Posts mit dem Label Wahrheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wahrheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Ein paar Inder, ein Elefant und die Wahrheit


Woher die Geschichte stammt, weiss ich nicht. Oder ist es gar keine? Wenn es eine ist, dann muss sie ziemlich alt sein, so alt, dass der eigentliche Urheber keine Ahnung davon haben konnte, was ein Copyright ist. Und selbst wenn... nehme ich mir die dichterische Freiheit, aus den überlieferten dunklen Quellen eine neue zu machen. Oder anders: sie einfach anders zu erzählen. Mit dem Titel habe ich mir ja schon einen dramaturgischen Fauxpas geleistet, denn ein Geheimnis ist schon offenkundig. Dass der Elefant also etwas mit der Wahrheit zu tun hat, das muss man in meiner hier dargestellten Variante nicht erst erraten. Aber was und wie... das soll nun doch noch eine Weile ein Geheimnis bleiben.
Also: die Geschichte spielt in Indien. Deshalb tauchen ja auch Inder auf, logisch oder? Diese Inder sind im Grunde zu bedauern. Sie sehen nämlich nicht viel, genauer gesagt, gar nichts. Wie Menschen eben, die auf der Suche nach Wahrheit sind...
Nein, sie sind nicht blind. Haben nur die Augen verbunden. Und nach der Übung werden sie die Binden abnehmen, um... nun, dazu später.
Kommen wir nun zur eigentlichen Hauptfigur der Geschichte: dem Elefanten.
Dieser Elefant ist ein ganz gewöhnlicher Elefant, mit allem, was das Elefantenherz begehrt. Die Elefantendame steht irgendwo daneben oder auch nicht. Also... abweichend von der überlieferten Tradition sitzt einer der Inder auf einem Baum. Ob er auf diesem Baum mit oder ohne Augenbinde geklettert ist, das habe ich vergessen. Okay, er sitzt also da oben.
Und was macht unser Elefant? Wohl wissend, dass jener auf dem Baum sitzende, dem Elefanten wohl vertraute Inder sein Elefantengetöse, das besagen will "hey Kumpel, komm doch mal runter" nicht verstehen wird, beschliesst er also, den Baum anzurempeln. Und - wie beabsichtigt fällt der indische Kumpel auch prompt wie Fallobst vom Baum. Nicht etwa auf den Boden, nein - direkt auf den Elefantenrücken. Dass die Inder auf der Suche nach Wahrheit sind, wissen wir ja schon. Also sammelt der Inder seine Eindrücke und Erkenntnisse zusammen. "Die Wahrheit", sagt er, "bringt dich auf den Boden der Tatsachen. Aber man sitzt ganz gut darauf. Eine recht stabile Angelegenheit...". Philosophisch Bewanderte werden jetzt auf die Idee kommen, dass Wahrheit irgendwie etwas mit der Realität zu tun hat. Und so ganz falsch liegen sie damit wohl nicht...
Inder Nummer zwei, der Kumpel vom Kumpel gewissermassen, macht dagegen eine ganz andere Erfahrung. Weil er nichts sehen kann, greift er zu... und kommt zu folgender Erkenntnis: "die Wahrheit ist ein langer Schlauch." Nun hat er aber nicht erkannt, was noch in diesem Schlauch steckt, der vor kurzer Zeit schlürfend am Wasser stand. "Wenn die Wahrheit über dich kommt, dann ist das wie eine kalte Dusche". Na also, wer sagt's denn.
Am anderen Ende der Wahrheit macht Kumpel Nummer drei eine unangenehme Erfahrung: "wenn die Wahrheit über dich kommt, fährt sie dir zuerst über das Gesicht - und dann: stinkt's gewaltig!". Ich bin mir nicht sicher, ob die philosophischen Wahrheitstheorien diesen recht unangenehmen Aspekt bisher ausreichend gewürdigt haben...
Kumpel Nummer vier ist nun wirklich eine historisch nicht überlieferte Innovation. Der Erleuchtete ist nämlich auf die Idee gekommen, die Binde zu entfernen und - noch schlauer: einen Fotoapparat zu benutzen. "Kon Strukti", wie er sich auch nennt, sagt: "Die Wahrheit gibt es eigentlich gar nicht. Sie ist nur ein Bild."
Okay, also am Ende durften alle ihre Binden abnehmen und ihre erkenntnistheoretischen Überlegungen diskutieren... und wenn sie nicht gestorben sind, reiten sie noch heute auf dem breiten Rücken des Elefanten durch Indien. Der Wahrheit ist es nämlich ziemlich schnurz, dass Leute mit verbundenen Augen eben nur einen Teil von ihr erkennen können. Grau ist eben alle Theorie, und manchen mag das stinken. Ein dickes Fell hat sie allemal.



Variationen der Geschichte gibt es...

...als Parabel über religiöse Toleranz...
...die Wahrheit als Elefant...
...die blinden Männer und der Elefant...
...und in der Hegelwerkstatt: Was ist Wahrheit?
Auch hier wird die Elefantengeschichte erwähnt.


So. Und hier nochmal Elefanten... die Frühpatrouille!


Realität und Wahrheit

Sich über die Realität zu verständigen ist eines – über Wahrheit zu sprechen ein anderes. Ein Gespräch ist aus sprechwissenschaftlicher Sicht definiert als „intentionale, wechselseitige Verständigungshandlung mit dem Ziel, etwas zur gemeinsamen Sache zu machen, bzw. etwas gemeinsam zur Sache zu machen“ (SW, S. 45). Direkt oder indirekt ist damit das Ziel des „gemeinsamen Handelns“ verbunden, vor allem dort, wo es um rhetorische Kommunikation geht. In den Vorlesungen und Seminaren tauchte allerdings gelegentlich auch die Formulierung auf, dass mit einem Gespräch die Hoffnung verbunden sei, dass dabei „etwas Wahres zutage gefördert werde“. Nun gibt es aber auch Leute, die die Suche nach Wahrheit grundsätzlich für unsinnig halten, Wirklichkeit als Konstrukt verstehen und sich daher mit einer solchen Zielvorstellung nicht anfreunden können. Die Unterscheidung zwischen Realität und Wahrheit ist der Versuch, hier gewissermaßen eine Brücke zu bauen. Realität lässt sich durch die Sinneswahrnehmung überprüfen – Wahrheit dagegen ist stets nur ein (mehr oder weniger breiter) intersubjektiver Konsens. Ganz praktisch: ich behaupte, ein bestimmtes Holzbrett sei genau 1 Meter lang. Mit einem Maßstab lässt sich diese Behauptung leicht überprüfen – sofern die Einheit und das Messverfahren allgemein anerkannt sind, lässt sich also überprüfen, ob eine Aussage „stimmt“. Kommen mehrere übereinstimmend zum selben Messergebnis, können wir sagen, dass es „so ist: das Brett ist 1 Meter lang“. Die Realität existiert unabhängig von uns (das zumindest halte ich für wahr), die Wahrheit dagegen ist zunächst nicht mehr als eine persönliche Überzeugung – ein Für-wahr-Halten von Aussagen, subjektiv und relativ, geprägt durch das Selbst und seine Geschichte. Realität ist absolut – Wahrheit ist relativ.
In beiden Bereichen können Menschen sich irren und täuschen. Wir können uns auch irren, wenn wir glauben, uns getäuscht zu haben. Für die Realität gibt es Methoden, Aussagen zu überprüfen, Messverfahren und Experimente in den Wissenschaften gehören in diesen Zusammenhang. Ist in diesem Bereich etwas unklar oder strittig, macht Argumentation meist wenig Sinn – im Falle des Holzbretts können Zweifelnde aufgefordert werden, selbst nachzumessen. Geht es um Aussagen, die nicht konkret überprüfbar sind, bleibt nur die Argumentation, um eine Behauptung zu stützen – ein Argument ist damit eine begründete Behauptung. Wer die Argumentation nachvollziehen kann und ihr zustimmt, kann sich überzeugen lassen.
Absolut oder unbestreitbar bewiesen ist damit aber überhaupt nichts.
Wahrheit als relativ zu verstehen bedeutet nicht, dass Gespräche keinen Sinn hätten – gerade die (von mir angenommene) Unmöglichkeit, Wahrheit zu „besitzen“, also wirklich sicher sein zu können, verweist auf den Dialog als Methode, Aussagen zu überprüfen. Wenn ich etwas „für wahr halte“, besteht die Möglichkeit, im Gespräch Einwände, Widerspruch, Zweifel oder auch Zustimmung zu erfahren, herauszufinden, ob auch andere dieses oder jenes „für wahr halten“. Dort, wo Menschen darauf verzichten, im Besitz der Wahrheit zu sein oder jemals im Besitz der Wahrheit sein zu können, öffnet sich der Weg zu einem ganz anderen Umgang miteinander. Eine Aussage wie „so ist es“ bleibt gebunden an den momentanen Wissensstand, ist als Fest-Stellung vielleicht notwendigerweise besser der Los-Lösung verantwortet, die aus einem veränderten Wissensbestand eben auch andere Schlussfolgerungen nach sich ziehen kann.
„Soweit ich weiß, ist es so“. Eine Aussage wie „das ist wahr“ ist gebunden an persönliche Überzeugungen, die mehr oder weniger gut begründet sein können. Hintergrund kann auch eine Erkenntnis-Entscheidung sein, also der Schritt zur Annahme einer Aussage, die als „wahr“ akzeptiert wird. Das individuelle Weltbild, der persönliche Horizont grundsätzlicher Überzeugungen bilden das Bezugssystem, von dem aus jede Aussage bewertet und beurteilt wird. Verändert sich das Bezugssystem, verändern sich möglicherweise auch die Aussagen, denen wir zustimmen oder die wir ablehnen. Vor dem Hintergrund dieser Betrachtung gibt es praktisch nichts, dass man nicht irgendwie anders sehen kann. Es gibt dann aber auch niemanden mehr, der mit Recht behaupten könnte, wirklich zu wissen und sagen zu können, was Wahrheit und der Weisheit letzter Schluss ist. Diese Unsicherheit, die uns immer wieder aufeinander verweist, ist vielleicht schwer auszuhalten. Die Konsequenzen aus der Haltung, die eigene Überzeugung anderen aufzwingen zu wollen, „notfalls eben mit Gewalt“, sind allerdings genauso schwer auszuhalten.

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

Oft gelesen