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Unsicherheiten beim Vortragen: eine Schwäche?

Anmerkung: dieser Post ist eine Reaktion auf Bettina Stackelbergs Podcast "Über Unsicherheit und Herzblut" (Abenteuer Leben, Das Abenteuer Selbstbewusstsein).

Zuerst dachte ich an eine persönliche E-Mail, weil es in diesem Podcast eben auch um etwas Persönliches geht. Andererseits bin ich mir sicher, dass die 'Frau fürs Selbstbewusstsein' mit dem, was mir zu ihrem persönlichen und empörten Zwischenruf einfällt, gut zurechtkommen wird. Anlass ihrer Empörung war Kritik 'über die Ecke', und wenn ich hier das Wort Kritik verwende, dann meine ich das auch so und denke dabei die Unterscheidung zwischen Feedback und Kritik mit.
Die Bemerkung einer Zuhörerin, sie würde Frau Stackelberg nie als Coach in Anspruch nehmen, weil sie stellenweise unsicher gewirkt habe, ist (nach meinem Begriffsverständnis) kein Feedback, sondern eine (ab)wertende Kritik. Und dem, was hinter dieser Kritik steht, möchte ich etwas näher nachgehen, auch wenn es dabei um Vermutungen geht, die Aussagen also eine gewisse Unsicherheit (!) in sich bergen.
Erste These: die Kritik beruht auf der Vorstellung, wer über das Selbstbewusstsein referiert, müsse auch selbst sicher sein. Und das 'durch und durch', also durchgängig, möglichst in allen Lebenslagen und in allen Fragen. Wer das nicht kann, 'taugt eben nichts'.
Zweite These: die Kritik ist deshalb verletzend, kränkend, weil sie die zentralen Aussagen der Referentin entweder nicht verstanden hat oder negiert.
Auf der Portalseite 'Das Abenteuer Leben' sind die Grundgedanken deutlich dargestellt. Selbstbewusstsein wird im Alltagsverständnis oft mit Selbstsicherheit gleichgesetzt - die Konzeption über das 'Bewusstsein seiner selbst' hat aber mehr mit Authentizität zu tun als einer trainierten, womöglich aufgesetzten Selbstsicherheit. Dann aber ist Unsicherheit (gerade dann, wenn sie 'stellenweise' auftritt) eben gerade ein Zeichen von Selbstbewusstsein und kein 'Defizit'.

Die rhetorische Bedeutung der Unsicherheit verdient im Grunde eine ausführlichere Betrachtung - denn sie legt bestimmte Sprechhandlungen nahe, die wirkungsorientiert gedacht sehr wertvoll sein können. Warum? Vorträge können sehr ermüdend sein, weil ein bestimmtes Thema darin buchstäblich erschöpfend abgehandelt wird. Dort, wo es auch nicht die leiseste Unsicherheit gibt, können Hörende im Grunde nur noch zustimmend nicken - oder eine bestimmte Position insgesamt ablehnen, werden aber kaum zu einem Dialog angeregt. Unsicherheit (hier bezogen auf inhaltlich offene Fragen) kann sehr anregend sein, denn sie führt eher zu einer fragenden Haltung, signalisiert den Zuhörenden: da ist jemand nachdenklich, unterwegs, hat noch nicht zu Ende gedacht, lädt mich ein und nimmt mich mit in vorläufige Gedankengänge...
Das Vorschlagen, das Suchen und Tasten nach Antworten löst weit mehr Denkprozesse aus als das fertig 'Durchgebackene', zu dem man im Grunde nichts mehr sagen kann und nichts mehr sagen muss.

Aber das scheint nicht dem zu entsprechen, was die kritische Zuhörerin wohl erwartet hatte... ein Rezept vielleicht, wie man Sicherheit auch dort ausstrahlen kann, wo sie nicht exisitiert, wie man Unsicherheiten konsequent beiseite schiebt, etwas konsequenter und radikaler gedacht - wie man andere manipuliert. Das aber ist schwer zu vereinbaren mit einem Konzept, das mehr auf Echtheit setzt - in einer konsequent realisierten manipulativen Durchsetzungsrhetorik ist für Zweifel und Unsicherheiten kein Platz, denn das könnte ja die Wirkung beeinträchtigen.

Und damit bin ich beim Thema 'Herzblut', sagen wir: bei zentralen Überzeugungen, angelangt. Die implizite Erwartung hinter der Kritik lautet: eine 'Frau fürs Selbstbewusstsein' muss perfekt sein, sie darf keine Unsicherheit zeigen. Das bedeutet aber: sie darf nicht echt sein, denn Unsicherheit ist etwas Menschliches. Und (wie ich oben andeuten wollte) sie hat etwas sehr Wertvolles an sich. Unsicherheit sensibilisiert - wer immer und überall in jeder Frage absolut sicher ist, hört auf zu denken. Die Super-Rhetoriker (im Podcast ist so ein Beispiel erwähnt, alles perfekt einstudiert, aber eben auch: immer wieder dasselbe) mögen zwar durch und durch sicher wirken - aber ob sie es wirklich sind, das steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: sie sind in ihrer Entwicklung stehen geblieben.

Wer andere dazu anregen will, über sich selbst oder über ein bestimmtes Thema nachzudenken und dabei nicht einfach nur Wissen vermitteln möchte, das mit dem Etikett versehen ist 'das ist so und daran gibt es keinen Zweifel', findet gerade im Vorläufigen, Unsicheren das entscheidende dynamische Moment. Unsicherheit also ist nicht 'an sich' eine Schwäche - sondern vor allem dort ein Problem, wo sie 'nicht sein darf'. Damit steht sie sich meist selbst im Weg, verhindert das Bemühen, das Versuchen und Ausprobieren, das nach einiger Übung - zu mehr Sicherheit führt (hier auf das Verhalten bezogen). Aber auch inhaltlich ist Sicherheit (verstanden als echte Sicherheit) das Ergebnis sorgfältigen Nachdenkens. Sicher bin ich dort, wo Aussagen durchdacht, kritisch überprüft worden sind. Sicherheit ist das Ergebnis von Bestätigungen, denen das Zweifeln, das kritische Hinterfragen vorausgegangen ist.

Frage also: worum geht es denn eigentlich? Um aufgesetzte, künstliche, antrainierte Pseudo-Selbstsicherheit - oder um Selbsbewusstsein im Sinne von: Echtheit, die ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft eben nicht aus der rhetorischen Trickkiste bezieht?

Je nach Perspektive wandelt sich die Einschätzung - dort, wo Echtheit als Wert anerkannt und angestrebt wird, sind die sicher Wirkenden die Unsicheren, denn sie müssen einen Teil von sich ausblenden, unterdrücken, überspielen. Die Unsicheren dagegen sind die wahrhaft Sicheren, denn sie gehen das Wagnis des Vorläufigen ein - und stehen zu sich selbst mit allem, was sie sind. Nun klingt im Thema 'Herzblut' mehr oder weniger direkt auch das Burnoutproblem an. Die Strategie der Rollendistanz ('ein Job ist eben ein Job und nicht das Leben selbst') lässt sich auch auf eine inhaltliche Position beziehen: als kritische Distanz zu Erwartungen, die die 'Frau fürs Selbstbewusstsein' eben nicht erfüllen will. Und nicht muss.

Schmerzhaft ist es trotzdem. Die Geschichte zeigt, dass Wirkung, Äußerlichkeiten und Selbstdarstellung häufig höher geschätzt werden als Authentizität. Wer sich dem Druck der Fassadenhaftigkeit entzieht, um wirklich zu sich selbst zu finden, wird immer wieder auch Ablehnung erfahren. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob Kränkbarkeit 'wegtrainiert' werden sollte oder gerade darin, dass es noch so etwas wie 'Herzblut' gibt, das eigentlich Lebendige erkennbar wird. Dort, wo es keine Kränkbarkeit mehr gibt, gibt es auch keine Sensibilität mehr.

Da bin ich mir sicher.

Link zum Podcast:
Bettina Stackelbergs Podcast "Über Unsicherheit und Herzblut" (Das Abenteuer Leben, Das Abenteuer Selbstbewusstsein)

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Die Rhetorizität des Schweigens

Rhetorik, das ist Rede, meinen viele. Stimmt nicht. Rhetorische Kommunikation bezieht sich auf das Miteinandersprechen, Rede ist Sprechen zu anderen und damit nur ein Teilbereich. Im günstigen Fall orientiert sich auch eine Rede am Modell des Gesprächs - und ist damit virtuell dialogisch, auf ein Gespräch ausgerichtet. Rhetorik ist, wenn man etwas sagt, das scheint nahe zu liegen, ist aber genauso falsch. Denn auch das Schweigen kann nicht nur 'sehr beredt' und vielsagend sein, sondern auch in mehrfacher Hinsicht rhetorisch. Schweigen ist also auch eine Sprechhandlung und kann sehr provokativ sein.
Etwa, wenn man schweigend ein Transparent vor sich hält, auf dem der Name eines Toten steht.

Die Aktion der Linken in der Debatte um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan war ein solcher provokativer Akt, der Argumente durch Transparente ersetzte und einigen Wirbel ausgelöst hat, weil die Partei aus dem Saal gewiesen wurde. Die Tagesschau führt eine Umfrage durch, bei der man zur Aktion der Linken Stellung nehmen kann.

Dass Schweigen, vor allem verbunden mit einer Form extraverbaler Kommunikation eine Intention beinhalten, eine Aussage bekommen und damit rhetorische Wirkung entfalten kann, ist damit wohl recht deutlich gezeigt. Der Eklat im Bundestag zeigt auch die Problematik einer Regelverletzung auf, über die man sich streiten kann. Aber zunächst ein kleines Gedankenexperiment. Wenn die Aktion rheorischen Charakter hat, dann müsste sie prinzipiell auch als Argumentationsstruktur darstellbar sein - also eine begründete Behauptung ohne Worte darstellen, deren Sinn sich erschließen und verstehen lässt.

Über den weiteren Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan soll abgestimmt werden.
  • Wenn die Bundeswehr in Afghanistan eingesetzt wird, gibt es auch Tote.
  • An diese Toten wollen wir mit unseren Schildern erinnern.
  • Weitere Todesfälle wollen wir vermeiden.
Deshalb lehnen wir einen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ab.

Diese Interpretation ist nicht zwingend - entspricht aber in der Schlußfolgerung, dem Zwecksatz am Ende, dem Abstimmungsverhalten der Partei, die geschlossen mit NEIN stimmte. So oder ähnlich hätte man das aber auch sagen können - und damit komme ich zur etwas schwierigeren Frage der Provokation. Man kann es nüchtern sehen und die Schilderaktion als Argumentationsvariante betrachten, die sich eben besonderer Mittel bedient und durchaus etwas Kreatives an sich hat. Man kann aber auch einen Vorwurf darin sehen, der all jenen, die einem weiteren Einsatz der Bundeswehr zustimmen, die Verantwortung für die Toten und jene, die noch sterben werden, zuschreibt. Noch deutlicher aber ist das provokative Element, gegen die Ordnung des Bundestags zu verstossen.

Der Spiegel veröffentlichte ein kurzes Video, auf dem die Aktion und die sofortige Reaktion des Parlamentspräsidenten Lammert zu sehen ist. Aus dem Artikel geht auch hervor, dass der Verstoß gegen die Ordnung des Bundestags bewusst und absichtlich erfolgte - auch wenn der Ausschluss aus der Sitzung nicht unbedingt vorherzusehen war.

Sinngemäß identisch ist die Darstellung in der ZEIT, die Fülle der Kommentare zeigt die Vielfalt der Aufassungen in der Bevölkerung, die zwischen Zustimmung und Ablehnung der Protestaktion schwanken. Mit dem Blick auf die internationale Politik und die Bündnisverpflichtungen war die deutliche Zustimmung des Parlaments zum neuen Mandat der Bundeswehr zu erwarten. Mit dem Bewusstsein der deutschen Geschichte ist aber auch das Unbehagen nachvollziehbar, das mit solchen Einsätzen verbunden ist.

Deutschland beteiligt sich an einem Krieg.

Was auch immer man über die Aktion der Linken denken mag - wo die Worte fehlen, wo nicht mehr klar ist, was man dazu noch sagen soll, bleibt vielleicht nichts anderes als die Rhetorizität des Schweigens.

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Überreden und Überzeugen

Rhetorik ist immer Manipulation. Stimmt's? Nein. Rhetorik kann manipulativ sein. Als Ansammlung von Tricks eine Masche sein, andere hinters Licht zu führen. Nicht zufällig ging Hellmut Geißner einmal der Frage nach, warum Rhetorik in Deutschland ein Schimpfwort ist. Wenn Leute sich über einen Vortrag aufregen und sagen, da habe jemand "viel Rhetorik" eingesetzt, dann meinen sie manchmal damit: es waren Tricks und Effekte erkennbar oder zu erahnen und irgendwie wirkte das Ganze nicht so recht glaubwürdig. Suggestiv. Oder irgendwie unehrlich. Der Einwand gegen diese Vorstellung ist: Überreden und Überzeugen sind zwei verschiedene Dinge. Wie also kann man andere davon überzeugen, dass es nicht besonders gut ist, wenn man sich zu etwas überreden lässt, das man eigentlich nicht will?

Zuerst einmal sollte deutlich werden, wie Überreden "geht" und was das Überreden vom Überzeugen unterscheidet. Dabei greife ich auf die Darstellung in der Sprecherziehung zurück - im Kapitel "Überzeugen" (GEISSNER, H. (1986), S. 151) wird der Unterschied zwischen "Informieren", "Überreden" und "Überzeugen" recht plastisch dargestellt.
Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass in den Prozessen rhetorischer Kommunikation drei verschiedene Kräfte wirksam sind:
  • kognitive, also rationale,

  • affektive, also emotionale und

  • voluntative: Kräfte also, die den Willen ansprechen. 

  • Unterscheiden lassen sich dann 'Informieren', 'Überreden' und 'Überzeugen' danach, wie stark die einzelnen Kräfte wirksam sind.
    Beim Informieren werden vor allem die kognitiven Aspekte betont - Gefühle und der Wille jener, die informiert werden (sollen) spielen dabei keine große Rolle. Informieren ist eine eher nüchterne Angelegenheit. Sie wird gern von Lehrenden eingesetzt und hat den Effekt, dass die Belehrten nach einer gewissen Informationsmenge eine gewisse Schläfrigkeit zu entwickeln pflegen. Beim Überreden werden vor allem die affektiven Aspekte betont - die Sache selbst wird verkürzt dargestellt und der Wille auf wenige oder eine einzige Richtung festgelegt.
    Überzeugen dagegen spricht alle drei Bereiche an - Verstand, Gefühl und den Willen.
    Nach dieser etwas frei umschriebenen Darstellung mlchte ich nun doch noch ein Zitat einfügen, das sich mit der Frage beschäftigt, was denn nun eigentlich eine Überzeugung ist: Also: Überzeugungen haben etwas mit Werten zu tun, die mit angenehmen Gefühlen verbunden sind. Bei der Beschreibung "gruppenspezifisch einsozialisiert" möchte ich ein Fragezeichen machen - ganz einfach deshalb, weil ich denke, dass man auch bei Auffassungen, die durch individuelle Erfahrungen und/oder längere Auseinandersetzungen mit einem bestimmten Thema entstanden sind, mit Recht von Überzeugungen sprechen kann. Auch Überzeugungen, die Bestandteil eines psychotischen Denkgebäudes darstellen, sind nicht unbedingt "gruppenspezifisch einsozialisiert". Ein Sonderthema...


    Überzeugungen sind "nicht rein kognitiv [..], (sondern, R.G.) (können) verstanden werden [..] als gruppenspezifisch einsozialisierte Werthaltungen, die emotional positiv besetzt sind." (SE; S.151).
    Zurück zur Unterscheidung Informieren - Überreden - Überzeugen. Aus der Perspektive der Zuhörenden (oder auch Lesenden) lässt sich recht schnell erkennen, wo jemand Überreden will: Gefühle werden angesprochen und sind sehr wichtig. Der Wille geht in eine sehr konkrete Richtung. Und - Informationen fliessen spärlich, wenn überhaupt. Wer sich unter diesem Aspekt einmal typische Werbeeinblendungen im Fernsehen ansieht, wird schnell erkennen, was dabei geschieht. Das Produkt versteckt sich manchmal. Aber es verspricht tolle Gefühle. Und die Botschaft ist einfach: kauf mich! Und es wirkt.
    Wer sich nicht überreden lassen will, hat ein einfaches Mittel an der Hand. Nachfragen. Alternativen suchen. Wer überzeugen will, also andere zu der Einsicht bringen möchte, dass es sinnvoll wäre, etwas bestimmtes zu tun oder eine bestimmte Auffassung anzunehmen, muss auch sachliche Informationen liefern. Überzeugen kann nur, wer andere mitdenken lässt, mehrere Möglichkeiten aufzeigen kann und sie nicht von Anfang an auf eine einzige Option festnageln will. Beinahe zum Schluss noch einige Sätze zur "Ehrenrettung der Lehrenden und Vortragenden" - Unterricht in der Schule und auch an der Uni ist (behaupte ich aus Erfahrung) nicht immer einschläfernd. Vorträge können sehr spannend sein. Auch dann, wenn es um wirklich schwierige Themen geht. Manche haben dabei den "Dreh" erkannt. Stellen Fragen zwischendurch. Nutzen Medien. Laden zum Mitdenken ein. Erzählen auch einmal eine Anekdote. All das funktioniert natürlich nur, solange das Interesse am Thema und die Freude an der Beschäftigung damit lebendig ist. Ohne Gefühle geht es eben nicht.

    Noch zwei Thesen zur Geschichte in Deutschland...
    Hätte das deutsche Volk sich im Dritten Reich nicht so stark manipulieren lassen, hätte es den zweiten Weltkrieg nicht gegeben.
    Hätte sich die russische Regierung vor 20 Jahren dazu überreden lassen, in Berlin Panzer auffahren zu lassen, hätte es sehr wahrscheinlich einen dritten Weltkrieg gegeben.

    Es geht also nicht nur um Kleinkram - wer den Frieden auf der Welt will, kann kein großer Freund von manipulativer Rhetorik sein. Dort, wo ein Möchtegernführer auf ein kritisch denkendes Volk trifft, das nachzufragen weiss, hat die Diktatur keine Chance.

    Literatur:
    GEISSNER, H. (1986). Sprecherziehung. Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Scriptor.




    Ist politische Kampfrhetorik noch zeitgemäss?

    Der Anstoss zu diesem Thema ist leicht zu erkennen - das Kanzlerduell, das irgendwie keines war, mit Bemerkungen wie "yes we gähn" und "Geschmuse" eines "älteren harmonischen Ehepaars" vom Ablauf her als irgendwie unpassend beurteilt, verurteilt wurde.
    Früher war das alles anders, als Helmut Schmidt und Franz-Josef Strauss aufeinander losgingen. Die Frage ist, ob es wünschenswert wäre, zu diesen Formen aggressiver Kampfrhetorik zurückzukehren, die im übrigen durchaus von gegenseitigem Respekt getragen war, auch wenn sich das oberflächlich betrachtet nicht immer erkennen liess.
    Das "TV-Duell" zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ist im Internet abrufbar, es gibt bereits eine breite Palette von Analysen und Kommentaren dazu.

    So manches lässt sich konkret beschreiben und aufzeigen, anderes lässt sich aus verschiedenen Perspektiven eben auch unterschiedlich interpretieren und bewerten.
    Zunächst einmal haben wir eine "defekte Situation" vor uns, die Bezeichnung "Duell" definierte bereits eine "Kampfsituation", verbunden mit der Erwartung, dass die beiden "aufeinander losgehen". Situationsmächtig waren nicht die "Darsteller", sondern die "Regisseure", konkret: das Studio der ARD. Da waren Regeln vorgegeben, wurden Redezeiten gemessen und sollten gleichmässig verteilt sein. 4 gegen 2 - Fragen, die eine Kontroverse provozieren wollten, Unterbrechungen und thematische Vorgaben, die insgesamt nichts anderes bedeuten als ein vorinszeniertes, strukturiertes und zeitlich exakt begrenztes Gespräch. Eine Szene eben, kein echtes Gespräch.
    Bereits die räumliche Anordnung war eher auf ein Gegenüber zwischen den Kandidaten und den Moderatoren angelegt. Konflikte entstehen, wenn man Gruppen beobachtet, häufiger zwischen Personen, die sich diametral gegenübersitzen, seltener zwischen jenen, die nebeneinander sitzen oder auch stehen. Dramaturgisch problematisch: die Darsteller wollten nicht so recht "mitspielen", es gibt konkrete Passagen, in denen sich dieses Moment sehr deutlich aufzeigen lässt. Bildhaft könnte man sagen, hier wurden zwei Boxer in den Ring geschickt, die nach dem Gong zuerst die Boxhandschuhe ausziehen und sich dann bemühen, aus Bauklötzen gemeinsam einen Turm zu bauen, sich wohl gelegentlich darüber streiten, welcher Klotz dabei zu verwenden ist und an welche Stelle soll, aber "darüber lässt sich reden". Der eigentliche Konflikt bestand dabei nicht zwischen den Soll-Kontrahenten, sondern in der unterschiedlichen Rollenkonzeption und der Situationseinschätzung - allen inhaltlichen Vorgaben zum Trotz wollten die Beiden nicht wirklich gegeneinander kämpfen, nicht wirklich "gewinnen", sich nicht "in die Pfanne hauen" und die "Gegenseite" am Boden sehen. Unterschiedliche Auffassungen, Fragen, in denen ein Dissens thematisiert wurde, waren eben "Unterschiede" und nicht sofort "Gegensätze" - die kooperative Grundstruktur zeigt eine Rollendefinition, die weit mehr partnerschaftlichen Charakter hat, das Gemeinsame betont und damit ein Gegenmodell zu politischen Kampfrhetorik anschaulich demonstriert.
    Bedeutet das nun, das die politische Diskussionskultur "am Ende" ist?
    Vielleicht ist die Frage falsch gestellt, Antworten setzen zunächst einmal voraus, zu klären, was denn nun "politische Diskussionskultur" sein soll. Worauf es dabei ankommt, ankommen sollte. Vor dem Hintergrund von Regelwerken, wie sie etwa bei Van Eemeren und Grotenhorst beschrieben sind (eine ausführliche Darstellung findet sich bei KIENPOINTER in seinem Buch "Vernünftig argumentieren"), lässt sich im "Duell" eher eine Verschiebung zugunsten der sachlichen Diskussion feststellen. So wurde es von den meisten Zuschauern auch wahrgenommen. Keine betonte Kampfretorik also, aber auch kein Ende der Kultur. Vielmehr ein Zeichen dafür, dass selbst in einer vorgegeben kontroversen Struktur kooperative Muster lebbar und realisierbar sind. Es ist, nüchtern betrachtet, kein Ende der Diskussionskultur, eher eine andere. Eine vernünftigere eben, eine Kultur, die mehr Wert auf Beziehung, Zusammenarbeit und Lösungen legt.
    Das alles macht ein solches Duell weniger publikumswirksam, weniger dramatisch, für manche langweilig. Da steht eben kein Arnold Schwarzenegger auf der Bühne, da tobt nicht der uralte Kampf zwischen Gut und Böse, da duellieren sich keine wütende Hähne. Der Gedanke ist noch im Hinterkopf, spezifische Momente des Widerstands gegen die vorgegebene Inszenierung konkret aufzuzeigen. Aktuell gibt es aber wieder neuen Zündstoff, nachdem die Teilnahme an einer Fernsehdiskussion von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier abgesagt wurde. Das ist vielen nicht angenehm. Verstehen kann man es aber als Zeichen dafür, sich nicht funktionalisieren lassen zu wollen. Verstehen kann man es als Bemühen, eine Beziehung zu schützen und sich den Rahmenbedingungen der Medien mit ihren Vorstellungen nicht fügen zu wollen. Die Botschaft dahinter könnte sein: "auch wenn die Medien und die Öffentlichkeit von uns erwartet, dass wir aufeinander losgehen und uns gegenseitig angreifen - wir spielen dieses Spiel nicht mit." Und das hat, bei allen Vorwürfen und der Schwäche, die den beiden damit unterstellt wird, auch etwas Starkes.


    Literatur: KIENPOINTER, M. (1996). Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

    Kann man Kommunikation trainieren?

    Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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