Posts mit dem Label Sinn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sinn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 7. September 2009

Das Mögliche, das Seiende, das Bessere und die Wahl

Vier Brüder trafen sich, um darüber zu beraten, was mit der Menschheit geschehen sollte. Der Erste hatte viele Ideen, was aus ihr werden könnte, der Zweite fand die Menschen ganz in Ordnung, auch wenn hier und da Einwände, Bedenken und Zweifel angemessen schienen, der Dritte hatte sehr konkrete Vorstellungen von dem, was die Menschen sein sollten, wohin sie sich am besten entwickeln müssten... nur der Vierte hüllte sich in Schweigen. So ging es über mehrere Stunden.
Warum schweigst Du?, fragten die drei schließlich den stillen Tischgenossen. "Ich weiss nicht, was ich sagen soll", antwortete er. "Alles scheint von mir abzuhängen, aber ich weiss nicht, wie ich mich entscheiden soll, ob ich mich entscheiden kann, ob ich überhaupt existiere und wenn - dann weiss ich nicht, wer ich bin".
Nun waren die drei bisher sehr redseligen Brüder an der Reihe, schweigend nachdenklich zu werden.

Montag, 11. Mai 2009

Seltsame Kommentare


...So ganz verstanden habe ich das ja nicht, was sich da in den Kommentaren abspielte... "Zwei Herren auf dem Weg zum Regenbogen..." - was für ein Bild! Auf dem Weg zum Regenbogen? Also irgendwohin, mit einem Ziel, der ins Nichts führt? Das Postulat der Ziellosigkeit... kann man als Unterstellung interpretieren. Sagen wir, es ging hier um eine kleine Plauderei, in die sich Mona einmischen wollte... Die Reaktion von Jürgen: "...ein Kommentar von der MoL. Daran wird man sich wohl gewöhnen müssen, grins". Also keine inhaltliche, sondern eine formale Stellungnahme. Und dann kommt ein Kommentar, den man wohl als Kritik ansehen kann: "Du grinst ein BISSCHEN zu viel. So hin und wieder weniger Grinsen und mehr Sachverstand könnte nicht schaden." Kritik also eher "durch die Blume"... im direkten Gespräch könnte so eine Bemerkung als Beleidigung verstanden werden und einen Konflikt auslösen. Je nachdem, WIE sie ausgesprochen wird... Möglich wäre ja auch gewesen, "ich wünsche mir mehr Sachlichkeit". Wobei an dieser Stelle unklar ist, worauf sich der Wunsch nach mehr Sachlichkeit denn genau bezieht... "Das mag schon sein, meinen Sachverstand spreche ich mir deswegen dennoch nicht ab, nicht grins". Da ist er wohl auf den Wunsch eingegangen, einmal nicht zu grinsen, weist die Kritik des mangelnden Sachverstands zurück (es bleibt immer noch unklar, in welcher Sache, bezogen auf welches Fachgebiet hier "Sachverstand" bestritten oder behauptet wird). Und jetzt? Aus heiterem Himmel ein Lob: "erwähnte ich schon, dass ich Deine Bastelarbeiten in Wort und Bild mag?" Eigentlich müsste sie das ja selbst wissen und gibt sich auch gleich die Antwort: "Nein, erwähnte ich nicht. Ist aber so. Ende!" - Ende? Das könnte bedeuten, "jetzt habe ich alles von mir gegeben, was ich ausdrücken wollte".
4 Minuten später, beinahe entschuldigend: "Dacapo wird sich die Haare raufen und sich fragen, was hier wieder abgeht".
Nun ja, es war eher irritierend, kaum nachvollziehbar, welchen Sinn dieser Disput, der dann doch keiner wurde, haben könnte oder haben soll. Jürgen also lädt ein auf seinen eigenen Blog. Und Mona meint am Ende, ich soll das Ganze lächelnd abtun "und dem ganzen keine weitere Bedeutung beimessen."
Es hat aber eine Bedeutung und es ist kein Zufall, dass sich dieser seltsame Dialog gerade hier abspielte. Es geht um Kontakt, es geht um Bewertungen, auch wenn die Hintergründe nicht ganz deutlich sind. Hinter dem Ritual der scheinbaren Belanglosigkeit deutet sich viel Raum für Spekulationen an... aber die Vielfalt möglicher Interpretationen behalte ich für mich. Schließlich... läßt sich nicht alles verstehen und ich muß nicht alles kommentieren.

Donnerstag, 2. April 2009

Der Sinn im Gespräch

Es war bereits erwähnt, dass im Gespräch gemeinsam Sinn konstituiert, also „erzeugt“ wird. Wovon hängt es nun ab, ob und welcher Sinn entsteht? Was sind die einzelnen Faktoren, die über Sinn (oder auch Unsinn) bestimmen? Im Kapitel über die Faktoren mündlicher Kommunikation (SW, S. 61ff.) sind sie ausführlich beschrieben und in einer knappen Formel zusammengefasst:


„(Miteinander-)Sprechen ist die kommunikative Reziprokhandlung, die
- situativ gesteuert,
- personbezogen,
- sprachbezogen,
- formbestimmt,
- leibhaft vollzogen
Sinn konstituiert und Handlungen auslöst“ (SW, S. 61)

s. auch:
Was ist Gesprächsfähigkeit?

Blogreview Miteinander sprechen
Das „Miteinander“ steht hier in Klammern. Wenn man den Zusammenhang zur Sprecherziehung als angewandte Sprechwissenschaft herstellt, wird nachvollziehbar, warum diese Klammern hier auftauchen. Rede als „Sprechen zu anderen“ wird als „virtuell dialogisch“ beschrieben, kann also in Gespräche eingebettet sein oder in ein Gespräch münden. Die einzelnen Faktoren gelten dort auch – und das nicht erst dann, wenn ein Zwischenrufer einen Einwand erhebt oder eine Frage stellt. Wenn ich verstehen möchte, was da eigentlich geschieht, wenn Menschen miteinander sprechen (oder auch: wenn eine oder einer zu vielen anderen spricht), dann muss ich verschiedene Aspekte beachten.

1. Jede nachdem, in welcher Situation sich die Miteinandersprechenden befinden, kann eine bestimmte Äußerung eine völlig andere Bedeutung haben. Der Angeklagte wird vor Gericht des Mordes verdächtigt. Der Richter fragt: Sind sie schuldig? Lautet die Antwort „ja“, dann hat das Konsequenzen. Ein „Ja“ vor dem Traualtar hat dagegen eine ganz andere Bedeutung und andere Konsequenzen…
2. Es ist von Bedeutung, WER da MIT WEM spricht, also welche Personen in welchen Rollen. Eine höfliche Frage, die eine bestimmte Handlung nahe legt, darauf abzielt, dass der oder die Angesprochene doch bitte etwas Bestimmtes tun solle, hat im privaten Bereich eine andere Bedeutung als in der Schule oder im Berufsleben.
3. Sprache ist nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern auch die Quelle vieler Missverständnisse. Nicht nur, wenn der oder die andere nun wirklich eine andere Sprache spricht – sondern auch dann, wenn es um Dialekte geht. Oder um Fachsprachen. Oder um Muster und Redewendungen, die für eine bestimmte Szene typisch sind. Im kriminellen Milieu ist der Hinweis auf einen geplanten „Besuch“ möglicherweise eine massive Bedrohung…
4. In jedem Gespräch sind Muster oder Schemata wirksam, die hillfreich oder störend sein können. Sie gehören (nach meiner Einschätzung) zum schwierigsten Bereich der Faktoren, die den Sinn des Gesprochenen prägen – weil sie oft so „selbstverständlich“, automatisiert und verborgen sind, dass sie kaum zu fassen und schwer zu erkennen sind.
5. Dass Miteinandersprechen leibhaft vollzogen ist, wird spürbar, wenn die Stimme einmal versagt. Eine heftige Erkältung macht deutlich, dass ein kranker Hals sich hustend und krächzend der körperlichen Grundlagen seiner Stimme durchaus bewusst werden kann… Interessant ist auch, zu beobachten, was geschieht, wenn Gehörlose Kontakt herstellen. Wer nicht hören kann, kann auch nicht angesprochen werden, also wird eben gestupst oder geschubst, wenn der oder die andere gerade in eine andere Richtung blickt. Das Miteinandersprechen wird zum Miteinandergebärden – die Gebärdensprache ersetzt die gesprochene Sprache. Dort, wo wirklich gesprochen wird, gilt aber auch, dass man nichts sagen kann, ohne es „irgendwie“ zu sagen. Sage ich „das hast du aber schön gemacht!“, genügt ein ironischer Unterton, um aus einem Lob eine verletzende, vorwurfsvolle Kritik zu machen.

Damit sind die Faktoren der Sinnkonstitution keinesfalls vollständig im Sinne von „mit allen Details“ beschrieben. Die kurze Zusammenfassung und Interpretation macht aber, wie ich hoffe, eines deutlich: die Gründe, warum Gespräche manchmal schwierig sind oder Konflikte entstehen können, sind nicht vollständig zu erfassen, wenn man nur die INHALTE des Gesprochenen beachtet. Vielleicht liegen die Probleme anderswo…

Montag, 30. März 2009

Der gemeinsame Sinn

Ganz bestimmt wird es auch weiterhin erzählt und weiter vermittelt: die Vorstellung, Kommunikation bestünde darin, dass ein Sender einem Empfänger eine Nachricht übermittelt. Vielleicht auch, dass jede Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt habe. Oder eine Nachricht vier Seiten habe, ein Empfänger also im Grunde vier Ohren bräuchte. Oder gar hat.
Die Perspektive, ein Gespräch als „intentionale, wechselseitige Verständigungshandlung“ (SW, S. 45) zu verstehen, scheint zunächst schwer nachvollziehbar zu sein – und grenzt die Sprechwissenschaft deutlich gegenüber der typischen Betrachtung des Individuums in der Psychologie ab. Das sei ja dann „sowas wie Soziologie“, sagen manche.
Was ist eigentlich ein Gespräch? Wenn ich von der alltäglichen Vorstellung ausgehe, dass da eben zwei oder mehr Menschen miteinander sprechen, dann ist ein Modell, das plötzlich von einem Sender und einem Empfänger ausgeht, recht weit von der Alltagserfahrung weg. Ich stelle mir vor… ich treffe jemanden. Sage „Hallo, wie geht’s“. Dann habe ich als Sender einem Empfänger eine Nachricht übermittelt. Aber ein Gespräch ist damit nicht beschrieben. Ein kurzer Moment, ein minimaler Gesprächszug wird beschrieben, mehr nicht. Inhalt und Beziehung? Das sind zwei Aspekte. Die Darstellung der Faktoren der Sinnkonstitution in der Sprechwissenschaft beschreibt fünf Bereiche – auf diese Faktoren komme ich noch zurück.
Der gemeinsame Sinn – steckt nicht in den Worten allein. Der Sinn des Gesprochenen liegt nicht „in der Nachricht“. Nicht allein in der Sprache. Wenn es zu Missverständnissen kommt, dann kann ich nicht alles mit einer „Störung bei der Übertragung“ erklären. Wechselseitigkeit, das bedeutet zunächst: es geht hin und her. Ein Gespräch ist eben kein Monolog. Das Miteinander zeigt sich darin, dass die Miteinandersprechenden abwechselnd zu Wort kommen… Und hier wird der eine oder die andere schon hellhörig (hell-lesend?) und wird sich denken: ja, das wäre schön. Wenn ich auch mal zu Wort käme… Damit ist dann in der Regel nicht gemeint, dass es nicht möglich ist, etwas zu sagen. „Zu Wort kommen“ bedeutet eben in der Regel, dass man auch aussprechen darf und nicht immer wieder unterbrochen wird.
Zu einem Gespräch gehören eben zwei (mindestens). Wenn Sinn eine gemeinsame „Leistung“ ist, die etwas damit zu tun hat, dass die miteinander sprechenden Menschen sich über etwas verständigen, dann kann diese gemeinsame Sinnkonstitution auch scheitern. Gespräche können misslingen, zu keinem Ergebnis führen, im Sande verlaufen, sich im Kreis drehen, in die Irre führen – gemeinsam kann auch Unsinn erzeugt werden. Alltagssprachlich sagen wir vielleicht: wir verstehen uns nicht. Mit dem oder der kann man nicht reden. Das macht keinen Sinn. Wir reden aneinander vorbei. Oder: keiner versteht mich, was mache ich falsch?
Betrachte ich eine einzelne Person, lässt sich die Frage stellen, wie man sich verständlich ausdrücken kann. Oder – wie man andere Menschen verstehen kann. Betrachte ich das Gespräch, stellt sich die Frage, ob der Prozeß gelingt, in dem gemeinsam Sinn erzeugt wird. Sich miteinander verständigen ist mehr als eine Frage der richtigen Wortwahl, der Sprachkosmetik, des rhetorischen Geschicks. Es ist eine Frage nach dem, was zwischen den miteinander sprechenden Menschen passiert – oder auch nicht.
Die Einsicht, dass ein bestimmter Begriff nicht für alle Menschen dieselbe Bedeutung haben muss, macht einen Teil des Problemfelds deutlicher. Ich sage nur: das ist schön.
Schön. Schön kann man alles Mögliche finden… was ich schön finde, muss anderen nicht gefallen und umgekehrt. Wann ist etwas schön? Lassen sich dafür Kriterien entwickeln, die für alle Menschen auf der Welt gültig sind? Man kann sich darüber verständigen, was „schön“ bedeuten soll, sich darüber auch streiten. Voraussetzen, dass automatisch verstanden wird, was ich meine, wenn ich etwas schön finde, das kann ich nicht. Außerdem ist eine Aussage wie „das ist schön“ überhaupt nicht verständlich, wenn unklar ist, worauf ich mich eigentlich beziehe. Vielleicht deute ich auf etwas. Oder es war im Gespräch etwas erwähnt, das nun eine Beschreibung erhält. Ohne zu wissen, wer an diesem Gespräch beteiligt ist, ohne die Situation und den Zusammenhang zu kennen, lässt sich unmöglich verstehen, was das alles bedeuten soll. Eine „Nachricht“ aus dem Zusammenhang zu reißen und zu glauben, man könne damit erfassen, was in einem Gespräch geschieht, das ist irreführend, verkürzend. Für die Praxis wenig tauglich.
Wer nun aber nach der Praxis fragt, kann zunächst einmal überlegen, was da geschieht, wenn Menschen miteinander sprechen. Was ist ein gutes Gespräch?

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

Oft gelesen