt gibt, der verändert werden kann, lohnt es sich, den Zorn aufzustauen. Denn er gibt die innere Kraft, die Energie, sich wirklich für etwas einzusetzen. Etwas zu bewegen. Mit deiner Methode würde diese Energie verloren gehen."
Da stand oder vielmehr saß ich etwas ratlos da mit meiner westlichen Psychologie im Kopf... "Was sage ich Leuten, die viel Leid erfahren haben, in einer Katastrophe, einem Krieg Angehörige verloren haben? Wo soll denn da ein Ansatzpunkt für Veränderungen sein?" - Mo sah zu Boden, schien seine Worte sorgfältig abzuwägen... "Was ist es dabei, das den Zorn auslöst? Dass Menschen sterben, die sterblich sind? Oder die Tatsache, dass andere für ihren Tod verantwortlich sind?" "Das letztere, nehme ich an" - "Aha, der Zorn richtet sich also auf bestimmte Menschen, die getötet haben. Oder für eine Katastrophe verantwortlich sind. Sie vielleicht nicht verhindert haben. Der Mahatma hat mir von einer Szene erzählt, in der sich sein Zorn auf seine Frau richtete. Und er erkannte, dass er dabei in die Irre gegangen war." "Ist das nicht etwas ganz anderes?", fragte ich. "Ja und nein - im Prinzip geht es darum, den Zorn niemals auf eine Person zu richten. Sondern auf die Umstände, die ungerecht sind, verändert werden müssen." Das klang sicher einfacher als es war. "Wenn ich das den Amerikanern erzähle, die den Anschlag auf das World Trade Center erlebt haben..." -"Sie werden es nicht verstehen", antwortete Mo. "Sie sind gefangen in ihrem westlichen Denken. Sie kennen es nicht anders, als Zorn in Rache zu verwandeln, um der Bitterkeit zu entgehen. Aber sie übersehen dabei, dass selbst dann, wenn sie für 3000 Tote aus Rache 300.000 Andere töten, kein einziger Toter wieder lebendig wird. Es verändert sich nichts dadurch. Es wird kein Leiden beseitigt, nur neues geschaffen. Es wird keine Sicherheit errreicht, nur neue Bedrohungen. Der Kreislauf aus Zorn und Rache, Zorn und Rache geht immer und immer weiter" - "Richtig, aber es geht dann eben auch um Gerechtigkeit! Zumindest bin ich mir sicher, dass die Amerikaner so denken. So etwas kann man sich doch nicht gefallen lassen..." - "Es geht auch nicht darum, sich alles gefallen zu lassen. Mit Zorn umgehen zu lernen, das ist keine Schwäche. Es ist Stärke, die viel Übung erfordert. Terroranschläge sind immer das Resultat fehlgeleiteten Zorns. Sie haben keinen konstruktiven Wert. Sie beseitigen keine Ungerechtigkeit. Sie entstehen aus einem Irrtum." Also, so meine Schlussfolgerung, müsste sich der Zorn darauf richten, einen Irrtum zu korrigieren. So bedenkenswert mir diese Gedanken auch erschienen, ich war mir sicher, dass die Amerikaner damit nicht sehr viel würden anfangen können. Auch jener nicht, der in meiner Zeit einen Friedensnobelpreis gewonnen hatte.

* 



Dienstag, 15. Dezember 2009

Celina und das Böse

Celina gehört zu den beeindruckendsten Gestalten, die mir in der Raumstation Orbital Alpha begegnet sind. Ich vermute, es wird noch eine Zeit dauern, bis ich ihre Worte so halbwegs verstanden habe. Mit 91 Jahren werde es langsam ruhiger in ihrem Leben, erzählte sie. Mehrere Weltreisen und das beständige Nachdenken über die zentralen Fragen des menschlichen Daseins hatten ihr Leben geprägt. Was ich nicht wusste war, dass es auf Orbital Alpha auch einen künstlich angelegten Garten gab. Mehrere sogar. Jener Garten, den sie mir zeigen wollte, hatte einen Teich, der wie ein Brunnen aussah - mehrere Meter tief, schätzte ich. Unten konnte man das Wasser sprudeln sehen, es wurde beständig umgewälzt.
Der Grund, warum sie sich hier öfter aufhielt, war die Möglichkeit, bis auf den Grund zu sehen. Und das schließlich war ein Grundprinzip ihres Lebens gewesen. Den Dingen auf den Grund gehen.
Der 'Trieb, überall zuhause zu sein' hatte sie 'heimatlos' gemacht - und so war sie eben auf der Station gelandet. Betrachtete es als ihre Aufgabe, ihre Erkenntnisse weiter zu geben. Oder zumindest aufzuschreiben. Die Menschen hatten sie enttäuscht - auf der Suche nach dem wahrhaft guten Leben hatte sie so viele und einander widersprechende Antworten gefunden, dass es überall und nirgends zu sein schien, das Gute. Allgegenwärtig dagegen das Böse. Und über das, was gut und was böse sei, habe sie ebenfalls sehr viele unterschiedliche Aufassungen zu hören bekommen. Das alles hatte sie eine Zeit lang so verwirrt, dass sie nicht mehr zu wissen glaubte, woran sie sich noch orientieren könnte. Sicher, kluge und weise Menschen seien ihr oft begegnet - aber alle waren auf ihre Art geprägt durch ihre Kultur, durch ihren Glauben, ihre Weltanschauung. "Das Gute oder das Böse an sich gibt es nicht", meinte sie, "es hängt alles davon ab, wie man sich selbst definiert. Für die meisten ist das gut, was ihnen nützt, und das schlecht, was ihnen nicht nützt, böse sind immer die anderen. Alle wollen die Guten sein. Und deshalb - ist das Böse in allen. Dort aber will es niemand haben - also sehen es alle woanders. Und das Schlimmste ist: der Glaube, dass man das Böse nur mit Gewalt besiegen könne, sitzt so tief, dass man damit jede Form von Gewalt rechtfertigen kann. Und wenn die Guten gewalttätig werden, dann ist plötzlich das Böse gut. Alles Schlechte aber hat auch sein Gutes und alles Gute auch sein Schlechtes."

Ihre langen weissen Haare spiegelten sich im Wasser. Meine Hoffnung, dass da noch etwas kommen würde, erfüllte sich nicht. Mit einem großen Fragezeichen wachte ich auf. Wenn es Kriege gibt, ist das Böse immer auf beiden Seiten. Aber wen interessiert das schon.


Mittwoch, 9. Dezember 2009

2059. Algentherapie für den Globus

2009 zeigt mein Kalender. Also musste ich mal wieder geträumt haben, erschüttert von den Berichten über die Katastrophen, die eintreten könnten, wenn die Temperatur auf der Erde zu stark steigt.
Auf Orbital Alpha hatte ich einen der 'Globaltherapeuten' getroffen, über die ich wohl noch mehr erzählen muss... ein hochinteressantes Institut, indem es nur Orbitalbewohner gab, die sich nicht mehr irgend einem Staat zugehörig fühlten. Ohne Macht, ohne politische Gewalt... aber dennoch mit einem nicht zu unterschätzenden Einfluss. 'Ja, das war eine spannende Zeit damals', erzählte mir Boran, 'vor 50 Jahren, als es einen Riesenwirbel um das Kohlendioxid gab'. Irgendwann machte es dann 'Klick' und ich erkannte, dass ich im Jahr 2059 gelandet war. Aber man kann sich an solche Zeitsprünge auch gewöhnen... Auf jeden Fall war ich neugierig, wie das denn nun ausgegangen war in Kopenhagen und vor allem - ob es gelungen war, die Emissionen stark genug zu reduzieren. Boran musste lachen: 'die Menschen und die Politik... hätten wir uns darauf verlassen, was Politiker aushandeln und ökonomische Kräfte wieder zunichte machen, denen es nur um den Profit geht, wäre ziemlich sicher eine Katastrophe nach der anderen eingetreten. Deshalb haben wir hier eine Abteilung für Algentherapie gegründet. Der Plan nannte sich zuerst 'Algenda 2012', und der große Weltuntergang hat natürlich nicht statt gefunden. Neu waren die Ideen im Grunde nicht - Algen mögen CO2, Algen liefern Energie, Algen kann man anbauen. Und essen.' 
 Algenbrot? Die flache Platte, die mir Boran reichte, schmeckte etwas ungewohnt... 'Ist aber nahrhaft', meinte er. Nun wollte ich natürlich wissen, was es mit der Algentherapie genau auf sich hatte. 'Kann ich nicht sagen', meinte Boran. 'Verstehen würde es in deiner Zeit sowieso niemand. Denn die Art von Algen, die wir einsetzen, gab es in deiner Zeit noch gar nicht. Wir liefern einfach nur Ideen für Möglichkeiten, die Störungen des globalen Gleichgewichts, die von Menschen geschaffen wurden, wieder auszugleichen'. Als ich aufwachte, stand ich also doch wieder kaum schlauer da als zuvor. Nur diesen seltsamen, ungewohnten Geschmack hatte ich noch im Mund. Von diesem Grünzeug, über das sich die Aquarianer so aufregen.





Freitag, 23. Oktober 2009

Anatomie des Ärgers


Irgendwelche Erinnerungen mussten mir durch den Kopf gegangen sein, bevor ich eingeschlafen war. Kaum hatte ich in der Empfangshalle das neue Schild mit der Aufschrift "Anatomie des Ärgers" entdeckt, war ich auch schon drin. Und staunte. Mit einer Art Gummizelle hatte ich gerechnet, getragen von der längst überholten Idee, Aggression sei eben "ein Trieb, den man irgendwie rauslassen müsse". Erfahrungen von Leuten fielen mir ein, die mit dem Gedanken, ihre Aggressionen loszuwerden, in ein Fitnessstudio gegangen waren. Um nach einiger Zeit festzustellen, dass sie dadurch nur noch aggressiver wurden. Keine Gummiwände, kein Boxsack oder etwas Ähnliches.
Nein. Ein Schreibtisch in der Mitte und dahinter eine etwas nüchtern wirkende weissbekittelte ...Ärztin, wie ich vermutete. "Oh, ein neues Studienobjekt!", begrüßte sie mich. Schob die Brille über die Nase, was nun überhaupt nicht zu einem Science-Fiction-Traum passte. Aber, wie das eben so ist... selbst James T.Kirk trug wohl aus nostalgischen Gründen gelegentlich eine Brille. Nun ja. Mit einem VISOR, so wie ihn Geordi LaForge trug, hätte sie auch nicht besonders gut ausgesehen. Aber, zur Sache. "Den Ärger stelle ich mir wie einen Körper vor", begann sie ihre Theorie zu erläutern. Ein fragwürdiges Bild, wie ich fand... "Als Ärztin bin ich natürlich dem Leben verpflichtet," erklärte sie weiter. "Den Ärger umzubringen liegt mir absolut fern. Er soll leben und sich zeigen dürfen. Auch wenn er oft nicht mehr ist als ein Schatten, der vorüberzieht". Eine leicht poetische Ader schien sie also auch zu haben, trotz Brille. Oder vielleicht gerade deswegen.
"Oft sehen die Menschen im Ärger nur das Destruktive", fuhr sie fort, "ohne zu erkennen, dass in ihm das heisse Blut der Leidenschaft fliessen kann". Was sollte das denn werden? Eine verkorkste erotische Geschichte? Jetzt sollte wohl noch eine Erklärung darüber erfolgen, wie nahe gewisse Hirnzentren in unseren Schädeln beieinander liegen oder so etwas. Leider blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn schon ging die Vorlesung weiter: "Jeder Ärger hat ein Rückgrat und Hände. Wie jedes Lebewesen möchte er sich ausdrücken, kann dabei sehr konstruktiv werden und etwas Neues schaffen. Seine Augen, die Ohren, die Sinne machen aufmerksam und zeigen, wo es etwas gibt, das nicht in Ordnung ist. Das Rückgrat schliesslich sind die Werte, das, was einem Menschen wichtig ist. Wer sich nie über etwas ärgert, hat keine Werte, die man verletzen könnte, kann also auch nichts als ärgerlich beurteilen. Und das ist schade. Denn dann finden die Hände keinen Anlass, aktiv zu werden und etwas zu verändern auf der Welt."
Die näheren Details dieser abstrusen Theorie will ich nicht näher erläutern. So ein Unfug, dachte ich. Zuerst. Etwas später ging mir die Frage durch den Kopf, ob diese bildhafte, verfremdende Analogie vielleicht doch etwas an sich hatte. Als Methode, sich von unangenehmen Gefühlen zu distanzieren. Abstand zu gewinnen und dadurch einen neuen Zugang zu finden. Und dann fiel mir Albert Einstein vor dem Spiegel ein. Mit der Frage, ob er sich wohl noch rasieren könnte, wenn er jetzt mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs wäre. Es wäre ja ärgerlich, wenn das Spiegelbild einfach so verschwinden würde...
Wissenschaftler sind schon seltsame Menschen. Als ich aufwachte, dachte ich darüber nach, ob ich heute wohl etwas Ärgerliches finden würde, das sich ändern liess. Im Spiegel konnte ich mich erkennen... war also wohl wieder auf der Erde angelangt. Und bestimmt nicht mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Sooo schnell bin ich auch nicht...!



Montag, 19. Oktober 2009

Kompetenztüftler


Eine ganze Weile war ich nicht mehr auf Orbital Alpha gewesen. Es gab dort noch viel zu entdecken... aber so manches schien irgendwie anstrengend zu sein. Also zog ich die gemütliche Variante vor und schlenderte in die Cafeteria. Mal sehen, wen ich dort heute treffen könnte... Es wäre praktisch, wenn man erkennen könnte, wer welche Sprache spricht - schließlich musste man hier oben mit allem rechnen. Nachdem ich mich mit einem lecker duftenden Cappucino versorgt hatte, sah ich einen etwas verzweifelt aussehenden jungen Mann an einem Tisch sitzen, der trotz allem "talkative" wirkte. So, als würde er gerne angesprochen werden. Risiko hin oder her... ein Versuch konnte nicht schaden. "You are in worry, I suppose", begann ich in der Hoffnung, er würde das verstehen. Mit einer Geste lud er mich ein, Platz zu nehmen. "My name is Pot", stellte er sich vor. Das allein fand ich schon bedauernswert. Wie es weiter ging, übersetze ich mal lieber ins Deutsche. Nach einiger Zeit kam die entscheidende Frage zum Vorschein, über die sich Pot den Kopf zerbrach, bei der er buchstäblich nicht zu Potte kam...


Warum kann ich etwas nicht, wenn ich etwas nicht kann?

Auf was für Ideen manche Leute kommen... Okay, dass ich mal darüber nachdenke, warum bestimmte Dinge nicht so einfach sind oder nicht gelingen, das mar mir schon vertraut. Aber in dieser Formulierung war mir die Fragestellung dann doch neu. Und wie das nun mal so ist, die Frage nach dem Warum zeigte sich als schwierig. Drohte, in endlosen Grübeleien zu versinken und das war wohl auch der Grund gewesen, warum er ein geduldig zuhörendes Opfer gesucht hatte. Das "Opfer", namentlich meine Wenigkeit, zeigte allerdings mehr Interesse daran, dem Problem auf den Grund zu gehen. Also, die "lot of reasons", die vielen Gründe, die dazu führen könnten, dass irgend etwas nicht geht, einmal sorgsam abzuklopfen. Außerdem wollte ich selbst einmal eine Frage formulieren, die zum Grübeln anstiften konnte...

Wie bringe ich einen Menschen dazu, etwas nicht zu können?

Pot konnte nicht verstehen, welchen Sinn es haben könnte, eine solche Frage zu stellen. Also lieferte ich ihm auch gleich eine Antwort mit. "Wenn ich dafür sorgen will, dass ein Hundertmeterläufer sein Ziel nicht erreicht, dann stelle ich ihm ein Bein". "Das ist aber unfair", meinte Pot. "Klar", sagte ich, "das ist unfair. Aber es funktioniert." "Leider", seufzte Pot, "gelingt mir so manches auch dann nicht, wenn mir niemand ein Bein stellt". Die Überlegungen zum Thema "wie man sich selbst ein Bein stellt" und das Problemfeld "Stolpern über die eigenen Beine" sowie die Frage "wie man um sich selbst herum geht, wenn man sich selbst im Weg steht", kürze ich lieber ab. Am Ende kamen mir nämlich zu der Überzeugung, dass diese bildhafte Sprache, so anschaulich sie auch war, im wesentlichen doch nicht viel Hilfreiches zutage fördern würde.



Lernen

"Did you learn it?" Mit dieser Frage traf ich am häufigsten ins Schwarze: nachdem ich wissen wollte, was er denn alles nicht könne, zeigte sich an vielen Stellen, dass er so manches eben einfach nicht gelernt hatte. Das war nun wirklich eine handfeste Einsicht - wenn ich etwas nicht kann, dann könnte es daran liegen, dass ich es einfach nicht gelernt habe. Anstatt sich darüber aufzuregen, dass diese oder jener etwas Bestimmtes nicht kann, wäre es dann sinnvoller, eben das zu vermitteln, was da "fehlt". Pot allerdings neigte eher dazu, sich selbst als "zu dumm" zu betrachten. Aber Dummheit und "etwas Bestimmtes nicht gelernt haben" - das sind zwei verschiedene Dinge.

Der Baum und die Angst

So gerne wäre er einmal auf einen hohen Baum geklettert, erzählte mir Pot, aber er konnte es einfach nicht. "Logisch", dachte ich, "schließlich kann man da herunterfallen. Und das... könnte weh tun." Der Weg zur Erkenntnis war nicht weit: Gefühle und Fantasien, die Vorstellung, dass etwas Schlimmes geschehen könnte, das sind mögliche Gründe dafür, warum so manches "nicht geht". Überlegungen zur Wahrscheinlichkeit, tatsächlich vom Baum zu fallen, lehnte Pot kategorisch ab. Immerhin war er tatsächlich schon einmal heruntergefallen. Seine Befürchtung hatte also eine reale Grundlage... die Frage, wie und warum solche Katatrophenfantasien entstehen, war also zumindest vordergründig leicht zu beantworten. Und dann wurde es tiefsinnig.

Muster und Schemata

Von der Schematherapie hatte Pot nie gehört. Was es mit den EMS und den NESSIES auf sich hatte, wollte ich ihm nicht allzu genau erklären... immerhin konnte er mit dem Gedanken etwas anfangen, dass das Nicht-Können von irgend etwas mit Mustern zusammen hängen kann. Etwa mit der Vorstellung "dazu bin ich sowieso zu doof, also warum sollte ich mich anstrengen?" (Schema: Unzulänglichkeit). Das "Know-How" ist eben eine Form von Muster, eine Abfolge, die beschreibt, wie etwas geht. Übung macht den Meister, ein alter Spruch, der so manches erklärt. Ein gut eingeübtes Muster läuft mehr oder weniger automatisch. Wenn es nützlich ist, okay, wenn es störend ist, kann es ein Grund dafür sein, warum so manches eben nicht funktioniert. "Also kann ich etwas nicht, wenn mir die Übung fehlt, ein Muster fehlt, oder Muster aktiv sind, die einfach stören". So ungefähr fasste Pot seine Überlegungen zusammen und das war mir im Grunde genau genug. Denn aus diesen Einsichten ergab sich eine weitere, noch viel schwierigere Frage:

Wie komme ich da hin, etwas zu können, das ich nicht kann?



Das Lernen allein ist es nicht. Selbst wenn äussere Hindernisse beiseite geräumt sind, bleiben möglicherweise im Innern noch genug Stolpersteine übrig. Gefühle. Gedanken, Bilder, Motive, Lücken, Impulse, die in eine andere Richtung gehen und irgendwie stören. "Loslassen", meinte Pot, "von manchen Dingen muss ich mich einfach lösen, wenn sie mir im Wege stehen. Und morgen... klettere ich auf einen Baum".
Wie es weiter ging, kann ich nicht sagen. Inzwischen war ich aufgewacht, verpürte aber keinerlei Bedürfnis, auf einen Baum zu klettern. Aber irgend etwas könnte ich mir doch vornehmen für heute.




Anmerkungen:
talkative = mitteilsam, gesprächig, mitteilungsbedürftig - es bedeutet aber auch "geschwätzig", ist also nicht unbedingt eine wertneutrale Beschreibung.


...nächste Folge: Anatomie des Ärgers.









Samstag, 12. September 2009

Zoom-Room: Bilder und Sprache




Wie funktioniert denn das jetzt wieder? Ohne Vorwarnung war ich in diesem Raum gelandet und fand um mich herum viele Bilder, plastisch, dreidimensional, aber ohne erkennbaren Zusammenhang. Wenigstens gab es keine einheitliche Szene. Ein kleines Pult stand vor mir und kleine Kabel waren an meinem Kopf befestigt. Wer und warum mir diese Dinger angeklebt hatte, daran konnte ich mich nicht erinnern.
"Da kann man ja glatt den Boden unter den Füssen verlieren", dachte ich und staunte über das, was geschah... plötzlich schien ich in der Luft zu schweben, samt Pult wohlgemerkt, ahnte aber schnell, dass es eine Illusion sein musste. Bildhaft und unmittelbar hatte dieses seltsame Gerät mir sichtbar "den Boden weggezogen". Langsam ahnte ich, was hier geschah - Bilder, Metaphern, sprachliche Formulierungen, die in irgendeiner Form visualisierbar waren, wurden unmittelbar in Bilder umgesetzt. Irgendwie musste dafür eine Datenbank mit Bildern zur Verfügung stehen, die nach den Prinzipien der Transformationsgrammatik abgerufen wurde.
Noch wahrscheinlicher aber war, dass hier Elemente der
Metaphernanalyse in Algorithmen umgesetzt worden waren.
"Da bleibt mir doch glatt die Spucke weg", sagte ich laut. Und nun war ich gespannt, was daraus werden würde - aber mehr als ein kleines rotes Lämpchen leuchtete nicht auf. Dazu gab es wohl noch kein Bild und ich überlegte, wie es aussehen könnte. "Bodenlosigkeit" ist ja auch ein Bild, aber man kann sich dabei vorstellen, in der Luft zu schweben. "Bodenloser Unsinn" dagegen ist ein Bild, das im Grunde kein reales Bild ist. Eine Raummetapher und eine Bewertungsmetapher, wobei die Raummetapher im Grunde auch eine Bewertungsmetapher darstellt...
Wenn "die Spucke wegbleibt", dann ist das ein Bild für "Sprachlosigkeit", aber das ist ebenfalls etwas wenig Konkretes. Dass jemand mit offenem Mund da steht und nicht mehr antworten kann, so etwas kann man sich vorstellen.
Wozu sollte ein solcher Raum gut sein? Eine Spielerei, ein Forschungsprojekt?

Miteinandersprechen ist auch: Bilder entwickeln, gestalten, austauschen.

Dieser Raum machte solche Prozesse sichtbar - und brachte ein verwirrendes Sammelsurium aus Bildern an Wände, Decke und Boden. Etwas begreifen, mit Händen greifen, eine Bewegungsmetapher. Das kann ich nicht erkennen, das sehe ich nicht ein: eine Metapher zur Wahrnehmung.
Bilder sind Abkürzungen, machen Dinge anschaulich - können aber auch verzerren, seltsame Zusammenhänge darstellen und damit als Mittel der
Manipulation eingesetzt werden.
Als ich das Pult etwas näher betrachtete, fand ich ein Zeichen, das wie eine Lupe aussah, daneben ein Stift, der sich als Leuchtstift entpuppte und ebenfalls ein Lupenzeichen aufwies. Bilder, die an die Wände projiziert waren, liessen sich damit anleuchten und vergrößern. Ein nettes Spielzeug...
Auch das kleinste Bild konnte damit ein ganzes Stück größer werden. Als ich das besagte rote Lämpchen aufleuchten sah, wurde mir bewusst, dass ich da etwas Merkwürdiges gedacht haben musste. Ein ganzes Stück größer? Was ist eigentlich "ein Stück größer" und vor allem: was ist "ein ganzes Stück?". Wie groß wäre denn "ein halbes Stück größer"?
Bilder in der Sprache... ein weites Feld. Mehr darauf zu achten, das war der wichtigste Impuls aus dieser Erfahrung. Bilder in Formulierungen einbetten, aussprechen und mitteilen - das bedeutet nicht, dass wirklich ein Bild "transportiert" wird. Vielleicht entsteht beim Hören ein ganz anderes... Möglicherweise wird dabei auch "gemogelt", weil das Bild den Sachverhalt, den es beschreiben soll, verzerrt oder umkehrt. "
Peacemaker" ist eben keine Bezeichnung für ein Gänseblümchen...
Plötzlich hatte ich den Faden verloren. Wieder ein Bild, erkannte ich. Über Missverständnisse, Sprache und Denken, Formulierungen und Inhalte hatte ich mir bereits viele Gedanken gemacht. Die Bilder darin, dahinter, darunter, darüber, dazwischen... waren möglicherweise viel wichtiger als es schien.
Geträumt hatte ich also wieder einmal. Mir alles nur eingebildet.


...nächste Folge: Kompetenztüftler.

Donnerstag, 10. September 2009

Die Problempartnerbörse

Dass es auf Orbital Alpha so manches gab, das irgendwie seltsam war, hatte ich ja schon begriffen. Wieder einmal stand ich also vor den Hinweisschildern in der Empfangshalle, die jedesmal größer zu werden schien. Aber das war wohl nur eine Täuschung, eben nur ein Traum.
Ob es neu war oder mir bisher nicht aufgefallen war, das wusste ich nicht. "Problempartnerbörse" stand da zu lesen. "Finden Sie Menschen mit ihren Problemen". Aha?
Das musste ich mir ansehen. Die vorbeieilenden Menschen beachtete ich kaum, stolperte also in den Vorraum der besagten Börse und fand ebenso Neugierige vor den Bildschirmen stehend, Stichworte eintippend und dabei wohl auf der Suche. "Wie funktioniert denn das hier?", fragte ich den nächstbesten Passanten und, wie freundlich, er erklärte mir alles. "Ich suche Leute, die möglichst genau dieselben Probleme haben wie ich. Oder wenigstens manche..." - "Und wozu?", wollte ich wissen.
"Weil es nützlich ist für beide Seiten. Deshalb geht es ja um Problem-Partner." So ganz neu schien das nun auch nicht zu sein, schließlich gab es ja schon lange Selbsthilfegruppen für Dieses und Jenes und Sonstiges... "Also eine Art Mini-Selbsthilfegruppe?" - "Manchmal finden sich tatsächlich ganze Gruppen zusammen, aber der Kern ist das Modell des Co-Counseling. Man berät sich gegenseitig." So langsam dämmerte mir, dass es wohl doch etwas Neues war, zumindest etwas, das ich in dieser Form noch nicht kannte. "Das Problem ist ja", erklärte mir der Problempartnersuchende, "das ein Problem komplett die Sicht auf Lösungen verstellen kann. Manchmal habe ich den Eindruck, nicht ICH habe ein Problem, sondern das Problem hat MICH. Finde ich jemanden, der dasselbe oder ein ähnliches Problem hat, kann ich das Ganze aus einem gewissen Abstand betrachten. Denn es ist ja nicht mein Problem..." Das fand ich dann doch irgendwie widersprüchlich. Erst mit der Zeit wurde mir der Sinn der Idee klarer, aber ich hatte einen Einwand: "Wäre es nicht sinnvoller, nach jemandem zu suchen, der sich mit einem Problem auskennt? Also, wenn der oder die andere dasselbe Problem hat, dann fehlt ja wohl noch eine Lösung..."
"Richtig," bekam ich zur Antwort, "aber ich will ja keine vorgefertigte Lösung von jemandem, der sich mit der Angelegenheit auskennt und womöglich sofort weiss, was ich tun sollte, hätte tun können und Bla und Bla..." Ach. Da wollte sich jemand wohl nicht bevormunden lassen? "Okay, es geht also, wenn ich das recht verstanden habe, um die gemeinsame Suche nach Lösungen?", fragte ich also, etwas diplomatischer als es mir durch den Kopf gegangen war...
"Genau. Wir beraten uns gegenseitig, tauschen Ideen aus, und können jeweils aus dem Abstand zur eigenen Situation klarer erkennen, was Sache ist. Das Prinzip ist, sich gegenseitig zu helfen, ohne den Anspruch, zu wissen, was für den anderen gut und richtig ist. So, jetzt muss ich aber weiter suchen..."
Danke, ich wollte ja nicht stören... "Viel Glück!" wünschte ich noch.
Einen Blick auf die "angebotenen Probleme" konnte ich mir nicht verkneifen. Erstaunlich, was alles zum Problem werden kann... über die Einzelheiten kann ich natürlich aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft geben.
Abstand gewinnen... das ging mir noch durch den Kopf, als ich mit dem Space Elevator wieder auf die Erde fuhr. Diesmal setzte ich mich so hin, dass ich durch den Aufzugboden die Erde beobachten konnte.





Die Idee hat Zukunft, dachte ich beim Aufwachen.

Freitag, 4. September 2009

Informationsmanagement und Mobbingprävention


(zur Vorgeschichte siehe... Mobbing Replay)

Ohne es zu merken, war ich eingedöst, das sanfte Summen im Aufzug hatte mich eingeschläfert... ein sanftes "Bing" zeigte mir an, dass wir Orbital Alpha erreicht hatten.
Es zog mich ins Café, vielleicht würde ich ja den Lehrer ohne Namen wieder treffen und erfahren, was aus seinen Ideen zur neuen Schule geworden war. Stattdessen sah ich Demmo an einem der Tische sitzen, die mir auf irgendeine Art verändert vorkamen. Nachdem wir uns begrüßt hatten, kramte er einen kleinen Datenblock hervor und tippte irgendetwas darauf ein. In der Mitte des Tisches wurde es jetzt heller, die Platte wurde zu einem Monitor, auf dem ich etwas lesen konnte. Praktisch fand ich das, ohne zu ahnen, welche Möglichkeiten diese Tische sonst noch zu bieten hatten...
"Ich habe nachgedacht", begann Demmo. "Und verschiedene Dinge sind mir dabei klar geworden. Es gibt eine Ebene, mit der ich selbst fertig werden muss, aber auch eine organisatorische Ebene, die mir bisher nicht so klar war. Das hat eben mit Medizin erstmal nichts zu tun. Es sei denn, man versteht Beziehungsmedizin noch viel umfassender als ich mir das bisher vorgestellt hatte. Im Grunde leuchtete es mir ja ein, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient ein wichtiges Element ist - jetzt aber sehe ich das gesamte Beziehungsgefüge im Krankenhaus als wichtiges Thema an."
So recht war mir nicht klar, was das mit dem zu tun hatte, was ich da auf dem Monitor stehen sah, aber Demmo half mir hier schnell weiter. "Die Idee ist einfach: wenn ich Mobbing vorbeugen will, muss ich mir über Informationsmanagement Gedanken machen. Und dazu habe ich mir drei wichtige Fragen notiert."
Eben diese Fragen waren es, die vor mir sichtbar geworden waren:

Was müssen die anderen wissen, damit sie ihre Arbeit machen können?
Welche Informationen müssen schnell und zuverlässig transportiert werden?
Welche Dinge sind für die Leute, die schon länger da sind, selbstverständlich, für Neue aber sehr wahrscheinlich unbekannt?


Die Pause, die mir Demmo ließ, nutzte ich zum Nachdenken... die Geschichte aus einer Telefonabteilung fiel mir ein, in der Mitarbeiterinnen Telefonbücher versteckt hatten, um eine bestimmte Kollegin in Schwierigkeiten zu bringen.... und die Erzählung eines Jurastudenten, der mir von herausgerissenen Seiten in Fachbüchern und Gesetzestexten in der Universitätsbibliothek berichtet hatte. Logisch, was man nicht nachlesen kann, weiss man eben in der Prüfung nicht... ohne die Telefonnummer kann ich einen Anrufer nicht korrekt weiter verbinden.
"Der Patient, der in ein anderes Zimmer verlegt wurde...", sagte ich also, in Gedanken wieder mehr in Demmos Krankenhaus. "Richtig - solche und andere Informationen sind einfach wichtig. Wenn es um Menschenleben geht, dürfen solche Prozesse nicht dem Zufall überlassen bleiben. Informationsmanagement heisst hier also, dafür Sorge zu tragen, dass nichts verloren geht, aus Versehen oder mit Absicht zurückbehalten wird, das für die Arbeit unverzichtbar ist."
Das leuchtete mir irgendwie ein.
Meine Gedanken schweiften schon wieder ab... nach einem Schluck aus der Tasse erzählte ich Demmo die Geschichte aus einer Kfz-Werkstatt. Ein Kunde wollte sein Auto blau lackiert haben. Nachdem er erfahren hatte, was das kosten würde, fragte er hinter vorgehaltener Hand: "Könnten Sie das nicht auch schwarz machen?". "Okay", kam als Antwort. Am nächsten Tag fand er sein Auto schwarz lackiert vor...
"Scherz beiseite... Missverständnisse können dabei auch entstehen und ich finde, das muss man auch berücksichtigen". Demmo gab mir Recht. "Mir sind da einige seltsame Dinge passiert... einmal wurde ich blass, als man mir erzählte, der Herr Dingens sei umgelegt worden... ja, in ein anderes Zimmer, aber ich dachte wirklich, man hätte ihn umgebracht. Dann hieß es, Frau Ypsilon sei 'gebeutelt' worden.
Was das bedeuten sollte, konnte ich nicht verstehen. Die Frau hatte einen Anus praeter und es ging um den Beutel für den künstlichen Darmausgang, der natürlich immer wieder gewechselt werden musste...". Je länger wir darüber nachdachten, umso mehr Problembereiche wurden deutlich, potentielle Quellen für Missverständnisse, Fehlentscheidungen und Schwierigkeiten.
Die dritte Frage schien mir ebenfalls interessant.
"Ich glaube," erklärte Demmo dazu, "dass die Einarbeitungsphase ein besonders sensibler Bereich ist, was Mobbingphänomene betrifft. Alle Informationen, die ich brauchte, musste ich mir mühsam zusammen suchen. So ganz nebenbei erfuhr ich oft zufällig Details über Regelungen, die nirgends aufgeschrieben waren. Da war es natürlich leicht, etwas zu finden, das man mir vorwerfen konnte. Also sage ich mir: es muss Einarbeitungspläne geben und eine Weitergabepflicht für wichtige Informationen. Es kann nicht sein, dass jemand einfach so da ist und alles erfragen muss. Schließlich ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, welche Fragen da wirklich zu stellen sind. Wer wofür zuständig ist, was wie genau geregelt ist... solche Dinge müssen systematisch vermittelt werden.
Dann kann niemand über den neuen Arzt lästern, der das falsche Formular in die Verwaltung schickt, obwohl der Oberarzt für die Sache verantwortlich ist und natürlich sauer wird, weil er nicht gefragt wurde, ob... na, es ist ja egal, worum es dabei ging. Das Organigramm also, die Frage, wer wofür zuständig ist und wer in welcher Frage welche Entscheidungen tirfft, mit wem in welcher Situation Rücksprache gehalten werden soll... das kann man sich irgendwann zusammen reimen. Viel einfacher wäre es aber, wenn solche Dinge ganz deutlich in der Einarbeitungsphase erklärt werden würden."
Als ich in meiner Tasche kramte, fand ich einen Zettel. Aus Versehen musste ich dabei einen Sensor berührt haben, denn Demmos Fragen waren verschwunden. Noch seltsamer aber war, dass meine Finger plötzlich Spuren auf der Platte hinterliessen... mit diesem Ding konnte man doch tatsächlich zeichnen! Zum Glück, dachte ich mir, denn meine Krakelschrift war ja nun wirklich nicht leicht zu entziffern. "Über Informationsmanagement habe ich einmal ein gutes Buch gelesen", erklärte ich meine Zettelei. Nach kurzer Zeit hatte ich aus meinen Notizen eine Grafik gebastelt:
"Damit kann ich erstmal gar nichts anfangen", meinte Demmo. "Das dachte ich mir schon, das macht aber nichts", war meine Antwort. "Wenn mir ein besseres Modell einfällt, landet der Zettel im Papierkorb." Nach einem weiteren Schluck aus der Kaffeetasse stellte ich mit Verblüffung fest, dass ich überhaupt nicht geschlafen hatte.
Nur das Café und Demmo - die waren plötzlich verschwunden.


Literatur:
KRÄMER, S./WALTER, K.-D. (1996). Informationsmanagement. Medien effizient nutzen - das Wesentliche auswählen. München: Knaur Verlag.
BROMMER, U. (1995). Mobbing. Psycho-Krieg am Arbeitsplatz und was man dagegen tun kann. München: Heyne Verlag.

Donnerstag, 3. September 2009

Mobbing Replay

Irgendwie kam mir das alles recht bekannt vor, so als sei ich schon einmal hier gewesen...
Die Empfangshalle kannte ich bereits, aber sie hatte sich verändert.
Klar, das war Orbital Alpha, aber es schien einige Zeit vergangen zu sein. Die Informationszentrale war neu, es gab Schilder über verschiedenen Türen und eine große Tafel.
Auf einer stand "Mobbing Replay" zu lesen und das machte mich neugierig. An der Zentrale erfuhr ich, wie ich diesen Ort erreichen konnte, ich sollte eben nachfragen, ob der Raum vielleicht belegt sei. Er war belegt. Darunter leuchtete aber auch eine Schrift: "Besucher auf Anfrage erlaubt". Eine Art Klingel war zu erkennen, also... ein Versuch konnte nicht schaden.

Als sich die Tür öffnete, sah ich ein Krankenhaus. Flügeltüren, könnte ein Operationssaal sein, dachte ich mir. In der Mitte des Flurs stand ein Schwarzafrikaner im Arztkittel, zumindest vermutete ich das, nachdem seine Hautfarbe wirklich sehr dunkel war. Es gab noch mehr Personen in weissen Kitteln... aber niemand bewegte sich. "Kommen Sie herein," lud mich der schwarze Doktor ein. "Falls Sie sich für das Thema Mobbing interessieren, könnten Sie mir eine Hilfe sein." Aha, ja klar, das interessierte mich. Nur - was da vor sich ging, war mir nicht klar.

"Das hier", erklärte Demmo (so hatte er sich vorgestellt), "ist eine Art Holodeck. Die Figuren sind Hologramme. Anfassen kann man sie nicht, sie haben keine materielle Substanz. Aber ich kann sie programmieren, verändern und mit meinen Händen bewegen." Das fand ich nun spannend und so langsam wurde mir klar, wozu die Ringe an seinen Händen dienten. Die Sensoren konnten die Bewegungen seiner Hände auf eine ausgewählte Figur übertragen. Aha! Was er hier in Szene setzte, das waren reale Erlebnisse, die er näher untersuchen wollte. Deshalb also dieses "Replay"...

"Vielleicht sollte ich etwas erzählen," fuhr Demmo fort, "als Arzt habe ich viel Ablehnung erfahren und bin oft sehr unfair behandelt worden. Nur wehren konnte ich mich nicht... Oft waren die Leute scheinbar sehr freundlich zu mir. Um mich dann später in die Pfanne zu hauen. In diesem Raum versuche ich zu verstehen, was da eigentlich geschehen ist." Er trat zu einem fahrbaren Bett, stellte sich neben das Hologramm des Kranken, der darin lag. Weisse Hautfarbe und ich ahnte schon, was jetzt kam.
"Von dem lasse ich mich nicht behandeln!", hörte ich das Hologramm sagen. Die Technik war wirklich überzeugend, bis hin zum deutlich ablehnenden Tonfall. Und jetzt?
"Das hat mich schwer getroffen", erklärte Demmo,"und ich hatte keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte." Offen gestanden hatte ich auch keine Ahnung, was er hätte sagen können... also fragte ich Demmo, was er sich denn gewünscht hätte.
"Dass die Patienten den Arzt in mir sehen und nicht den Schwarzen", antwortete er und ich sah seine Augen feucht werden. "Im Grunde kann man hier doch auch etwas erfinden, oder? Können wir nicht einen hilfreichen Kollegen vorbeischicken?", fragte ich Demmo, der diese Idee ganz gut fand. Plötzlich hatte ich einen weissen Kittel an. Nicht so richtig, es war eine holographische Projektion, die leidlich gut passte, und sogar meine Bewegungen mitmachte, wenn ich nicht allzu schnell war. "Bitte", meinte Demmo, "sprechen Sie". "Das ist Dr. Demmo," sagte ich also zum Krankenbett, "er ist Facharzt und Sie können ganz beruhigt sein. Bei ihm sind Sie in guten Händen". Demmo standen jetzt die Tränen in den Augen, Tränen, die er wohl in der Realität nie gezeigt hatte. So ungefähr hätte es vielleicht sein können, aber so war es nie gewesen, wie er mir erzählte. "Die Kollegen haben mich immer allein gelassen. Das sei schließlich mein Problem und mit solchen Vorurteilen müsse man eben leben". "Ist das jetzt eigentlich schon Mobbing?", fragte ich weiter. "Schließlich war das ja nicht unbedingt böse Absicht!". "Das ist nicht so wichtig. Im Grunde sage ich mir, die fehlende Unterstützung ist ein Teil vom Ganzen. Nicht der schlimmste, aber ein wichtiger Teil. Den Kollegen war es einfach egal, wie es mir ging. Alle dachten nur an sich, ihre Aufgaben, ihre Karriere, an was auch immer...".

"Was geschieht eigentlich da drüben?", wollte ich nun wissen. Zwei Krankenschwestern hatte er dort platziert, die sich über irgend etwas zu unterhalten schienen. "Das weiß ich nicht genau", erklärte mir Demmo, "aber ich hatte immer das Gefühl, dass hinter meinem Rücken über mich gesprochen wird. Wenn ich näher kam, verstummten die Gespräche. Also malte ich mir stets aus, was sie da wohl über mich erzählten. Auf jeden Fall nichts Gutes, da war ich mir sicher. Und das ist ein Aspekt, der mich sehr hilflos macht."

Keine Chance, dachte ich. Was kann man schon dagegen unternehmen, wenn hinter dem Rücken getuschelt wird. Über andere herziehen, das ist kein Problem. Wehren kann man sich nicht dagegen, ob es geschieht und was da geschieht, ist nicht kontrollierbar. "Moment mal," wandte ich jetzt ein, "ist das nur eine Vermutung oder wurden da wirklich Gerüchte verbreitet?" "Nach ein paar Monaten war ich mir sicher, dass hinter meinem Rücken über mich gesprochen wurde", sagte Demmo, "sonst wären viele Vorwürfe, die man mir entgegen gehalten hat, nicht gekommen".

So recht weiter schien ihm diese Einsicht auch nicht zu helfen. Es fiel ihm aber noch eine Geschichte ein. "Einmal sah mich eine Krankenpflegerin entsetzt an und fragte mich, ob ich wahnsinnig geworden sei... Sie sollte dem Patienten im Zimmer 112 eine Spritze geben. Nun war aber der Patient, für den die Spritze gedacht war, in ein anderes Zimmer verlegt worden... und das wussten alle. Nur ich nicht. Da stand ich natürlich ziemlich blöd da." Au weia, das hätte ins Auge gehen können!

Es gab noch mehr solche Geschichten um Demmo. Mit dem Skalpell konnte er umgehen, aber mit diesen vielen kleinen Stichen zurecht zu kommen, die ihm das Leben im Krankenhaus schwer gemacht hatte, da fehlten ihm die Strategien. Das Spannende an diesem "Holodeck" war die Möglichkeit, all diese Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So manches liess sich auf dieser Ebene aber nicht lösen.
Lange überlegten wir, was eine "professionelle Haltung" sei. "Zum Teufel mit der professionellen Haltung," meinte Demmo schließlich. "Auf diesem Deck geht es um mich als Person".
Am Ende kamen wir zu einer wichtigen Einsicht: wenn die Umstände sehr ungünstig sind und den Arzt krank machen, kann er unmöglich ein guter Arzt sein. Das "Mobbing Replay" war eine praktische Einrichtung: alles, was wir da gestellt, variiert und ausprobiert hatten, ließ sich abspeichern."Das," meinte Demmo, "sollten sich alle Ärzte einmal ansehen". Na, vielleicht auch noch andere Leute, dachte ich im Stillen. Etwas erleichtert wirkte er, aber so mancher Brocken steckte da wohl noch drin.

Eines Tages würde es eine große Datenbank geben, mit dem sich alle möglichen Problemfelder durchgehen ließen. Hoffte ich jedenfalls. Plötzlich piepste es... aha, mein Wecker. Schade. Ich hätte mich gern von Demmo verabschiedet.

Dienstag, 1. September 2009

Orbital Alpha

Nein, eigentlich wollte ich nicht. Das Kapitel über den Space Elevator war nur so eine Idee gewesen, und dem Wunsch, noch weiter zu träumen, zu entsprechen, das empfand ich schon beinahe als Ärgernis. Nein, eigentlich war Ärgernis nicht das richtige Wort. Orbital Alpha?
Alpha eben wie ein Anfang, okay, die erste Orbitalstation, einleuchtend.
In der Empfangshalle suchte ich verzweifelt nach einer Person, die mir erklären könnte, zu welchem Land diese Station nun eigentlich gehörte. Vermutlich zu keinem, es konnte also so manches ganz anders sein als auf der Erde. So mit Wiesen und Blumen und Bäumen, das würde wohl nicht funktionieren, oder doch? Immerhin... am äusseren Ende der Station, dem "oberen" also, war es ja möglich, die Sonne hereinscheinen zu lassen. Luft und Erde und Wasser, Sonne ohne Ende, denn die Station lag ja über den Wolken... Ja, vielleicht gab es so etwas.
Zuerst aber interessierte mich das Café, das mir mit seiner Ausstattung recht vertraut vorkam. Als ich mir einen Cappucino zubereiten ließ, ging mir ein seltsamer Gedanke durch den Kopf. "Das ist der Ort, an dem die Zukunft gedacht wird." Hm. Könnte also interessant werden, aber wie sieht den die Zukunft auf einem Planeten aus, der sich mit einer Orbitalstation einen Schritt weiter in den Weltraum wagt? Was zum Teufel soll das denn bringen, wenn die realen Probleme auf der Erde dabei auf der Strecke bleiben?
"Na, auch zum ersten Mal hier?" Ein hagerer Mann so etwa um die 30 Jahre, leicht rötliche Haare... nein, den kannte ich nicht. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen fanden wir uns bald in ein angeregtes Gespräch verwickelt an einem Tisch wieder.


Ein Lehrer. Ausgerechnet. "Im Grunde sind die Ideen ja schon lange da, sie werden aber nicht umgesetzt." Aha. Hier oben wollte er eine neue Schule aufbauen, eine ganz andere, und dann auch noch eine für "besonders schwierige junge Menschen". Alles mit modernster Technik, einer ausgefeilten Didaktik, gezielter Einzelförderung. "Der ganzen Klasse dieselben Hausaufgaben zu geben ist schon mal Blödsinn", erklärte er mir. "Manche haben den Stoff nicht verstanden und schaffen die Aufgaben nicht, andere können es und langweilen sich nur dabei". Über solche Dinge hatte ich mir nie ausführlich Gedanken gemacht. Feste Lehrpläne, alle denselben Stoff und wer nicht mitkommt, hat eben Pech gehabt, kann Nachhilfe nehmen und das war es dann. Individuelle Hausaufgaben? Im Grunde keine schlechte Idee... Offenen Unterricht wollte er machen, ganz weg vom Frontalunterricht. Im Geiste hörte ich schon die Kultusministerien protestieren... aber wenn die Orbitalstation ein Land "für sich darstellte", das nicht an die kleinkarierte Bürokratie eines ganz bestimmten Staates gebunden war, dann könnte sich so manches verwirklichen lassen...
"Irgendeine Form von Verwaltung wird sich hier oben auch entwickeln," wandte ich ein. "Und ob dann alles so realisiert werden kann... das ist die Frage". "Ist mir klar," antwortete er. "Aber mir gefällt es erstmal, meine Ideen weiterzuspinnen. Vielleicht wird ja etwas draus."
Vielleicht findet hier oben die Menschheit zu sich selbst. Was für ein Gedanke!
Bei allem Respekt vor seinem Idealismus war ich mir schon beinahe sicher, dass so manches im Räderwerk des Alltags wieder untergehen würde. "Die Zukunft ist ein Produkt unserer Träume", meinte er, "wenn es uns gelingt, die Selbstverständlichkeiten und Denkzwänge des Vertrauten hinter uns zu lassen."


Ein wahrer Philosoph also... Was mir denn an der Schule am wichtigsten erscheinen würde, fragte er mich. Das Lernen lernen, das fiel mir spontan dazu ein. Schließlich bedeutet Lernen auch Entwicklung und Wachstum. "Und eben das muss auch erfahrbar werden", fügte er schnell hinzu.
"So, jetzt muss ich weiter, ich habe noch etwas vor... War interessant!".
Erst als er weg war, fiel mir auf, dass ich völlig vergessen hatte, nach seinem Namen zu fragen.


Als ich aufwachte, dämmerte mir, dass mir dort oben noch ganz andere Leute begegnen könnten...


Mehr zu Orbital Alpha:

Donnerstag, 20. August 2009

Pendlerstory SE

Wollen Sie sich setzen, bevor Sie in Trance fallen? Keine Frage, da nahm ich also Platz und beobachtete das Pendel, das er aus der Tasche zog. Schloss dann meine Augen und fühlte mich so richtig erleichtert. Ein Zeichen sollte ich geben, wenn ich bereit war für den Lift...

Eine dichtgedrängte Menge tummelte sich vor dem Eingang, alle mit einer Liftkarte für den neuen Space Elevator, der mehr zu erahnen als zu erkennen war. Neue Perspektiven also sollte ich da finden, entdeckte aber zunächst einmal nichts Neues. Ein ganz normaler Fahrstuhl eben, so sah es aus, mit einem kleinen Unterschied: es gab Fenster. Was aber noch merkwürdiger war - am hinteren Ende des Fahrstuhls gab es eine Treppe. Das Ding hatte tatsächlich mehrere Stockwerke und weiter oben gab es sogar Sitzplätze. Und so kam es, dass ein typischer Fahrstuhleffekt nicht auftrat... es blickten nicht alle nach oben, stehenden Fusses und unbeweglich, sondern suchten sich ein gemütliches Plätzchen, nachdem durch die Fenster nur eine glatte Stahlwand erkennbar war. Kühe, Wiesen, einen Bahnhof - so etwas würden wir nicht zu sehen bekommen.

Denn es sollte nach oben gehen, nicht auf einen Berg, nein, geradewegs zu den Sternen. Gewissermassen. Also... vorne aussteigen, Blümchen pflücken und hinten wieder einsteigen, wie das früher mal mit alten Zügen ging, das kam nicht in Frage. Mehr "Auf" als "Zug", soviel stand fest. Mittendrin würden wir den Status "über den Wolken" erreichen... und ich war gespannt, ob wir vorher die berühmte "Wolke Sieben" entdecken würden, die allgemeines Wohlbehagen auslösen soll.

Etwas mehr Sorgen machten mir die Passagiere... die seltsame Dame da im Eck, mit ihrer kleinen Handtasche... könnte eine Entführerin sein, die anderen mit einer kleinen Pistole bedrohen und dann den Piloten dazu zwingen, woanders hin zu fahren... Aber nein, das war nicht möglich, denn erstens gab es keinen Piloten und zweitens - wohin denn sonst sollte der Lift fahren wenn nicht nach oben?
Tickte da nicht etwas? War dieser Mann mit seinem grauen Mantel ein Terrorist, der das Projekt mit einer Bombe bedrohen und Lösegeld oder die Freilassung von inhaftierten Terrorkollegen fordern, vor allem aber verhindern wollte, dass irgend jemand mit diesem Aufzug Allah zu nahe kommen könnte?

Du spinnst, sagte ich mir selbst, nun mal den Teufel mal nicht an die Wand. Farbe hatte ich sowieso nicht dabei, wozu auch. Plötzlich stupste mich jemand von der Seite an: "Wolle Rose kaufen?". "Nein", sagte ich, "die Rose piekst und mit der Wolle kann ich auch nichts anfangen"... Der mit wild durcheinandergekämmten Haaren Herumlungernde stupste also das nächste Opfer an.
Auf was für die Ideen die Leute hier kommen...

Ein sanfter Ruck riss mich aus meinen Überlegungen. Es ging also los, nach oben. Aus einem der Fenster waren die dicken Drahtseile zu erkennen, an denen der Aufzug hinaufglitt. Ein flaues Gefühl im Magen kann ich nicht leugnen, aber insgesamt war der Start doch wesentlich sanfter als ich es mir vorgestellt hatte. In den nächsten Tagen war ich damit beschäftigt, den Aufzug in allen Einzelheiten zu erkunden. Es war faszinierend, die Sterne zu sehen, zu beobachten, wie die Erde unter uns erschien.

62000 Meilen später kam der grosse Augenblick - die Türen öffneten sich und gaben den Blick auf die Orbitalstation frei. Dort erwartete mich das Pendel erneut, ein leises Fingerschnippen drang an mein Ohr. Als ich schließlich wach war, fragte ich mich, ob das alles wirklich nur ein Traum gewesen war...

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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