Tschnernobyl ist lange her, zuerst kam der Schock und dann helle Aufregung... und nach einiger Zeit war es dann doch nicht mehr so schlimm. Vor diesem Hintergrund ist der Umgang mit Katastophen eine zweischneidige Sache - denn 'Umgang' kann auch 'Wegschieben' bedeuten und ist dann zwar für das Individuum gesünder, wirft aber auch Probleme auf, wenn zuwenig oder nicht gründlich genug Konsequenzen gezogen werden. Die Frage nach Prinzipien der Katastrophenbewältigung ist anders formuliert die Frage nach dem, worauf es ankommt - und die Antworten haben verschiedene Ebenen. Irgendwie werden Menschen dann doch immer wieder mit Katastrophen fertig. Warum eigentlich? Und: wie?
1. Abstand gewinnen
Abstand gewinnen bedeutet nicht automatisch Abwehren oder Verdrängen - auch das Dissoziieren als 'inneres Weggehen' ist ein Bewätigungsmechanismus, der eine Schutzfunktion hat und in bestimmten Zusammenhängen als einzige Chance übrig zu bleiben scheint. Im wesentlichen geht es um das Ziel, sich nicht völlig überwältigen zu lassen, die Handlungsfähigkeit zu bewahren bzw. wieder herzustellen.
2. Verstehen
Die Zusammenstellung von Dokumentationen zu den Themen Kernkraft und Tsunami folgt dem Gedanken, nach Erklärungen zu fragen, aber auch Erklärungen vermittelbar zu machen - dabei steht für 'ganz normal Sterbliche' weniger die wissenschaftliche Präzision im Mittelpunkt, eher die 'Fassbarkeit'. Eine Vorstellung von dem zu bekommen, was da eigentlich geschehen ist, macht es leichter, Erfahrungen einzuordnen und zu bewerten.
3. Rationalität
Als wissenschaftlich denkender Mensch halte ich nichts von religiösen Erklärungsmustern, die Naturkatastrophen als "Strafe Gottes" einordnen und dabei mehr zusätzliche Ängste erzeugen und damit die Bewältigung erschweren. Zur Rationalität gehört auch die Unterscheidung von kontrollierbaren und nicht kontollierbaren Aspekten - an den Prozessen im Innern der Erde können wir im Moment wenig ändern, am Umgang mit der Kernkraft dagegen sehr wohl.
Rational ist es, nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich schwierige Situationen in den Griff bekommen lassen - der Einsatz um das AKW Fukushima folgt diesem Prinzip und ist (Kritik hin oder her) nicht nur bewunderswert, sondern auch Ausdruck funktionaler Angstbewältigung. Zu Recht, wie ich meine, bezeichnet man die 'Fukushima 50' als Helden, denn Angst haben sie gewiss. Aber Helden sind eben keine Menschen, die keine Angst haben, sondern solche, die ihre Angst überwinden und trotzdem etwas tun können.
4. Korrektur bisheriger Sichtweisen
"Das hätte ich nie für möglich gehalten"... diesen Satz haben in den letzten Tagen wohl viele Menschen gedacht oder auch ausgesprochen. Angela Merkel ist dafür kritisiert worden, als sie sagte, es sei eine neue Lage entstanden. Versteht man 'Lage' als subjektive Repräsentation, dann hat sich sehr wohl für sehr viele Menschen die Lage verändert - auch dann, wenn es objektiv betrachtet keine grundsätzlich 'neuen' Risiken der Atomkraft gibt, Psycho-logisch ist das Moratorium der Kernkraftwerke auf jeden Fall - sie entspricht, salopp ausgedrückt, der Erfahrung, dass es Zeit braucht, sich auf Veränderungen einzustellen und dass dabei der je eigene Standpunkt vielleicht auf einer sehr grundsätzlichen Ebene neu überdacht werden muss. Auch dort, wo sich Sachverhalte nicht verändert haben, kann diese Überprüfung bisheriger Sichtweisen zu einer neuen Bewertung, einer neuen Situationseinschätzung führen.
5. Hoffnung und Optimismus
Was ich mit Hoffnung und Optimisums meine, ist keine "rosa Brille", sondern durchaus eine realitätsbezogene Einstellung, die ebenfalls eine rationale Grundlage haben kann. Wunder daeuern gelegentlich etwas länger und sind zur Begründung von Hoffnung und Optimismus nur bedingt geeignet. Nachdem es gelungen war, ein Stromkabel zum AKW in Fukushima zu legen, hatte das Prinzip Hoffnung wieder einen konkreten Anker - auch wenn von "vollständiger Kontrolle" nicht die Rede sein kann, zeigt sich die Begrenzbarkeit des Übels...
Ohnmacht und Hilflosigkeit legen passvies Abwarten nahe, für viele ist das tatsächlich auch die einzige Möglichkeit. Hoffnung beruht darauf, dass sich die Dinge nicht nur ändern, der Wind gelegentlich auch in die 'richtige Richtung' weht, sondern auch auf der Möglichkeit, etwas dafür zu tun, dass sie sich ändern. Optimismus ist immer dann angebracht, wenn es eine, sei es auch nur 'irgend eine' Handlungsmöglichkeit giibt, auch wenn ein ausgearbeiteter Katastophenplan fehlt.
6. Initiative
Das Prinzip Initiative scheint für Japaner weniger vertraut, es ist ein eher individuelles Prinzip, 'die Dinge in die Hand zu nehmen'. Dort, wo bestehende Strukturen zusammen gebrochen sind und eine stabile Struktur fehlt, wird Initiative aber ein wichtiges Prinzip, das Leben (wieder) in den Griff zu bekommen.
7. Normalität
Es mag kalt und verständnislos erscheinen, im Zusammenhang mit der Bewältigung von Katastrophen von Normalität zu sprechen. Für die obdachlos Gewordenen, die nicht nur ihre Felle, sondern auch Verwandte, Freunde und Bekannte davon schimmen sahen, ist nichts mehr normal. Trotzdem ist das lange Verharren in einem Schockzustand nicht hilfreich, die Bewältigung führt früher oder später zu einem ganz normalen Alltag zurück.
...soweit die Skizze. Mehr als ein Entwurf sollte es nicht sein.
*