Diagnosen sind praktisch. Sie sind im
therapeutischen Alltag so geläufig, dass die Frage, ob Diagnosen hilfreich
sind, abwegig oder zumindest überflüssig zu sein scheint. Etwas anders sieht
die Sache aus, wenn Diagnosen nicht akzeptiert werden - und damit unter
Kollegen, zwischen therapeutischen Disziplinen oder in der unmittelbaren
therapeutischen Interaktion potentiell zum Konfliktstoff werden. Es bedarf dann
vielleicht einer besonderen therapeutischen Geschicklichkeit, eben diese Frage
zum Thema, und damit die prinzipielle Strittigkeit jeder Diagnose therapeutisch
fruchtbar zu machen. Wer glaubt, sich durch den Bezug auf objektive Fakten
einer Diskussion entziehen zu können, täuscht sich. Vor einigen Jahren erlebte
ich die disziplinarische Entlassung eines Patienten, dem nach einer Heimfahrt
Heroinkonsum unterstellt wurde - weil das Drogenscreening bei Opiaten
angeschlagen hatte. Genommen hatte er tatsächlich etwas, ein Schmerzmittel. Bis
in den letzten Winkel hinein aufgeklärt wurde der Fall nicht - aber der
Automatismus, mit dem seitens der Klinikleitung dem objektiven Befund, der
Heroinkonsum zu beweisen schien, a priori ein höherer Stellenwert eingeräumt
wurde als der Möglichkeit, der Patient könnte schließlich auch die Wahrheit
gesagt haben, gibt mir auch heute noch zu denken. Hätte mich jemand gefragt,
wäre es nicht zu dieser disziplinarischen Entlassung gekommen - auch deshalb,
weil mein persönliches Verständnis dem Prinzip der Unterstützung gegenüber dem
konfrontativen Disziplinieren immer den Vorrang gibt. Diagnose 'Rückfall', also
disziplinarische Entlassung - an diesem Beispiel wollte ich zeigen, dass
Diagnosen eben nicht immer hilfreich sind, als Machtinstrument missbraucht
werden können. In anderen Fällen sind sie vielleicht einfach nur unnütz,
irreführend, oder auch stigmatisierend. Über die Frage, ob man allen, die in
ihrer Persönlichkeit irgendwie auffällig sind, unbedingt eine
Persönlichkeitsstörung 'anhängen' muss, lässt sich ebenso trefflich streiten.
Leider werden (wenigstens meiner Erfahrung nach) solche Diskussionen zu gern
unter den Teppich gekehrt, immer wieder 'per Autorität' (und damit autoritär)
entschieden, sprich: nicht mit vernünftigen Argumenten ausgetragen sondern
durch Machtausübung entschieden. Insgesamt komme ich zu dem Schluss, dass
Diagnosen nicht immer hilfreich sind. Wertvoll ist dann aber auch die Klärung
der Frage, unter welchen Bedingungen denn nun Diagnosen wirklich hilfreich
sind. Und - ob sie auch mitgeteilt werden sollten. Recht simpel erscheint die
Vorstellung, dass Diagnosen dann sinnvoll sind, wenn sie nicht nur zutreffend,
sondern auch von allen Beteiligten akzeptiert werden. Dann aber ist es
vielleicht sinnvoll, im Einzelfall die Akzeptanz einer bestimmten Diagnose zu erarbeiten,
wenn sie nicht 'selbstverständlich' gegeben ist - wodurch Krankheitsakzeptanz
zum Thema in der Therapie wird. Auch das kann durchaus sinnvoll sein. Denn aus
einer Diagnose ergeben sich im günstigen Fall konkrete Ansatzpunkte, Ziele und
Methoden, Handlungsanweisungen und Strukturierungsansätze für die Therapie
selbst, aber auch die weitere Lebensgestaltung des Patienten. Aus der Diagnose
ergibt sich, welche Form therapeutischen Handelns angemessen ist, worauf es im
Umgang mit einer Krankheit ankommt und wie die mit ihr zusammenhängenden Probleme
bearbeitet werden können. Diagnosen also können helfen, dass dumpfe Ahnen, dass
'da etwas nicht in Ordnung ist', konkret werden zu lassen, dem Ding einen Namen
zu geben und alles, was darum und darum herum geschehen soll, zu ordnen. Die
Vorstellung, dass die Diagnose dabei unbedingt am Anfang der Therapie stehen
müsse, lehne ich allerdings ab - denn so manches zeigt sich erst im Verlauf,
der Verzicht auf Korrektur, Ergänzung oder Revision einer Diagnose im Verlauf
einer Therapie ist meiner Ansicht nach ein Kunstfehler. Ein vorläufiger Rahmen
genügt völlig - sofern er bei neuen Informationen oder Erkenntnissen auch
ergänzt und modifiziert wird. Hängen geblieben ist in meinem Kopf auch das
Grundverständnis von Diagnostik als kooperativem Erkenntnisprozess - dieser
Impuls geht auf eine Doktorarbeit von Peter Fischer mit dem Titel "Diagnostik
als Anleitung zur Selbstreflexion" zurück. Es führt weg von der
Vorstellung, Diagnostik vollziehe sich im beziehungsleeren Raum, bestünde
darin, dass ein erkennendes Subjekt (als
Diagnostiker) einem zu erkennenden
Objekt (sprich Patienten) ein "Etikett" namens
"Diagnose" nach DSM, ICD oder ICF "aufklebt". Im
gemeinsamen Finden eines Rahmens, der helfen kann, etwas Unklares und
Belastendes in Worte zu fassen, gewinnen Diagnosen eine ganz andere Bedeutung
als gemeinhin üblich. All das stößt einte Diagnose grundsätzlich vom Thron des
Unanfechtbaren. Diagnosen sind nichts weiter als Hilfsmittel, um Probleme zu
ordnen und Lösungen möglich zu machen - wenn sie dazu nicht taugen, haben sie
keinen Wert und keine Berechtigung. Aus Patientensicht können und müssen
Diagnosen hinterfragbar sein: es ist immer ein Zeichen des Fachkundigen,
Diagnosen erklären und begründen zu können. Wer das nicht kann, diagnostiziert
eben laienhaft, was nicht unbedingt falsch, aber zumindest fragwürdig ist.
Professionalität zeigt sich regelmäßig im Bemühen um Fundierung - die gesamte
Palette medizinischer und psychologischer Diagnostik dient dem Zweck, bei
Bedarf Vermutungen zu untersuchen, abzustützen oder eben auch zu korrigieren.
Dass man sich dabei auch 'totdiagnostizieren' kann, liegt auf der Hand. Das
richtige Maß, die Verhältnismäßigkeit eingesetzter Verfahren gegenüber
Fragestellungen, Relevanz des Problembereichs, möglichem Nutzen aber auch mit
diagnostischen Verfahren verbundene Belastungen und Risiken sind abzuwägen. Es
gibt Lehrbücher dazu, die sich mit einzelnen Fragen genauer beschäftigen -
zunächst einmal scheint es eine allgemeine Gefahr zu geben, beim
Diagnostizieren in Routine und Automatismen zu verfallen. Zum 'Wachbleiben' an
dieser Stelle ist das gelegentliche Hinterfragen von Diagnosen und Diagnostik
überhaupt sicherlich empfehlenswert. Sobald die Überzeugung sich in Sicherheit
wiegt, markieren die Worte "so ist es" das Ende des Nachdenkens und
Weiterfragens. Eine wichtige und noch unbeantwortete Frage bezieht sich auch
das implizite Verständnis von Gesundheit, das jedem Diagnosesystem zugrunde
liegt. Immer dann, wenn solche Systeme überarbeitet werden, lässt sich auf eine
Veränderung im Verständnis dessen schließen, was als gesund oder krank gelten
kann, gelten soll. Neue erkannte Probleme erweitern oder verändern dieses
Verständnis, aber auch Modifikationen bezüglich der diagnostischen Kriterien
zeigen Entwicklungen auf. Wer sich an solche Systeme gewöhnt hat, versteht
Krankheiten als "durch bestimmte Kriterien definiert" - und befindet
sich damit vielleicht schon sehr weit weg vom Alltagsverständnis, in dem eben
auch bestimmte Dinge als "krank" bezeichnet werden, ohne dass ein
explizites oder auch nur reflektiertes Kriteriensystem zugrunde gelegt wird.
Und das bedeutet nicht mehr oder weniger als ein potentieller Dissens zwischen
Therapeuten und Zu-Behandelnden, die sich ihrer Behandlungsbedürftigkeit nicht
notwendigerweise bewusst sind. Der vielleicht naheliegend erscheinende Schluss,
dass alles, was als Krankheit erkannt wurde, von den Betroffenen auch als
solche akzeptiert wird, ist trügerisch. Wenn dieser potentielle Dissens
akzeptiert wird, kann das bedeuten, dass Alltagsmodelle von Gesundheit und
Krankheit im Einzelfall sinnvollerweise zum Thema werden sollten, um
Diagnosestellung und damit verbundene Indikationen nachvollziehbar zu machen -
und damit einen vielleicht wesentlichen und notwendigen Schritt zur Akzeptanz
bestimmter Behandlungsmethoden zu gehen. Im Umgang mit Schmerzen werden
subjektive Krankheitsmodelle (in der Literatur auch als Health Beleif Model
bezeichnet) oft zum Problem. Die Vorstellung, dass Schmerzen, die irgendwo im
Körper lokalisiert werden können, auch körperliche Ursachen haben müssten, ist
falsch. Im Alltag allerdings klingt das logisch - wenn es also irgendwo weh
tut, ist eine körperliche (oder somatische) Ursache zu vermuten, und erst dann,
wenn vielleicht nach vielen Jahren "Ärzteshopping" nun wirklich
nichts gefunden wurde, öffnet sich vielleicht der Weg zur Annahme, da könnte
auch etwas "Psychisches" im Spiel sein. Erst dann, wenn sich das
Krankheitsmodell erweitert hat, wird eine Diagnose wie "somatoforme
Schmerzstörung" akzeptabel sein. Anders formuliert bedeutet das, dass
subjektive Krankheitsmodelle dem Annehmenkönnen einer Diagnose im Wege stehen
können. Akzeptanz hat dabei verschiedene Ebenen. Im Prinzip einzusehen, dass es
"da ein Problem gibt", bedeutet noch nicht, auch das dafür gewählte
Etikett zu akzeptieren, und selbst dann, wenn die Diagnose "im Kopf"
angenommen wird, kann sie rein gefühlsmäßig so unangenehm und belastend sein,
dass sich das innere Annehmen im Sinne emotionaler Zustimmung mit allen sich
daraus ergebenden Konsequenzen verzögert oder stark konfliktbesetzt sein kann.
Genau dann sollte das Problemfeld aber auch Thema in der Therapie sein dürfen, was
voraussetzt, dass Therapeuten sich ihrer impliziten Voraussetzungen bewusst
werden und sie zu thematisieren und hinterfragen imstande sind. Die
therapeutische Grundhaltung geht dabei gewissermaßen einen Schritt zurück: von
der Expertenhaltung "ich weiß, was gesund und krank ist" hin zur
Verständigung über den Rahmen, in den die Probleme der Patienten eingeordnet
werden, verbunden mit der Frage, ob dieser Rahmen als gemeinsam akzeptierte
Grundlage für die weitere Behandlung (bzw. für die Frage, ob und wenn ja welche
Behandlung überhaupt erfolgen soll) dienen kann. Der Konsens über die
Angemessenheit der verwendeten Diagnosesysteme wird also nicht mehr
stillschweigend vorausgesetzt. Genauso wenig kann vorausgesetzt werden, dass
therapeutische Ziele, wie sie für Antragstellungen und Berichte Kostenträgern
gegenüber darzustellen sind, aus dem Alltagsverständnis ableitbar sind. Die
Wissensbestände, die erforderlich sind, um sinnvolle und umsetzbare,
erreichbare und einer bestimmten Diagnose entsprechende Ziele überhaupt
formulieren zu können, sind keinesfalls Alltagswissen - die Frage nach den
therapeutischen Zielen für jene, die zum allerersten Mal überhaupt mit Psychotherapie
zu tun haben, deshalb in der Regel eine Überforderung. Psychotherapie als einen
Prozess zu begreifen, der durch Patienten bewusst und gezielt gesteuert werden
kann, ist potentiell lernbedürftig - und muss vielleicht erst erklärt werden,
bevor er wirklich in Gang kommen kann.
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Persönlichkeitsdiagnostik: Probleme und Trends
Persönlichkeit: was ist das eigentlich?
Im Alltag werden manche Menschen als 'Persönlichkeit' bezeichnet, andere wiederum nicht, was bedeuten würde, dass es manche 'haben' oder 'sind', andere eben nicht. So unterschiedlich die Vorstellungen in der Psychologie auch sind, was denn nun mit Persönlichkeit gemeint ist, so grundsätzlich scheint doch der gemeinsame Nenner zu sein, dass alle Menschen Persönlichkeit 'haben' und - das es eben auch Persönlichkeitsstörungen gibt, die allerdings als therapeutisch schwerer zugänglich gelten. In einer Zeit, in der es schnell gehen muss, Therapieplätze rar sind und die Krankenkassen immer mehr in Geldnot geraten (ich meine jetzt zunächst die Krankenkassen in Deutschland), geraten Persönlichkeitssörungen leicht in den Hintergrund.
Nichtsdestotrotz gibt es Überlegungen zu einer Revision diagnostischer Kriterien. Zumindest in Amerika, und darüber möchte ich jetzt berichten.
Worum es geht? Zunächst einmal gibt es mehrere Diagnosesysteme, in Deutschland scheint das ICD-10 (Im Original: International Classification of Diseases) am häufigsten verwendet zu werden, daneben existiert noch das DSM, zu erwähnen ist auch das ICF, das sich aber schwer durchsetzen kann, weil es ziemlich kompliziert ist.
Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) existiert im Moment in der vierten Fassung, in der neuen (also der fünften) sollen die Kriterien für Persönlichkeitsstörungen überarbeitet werden. Die Überlegungen dazu sind eine gute Gelegenheit, grundsätzliche Fragen neu zu stellen:
Im Alltag werden manche Menschen als 'Persönlichkeit' bezeichnet, andere wiederum nicht, was bedeuten würde, dass es manche 'haben' oder 'sind', andere eben nicht. So unterschiedlich die Vorstellungen in der Psychologie auch sind, was denn nun mit Persönlichkeit gemeint ist, so grundsätzlich scheint doch der gemeinsame Nenner zu sein, dass alle Menschen Persönlichkeit 'haben' und - das es eben auch Persönlichkeitsstörungen gibt, die allerdings als therapeutisch schwerer zugänglich gelten. In einer Zeit, in der es schnell gehen muss, Therapieplätze rar sind und die Krankenkassen immer mehr in Geldnot geraten (ich meine jetzt zunächst die Krankenkassen in Deutschland), geraten Persönlichkeitssörungen leicht in den Hintergrund.
Nichtsdestotrotz gibt es Überlegungen zu einer Revision diagnostischer Kriterien. Zumindest in Amerika, und darüber möchte ich jetzt berichten.
Worum es geht? Zunächst einmal gibt es mehrere Diagnosesysteme, in Deutschland scheint das ICD-10 (Im Original: International Classification of Diseases) am häufigsten verwendet zu werden, daneben existiert noch das DSM, zu erwähnen ist auch das ICF, das sich aber schwer durchsetzen kann, weil es ziemlich kompliziert ist.
Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) existiert im Moment in der vierten Fassung, in der neuen (also der fünften) sollen die Kriterien für Persönlichkeitsstörungen überarbeitet werden. Die Überlegungen dazu sind eine gute Gelegenheit, grundsätzliche Fragen neu zu stellen:
Was ist Persönlichkeit eigentlich?
Sind 'Schubladen' sinnvoll, also klare Kategorien,
die die einen als 'normal', andere dagegen als 'gestört' bezeichnen?
Eine typische Vorgehensweise in der Psychodiagnostik ist die Beurteilung anhand mehrerer Kriterien, von denen in der Regel mindestens drei oder fünf eindeutig erfüllt sein müssen, um eine bestimmte Diagnose stellen zu können. Immerhin: wenn bestimmte Auffälligkeiten nicht stark genug sind, bietet sich als Zwischenstufe die Persönlichkeitsakzentuierung an, die eine grundsätzliche Auffassung bereits andeutet: die Vorstellung nämlich, dass Persönlichkeitsmerkmale mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Damit bleibt immer auch eine Grauzone bestehen, in der man sich darüber streiten kann, ob dieses oder jenes bereits als 'krank' bezeichnet werden sollte oder nicht. Zwei Klassen von Kriterien sind von Bedeutung, wenn es um die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung geht: funktionale Störungen im Bezug zu sich selbst und anderen (das war erstens) und zweitens um krankhafte Persönlichkeitszüge.
Nur so ganz nebenbei steckt in alledem natürlich immer auch eine Vorstellung von dem. was 'normal' oder 'gesund' ist. Und: die Idee, dass Störungen Leiden verursachen, dass der oder die Betreffende (oder Betroffene) an irgendetwas leidet, hier: an sich oder anderen, vielleicht auch an sich UND an anderen. Zwingend ist das aber nicht - dass (von außen betrachtet) eine Störung vorliegt, muss nicht auch bedeuten, dass diese Störung subjektiv auch Leiden verursacht, also die Person selbst stört.
Ein Vorschlag zur Revision der Kategorien des DSM betrifft die "nicht näher bezeichnete Persönlichkeitsstörung", die auch im ICD-10 existiert (als F 60.9). Besonders hilfreich sind solche Diagnosen nicht, im Grunde verbirgt sich hinter den Worten "nicht näher bezeichnet" oder "nicht andernorts klassfiziert" das Eingeständnis, dass da etwas ist, das sich nicht so recht einordnen lässt, etwas Unklares also.
Etwas klarer ist die Diagnose F61 im ICD-10: bei kombinierten Persönlichkeitsstörungen lassen sich immerhin die Züge beschreiben, die erkennbar sind, aber in ihrer Ausprägung nicht stark genug sind, um die Diagnose einer spezifischen Persönlichkeitsstörung zu rechtfertigen. In eine ähnlche Richtung geht der Vorschlag, die "Personality disorder-trait specified”, also eine durch Merkmale spezifierte Persönlichkeitsstörung als Ersatz für die bisherige Formulierung in das DSM-5 aufzunehmen.
Ein grundsätzliches Problem der klinischen Praxis wird hier berührt: was mache ich, wenn es problematische Bereiche gibt, die erkennbar sind, insgesamt aber eben nicht alle Kriterien so klar erfüllt sind, dass die Diagnose einer "Störung mit Krankheitswert" gerechtfertigt ist?
Gehen wir davon aus, dass Persönlichkeitsmerkmale mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können, dann können auch Persönlichkeitsstörungen mehr oder weniger stark ausgeprägt sein - wenn es für eine Diagnose nicht reicht, bedeutet das nicht, dass da "nichts ist".
Ein weiterer Ansatz zur Revision des DSM soll noch kurz erwähnt werden: die Skala zur Ausprägung der Persönlichkeitsfunktionen (im Original: Personality Function Scale).
In fünf Stufen sollen dabei jeweils zwei Funktionen in zwei Bereichen eingeschätzt werden.
Das Selbst
Identität. Kann ich mich selbst als einmalig erleben, mit klaren Grenzen zwischen mir und anderen, stabiler Selbsteinschätzung und Selbstregulation, der Fähigkeit, ein breites Spektrum emotionaler Erfahrungen zu verarbeiten?
Selbststeuerung. Kann ich konsequent kurzfristige und langfristige Lebensziele verfolgen, mich dabei an konstruktiven und prosozialen inneren Ansprüchen bezüglich meines Verhaltens orientieren und in konstruktiver Weise über mich selbst nachdenken?
Beziehungen
Empathie. Habe ich Verständnis und zeige ich Wertschätzung für die Erfahrungen anderer, kann ich unterschiedliche Perspektiven tolerieren, die Wirkungen meines Verhaltens auf andere verstehen und einschätzen?
Intimität. Kann ich tiefere und dauerhafte positive Beziehungen zu anderen aufnehmen und gestalten, Nähe herstellen und aushalten, gegenseitigen Austausch von Zuwendung und Zuneigung gestalten?
Die Formulierungen zur Personality Function Scale sind frei übersetzt, kommen aber einem therapeutischen Anliegen nahe - dem Bedürfnis, Diagnosen als pragmatische Konzepte zu verstehen, aus dem sich Ansatzpunkte für therapeutische Zielsetzungen ableiten lassen.
Quellen:
Verhaltensanalyse: Einführung für Laien
Verhaltensanalyse: was ist das eigentlich, wie geht das und wofür ist das gut? Abseits von fachlich komplizierten Darstellungen soll die folgende Präsentation zum Durchklicken eine Einführung für Laien sein. Für Leute also, die damit im Rahmen der Verhaltenstherapie konfrontiert werden oder einfach neugierig sind, was es damit eigentlich auf sich hat.
s. auch: SORKC-Modell (Wikipedia)
Rorschachtest? Papierkorb!
Helle Aufregung gibt es um die Veröffentlichung der Tintenkleckse auf Wikipedia.
Der Rorschachtest ist ein veraltetes Verfahren zur Psychodiagnostik. 1921 wurde das Verfahren veröffentlicht - und allein das ist schon Grund genug, ihm das Etikett "historisch" zu verleihen.
Wenn ich zurückdenke, was ich aus Seminaren und Vorlesungen im Fach Psychologische Diagnostik "mitgenommen" habe, bleiben grundsätzliche Überlegungen übrig, die von Anfang an einen skeptischen Blick auf den Rorschachtest auslösten. Tintenkleckse? Interpretation? Unendliche Möglichkeiten... da lässt sich alles Mögliche hineininterpretieren und herauslesen. Ein solches Verfahren kann unmöglich objektiv sein. Auch dann, wenn man sich über den Begriff der Objektivität streiten kann, bleibt das Bemühen um Standardisierung, um Gütekriterien unbedingt sinnvoll. Wenn fünf Leute ein Holzbrett abmessen und es ist einmal 80 cm lang, ein anderes Mal 2 Meter 50 - dann ist das Messverfahren nicht besonders tauglich. Ähnlich sieht es auf, wenn das Brett bei einer Messung 1 Meter 20, bei der zweiten 1 Meter 22 lang ist - auch das ist schon ein Problem...
Bei psychologischen Testverfahren sind solche Dinge schwierig - Messfehler sind nie auszuschließen. Also - sieht man sich eben die Werte an, setzt bei Bedarf mehrere Verfahren ein, beurteilt die Ergebnisse nach dem zugrundeliegenden theoretischen Modell, der Eichstichprobe, den Gütekriterien und der Aktualität. Erstaunlich genug, das so ein altes Verfahren wie der Rorschachtest immer noch eingesetzt wird...
Die Wissenschaft ist ständig im Fluss - und das gilt eben auch für Theorien der Persönlichkeit. Wenn man Jahrzehnte psychologischer Forschung einfach ignoriert, kann man natürlich auf ein altes Verfahren zurückgreifen... wenn es denn wenigstens brauchbare Werte in den einschlägigen Gütekriterien aufweisen würde. Das tut der Rorschachtest aber nicht und ist allein schon deshalb als wissenschaftliches Testverfahren unbrauchbar. Nun muss man aber nicht unbedingt einen empirischen Standpunkt vertreten und den Rorschachtest an den Kriterien der klassischen Testtheorie messen.
Schließlich hat sich ja auch die Psychoanalyse weiterentwickelt und dazu gehört eben auch die Ausarbeitung der OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik).
Warum also sollte jemand ein altes Verfahren einsetzen, das sowieso kaum noch jemand wirklich ernst nimmt? Aber zunächst zu der Frage, worüber sich die Leute eigentlich aufregen... Wikipedia hat alle Kleckse veröffentlicht. "Inklusive Interpretation" heisst es im Artikel auf Rooster24. Beim Stöbern fiel mir auf, dass so mancher Link nicht mehr abrufbar ist - vermutlich wurden einige Texte also schon wieder entfernt. Nehmen wir an, die Interpretationen wären wirklich nachzulesen - dann könnten alle Probanden, die mit diesen Klecksen konfrontiert werden, sich genau überlegen, was sie ihrem Analytiker erzählen, um eine bestimmte Interpretation nahezulegen oder andere auszuschließen. Besonders zuverlässig wäre das aber auch nicht, denn selbst dann, wenn sich die Anwender auf bestimmte Interpretationen "gut geeinigt haben", kann man nie wissen, was im Einzelfall so alles "herausgelesen" wird. Psychoanalytiker deuten - diese Grundhaltung ist mit dem Anliegen eines Testverfahrens, das ein bestimmtes Merkmal messen will, nicht vereinbar.
Warum werden eigentlich die Prüfungsaufgaben für Schulabgänger nicht veröffentlicht? Warum kann man nicht erfahren, welche Testbögen am Tag X vorgelegt werden, wenn es um den Führerschein geht?
Es ist nicht schwer zu erraten - es wäre unfair, denn wer genau weiss, welche Fragen gestellt werden, kann sich natürlich darauf vorbereiten. Auch dann würde es noch Unterschiede geben - aber die Situation, dass alle mit unbekannten Fragen konfrontiert werden, wäre nicht mehr gegeben.
Ein brauchbares Testverfahren zu entwickeln, das braucht Zeit und macht viel Arbeit. Neue Theorien machen ältere Verfahren fragwürdig, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Testnormen. Liegt die letzte Normierung Jahrzehnte zurück oder hat nie statt gefunden, hat ein Verfahren auch keine besondere Aussagekraft. Wird ein Verfahren kopiert und weitergegeben, sind die Fragestellungen eben nicht mehr neu - und dann kann niemand mehr aussschließen, ob ein hoher Testwert im Intelligenztest vielleicht nur auf ein besonderes Training zurückzuführen ist. Als Proband kann ich mir dann das Denken sparen - ich lerne einfach die "richtigen" Antworten auswendig und erscheine plötzlich genial. Kleiner Irrtum, aber vielleicht lebt es sich ganz gut mit einer solchen Selbsttäuschung und dem Lebensmotto "Einbildung statt Bildung". Die Tests, die im Internet (oft für teueres Geld) angeboten werden, sind Pseudotests, nette Spielereien, vielleicht mit Unterhaltungswert, ansonsten nicht ernst zu nehmen. Versprechen, man könne innerhalb kürzester Zeit seinen IQ um 30% steigern, sind einfach nur Unsinn.
Psychodiagnostik gehört in die Hände von Psychologen - und sonst nirgendwo hin. Psychologische Tests gehören nicht ins Internet - denn durch die Publikation der Fragen sind Verzerrungen, soziale Erwünschtheitseffekte und Fehlinterpretationen, die sowieso schon nie ganz auszuschließen sind, noch wahrscheinlicher. Eine Neunormierung wäre also das Mindeste, das geschehen müsste, um das Verfahren wieder einigermaßen brauchbar zu machen. Wissenschaftliche Testverfahren brauchen den Schutz des Copyright - wer sie kopiert, mit der Post verschickt, ins Internet stellt oder Laien (und dazu gehören auch die Mediziner, sorry) zur Verfügung stellt, entwertet sie auf jeden Fall - im Einzelfall bis zur völligen Wertlosigkeit.
Eines kann man sicher sagen - wenn die Rorschachkleckse erst einmal veröffentlicht sind, kann niemand mehr garantieren, dass Probanden frei assoziieren und spontan auf ein Bild reagieren, das sie nie zuvor gesehen haben und ohne sich irgendwelche Antworten zurechtgelegt zu haben. So gesehen ist die Publikation nur ein Grund mehr, den Rorschachtest dorthin zu befördern, wo er hingehört: in den Papierkorb.
Der Rorschachtest ist ein veraltetes Verfahren zur Psychodiagnostik. 1921 wurde das Verfahren veröffentlicht - und allein das ist schon Grund genug, ihm das Etikett "historisch" zu verleihen.
Wenn ich zurückdenke, was ich aus Seminaren und Vorlesungen im Fach Psychologische Diagnostik "mitgenommen" habe, bleiben grundsätzliche Überlegungen übrig, die von Anfang an einen skeptischen Blick auf den Rorschachtest auslösten. Tintenkleckse? Interpretation? Unendliche Möglichkeiten... da lässt sich alles Mögliche hineininterpretieren und herauslesen. Ein solches Verfahren kann unmöglich objektiv sein. Auch dann, wenn man sich über den Begriff der Objektivität streiten kann, bleibt das Bemühen um Standardisierung, um Gütekriterien unbedingt sinnvoll. Wenn fünf Leute ein Holzbrett abmessen und es ist einmal 80 cm lang, ein anderes Mal 2 Meter 50 - dann ist das Messverfahren nicht besonders tauglich. Ähnlich sieht es auf, wenn das Brett bei einer Messung 1 Meter 20, bei der zweiten 1 Meter 22 lang ist - auch das ist schon ein Problem...
Bei psychologischen Testverfahren sind solche Dinge schwierig - Messfehler sind nie auszuschließen. Also - sieht man sich eben die Werte an, setzt bei Bedarf mehrere Verfahren ein, beurteilt die Ergebnisse nach dem zugrundeliegenden theoretischen Modell, der Eichstichprobe, den Gütekriterien und der Aktualität. Erstaunlich genug, das so ein altes Verfahren wie der Rorschachtest immer noch eingesetzt wird...
Die Wissenschaft ist ständig im Fluss - und das gilt eben auch für Theorien der Persönlichkeit. Wenn man Jahrzehnte psychologischer Forschung einfach ignoriert, kann man natürlich auf ein altes Verfahren zurückgreifen... wenn es denn wenigstens brauchbare Werte in den einschlägigen Gütekriterien aufweisen würde. Das tut der Rorschachtest aber nicht und ist allein schon deshalb als wissenschaftliches Testverfahren unbrauchbar. Nun muss man aber nicht unbedingt einen empirischen Standpunkt vertreten und den Rorschachtest an den Kriterien der klassischen Testtheorie messen.
Schließlich hat sich ja auch die Psychoanalyse weiterentwickelt und dazu gehört eben auch die Ausarbeitung der OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik).
Warum also sollte jemand ein altes Verfahren einsetzen, das sowieso kaum noch jemand wirklich ernst nimmt? Aber zunächst zu der Frage, worüber sich die Leute eigentlich aufregen... Wikipedia hat alle Kleckse veröffentlicht. "Inklusive Interpretation" heisst es im Artikel auf Rooster24. Beim Stöbern fiel mir auf, dass so mancher Link nicht mehr abrufbar ist - vermutlich wurden einige Texte also schon wieder entfernt. Nehmen wir an, die Interpretationen wären wirklich nachzulesen - dann könnten alle Probanden, die mit diesen Klecksen konfrontiert werden, sich genau überlegen, was sie ihrem Analytiker erzählen, um eine bestimmte Interpretation nahezulegen oder andere auszuschließen. Besonders zuverlässig wäre das aber auch nicht, denn selbst dann, wenn sich die Anwender auf bestimmte Interpretationen "gut geeinigt haben", kann man nie wissen, was im Einzelfall so alles "herausgelesen" wird. Psychoanalytiker deuten - diese Grundhaltung ist mit dem Anliegen eines Testverfahrens, das ein bestimmtes Merkmal messen will, nicht vereinbar.
Warum werden eigentlich die Prüfungsaufgaben für Schulabgänger nicht veröffentlicht? Warum kann man nicht erfahren, welche Testbögen am Tag X vorgelegt werden, wenn es um den Führerschein geht?
Es ist nicht schwer zu erraten - es wäre unfair, denn wer genau weiss, welche Fragen gestellt werden, kann sich natürlich darauf vorbereiten. Auch dann würde es noch Unterschiede geben - aber die Situation, dass alle mit unbekannten Fragen konfrontiert werden, wäre nicht mehr gegeben.
Ein brauchbares Testverfahren zu entwickeln, das braucht Zeit und macht viel Arbeit. Neue Theorien machen ältere Verfahren fragwürdig, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Testnormen. Liegt die letzte Normierung Jahrzehnte zurück oder hat nie statt gefunden, hat ein Verfahren auch keine besondere Aussagekraft. Wird ein Verfahren kopiert und weitergegeben, sind die Fragestellungen eben nicht mehr neu - und dann kann niemand mehr aussschließen, ob ein hoher Testwert im Intelligenztest vielleicht nur auf ein besonderes Training zurückzuführen ist. Als Proband kann ich mir dann das Denken sparen - ich lerne einfach die "richtigen" Antworten auswendig und erscheine plötzlich genial. Kleiner Irrtum, aber vielleicht lebt es sich ganz gut mit einer solchen Selbsttäuschung und dem Lebensmotto "Einbildung statt Bildung". Die Tests, die im Internet (oft für teueres Geld) angeboten werden, sind Pseudotests, nette Spielereien, vielleicht mit Unterhaltungswert, ansonsten nicht ernst zu nehmen. Versprechen, man könne innerhalb kürzester Zeit seinen IQ um 30% steigern, sind einfach nur Unsinn.
Psychodiagnostik gehört in die Hände von Psychologen - und sonst nirgendwo hin. Psychologische Tests gehören nicht ins Internet - denn durch die Publikation der Fragen sind Verzerrungen, soziale Erwünschtheitseffekte und Fehlinterpretationen, die sowieso schon nie ganz auszuschließen sind, noch wahrscheinlicher. Eine Neunormierung wäre also das Mindeste, das geschehen müsste, um das Verfahren wieder einigermaßen brauchbar zu machen. Wissenschaftliche Testverfahren brauchen den Schutz des Copyright - wer sie kopiert, mit der Post verschickt, ins Internet stellt oder Laien (und dazu gehören auch die Mediziner, sorry) zur Verfügung stellt, entwertet sie auf jeden Fall - im Einzelfall bis zur völligen Wertlosigkeit.
Eines kann man sicher sagen - wenn die Rorschachkleckse erst einmal veröffentlicht sind, kann niemand mehr garantieren, dass Probanden frei assoziieren und spontan auf ein Bild reagieren, das sie nie zuvor gesehen haben und ohne sich irgendwelche Antworten zurechtgelegt zu haben. So gesehen ist die Publikation nur ein Grund mehr, den Rorschachtest dorthin zu befördern, wo er hingehört: in den Papierkorb.
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