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Missbrauch, Glaube und Glaubwürdigkeit

Die Berichte über Misshandlungen in kirchlichen Einrichtungen geht nun schon seit Wochen durch die Medien... Der Focus veröffentlichte heute einen Artikel über Kirchenaustritte aus Protest gegen den Missbrauchsskandal. Zu lesen gibt es zu diesem Thema eine Menge - und dabei lässt sich auch die Frage aufwerfen, wie glaubwürdig der Glaube heute noch ist. Aber zuvor scheint es sinnvoll, zu klären, was denn nun eigentlich Glaubwürdigkeit bedeutet. Behaupte ich: "Ich weiß alles und habe für alle Fragen auf der Welt eine Antwort."Dann wird mir das kaum jemand abnehmen. Behaupte ich: "In den nächsten Wochen wird es in Europa bestimmt wärmer", dann sieht das schon anders aus, denn es naht der Frühling. Die erste These zum Thema Glaubwürdigkeit bezieht sich auf Erfahrungen - das, was den eigenen Erfahrungen entspricht, glauben wir eher als das, was der eigenen Erfahrung entgegen steht, sich damit nicht in Einklang bringen lässt. Damit ist das Problem der Glaubwürdigkeit aber noch nicht erschöpfend geklärt. Denn die Krise der Glaubwürdigkeit rund um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bezieht sich zunächst auf die Glaubwürdigkeit der Gläubigen, von denen man "so etwas" einfach nicht erwartet. Glaubwürdigkeit hat hier etwas mit der Frage zu tun, ob die eigene Lehre auch gelebt wird - oder das Verhalten dazu geradezu im Widerspruch steht.
Wenn man sich die Kommentare zum Focusartikel ansieht, zeigt sich eine gewisse Bandbreite der Auffassungen:
  • manche nehmen die Missbrauchsfälle als Anlass, aus der Kirche auszutreten
  • manche stellen die katholische Kirche als Institution insgesamt in Frage
  • manche appellieren an die Entwicklung einer eigenen Lebensphilosophie
  • manche koppeln den Glauben von der Kirche ab
  • manche verweisen auf die "guten Projekte" der Kirche und sehen auch das Wertvolle an der Kirche durch die Missbrauchsfälle in Frage gestellt
  • manche plädieren für eine Welt ohne Religionen und betrachten die Kirche als unsinnige Organisation.
Dabei fällt auf, dass die Frage der Glaubwürdigkeit von einzelnen Personen meist recht automatisch auf die katholische Kirche, Kirche überhaupt, den Papst und Religionen allgemein übertragen wird. Zu Recht?
Zunächst einmal ist Pädophilie eine psychische Störung im Sinne des ICD (der internationalen Klassifikation psychischer Störungen, die neben dem DSM und dem ICF am weitesten verbreitet ist). F65.4, genauer beschrieben. Als Störung der Sexualpräferenz ist die Pädophilie damit dem Kapitel über 'Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen' zugeordnet. Aus einer psychologischen Perspektive stellt sich also neben der Frage, wie angemessene Unterstützung für die Opfer aussehen kann, das Problem unerkannter Störungen, die nicht die Frage nach Schuld und Vergebung, sondern eher die Frage nach einer angemessenen Therapie aufwerfen.

Gelegentlich findet sich in den Artikeln auch der Hinweis, dass es Missbrauch schließlich nicht nur in der katholischen Kirche gibt. Und das ist auch richtig - die Schlußfolgerung, dass alle Katholiken pädophil sind, ist genauso falsch wie die These, dass alle Pädophilen in der katholischen Kirche sind. Andererseits gilt aber auch: der katholische Glaube ist keine Garantie dafür, dass die Psyche vollständig gesund ist. Psychische Störungen können eben auch bei Gläubigen auftreten. Mir geht es hier nicht darum, die Kirche in Schutz zu nehmen - die These ist einfach, dass es hier um zwei verschiedene Dinge geht.

Ein ähnliches Problem betrifft Margot Käßmann: wenn sie in einer Predigt den Satz "nichts ist gut in Afghanistan" ausspricht, hat sie damit keine politische Rede als offizielle Vertreterin der evangelischen Kirche gehalten. Das Pech, mit 1,5 Promille am Steuer erwischt zu werden ist wiederum eine andere Ebene - weil diese verschiedenen Ebenen, Rollen und Rollensegmente aber meist im Zusammenhang gesehen werden, steht automatisch auch die Glaubwürdigkeit der gesamten Person und der Institution zur Diskussion.

Was mir sinnvoll erscheint ist also die Trennung verschiedener Aspekte, die zwar oft zusammen hängen, sich aber auf unterschiedliche Verantwortlichkeiten beziehen.
  1. Ein Aspekt ist die Frage des Strafrechts - und die Beobachtung, dass von Priester oft eben Entschuldigungen ausgesprochen werden, als sei es damit getan. 
  2. Pädophilie als Folge des Zölibats zu betrachten ist fragwürdig - dann nämlich dürfte die Störung außerhalb der katholischen Kirche nicht auftreten.
  3. Der Papst kann nicht für die Taten seiner Gläubigen verantwortlich sein - hier stellt sich eher die Frage, wie die katholische Kirche als Institution und Arbeitgeber mit straffälligen Mitarbeitern umgeht. Und - ob sie offen und ehrlich für Aufklärung sorgt.
  4. Die Vorstellung, dass Priester automatisch auch moralisch integre und ethisch handelnde Menschen sind, lässt sich wohl recht eindeutig als widerlegt ansehen.

Zusammengefasst: die Glaubwürdigkeit einer Person, die Glaubwürdigkeit einer Institution (die Kirche ist hier nur ein Beispiel) und die Glaubwürdigkeit des Glaubens sind verschiedene Dinge.

So betrachtet ist es verwirrend, wie oft solche Angelegenheiten mit Rücktritten beantwortet werden. Welches Problem wird dadurch denn wirklich gelöst? Die Odenwaldschule am Bodensee: die Betroffenheit der Leiterin deutet die Übernahme der Verantwortung an, als sei sie selbst es gewesen - die Frage ist aber, ob sie überhaupt eine Chance hatte, etwas darüber zu erfahren, was früher in den privaten Wohnungen einzelner Lehrer vor sich ging. Um Verzeihung bitten, Lehrer entlassen - solche Äußerungen tauchen öfter auf. Dass es hier auch um eine psychische Störung geht, die behandlungsbedürftig ist, fällt regelmäßig unter den Tisch. Noch schwieriger ist die Frage der Prävention - an wen wendet sich denn ein Lehrer oder ein Priester, der pädophile Neigungen an sich entdeckt? Wann sorgen Einrichtungen wie Schulen, Internate und Heime endlich für eine Anlaufstelle, bei der betroffene Kinder angstfrei von dem erzählen können, was sie erlebt haben? Wie glaubwürdig ist eine Gesellschaft, die den Opfern jahrzehntelanges Schweigen auferlegt, weil es hier um ein hochgradig schambesetztes Thema geht? Auf politischer Ebene kann man natürlich über einen Entschädigungsfonds nachdenken. Aber auch hier wird gern 'monetär' gedacht (Ablasshandel?) - und die Frage, wie die Betroffenen mit der ganzen Angelegenheit fertig werden, wird schnell beiseite geschoben. Die Glaubwürdigkeit des Glaubens ist genauso fragwürdig geworden wie die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Institutionen - vielleicht aber auch als solche deutlicher ins Bewusstsein gerückt. Denn so manches, was offiziell als Glaubensinhalt noch vertreten wird - im Ernst: wer glaubt das denn wirklich? Der Papst ist unfehlbar, wenn er ex cathedra spricht? Und Maria ist Jungfrau geblieben, obwohl sie ein Kind zur Welt brachte? Ein Priester kann psychisch krank sein und eine Bischöfin das Bedürfnis entwickeln, im Vollrausch einmal so manches zu vergessen, was sie aktuell beschäftigt und belastet. Glaubende sind eben auch nur Menschen - es irrt der Mensch, so lang er strebt. auch dann, wenn er im Glauben lebt. Und wer glaubt, der Glaube mache aus einem Menschen automatisch einen Heiligen, täuscht sich eben. Die Frage ist, ob der Sinn des Glaubens verloren gehen muss, wenn man den Glauben an bestimmte Glaubensinhalte verliert - oder nie besessen hat. Die Frage ist, ob der Sinn des Glaubens verloren gehen muss, wenn man den Glauben an die Glaubwürdigkeit der Kirche, ihrer Vertreter oder ihrer Institutionen verloren hat. Eines aber scheint mir sicher: dort, wo Kirche und Religion an Bedeutung verlieren, bleibt nur ein Weg übrig: selber denken. Wer sich dabei kritisch an die eigene Nase fasst, wird früher oder später erkennen, dass die je eigene Glaubwürdigkeit umso schwerer zu erreichen ist, je höher man die Ansprüche an sich selbst in den Himmel schraubt. Also, ganz ehrlich: die Unfehlbarkeit nehme ich nicht für mich in Anspruch. Das wenigstens ist, hoffe ich, eine glaubwürdige Aussage.



Zum Abschluss möchte ich noch auf eine Website verweisen, die sich umfassend mit dem Tabuthema sexueller Missbrauch beschäftigt: www.missbrauch-opfer.info.
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Wahlkampf im Netz: von Glaubwürdigkeit keine Spur?

Vor ein paar Tagen gab es bereits einen kritischen Beitrag zum Thema "Wahlkampf im Netz". Mit der Bemerkung "keiner kriegt's hin" scheint der Nagel nun wirklich auf den Kopf getroffen zu sein. Neuere Entwicklungen eröffnen auch neue Möglichkeiten, sich zu äußern, die eigene Meinung kund zu tun. Skepsis aber schwebt über alledem - so interessant der Ansatz des "Open Reichstag" ist, so deutlich werden dabei auch einige Probleme, die einen tiefen Graben zwischen Bürgern und Politik aufzeigen.

Mit Steinmeiers Rede hatte ich mich bereits beschäftigt, die Umfrage im Politbarometer zeigte dann ganz deutlich das Problem. Die Zahlen nimmt ihm kaum jemand ab - insgesamt hat sich die SPD damit unglaubwürdig gemacht.
Das allerdings ist nicht nur das Problem einer einzelnen Partei.
Stand 10. August: 15 Uhr - auf die Frage, "Sind die Aktivitäten der deutschen Politiker glaubwürdig?" stimmten 86% mit "Dagegen".
Auf die Frage "Sollten Wahlversprechen einklagbar sein?" stimmten 85% mit "Dafür".

Beides gibt zu denken...
"Die machen ja sowieso, was sie wollen" - das scheint landläufig die herrschende Meinung zu sein. Kritisch beleuchten kann man aber auch die Mittel, die eingesetzt werden, um Politik zu vermitteln. Hinterfragen lässt sich die rhetorische Konzeption, mit der etwas "verkauft" werden soll.

Kurze Stichworte, knappe Formulierungen, Versprechungen und Schlagworte - all das ist genauso glaubwürdig wie die Margarine, die Harmonie in die Familie zaubert, die Flügel aus der Dose oder der garantierte Schutz vor Erkältung aus dem Joghurtbecher. Werbung und Wahlkampf haben eines gemeinsam: sie sprechen die Konsumenten als dumme Trottel an, denen man alles verkaufen kann, die man nicht ernst nehmen muss. Bürger sind dumme und verführbare Idioten, die man nur irgendwie dazu bringen muss, an der richtigen Stelle ein Kreuzchen zu machen.

Die Problematik der Glaubwürdigkeit hat noch eine ganz andere Seite - die Frage der Machbarkeit nämlich. Wirtschaft und Gesellschaft, demographische, technische und wirtschaftliche Entwicklungen sind hochkomplexe Prozesse, hochgradig intransparent. Wettervorhersage: naja, so ungefähr lassen sich Trends beobachten und Prognosen ableiten. Aber sicher.... nein, sicher sind dies Voraussagen nicht. Hochrechnungen, Kalkulationen über Wirtschaftswachstum und ähnliche Phänomene... Schätzungen, mehr oder weniger brauchbar, aber sicher sind sie auch nicht.

Entwicklungen in anderen Ländern, Trends in vielen Bereichen.... Unsicherheiten, Unwägbarkeiten, genau genommen heißt das doch nur: niemand kann wissen, was geschehen wird. Und dann kommen Leute daher und wollen uns weismachen, sie hätten ein Rezept für das, was "man" tun muss, sie wüßten heute schon, was morgen die richtige Politik ist.

Glaubwürdigkeit auf Versprechungen zu gründen - das funktioniert nicht. Warum also hören Politiker nicht einfach damit auf, Versprechen zu machen, die ihnen niemand abkauft, die sie sowieso nicht halten können, die überhaupt niemand zuverlässig halten kann, weil sich Politik nun einmal immer in einem intransparenten Wirkungsgefüge bewegt? Grundsatzfrage ohne den Anspruch auf eine abschließende Antwort: was macht Politik überhaupt glaubwürdig?

Anders gefragt: was ist denn wirklich machbar?
Gerechtigkeit ist nicht machbar, Vollbeschäftigung ist nicht machbar, Frieden ist nicht machbar, Umweltschutz ist nicht machbar, Bildung ist nicht machbar, Freiheit ist auch nicht machbar, was auch immer sich die Poltik auf die Fahnen schreibt, das was wirklich machbar ist, ist schlicht und ergreifend sehr begrenzt.

Politik kann Impulse setzen und im günstigen Fall gehen sie in die "richtige Richtung". Was dabei die "richtige Richtung" ist, darüber lässt sich schon streiten. Ob eine bestimmte Entscheidung nun wirklich richtig ist, im Sinne von: "den gewünschten Effekt zeigt", das lässt sich manchmal erst im Rückblick erkennen. Und selbst das ist fragwürdig - denn die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung sind nicht immer so transparent, dass bestimmte Entwicklungen in einem System eindeutig auf eine ganz bestimmte politische Entscheidung zurückgeführt werden können. Skepsis also ist geboten bei monokausalen Erklärungsansätzen und eingleisigen Lösungsansätzen nach dem Motto "jetzt verbieten wir mal die Killerspiele und dann gibt es keine Amokläufe mehr" oder: "wir verlängern die Ferien für die Schüler so lange, bis die Schweine keine Grippe mehr haben".

Offen ist immer noch, was denn nun letztendlich glaubwürdig sein KANN.

Werte? Mehr Wachstum, mehr Bildung, mehr Gesundheit, mehr Umweltschutz? Geht man von einer systemischen Betrachtung aus, ist alles Käse, so gut es auch klingen mag. Insgesamt geht es nicht um einzelne Werte, sondern um die Balance. Verschiedene Systeme, verschiedene Interessen, verschiedene Bedürfnisse, Wünsche, Anliegen und Ziele - die Balance ist das Kunststück, das die Politik insgesamt zu bewältigen hat.

Ziele? Das System selbst zwingt Politikern kurzfristiges Denken auf. Wer über mehr als eine Wahlperiode hinausdenkt, wird damit kaum ernst genommen. Ein Begriff wie "Nachhaltigkeit" deutet aber darauf hin, dass wir längst vor der Notwendigkeit stehen, längerfristig zu denken und das bedeutet eben: über mehrere Generationen hinweg. Die Schwierigkeit liegt dabei nicht nur in der Struktur des menschlichen Bewusstseins, sondern auch in der Kurzlebigkeit politischer Instituitionen.
Grund genug, Glaubwürdigkeit eher dorthin zu verlagern, wo Machtgerangel und Wahlkämpfe nicht stattfinden, Vertrauen dort anzusiedeln, wo sich die Energie auf ein bestimmtes Problemfeld konzentriert und fundierte Antworten auf komplexe Fragen zu erwarten sind.

Absichten? Es liegt nahe, Glaubwürdigkeit dort zu vermuten, wo Absichten nicht nur über einen längeren Zeitraum vertreten werden, sondern auch in konkrete Bemühungen münden. Sprich: glaubwürdig werden Politiker, wenn sie das, was sie angekündigt haben, auch wirklich tun.
Systemisch betrachtet ist das aber auch unsinnig - denn die flexible Reaktion auf Veränderungen und besondere Situationen, die nicht prognostizierbar sind, stellt die Rationalität bisheriger Absichten unter Umständen ziemlich in Frage. Die Einklagbarkeit von Wahlversprechen würde Politiker auf Intentionen festlegen, die nach der Wahl (wohlgemerkt auch aus der Perspektive der Wählerinteressen) unter Umständen nicht mehr sinnvoll sind.

Argumentation? Aussagen können in sich logisch schlüssig, gut begründet und fundiert sein - und trotzdem auf Einwände stossen oder als unglaubwürdig abgetan werden. "Recht zu haben" und glaubwürdig zu sein - das sind verschiedene Dinge.

Glaubwürdigkeit ist ein Beziehungskonstrukt. Was ich damit meine?
Glaubwürdigkeit steckt nicht in einzelnen Aussagen, Positionen oder einer bestimmten Person, Partei usw. Glaubwürdigkeit hängt davon ab, wer was wie in welchem Zusammenhang und in welcher Situation für wen so überzeugend darstellen kann, dass die eigene Auffassung, Meinung, Position als in sich schlüssig akzeptiert wird. Das ist keine "Leistung eines guten Redners" allein sondern ein gemeinsames Erzeugnis, das sich in einer Zuschreibung (des Merkmals "glaubwürdig" an eine Aussage, ein Konzept, eine Person usw.) zeigt. Glaubwürdigkeit ist so betrachtet ein sozialer Konsens. Die eine Richtung, über die man nachdenken kann ist die Frage, ob Poltiker überhaupt irgendwelche Versprechen machen sollten (vor allem, wenn klar ist, dass sie sie sowieso nicht halten können oder halten wollen). Die andere Richtung ist die Frage, ob Politiker im Wahlkampf überhaupt ernst genommen werden können - denn worum es letzten Endes geht, ist ja offensichtlich.

Die Frage hinter den Fragen ist aber auch, ob Politik überhaupt glaubwürdig ist, glaubwürdig sein kann. Für alle und in allen Siuationen.... grosses Fragezeichen.
Denn letzten Endes... machen "die da oben" ja doch, was sie wollen.
Wäre es anders... würde sich keiner drum reißen.

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