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Mittwoch, 16. März 2011

Kaiserlicher Trost

Es passt gut zu meinen Vorstellungen von Unterstützung bei der Bewältigung von schwierigen Situationen: die Ansprache des Kaisers in Japan, von der unter anderem die Financial Times Deutschland berichtet. Die wahre Bedeutung des Kaisers in Japan ist mir zwar wenig vertraut, aber soviel konnte ich den Medien entnehmen: es ist eine Seltenheit, dass er sich überhaupt meldet. Er habe Mut zugesprochen, hieß es in den Texten, aber wenn er wirklich eine wichtige Figur ist, bedeutet schon die schlichte Anwesenheit sehr viel. Aus einer rationalen Perspektive scheint es viel wichtiger, konkrete Hilfe zu leisten, Gefahren einzudämmen und alles zu tun, damit sich die Lage normalisieren kann und Schlimmeres verhindert wird. Betrachtet man die Gefühlslage, steht ein anderes Erfahrungsmoment im Vordergrund, das wesentlich stärker zur Angstreduktion beitragen kann - die schlichte Erfahrung, nicht allein zu sein. Da ist jemand. Ich bin nicht allein gelassen. Da kümmert sich jemand um mich. Ganz anders als bei Politikern kann ihm niemand vorwerfen, er wolle sich nur über die nächste Wahl retten oder verfolge irgendwelche politischen Interessen. Der Kaiser ist, wenn ich das richtig deute, eine Vaterfigur, eine stabilisierende Komponente in der inneren Situation seiner Landsleute.

Es gibt noch eine Komponente, von der ich glaube, dass sie eine große Rolle bei der Bewältigung der aktuellen Situation spielt: die Tradition und die Geschichte, sehr wohl mit Blick auf Hiroshima und Nagasaki, einschließlich der Erinnerungen an das Ende des zweiten Weltkrieges. Die Tradition vermittelt die Einbettung in große zeitliche Zusammenhänge, die Geschichte ist eben auch eine Geschichte des Wiederaufbaus, eine kollektive Erfahrung, die das Überlebenkönnen und Wiederaufbauen bewusst zu machen vermag. Die Geschichte stellt der Ohnmacht des Schicksals die Macht des Handelns in der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft gegenüber. Es ist absehbar, was daraus werden wird - zunächst das Bemühen, die elementaren Voraussetzungen wieder herzustellen und das Zerstörte wieder aufzubauen. All das bringt das Weggespülte nicht zurück und macht die Toten nicht mehr lebendig, aber es lindert den Schmerz.

Die Voraussetzungen sind zwar gegeben, dass es in Japan zu posttraumatischen Belastungsstörungen in enormem Ausmass kommt, zwingend ist es aber nicht. Vielleicht gelingt über die pragmatische Orientierung an der Gegenwart hinaus der Blick nach vorn, der die Erfahrung ermöglicht, dass es trotzdem weiter geht - und Angst eine zwar schlimme, aber zu überwindende, zeitlich begrenzte Gefühlsqualität ist. So sehr sie auch bebte, irgendwann kommt die Erde wieder zur Ruhe und lässt der Neugestaltung Raum.

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Montag, 15. März 2010

Hannibal Lecter und Co: Psychopathen und ihr Gehirn


Als Psychopathen werden Menschen mit einer stark ausgeprägten dissozialen Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Generell gelten Persönlichkeitsstörungen als schwer behandelbar - wenn überhaupt, dann benötigen sie eine längere Therapie, oft über mehrere Jahre hinweg. Dass bei Psychopathen auch neurologische Aspekte eine Rolle spielen, ist nicht neu. Die fehlende Empathie, Schwierigkeiten, soziale Normen zu erkennen und zu akzeptieren, all das hat auch seine Wurzeln in Funktionsstörungen des Gehirns.
An der Universität Vanderbilt (Nashville, USA) untersuchte eine Forschergruppe die Zusammenhänge rund um das Belohnungssystem bei Psychopathen. Dabei stellen sie bisherige Vorstellungen zu den typischen Merkmalen in Frage - und verbinden mit ihrer Forschung die Hoffnung, früher erkennen zu können, ob und unter welchen Bedingungen dissoziale Tendenzen in gewalttätiges Verhalten umschlagen. Das Klischee des Psychopathen zeichnet eine kaltblütige Persönlichkeit, die sich nimmt, was sie haben will, ohne danach zu fragen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die Unfähigkeit, Angst zu empfinden, Defizite im Bereich soziale Kompetenzen - das waren in der bisherigen Forschung Schwerpunkte. Was die Gruppe in Nahsville interessierte sind die Bereiche, in denen Psychopathen zuviel haben - Impulsivität, ein sehr starkes Interesse an Belohnungen und eine ausgeprägte Risikobereitschaft. Ebendiese Züge sind in besonderem Mass für kriminelles und gewalttätiges Verhalten verantwortlich.
Mit verschiedenen Messmethoden (PET, fMRI) untersuchten die Forscher die Zusammenhänge von Psychopathie und der Produktion von Dopamin im Gehirn. Die Messergebnisse zeigten dasselbe Muster: Psychopathen produzieren eine wesentlich höhere Menge an Dopamin im Gehirn. In einem Experiment bekamen die Versuchspersonen Amphetamine und beobachteten die Wirkung auf die Dopaminausschüttung. Zur Relevanz des Experimentes verweisen sie auf den verbreiteten Drogenkonsum bei Psychopathen. Wie erwartet zeigten die Amphetaminkonsumenten erhöhte Werte. Bei Versuchspersonen mit stark ausgeprägten dissozialen Tendenzen erreichten die Werte jedoch beinahe das Vierfache. Eine Aktivität des Nucleus accumbens zeigte sich auch bei finanziellen Belohnungen, die für das Erledigen einer einfachen Aufgabe versprochen wurde.
Psychopathen reagieren also wesentlich stärker auf Belohnungen - und stellen dabei Risiken, soziale Normen und Gefühle zurück. Ob sie sich dabei strafbar machen, anderen schaden oder sich selbst in Gefahr bringen - das alles interessiert sie einfach nicht.

Ergänzung:
Neurologische Aspekte der Psychopathie werden auch andernorts untersucht: im August 2009 zeigte eine Untersuchung am Institut für Psychiatrie am King's College in London strukturelle Defizite im Gehirn gewalttätiger Psychopathen auf.

Literatur:

Joshua W Buckholtz, Michael T Treadway, Ronald L Cowan, Neil D Woodward, Stephen D Benning, Rui Li, M Sib Ansari, Ronald M Baldwin, Ashley N Schwartzman, Evan S Shelby, Clarence E Smith, David Cole, Robert M Kessler & David H Zald. Mesolimbic dopamine reward system hypersensitivity in individuals with psychopathic traits. Nature Neuroscience, 2010; DOI: 10.1038/nn.2510

Quellen:





Dienstag, 2. Februar 2010

Unerwünscht sein

Alle Grausamkeiten unter den Menschen beruhen auf dem Gefühl der Unerwünschtheit. Bedingungen werden gestellt, unter denen andere 'da sein' dürfen. Wer sie nicht erfüllt, ist unerwünscht. Deutschland im Jahre 2010: eine 16-Jährige lässt ihr unerwünschtes Baby eiskalt im Schnee erfrieren.
Wer unerwünscht trotzdem aufwächst, lässt es früher oder später auch andere spüren - sie dürfen teilhaben an diesem Erleben. Und so trifft es wohl alle einmal, jenes Prinzip der Unerwünschtheit im menschlichen Zusammenleben. Anstatt die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, hält man ihnen ständig vor Augen, wie sie zu sein haben. Und wehe, wenn sie sich nicht daran halten...
Hinter diesem unpersönlichen 'man' kann sich jeder und jede Einzelne wunderbar verstecken.

Einfach nur da zu sein - das kann schon genügen, um unerwünscht zu sein.

Auschwitz war nur die letzte Konsequenz dieses Haltung. Überwunden ist sie nicht - weder in Deutschland noch sonstwo auf der Welt. Kein Individuum allein kann sie jemals überwinden. Denn sie liegt im Zwischen.

Frei nach Martin Buber: der Mensch wird am Du zum Ich (wenn er erwünscht ist) - oder zum Nichts (wenn er es nicht ist).

s. auch:

Kultur und Gedächtnis. Artikel über die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Scienceblogs, 2. Februar 2010.



Montag, 25. Januar 2010

Männer sind Unschuldslämmchen

Männer sind wahre Unschuldslämmchen. Das zumindest ist das Ergebnis einer spanischen Studie, in der Schuldgefühle bei Männern und Frauen untersucht wurden. Allgemein scheint Schuld früher eine weitaus höhere Bedeutung gehabt zu haben - heute sind es vor allem Frauen, die sich schuldig fühlen. Männer entwickeln eher selten Schuldgefühle.
Itziar Etxebarria (Universität des Baskenlandes, Leioa/Spanien) fragte mit seinem Team Männer und Frauen nach Situationen, in denen sie am häufigsten Schuld empfinden. Außerdem wurde das Ausmass sozialer Sensibilität untersucht. 156 Teenager, 96 junge Erwachsene (25-33 Jahre) und 108 Erwachsene im Alter von 40 bis 50 wurden befragt, jeweils zur Hälfte Männer und Frauen. In allen Altersgruppen zeigten die Frauen wesentlich mehr Schuldgefühle - am deutlichsten war der Unterschied in der Gruppe der 40-50-Jährigen.

Dabei unterscheidet Extebarria zwei Formen von Schuld.
Empathische Schuld ergibt sich aus dem Mitgefühl für Menschen, denen man etwas angetan hat - Schuld ist das Ergebnis der sselbstzugeschriebenen Verantwortung für das Leiden anderer.
Die ängstlich-aggressive Form der Schuld entsteht eher dort, wo es in der Erziehung strenge Regeln gab. Sie hat mit der Angst zu tun, etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben. Aggression, die nicht offen gezeigt werden darf, schwingt dabei verdeckt mit.
Bei Frauen, insbesondere bei älteren Frauen, ist die ängstlich-aggressive Form der Schuld wesentlich stärker ausgeprägt und erklärt den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die empathische Schuld gleicht sich eher an - und lässt sich mit dem wachsenden Einfühlungsvermögen älterer Männer erklären.
Die zwischenmenschliche Sensibilität war in der Gruppe der 25-33-jährigen Männer besonders schwach ausgeprägt - so lässt sich das geringe Ausmass an Schuldempfinden erklären.


"Educational practices and a whole range of socialising agents must be used to reduce the trend towards anxious-aggressive guilt among women and to strengthen interpersonal sensitivity among men." (Itziar Extebarria in der englischen Übersetzung)

Übersetzt: Aufgabe der Erziehung und der Sozialisation muss es sein, diesem Trend zum ängstlich-aggressiven Schuldempfinden bei Frauen entgegen zu wirken - und gleichzeitig das Einfühlungsvermögen bei Männern zu fördern.

ScienceDaily. Retrieved January 25, 2010, 
from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/01/100125123305.htm

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Dienstag, 29. Dezember 2009

Der Meister des Zorns

Das Land war mir fremd. Vor allem aber wunderte ich mich darüber, dass der dunkelhäutige Mann, der mir gegenüber saß, einen Regenschirm bei sich hatte. Bei dem Wetter? Es war so warm, dass ich wohl träumen oder irgendwo in einer Zukunft gelandet sein musste, in der die globale Erwärmung.... "Mein Name ist Mohandas", riss er mich aus meinen Gedanken. "Die meisten nennen mich Mo. Man nennt mich auch den Meister des Zorns. Erzähle mir, was dich bewegt."
Es ist schwierig, mitten in einem Traum irgendwie mit dem Aufwachen beschäftigt zu sein... das gehörte wohl in die Rubrik der immer wieder auftretenden Fragen aus dem Bereich 'Umgang mit Gefühlen'. Hatte ich da eine Frage? "Ich gehe davon aus, dass es gesund ist, wenn man Gefühle ausdrücken kann. Das gilt natürlich auch für den Zorn. Ich meine damit aber nicht das wilde Umsichschlagen, sondern das Gespräch darüber. Es kann auch eine Szene sein, ein Bild, eine Zeichnung oder etwas anderes." Mo dachte eine Weile nach und deutete ein Nicken an. "Früher dachte ich auch so ähnlich. Ich hatte mich daran gewöhnt, meinem Zorn freien Lauf zu lassen. Bis ich den Mahatma traf, der mich etwas ganz anderes lehrte." Als er meinen fragenden Blick bemerkte, ergänzte er: "ich bin auch in die Zukunft gereist. Und stelle fest, dass die Menschen immer noch nicht genug gelernt haben. Vor allem aber weiss ich aus Erfahrung, dass meine Methode für viele Menschen sehr nützlich ist. Der Mahatma sagte mir, behalte deinen Zorn für dich. Staue ihn auf. Mach etwas Wertvolles daraus. Etwas, das die Welt bewegt." Ein hoher Anspruch, dachte ich mir. Und es passte nun gar nicht zu meiner Vorstellung vom Aufarbeiten, Ausdrücken und Loslassen. Oder doch? "Wenn der Zorn eine wertvolle Form gefunden hat, drückt er sich auch aus. Aber auf eine Art, die selten als Zorn erkennbar ist." Darüber musste ich erst eine Weile nachdenken....
"Wie macht man etwas Wertvolles aus dem Zorn?" fragte ich schließlich.
"Es ist wichtig zu erkennen, was dich zornig macht", erklärte Mo. "Zorn über die Vergangenheit nützt überhaupt nichts. Sie wird zur Bitterkeit und nimmt dir jede Hoffnung. Denn die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Zorn über einen Zustand in der Gegenwart ist etwas anderes. Wenn es dort einen Punkt gibt, der verändert werden kann, lohnt es sich, den Zorn aufzustauen. Denn er gibt die innere Kraft, die Energie, sich wirklich für etwas einzusetzen. Etwas zu bewegen. Mit deiner Methode würde diese Energie verloren gehen."
Da stand oder vielmehr saß ich etwas ratlos da mit meiner westlichen Psychologie im Kopf... "Was sage ich Leuten, die viel Leid erfahren haben, in einer Katastrophe, einem Krieg Angehörige verloren haben? Wo soll denn da ein Ansatzpunkt für Veränderungen sein?" - Mo sah zu Boden, schien seine Worte sorgfältig abzuwägen... "Was ist es dabei, das den Zorn auslöst? Dass Menschen sterben, die sterblich sind? Oder die Tatsache, dass andere für ihren Tod verantwortlich sind?" "Das letztere, nehme ich an" - "Aha, der Zorn richtet sich also auf bestimmte Menschen, die getötet haben. Oder für eine Katastrophe verantwortlich sind. Sie vielleicht nicht verhindert haben. Der Mahatma hat mir von einer Szene erzählt, in der sich sein Zorn auf seine Frau richtete. Und er erkannte, dass er dabei in die Irre gegangen war." "Ist das nicht etwas ganz anderes?", fragte ich. "Ja und nein - im Prinzip geht es darum, den Zorn niemals auf eine Person zu richten. Sondern auf die Umstände, die ungerecht sind, verändert werden müssen." Das klang sicher einfacher als es war. "Wenn ich das den Amerikanern erzähle, die den Anschlag auf das World Trade Center erlebt haben..." -"Sie werden es nicht verstehen", antwortete Mo. "Sie sind gefangen in ihrem westlichen Denken. Sie kennen es nicht anders, als Zorn in Rache zu verwandeln, um der Bitterkeit zu entgehen. Aber sie übersehen dabei, dass selbst dann, wenn sie für 3000 Tote aus Rache 300.000 Andere töten, kein einziger Toter wieder lebendig wird. Es verändert sich nichts dadurch. Es wird kein Leiden beseitigt, nur neues geschaffen. Es wird keine Sicherheit errreicht, nur neue Bedrohungen. Der Kreislauf aus Zorn und Rache, Zorn und Rache geht immer und immer weiter" - "Richtig, aber es geht dann eben auch um Gerechtigkeit! Zumindest bin ich mir sicher, dass die Amerikaner so denken. So etwas kann man sich doch nicht gefallen lassen..." - "Es geht auch nicht darum, sich alles gefallen zu lassen. Mit Zorn umgehen zu lernen, das ist keine Schwäche. Es ist Stärke, die viel Übung erfordert. Terroranschläge sind immer das Resultat fehlgeleiteten Zorns. Sie haben keinen konstruktiven Wert. Sie beseitigen keine Ungerechtigkeit. Sie entstehen aus einem Irrtum." Also, so meine Schlussfolgerung, müsste sich der Zorn darauf richten, einen Irrtum zu korrigieren. So bedenkenswert mir diese Gedanken auch erschienen, ich war mir sicher, dass die Amerikaner damit nicht sehr viel würden anfangen können. Auch jener nicht, der in meiner Zeit einen Friedensnobelpreis gewonnen hatte.

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Montag, 28. Dezember 2009

Die Badewanne

Es ist eine komische Geschichte. Nicht unbedingt nur zum Lachen. Nicht im Traum wäre sie mir eingefallen, nein, wahrlich bei vollem Bewusstsein. Am hellichten Tag. Es geht, wie der Titel es schon andeutet, um eine Badewanne. Genauer gesagt: um zwei. Oder drei. Nein, zwei genügen eigentlich. Wie schon öfter war ich an einer Formulierung hängen geblieben, die sich auf Gefühle bezog. "Manche Menschen baden geradezu darin." Das ist natürlich ein Bild, aber es beschreibt recht anschaulich einen Prozess, der sich schließlich tagtäglich vollzieht. Aber nun endlich zur Geschichte...
Einem Bademeister war ich also begegnet, der mir seine Weisheiten kund tun wollte. "Stell dir vor," begann er, "du hast die Wahl zwischen zwei Badewannen. Die eine ist ziemlich trübe, ein Schlammbad, die andere ist gefüllt mit sanft duftendem frischem Wasser, schön warm."
Die Qual der Wahl hielt sich in Grenzen... natürlich zog ich den angenehmen Duft vor.
"Aha", sagte er. "Eine gute Wahl. Und wenn es angenehm ist, dann bleibe lange genug drin. Es gibt Leute, die steigen viel zu früh wieder aus. Oder sie legen sich in die falsche Wanne. Und beschweren sich dann darüber, dass sie sich nicht wohl fühlen."
Das war sie eigentlich schon, die Geschichte. Im Grunde ganz einfach, wenn man die richtige Wanne findet, aus der falschen früh genug aussteigt und in der richtigen lange genug badet.
Auch ohne wissenschaftliche Forschung wusste es Didi Hallervorden schon längst: die Wanne ist voll! Na denn: viel Spass beim Baden.



Mittwoch, 25. November 2009

Umgang mit Gefühlen: Skizze

Gefühle sind. Sie bedeuten: Energie. Gefühle entstehen nicht im Herzen, sondern im Kopf - sie sind das Ergebnis von Beurteilungen und Bewertungen, Bildern und Gedanken. Gefühle neigen dazu, sich in irgendeiner Form ausdrücken zu wollen. Aber das 'geht' oft nicht... aus unterschiedlichen Gründen. Was also machen wir damit? Wegschieben und unterdrücken? Sie annehmen, bearbeiten, ausklingen lassen oder...verwandeln? Das Fühlen lernen ist auch: an Gefühlen und aus Gefühlen lernen. Sie zeigen etwas, machen auf etwas aufmerksam - oft schneller als es unsere Gedanken zu leisten vermögen.
Wenn irgend jemand sagt "ich habe das Gefühl, dass..." - kommt meist ein Gedanke. Diesen Fehler, zwischen Gefühlen und Gedanken nicht sauber zu trennen, machen leider sehr viele Leute... Eine Aussage wie "ich habe das Gefühl, dass etwas schwierig werden könnte" ist genau betrachtet sehr ungenau. Der Gedanke "da könnte etwas schwierig werden" ist verbunden mit einem Gefühl von Unsicherheit, vielleicht Angst. Das Denken, wenn es denn dazu führt, sich vorzubereiten, also konstruktiv wird, verändert auch das Fühlen - und darum geht es in der folgenden Skizze.
Eine Skizze ist eine Skizze... ob und wie das Vorgezeichnete mit Bildern ausgefüllt, in Denkergebnisse, erlebte Veränderungen und vielleicht Handlungen umgesetzt wird oder werden kann, bleibt jedem und jeder selbst überlassen. Die Skizze bezieht sich auf unangenehme Gefühle - die angenehmen lassen sich auch so genießen...

Verwandle Angst in Fürsorge und Vorsorge....
Verwandle Ärger in sinnerfülltes Engagement....
Verwandle Schuldgefühle in Verantwortungsbewusstsein...
Verwandle Enttäuschung in realistische Wünsche....
Verwandle Unsicherheit in Souveränität....
Verwandle Belastungen in kreative Lösungen....
Verwandle Unklarheit und Verwirrung in klare Ziele....
Verwandle Zweifel in vernünftige Achtsamkeit…
Verwandle Trauer in heitere Gelassenheit…
Verwandle Misstrauen in kritische Achtsamkeit…
Verwandle emotionales Leiden in schöpferisches Handeln....


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Freitag, 23. Oktober 2009

Anatomie des Ärgers


Irgendwelche Erinnerungen mussten mir durch den Kopf gegangen sein, bevor ich eingeschlafen war. Kaum hatte ich in der Empfangshalle das neue Schild mit der Aufschrift "Anatomie des Ärgers" entdeckt, war ich auch schon drin. Und staunte. Mit einer Art Gummizelle hatte ich gerechnet, getragen von der längst überholten Idee, Aggression sei eben "ein Trieb, den man irgendwie rauslassen müsse". Erfahrungen von Leuten fielen mir ein, die mit dem Gedanken, ihre Aggressionen loszuwerden, in ein Fitnessstudio gegangen waren. Um nach einiger Zeit festzustellen, dass sie dadurch nur noch aggressiver wurden. Keine Gummiwände, kein Boxsack oder etwas Ähnliches.
Nein. Ein Schreibtisch in der Mitte und dahinter eine etwas nüchtern wirkende weissbekittelte ...Ärztin, wie ich vermutete. "Oh, ein neues Studienobjekt!", begrüßte sie mich. Schob die Brille über die Nase, was nun überhaupt nicht zu einem Science-Fiction-Traum passte. Aber, wie das eben so ist... selbst James T.Kirk trug wohl aus nostalgischen Gründen gelegentlich eine Brille. Nun ja. Mit einem VISOR, so wie ihn Geordi LaForge trug, hätte sie auch nicht besonders gut ausgesehen. Aber, zur Sache. "Den Ärger stelle ich mir wie einen Körper vor", begann sie ihre Theorie zu erläutern. Ein fragwürdiges Bild, wie ich fand... "Als Ärztin bin ich natürlich dem Leben verpflichtet," erklärte sie weiter. "Den Ärger umzubringen liegt mir absolut fern. Er soll leben und sich zeigen dürfen. Auch wenn er oft nicht mehr ist als ein Schatten, der vorüberzieht". Eine leicht poetische Ader schien sie also auch zu haben, trotz Brille. Oder vielleicht gerade deswegen.
"Oft sehen die Menschen im Ärger nur das Destruktive", fuhr sie fort, "ohne zu erkennen, dass in ihm das heisse Blut der Leidenschaft fliessen kann". Was sollte das denn werden? Eine verkorkste erotische Geschichte? Jetzt sollte wohl noch eine Erklärung darüber erfolgen, wie nahe gewisse Hirnzentren in unseren Schädeln beieinander liegen oder so etwas. Leider blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn schon ging die Vorlesung weiter: "Jeder Ärger hat ein Rückgrat und Hände. Wie jedes Lebewesen möchte er sich ausdrücken, kann dabei sehr konstruktiv werden und etwas Neues schaffen. Seine Augen, die Ohren, die Sinne machen aufmerksam und zeigen, wo es etwas gibt, das nicht in Ordnung ist. Das Rückgrat schliesslich sind die Werte, das, was einem Menschen wichtig ist. Wer sich nie über etwas ärgert, hat keine Werte, die man verletzen könnte, kann also auch nichts als ärgerlich beurteilen. Und das ist schade. Denn dann finden die Hände keinen Anlass, aktiv zu werden und etwas zu verändern auf der Welt."
Die näheren Details dieser abstrusen Theorie will ich nicht näher erläutern. So ein Unfug, dachte ich. Zuerst. Etwas später ging mir die Frage durch den Kopf, ob diese bildhafte, verfremdende Analogie vielleicht doch etwas an sich hatte. Als Methode, sich von unangenehmen Gefühlen zu distanzieren. Abstand zu gewinnen und dadurch einen neuen Zugang zu finden. Und dann fiel mir Albert Einstein vor dem Spiegel ein. Mit der Frage, ob er sich wohl noch rasieren könnte, wenn er jetzt mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs wäre. Es wäre ja ärgerlich, wenn das Spiegelbild einfach so verschwinden würde...
Wissenschaftler sind schon seltsame Menschen. Als ich aufwachte, dachte ich darüber nach, ob ich heute wohl etwas Ärgerliches finden würde, das sich ändern liess. Im Spiegel konnte ich mich erkennen... war also wohl wieder auf der Erde angelangt. Und bestimmt nicht mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Sooo schnell bin ich auch nicht...!



Dienstag, 14. Juli 2009

Macht Schnelldenken Laune?

Macht Schnelldenken Laune? Das Phänomen des Gedankenrasens ist ein Symptom der Manie, scheint also zunächst etwas "Krankes" zu sein. Als Alltagsphänomen tritt es aber auch auf, wenn uns etwas bewegt, aufregt oder begeistert. Brainstormingsitzungen, neue Ideen, aufregende neue Erkenntnisse können die grauen Zellen mächtig in Schwung bringen. Muss das ein Problem sein?

Emily Pronin (Universität Princeton) und Daniel Wegner (Harvard University) wollten es wissen. Versuchspersonen sollten kurze Aussagen lesen, eine Gruppe schön langsam, eine andere sehr schnell. Die Geschwindigkeit wurde dabei über die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit definiert. Langsam bedeutete also mit halber Lesegeschwindigkeit, schnell mit doppelter Lesegeschwindigkeit. Anschließend sollten die Versuchspersonen ihre Stimmung einschätzen, ihr Energieniveau angeben und ihre Selbsteinschätzung dokumentieren. Ein Teil der Versuchspersonen bekam depressive Aussagen zu lesen, ein anderer positive, aufmunternde Sätze.

Unabhängig vom Inhalt führte die Aufforderung zum schnellen Lesen zu einer deutlichen gehobenen Stimmung, mehr Energie, einer höheren Selbsteinschätzung. Man kann aus diesem Ergebnis den Schluss ziehen, dass sich depressive Stimmungen auch dann aufhellen lassen, wenn die Inhalte selbst unverändert bleiben - einfach durch eine Beschleunigung des Denkvorgangs. Auch im Alltag könnte sich zeigen, dass schnell aufeinanderfolgende Impulse von aussen Gedanken auf Trapp bringen, die sich sonst nur mühsam durch die Hirnwindungen schleichen.

Vielleicht ist das einen persönlichen Versuch wert. Die Frage ist, ob eine ausführliche Erörterung der Grundfragen menschlicher Motivation, welche sich in differenzierten Überlegungen auslässt, dabei mit aller Sorgfalt auch den hintersten Winkel möglicher Variationen und individueller Abweichungen berücksichtigt, somit eine eher langsame Denkart fordert, um wirklich jedem Seitenweg folgen zu können, günstig auf Stimmung und Energie auswirkt. Motivierender sind eher kurze Sätze. Anpacken. Weg damit. Los geht's.

Quelle: Science Daily


Donnerstag, 9. Juli 2009

Kritikbereitschaft: Kritik annehmen

Kritikbereitschaft hat zwei Seiten - als Bereitschaft, Kritik zu äußern, scheint sie für manche recht angenehm zu sein. Als Bereitschaft, Kritik anzunehmen, eher nicht. Zumindest drei Aspekte sind dabei von Bedeutung: der Inhalt, die Form und - nicht zuletzt - wer da kritisiert. Genauer: wer, in welcher Rolle, in welcher Situation, wer sonst noch anwesend ist. Ein Grundproblem, das in öffentlichen Beziehungen, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Beratungsituationen und therapeutischen Zusammenhängen eine Rolle spielt, ist das angenommene Interventionsrecht - die Annahme also, dass ein Lehrer, Berater, Vorgesetzter, Erzieher, Therapeut usw. natürlich "etwas sagen darf", das Recht auf Kritik hat und bei Bedarf eben auch etwas Unangenehmes zum Ausdruck bringen kann. Die Frage ist, ob diese Kritikbereitschaft aus der jeweils anderen Perspektive auch akzeptiert wird.
Von wem also lassen sich die Menschen etwas sagen, wer darf auch Unangenehmes äußern?


Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die hier statistische Aussagen macht, ist bereits im Jahr 2006 durchgeführt worden. Bei 22358 Befragten (Alter: ab 18 Jahre) kann man von einer breiten Datenbasis ausgehen, die Fragestellung zur Kritikbereitschaft ist auch nur ein Teil des Sozioökonomischen Panels.
Ob sich in den letzten drei Jahren an diesen Zusammenhängen wohl sehr viel verändert hat? Selbst dann, wenn man einen gewissen Spielraum lässt und mögliche Entwicklungen einkalkuliert, bleibt der Trend des Ergebnisses ziemlich eindeutig. Was man eindeutig sagen kann: es gibt Unterschiede.
Die Bereitschaft, sich "unangenehme Wahrheiten" anzuhören, ist nicht in allen Beziehungen gleich stark ausgeprägt, Kritik wird nicht automatisch von jeder x-beliebigen Person akzeptiert. Es wird wohl auch darauf ankommen, worum es gerade geht... der Begriff "unangenehme Wahrheiten" zielt auf die empfindlichen Bereiche ab, Verhaltensweisen, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale also, die nicht gerne wahrgenommen werden, als problematisch oder konfliktbesetzt erlebt werden. Naheliegend scheint zu sein, dass eher nahe Bezugspersonen solche Dinge sagen dürfen, Partner, Freunde, Eltern.


Die ausgewählte Darstellungsform berücksichtigt die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer sind blau dargestellt, Frauen in orange.





Partner stehen also ganz oben - sie haben die größten Chancen, auch unangenehme Dinge sagen zu dürfen. Logischerweise entstehen dabei dann aber auch die schwierigsten Konflikte. Für manche veilleicht überraschend: zwei Drittel der Männer geben ihre Partnerin als die Person an, die am ehesten etwas Unangenehmes sagen darf, bei den Frauen ist es etwas mehr als die Hälfte. Bei den Familienangehörigen steht ganz oben die Mutter - die Tochter taucht bei den Frauen noch mit 9,2% auf. Alle anderen Familienangehörigen haben bei heiklen Themen nicht viel zu melden. Entferntere Verwandte, Stiefeltern, Vorgesetzte und "bezahlte Helfer" (darunter fallen wohl alle professionellen Ärzte, Berater, Therapeuten, Erzieher usw.) haben hier "nichts zu melden".


Es gibt einige interessante Alterstrends: bei den 18-19-Jährigen rangiert die Mutter mit 48,5% auf Rangplatz 1 - die Partner haben statistisch (13,8%) noch recht wenig zu sagen. Dieser Prozentsatz steigt bei den 20-29 Jährigen auf 38,7% an und erreicht ab dem 30. Lebensjahr die Zweidrittelmarke (68,8%). Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Mutter kontinuierlich ab. Die Tochter dagegen (falls vorhanden) gewinnt an Bedeutung und erreicht bei den über 70-Jährigen immerhin einen Stellenwert von 21 Prozent.


Wie sieht es denn nun bei Leuten aus, die gar keine Partner haben? Verheiratete nennen zu 84,8% Ehepartner/in als erste Person, die etwas Unangenehmes sagen darf, bei nicht Verheirateten sind es 63,8%. Bei Singles - 1,9%, hier tritt wieder die Mutter mit 28,6% in den Vordergrund, gefolgt von Tochter, Sohn und Schwester.


Die Ergebnisse scheinen mir recht bedeutsam - auch wenn in modernen Zeiten des Internets viel Privates öffentlich wird, bedeutet das noch lange nicht, dass alle das Recht haben, sich gegenseitig "die volle Wahrheit" zu sagen. Auch innerhalb der Verwandtschaft, am Arbeitsplatz, selbst in professionellen Beziehungen, die als vertraulich gelten, ist die Bereitschaft sehr gering, sensible Bereiche der Kritik auszusetzen. Privates will also privat bleiben - die besten Chancen, unangenehme Wahrheiten so zu vermitteln, dass sie auch angenommen werden, bestehen in einer engen Partnerschaft. Alle anderen, sofern sie nicht eine besondere Beziehung entwickelt haben, sollten also besser vorsichtig sein, wen sie in welcher Frage mit unangenehmen "Wahrheiten" (auch das ist schon eine bedenkenswerte Formulierung) konfrontieren. Denn selbst dann, wenn die Inhalte und die Form gut durchdacht sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Äußerungen nicht akzeptiert werden.


Es gibt noch eine Statistik aus der erwähnten Befragung, die in diesem Zusammenhang wichtig ist: die Anworten auf die Frage "Gibt es eine Person, die Ihnen auch mal unangenehme Wahrheiten sagen kann/darf?"





Die meisten (86% der über 18-Jährigen) hören sich unangenehme Dinge überhaupt nicht gern an. Egal, von wem es kommt. Für manche ist vielleicht auch das eine "unangenehme Wahrheit". Also: ich habe nichts gesagt! Nur aufgeschrieben, damit es lesen kann, wer mag - oder auch nicht. Die Empfehlung, in Gesprächssituationen, Diskussionen und noch mehr in emotional aufgeladenen Konfliktsituationen sehr vorsichtig mit dem Selbstbild des oder der anderen umzugehen, hat jedenfalls eine solide emprische Grundlage.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Ablehnungssensibilität

Mit dem Begriff "Ablehnungssensiblität" meine ich das Phänomen, dass Menschen unterschiedlich stark auf Ablehnung reagieren, unterschiedlich empfindlich sind, was reale oder vermeintliche Ablehnung betrifft. Am deutlichsten wird dieser Effekt, wenn jemand ein Selbstbild entwickelt hat, das durch negative Schemata geprägt ist wie "keiner mag mich" oder "ich bin einfach doof, uninteressant" usw.
Es gibt noch weitere Zusammenhänge, die hier eher als Denkmodell und nicht als bereits ausgearbeitete Theorie vorgestellt werden sollen. Der Grundgedanke dabei ist die Vorstellung, dass die Reaktionen auf andere Meinungen, wertende oder kritische Bemerkungen von Interpretationsmustern abhängt, die sich in Form von Schemata (also formulierten Sätzen, die selbstwertbezogene Überzeugungen beschreiben) darstellen lässt. Verschiedene Ausprägungen müssten sich dann in Unterschieden bezüglich der Ablehnungssensibilität niederschlagen. Im Grunde interessiert mich dabei mehr das Individuum als eine statistische Gesetzmässigkeit. Frage also: wie geht es einer bestimmten Person mit verschiedenen Interpretationsmustern?
Wer das Kommunikationsmodell Schulz v. Thuns kennt, kann zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Menschen, die stark auf dem "Beziehungsohr" hören, empfindlicher auf Kritik reagieren als Leute, die sich mehr auf das "Sachohr" konzentrieren. Die individuelle Frage dabei ist: komme ich besser mit anderen Meinungen, Einwänden und Kritik zurecht, wenn ich mich mehr auf die sachlichen Aspekte konzentriere?
Nach Interpretationsmustern zu fragen öffnet noch weitere Möglichkeiten.
Als Beispiel:

"Wer eine andere Meinung vertritt, lehnt mich ab"

Es geht hier nicht um die Frage, ob das wirklich so ist, sondern wie die Äußerungen anderer Meinungen interpretiert werden - dort wo dieses Schema wirksam ist, müsste (so meine Hypothese) eine erhöhte Ablehnungssensibilität auftreten. Ganz anders dürften das innere Erleben aussehen, wenn ein anderes Schema wirksam ist, etwa:

"Andere Meinungen sind anregend"

Die Konsequenzen können dabei unterschiedlich sein - gekoppelt an das Motiv, andere von der je eigenen Meinung zu überzeugen, wird eher ein Streitgespräch entstehen. Unterschiede werden sich auch ergeben, wenn nicht das Rechtbehaltenwollen im Vordergrund steht, sondern Kontakt und Austausch sich - wenn es mehr um das "Streiten an sich" geht und es dabei nebensächlich ist, was von der eigenen Auffassung am Ende noch übrigbleibt, sind andere Auffassungen keinesfalls ein Zeichen von Ablehnung.

Verstehen ist immer ein "Verstehen-als". Finden sich in der Kommunikationsbiographie prägende Erfahrungen, in denen die eigene (abweichende) Meinung als "falsch", "dumm" oder "inakzeptabel" bezeichnet wurde, liegt es nahe, von einer erhöhten Ablehnungssensibilität auszugehen. Wer dagegen häufiger die Erfahrung gemacht hat, dass kontroverse Aufassungen sehr spannend sein können, das Streiten (verstanden als argumentative Auseinandersetzung, in der es um die Sache geht und nicht darum, sich gegenseitig "fertig zu machen") Spass machen und den Horizont erweitern kann, wird ganz anders reagieren können.

In Konfliktsituationen zu berücksichtigen, dass in der eigenen Biographie, aber auch bei anderen möglicherweise Kommunikationsnarben entstanden sind, die sich in erhöhter Ablehnungssensibiltät niederschlagen können, bedeutet konkret, nach solchen Interpretationsmustern zu fragen. Dort, wo es möglich wird, die Schemata zu erkennen und zu bearbeiten, die für empfindliche Reaktionen verantwortlich sind, zeigen sich Ansatzpunkte, anders zu reagieren. Gibt es in diesem Zusammenhang auch "gesunde" oder "realistische" Schemata?
Als generalisierte Haltung ist die erste Variante ("wer eine andere Meinung vertritt, lehnt mich ab") problematisch. Realistisch (aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus) ist die Annahme, dass andere, auch gegensätzliche Auffassungen keinesfalls automatisch "Ablehnung" bedeuten. Hilfreich also müsste es sein, wenn sich die Erfahrung kontroverser Auseinandersetzungen mit angenehmen Gefühlen verbinden lässt - wertvoll also ist demnach das Erlebnis, "anders denken zu dürfen" und auch mit vorläufigen, wenig durchdachten, fragwürdigen Ansichten angenommen zu sein. Dort nämlich entsteht die Freiheit, im Gespräch über das eine oder andere nachzudenken, eigene Standpunkte neu zu formulieren und Einwände zu berücksichtigen.

Der Zusammenhang verschiedener Rollensegmente wirft weitere Fragen auf: ist Ablehnungssensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal, das in verschiedenen Rollensegmenten unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann? Zumindest theoretisch wäre es möglich, dass jemand in der Rolle als Fachmann (oder Fachfrau) souverän mit Kritik umgehen kann, fundiert und sicher argumentieren kann, durch Fragen oder Einwände nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Geht es dagegen um persönliche Fragen und private Dinge, könnte eine weitaus höhere Sensibilität zu Problemen führen, auch dort souverän mit Einwänden umzugehen. Auch die umgekehrte Situation ist denkbar. Was den einen auf die Palme bringt, lässt den anderen völlig kalt. Was mich in einem bestimmten Rollensegment reizt und herausfordert, offensive Kontaktaufnahme auslöst, führt in einem anderen vielleicht zu Frustration und Rückzug.

Sich all diese Dinge bewusst zu machen ist alles andere als leicht. Ablehnung zu erfahren ist unangenehm. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich abgelehnt fühlt oder wirklich abgelehnt wird. Täuschungen, Irrtümer und Missverständnisse sind allgegenwärtig. In Wirklichkeit könnte so manches auch irgendwie ganz anders sein. Es gibt noch einen Spruch: "diejenigen, die mich mögen, kennen mich, diejenigen, die mich nicht mögen, können mich". Dass sich alle in allem einig sind oder werden, das ist eine Utopie und nicht einmal eine wünschenswerte. Was auch immer ich wie auch immer betrachte - irgendjemand auf der Welt wird es ziemlich sicher anders sehen. Und?



Donnerstag, 2. Juli 2009

Meditation gegen Hitze

Wenn es heiss und schwül ist, tut ein sanftes Lüftchen gut. Aber was ist, wenn es ausbleibt, wenn es einfach nicht wedeln will? Was bringt es, sich über die Hitze aufzuregen? Nicht viel. Macht vielleicht alles nur noch schlimmer. Wenn es doch endlich kühler wäre...
Abends wird es ja von allein kühler. Vielleicht kann man dieser durchaus realistischen Erwartung etwas nachhelfen? Wer das autogene Training kennt, weiss um die Möglichkeit, körperliche Zustände durch Gedanken zu beeinflussen. Es dauert seine Zeit, braucht Übung. Aber es funktioniert. Nur - mit der Formel "ich bin ganz warm" ist wohl keinem gedient, wenn es sowieso schon heiss ist. Dehalb also mein Vorschlag, es hier mit einer anderen Formulierung zu versuchen:

Mein Körper wird angenehm kühl.

Die prozessorientierte Formulierung ist dabei bewusst gewählt - denn so schnell wird das in den meisten Fällen nicht funktionieren. Vorstellungen und Gedanken, innere Bilder, die mit kühlem Wasser verbunden sind, die Fantasie eines angenehmen Lüftchens - sie können auch dort entspannend wirken, wo es nun wirklich drückend heiss ist. Vielleicht lohnt es sich, über die Bilder nachzudenken, die in einer solchen Situation angenehm sind, der äusseren Hitze im inneren Erleben etwas entgegen setzen können. Das kann die Vorstellung sein, am Strand durch kühles Wasser zu laufen und dabei die Sonne zu genießen. Oder die Fantasie, dass mächtige Wellen die Hitze wegspülen - und mit ihr die Anspannung, die Reizbarkeit, die durch die Hitze vielleicht ausgelöst wurde.

Macht Hitze aggressiv?

Das Thema ist nicht neu - vor vielen Jahren gab es bereits Studien, die sich auf den Zusammenhang zwischen Hitze und Aggression bezogen. Einen eindeutigen Hinweis habe ich bisher nicht gefunden, aber dass es da einen Zusammenhang gibt, ist sehr wahrscheinlich. Die Frage ist ja, wo fängt die Hitze an und welche Randbedingungen sind sonst noch gegeben, die als einengend, belastend, frustrierend empfunden werden?

Neuere Wetternachrichten aus den USA beschreiben die vorsichtige Variante: erhöhte Temperaturen können zu höherer Aggressivität führen - vor allem dann, wenn die Temperatur um mehrere Grad steigt, in dicht bevölkerten Regionen etwa.
Die Untersuchungen bezogen sich zum Teil auf den Straßenverkehr - bereits 1986 gab es eine Studie, in der Autofahrer an einer Ampel unfreiwillig zu Versuchspersonen wurden. Also - ein Eingeweihter bleibt an einer roten Ampel stehen, reagiert aber nicht, als die Ampel wieder grün wird. Früher oder später fangen die Leute dahinter zu hupen an... ein Signal dafür, dass sie von der unnötigen Warterei nicht gerade begeistert sind.
Was die Studie der AAA (American Automobile Association) zeigte: wer eine Klimaanlage im Auto hat (vorausgesetzt, sie ist eingeschaltet), hupt weniger. Oder später. Die anderen, die mehr in der Hitze brüten müssen, reagieren "weniger cool". Hitze also kann dazu führen, dass es mehr Unfälle, mehr Kriminaliät und mehr Suizide gibt. Das Wort "kann" zeigt dabei die bleibende Skepsis auf... wenn es schließlich zu heiss wird, geht die Kriminalitätsrate auch wieder zurück. Logisch irgendwie, Hitze macht eben auch schlapp.

Realistisch dürfte es sein, von einem komplizierteren Zusammenhang auszugehen, je nachdem, wie Hinweisreize bewertet werden, welche Faktoren sonst noch beteiligt sind - und so weiter. Eine sinnvolle Anwendung der Erkenntnisse kann darin bestehen, Hitze als Hypothese im Hinterkopf zu behalten, wenn im Sommer manche Leute anders reagieren, schneller aus der Haut fahren, verärgert oder wütend reagieren. Kommen dann noch Wartezeiten dazu, viele rote Ampeln, Staus... werden Unfälle wahrscheinlicher, solche Situationen können gefährlich werden. Also lohnt es sich vielleicht, in Sommerzeiten mehr über die innere Gelassenheit nachzudenken, sich Abkühlung zu verschaffen, wo es möglich ist, mehr Pausen einzulegen und anstrengendere Aktivitäten mehr auf die kühlen Abendstunden zu verlegen.

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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