Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr beinahe 100 Jahren gibt. Nun nennen sich aber viele "Kommunikationstrainer", ohne jemals die Existenz der Sprechwissenschaft zur Kenntnis genommen zu haben, und arbeiten mit alten, im Grunde völlig überholten Modellen. Eines wird dabei häufig übersehen: Fertigkeiten kann man trainieren, Fähigkeiten nicht. Was dabei herauskommt, ist die Vermittlung von "Techniken", "Taktiken" und "Strategien". Da werden dann bestimmte Formulierungen eingeübt und im Verkauf hört man dann "sehr gerne". Oder lauter Fragen, auf die man mit "Ja" antworten soll, damit sich aus der Gesprächsaufzeichnung die Zustimmung zu einem Vertrag ableiten lässt, den man nie abschließen wollte.
Was mit solchen Trainings auf jeden Fall nicht entwickelt wird, ist Gesprächsfähigkeit.
Mit durchtrainierten "Kommunikationsprofis" kommt man höchst selten wirklich ins Gespräch. Und in der Politik lässt sich das täglich beobachten: die Unfähigkeit, auf eine klare Frage eine klare Antwort zu geben. Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die es wirklich drauf haben, kritische Fragen zu stellen, Schwachpunkte aufzudecken, und wer genau zuhört, kann feststellen, wie häufig dann ausschweifende, ablenkende oder beschwichtigende Pseudoantworten als Reaktion kommen. Das Redestehen (oder "logon didonai") ist nicht gerade Mode, sich irgendwie aus der Affäre ziehen, bloß nicht zugeben, dass man etwas nicht weiß, den Schein wahren, obwohl die Wahlversprechen längst gebrochen sind, das ist normal. Sich mit anderen verständigen, sich auf Frage und Antwort wirklich einlassen, das ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Haltung. Natürlich kann man tausendmal betonen, man sei ja schließlich Demokrat und demokratisch gewählt - das macht aber keinen Demokraten aus einem Angehörigen einer Partei, die die Demokratie scheibchenweise abschaffen will.
Kommunikationspädagogik muss mehr sein als Training, es gilt, Räume zu schaffen, in denen sich Gesprächsfähigkeit wirklich entwickeln kann. Es ist eine Frage der Haltung, ob man mit anderen wirklich ins Gespräch kommen will, oder sie nur benutzt, um selbst gut dazustehen, anderen "ein Gespräch zu reden", ohne wirklich etwas von dem oder der anderen zu erfahren. Also, ihr lieben Trainerinnen und Trainer, hört doch bitte auf mit "Sender" und "Empfänger" - das Modell von Shannon und Weaver stammt aus dem Jahr 1948 - Menschen kommen darin nicht vor. Ein Gespräch ist etwas anderes als die Übertragung von Nachrichten oder Botschaften, es geht um den gemeinsamen Sinn. Sinn gemeinsam zu konstituieren, Sinn zu verstehen, das ist mit Technik allein nicht zu erreichen. Es braucht dazu Menschen, die sich aufeinander einlassen, sich in ihrem Anderssein stehen lassen können. Gesprächsfähigkeit braucht Spannungstoleranz, es gibt keine Gesprächsfähigkeit ohne Konfliktfähigkeit. Und das ist weitaus mehr, als tausend Techniken oder Algorithmen jemals zustande bringen werden.