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Mittwoch, 21. Oktober 2026

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr beinahe 100 Jahren gibt. Nun nennen sich aber viele "Kommunikationstrainer", ohne jemals die Existenz der Sprechwissenschaft zur Kenntnis genommen zu haben, und arbeiten mit alten, im Grunde völlig überholten Modellen. Eines wird dabei häufig übersehen: Fertigkeiten kann man trainieren, Fähigkeiten nicht. Was dabei herauskommt, ist die Vermittlung von "Techniken", "Taktiken" und "Strategien". Da werden dann bestimmte Formulierungen eingeübt und im Verkauf hört man dann "sehr gerne". Oder lauter Fragen, auf die man mit "Ja" antworten soll, damit sich aus der Gesprächsaufzeichnung die Zustimmung zu einem Vertrag ableiten lässt, den man nie abschließen wollte.  Was mit solchen Trainings auf jeden Fall nicht entwickelt wird, ist Gesprächsfähigkeit. 
Mit durchtrainierten "Kommunikationsprofis" kommt man höchst selten wirklich ins Gespräch. Und in der Politik lässt sich das täglich beobachten: die Unfähigkeit, auf eine klare Frage eine klare Antwort zu geben. Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die es wirklich drauf haben, kritische Fragen zu stellen, Schwachpunkte aufzudecken, und wer genau zuhört, kann feststellen, wie häufig dann ausschweifende, ablenkende oder beschwichtigende Pseudoantworten als Reaktion kommen. Das Redestehen (oder "logon didonai") ist nicht gerade Mode, sich irgendwie aus der Affäre ziehen, bloß nicht zugeben, dass man etwas nicht weiß, den Schein wahren, obwohl die Wahlversprechen längst gebrochen sind, das ist normal. Sich mit anderen verständigen, sich auf Frage und Antwort wirklich einlassen, das ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Haltung. Natürlich kann man tausendmal betonen, man sei ja schließlich Demokrat und demokratisch gewählt - das macht aber keinen Demokraten aus einem Angehörigen einer Partei, die die Demokratie scheibchenweise abschaffen will.
Kommunikationspädagogik muss mehr sein als Training, es gilt, Räume zu schaffen, in denen sich Gesprächsfähigkeit wirklich entwickeln kann. Es ist eine Frage der Haltung, ob man mit anderen wirklich ins Gespräch kommen will, oder sie nur benutzt, um selbst gut dazustehen, anderen "ein Gespräch zu reden", ohne wirklich etwas von dem oder der anderen zu erfahren. Also, ihr lieben Trainerinnen und Trainer, hört doch bitte auf mit "Sender" und "Empfänger" - das Modell von Shannon und Weaver stammt aus dem Jahr 1948 - Menschen kommen darin nicht vor. Ein Gespräch ist etwas anderes als die Übertragung von Nachrichten oder Botschaften, es geht um den gemeinsamen Sinn. Sinn gemeinsam zu konstituieren, Sinn zu verstehen, das ist mit Technik allein nicht zu erreichen. Es braucht dazu Menschen, die sich aufeinander einlassen, sich in ihrem Anderssein stehen lassen können. Gesprächsfähigkeit braucht Spannungstoleranz, es gibt keine Gesprächsfähigkeit ohne Konfliktfähigkeit. Und das ist weitaus mehr, als tausend Techniken oder Algorithmen jemals zustande bringen werden.

Donnerstag, 7. August 2025

Niemand hört (auf) mich

Tja, das ist ein schwieriges Problem… Zunächst einmal glauben die Menschen im Alltag meist, zuhören sei ja kein Problem, das kann ja jeder. Wenn niemand hört, könnte es sein, dass eine Hörminderung vorliegt, aber das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Wenn Kinder nicht hören wollen, muss das nicht an einer Hörminderung liegen, es kann auch auf die Nutzung einer geheimen Röhre zurückgehen, die es möglich macht, Schallwellen schnurstracks von einem Ohr in das andere und wieder hinaus schwingen zu lassen, ohne dass dabei auch nur im Entferntesten eine Reaktion zustande kommen könnte. Weil diese geheime Röhre aber anatomisch nie entdeckt wurde, scheint es doch eine ausgeprägte Fähigkeit des Gehirns zu sein, selektiv hörend alles Unangenehme und Unerwünschte herauszufiltern. Wer sich also nicht unterhalten, also unten halten, lassen will, lernt über das nicht gehört werden Wollende hinweg zu hören. Jenes Überhören ist nicht zu unterschätzen, keinesfalls ein Beleg für Schwerhörigkeit, eher ein Ausdruck, schwer hörig zu werden, also keinesfalls alles wahrzunehmen, für wahr zu nehmen, ernst zu nehmen und dann auch noch, womöglich unhinterfragt, also ohne das zwingende Warum, auch noch einfach so zu tun. Wenn niemand auf mich hören will, dann spreche ich vielleicht zu leise, vielleicht aber gibt es Gründe, oder auch – sehr beliebt in der Generation Kopf-Runter - gerade einen zwanghaften Impuls, das Smartphone als unerschöpfliche Inspirationsquelle der nörgelnden Stimme vorzuziehen, die womöglich einen Zugang zu dem verschaffen könnte, was die nervigen Erwachsenen „Realität“ nennen. Immerhin gibt es Länder, in denen man mit systematischem Nicht-auf-andere-Hören Präsident werden kann. Der eine oder andere wird sich mit dem Spruch trösten „wer nicht hören will, muss fühlen“. Die Natur geht da andere Wege. Die bringt uns so lange ins Schwitzen, bis das Blut zu kochen beginnt. Wer hört denn auf die Natur, das Gras wachsen und das Klima stöhnen? Das Lauschen will gelernt sein.

Samstag, 9. Juli 2011

Miss Leading oder: Irre Führung

Wie man Mitarbeiter aus dem Häuschen bringt.... Vorab: alles ist frei erfunden, Satire, gar nicht wahr, beruht aber leider auf wahren Geschichten frustrierter, depressiver, ausgebrannter Menschen, subjektiv gefärbt natürlich. Und zum Teil durchaus selbst in einer Führungsposition, trotzdem gebeutelt durch wachsendes Arbeitstempo, Kostendruck und oft genug schlicht unerreichbarer Vorgaben, zurechtgestrubbelt durch eigens fürs "Niedermachen" trainierte Kontrolleure, bis sie schließlich in einer Klinik landen und dort feststellen, dass irgend etwas schiefgelaufen ist, das Gesamtproblem aber nicht ganz und gar in der eigenen Person zu finden ist. Hinter dem Kampf zwischen "Müssen" und "Nichtmehrkönnen" schimmert die Einsicht, dass der Druck nicht nur von innen sondern (wie so manch anderes Gute) auch von oben kommt. Da drängt sich vielleicht die Schlußfolgerung auf, dass Vorgesetzte Vorgesetzte heißen, weil sie ihren Mitarbeitern ständig (und immer wieder etwas Neues) vor-setzen, anstatt hinter ihnen zu stehen und einfach dafür Sorge tragen, dass jene ihre Arbeit machen können. Und möglichst (so ein weit in eine ferne und kaum vorstellbare Zukunft hineinweisender Wunschtraum) dabei auch noch Rücksicht auf deren Gesundheit nehmen. Alles andere ist "Misleading", Irre(-)Führung also. Und dabei muss es sich keineswegs um eine Miss (oder Mistress) handeln, Männer können sowas auch.
Miss Leading: das ist die personifizierte Kunst, Mitarbeiter bis an den Rand der Verzweiflung zu bringen - und darüber hinaus. Mit der Diagnosestellung "Arbeitsplatzkonflikt" oder auch "Burnout" sind die möglichen Folgen gut beschrieben, kaum aber die Wurzeln und die Details, erst recht nicht die Strategien als Bestandteil der Kunst, mit alledem irgendwie fertig zu werden.
Zunächst aber zu den Regeln, an denen sich Mister oder Miss Leading am besten orientieren...


1. Verlangen Sie von Ihren Mitarbeitern stets das Äußerste, das absolute Maximum des Möglichen.

2. Setzen Sie das Optimum als Normalität und konfrontieren Sie die Zurückgebliebenen mit der Bemerkung: "die anderen schaffen es ja auch".

3. Falls es jemand wagen sollte, darauf hinzuweisen, dass etwas "nicht geht", kontern Sie mit: "Sie müssen das schaffen".

4. Denken Sie daran, dass es nur um drei Dinge geht: Umsatz, Umsatz und Umsatz. Wovon schließlich wird Ihr Gehalt bezahlt?

5. Verantwortung hat man als Führungskraft nicht - man nimmt sie seinen Mitarbeitern weg. Wenn etwas schief gehen sollte, kann man sie ja immer noch zurückgeben...

6. Geben Sie Druck von oben stets unreflektiert nach unten weiter. Sie werden schließlich fürs Führen bezahlt, nicht fürs Denken.

7. Kurbeln Sie das Hamsterrad einfach nur an. Wenn die Mitarbeiter erstmal schnell genug laufen, dreht es sich ganz von allein immer schneller.

8. Außerhalb der Arbeit gibt es nichts, darf es nichts geben.

9. Verwenden Sie möglichst häufig das Wörtchen "MUSS". Das muss so sein, das alles muss erledigt werden. Was irgendjemand will ist irrelevant, Widerstand ist zwecklos. Alles Wollen wird assimiliert.

10. Sollten ab und zu Mitarbeiter völlig erledigt zusammenbrechen, denken Sie an das gute Werk, das Sie hiermit für die therapeutische Zunft und die Pharmaindustrie getan haben.


Sie werden bald erkennen, wohin die Ideologie des absolutistischen Perfektionismus führt. Echt irre!
Noch etwas: beschäftigen Sie sich auf gar keinen Fall mit konstruktiven Führungsansätzen oder Prinzipien ermutigender Kommunikation.
Ihre Mitarbeiter könnten womöglich zu reifen Persönlichkeiten mit gesundem Selbstwertgefühl werden. Was sollten Sie dann noch kritisieren, aus welchen Quellen ihre Überlegenheit und Führungslegitimation beziehen?

*

Dienstag, 22. März 2011

stumm


bezüglich vieler
kleiner
fragen

hab ich
schon längst

nichts mehr zu sagen

ich wage es
nicht mehr
zu fragen

ich wage es
nicht mehr
zu klagen

muss
schweigend
mein
schicksal
ertragen

weh tut's nur noch
der schädel brummt

ich schweige nicht
ich bin verstummt


Sonntag, 30. Januar 2011

druck


im steigenden druck
den ich als arbeitnehmer
in der produktion oder
im dienstleistungsbereich
erfahre

spiegelt sich
der steigende druck
den ich als kunde und konsument
von produkten und dienstleistungen
selbst ausübe

und so kommt es
dass die menschen
immer wieder
darunter leiden
sich selbst direkt
oder über umwege

ein problem
nach dem anderen
zu basteln

wir leiden an umständen
die wir nicht ändern zu können glauben
aber letzten endes
selbst geschaffen haben




Montag, 22. März 2010

Ausgrenzende Kommunikation im Internet

Kommunikation im Internet ist ja nur virtuell, also nicht so bedeutend - könnte man meinen. Dass solche Prozesse sehr wohl einen starken Einfluss haben, zeigt eine Studie an der Universität in Kent. 
Professor Dominic Abrams untersuchte mit seinen Mitarbeitern den Einfluss ausgrenzender Kommunikation auf die Selbsteinschätzung bei Personen aus unterschiedlichen Altersgruppen. Dabei geht es auch um die Begriffe 'Cybermobbing' und 'Bullying' - Mobbing im Internet also, meist verbunden mit Angriffen, Beleidigungen und Verletzungen. Mit 'ostracism' wird eine scheinbar harmlose Form untersucht, übersetzen kann man das Wort mit 'Ächtung', 'Verbannung' oder - etwas neutraler - mit 'Ausgrenzung'. Ausgrenzende Kommunikation bezeichnet also einen Vorgang, bei dem einzelne Personen einfach ignoriert werden. Abrams geht davon aus, dass Ausgrenzung (im Original eben 'ostracism') grundlegende Bedürfnisse des Selbstwertgefühls, der Zugehörigkeit, Bedeutsamkeit und Kontrolle verletzt. Anders formuliert: wer wahrgenommen wird, ist "jemand", wird beachtet, ist von Bedeutung und kann mit beeinflussen, was da geschieht. Wer ausgegrenzt wird, nicht beachtet wird, verliert auch an Bedeutung - nicht nur vor den anderen, sondern auch vor sich selbst.

Die Forscher teilten ihre Versuchspersonen in drei Gruppen ein: 41 Personen waren im Alter von 8-9 Jahren, 79 im Alter von 13-14 Jahren, 46 im Alter von 20 Jahren. In einem Onlinespiel (namens 'Cyberball') sollten sie mit drei anderen Spielern Bälle hin und her werfen. In einer Versuchsbedingung wurden die Teilnehmer mit einbezogen, in einer zweiten Bedingung bekamen sie nur am Anfang zweimal einen Ball zugeworfen, danach spielten die anderen Teilnehmer ohne die Versuchsperson weiter.

Nach jedem Durchgang sollten die Versuchspersonen ihre Selbsteinschätzung beurteilen und angeben, ob ihnen das Spiel gefallen habe. In allen drei Gruppen führte die Versuchsbedingung, in der die Personen ausgegrenzt wurden, zu einer niedrigeren Selbsteinschätzung - alle vier oben genannten Bedürfnisse wurden verletzt. Und die Stimmung war gedrückt. In der Gruppe der 8-9-Jährigen zeigten sich diese Effekte am deutlichsten. Die Forscher gehen davon aus, dass Ältere wirksame Muster gegen die Bedrohung des Selbstwertgefühls entwickelt haben, also nicht (mehr) so anfällig sind. Bei den 13-14-Jährigen wurde das Gefühl der Zugehörigkeit am stärksten beeinflusst - was den Gedanken stützt, dass die Gruppe der Gleichaltrigen (die 'peer group') im Jugendalter eine besondere Bedeutung besitzt. Und das gilt auch für Netzwerke im Internet, die wesentlich wichtiger sind als bei Kindern oder Erwachsenen.

Die negativen Reaktionen ließen nach, wenn die Versuchspersonen anschließend in das Spiel eingebunden wurden. Abrams geht davon aus, dass Ältere weniger Probleme damit haben, Anschluss zu finden, wenn sie irgendwo ausgegrenzt wurden. Für Kinder dagegen kann das sehr schwer sein - Eltern und Lehrer sollten deshalb besonders achtsam sein, ob Kinder mehrfach die Erfahrung machen, nicht dabei sein zu dürfen und ausgegrenzt zu werden.

 
Quelle:

University of Kent (2010, March 22). Online ostracism damages children’s self esteem. ScienceDaily. Retrieved March 22, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2010/03/100322083853.htm

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Sonntag, 20. Dezember 2009

Nach mir die Sintflut?

Es erinnert sehr an sozialpsychologische Forschung zur Spieltheorie - die Simulation zu Klimaverhandlungen am Institut für Meteorologie in Hamburg.
Bei aller Skepsis, was die Übertragbarkeit von Laboruntersuchungen auf die Realität betrifft, drängt sich der Gedanke auf, dass sich die Delegierten in Kopenhagen im Prinzip genau so verhalten haben wie die untersuchten Studenten im Experiment. Erstmal sollen die anderen... 
Realistisch betrachtet war die Konferenz eine Situation mit gemischten Motiven. Realistisch betrachtet war es absehbar, dass nationale Interessen einer globalen Zusammenarbeit und einer verbindlichen Vereinbarung im Wege stehen würden. Die Worte des Dalai Lama, der Klimaschutz sollte oberste Priorität haben... waren eben ein frommer Wunsch. Der Störenfried aus Saudi-Arabien war in diesem Punkt wohl ehrlicher als alle anderen, als er deutlich machte, dass es ihm nur um eines ging: um Geld. Also, wenn wir schon mit Verlusten aus dem Ölgeschäft rechnen müssen, dann wollen wir dafür auch entschädigt werden.
Anders formuliert: ob das Klima kippt, ob ganze Nationen überflutet werden, ob die ganze Welt darunter zu leiden hat, das ist uns völlig egal. Altruisten und engagierte Leute, die sich für ein bestimmtes Anliegen einsetzen, gab es schon immer. Aber sie ziehen oft genug den Kürzeren - weil es in einer Gruppe meist auch Leute gibt, die sich genau darauf verlassen. Wenn die anderen genug einzahlen, kann ich absahnen. So ungefähr. Rational wird der Einsatz für den Klimaschutz für den nutzenorientierten 'Spieler' erst dann, wenn er persönliche Vorteile bringt.

Wenn ich so nachdenke... scheint die Idee, von einem existenziellen Grundkonsens auszugehen und darauf zu hoffen, dass weltweit globalen Interessen gegenüber nationalen Zielen und Machtbedürfnissen eine höhere Priorität eingeräumt wird, ebenfalls idealistisch.
Solange die Zweifel bestehen, ob das 'etwas bringt', solange persönliche und globale Interessen einen Widerspruch bilden, so lange steht es schlecht um die Chancen einer globalen Zusammenarbeit.

So sind die Menschen nun mal... aber darauf, dass die Klimaforscher sich allesamt verrechnet haben, alles nicht so schlimm werden kann, wie es aussieht oder die führenden Politiker auf der Welt endlich den gordischen Knoten internationaler Verwicklungen auflösen können, darauf können wir uns nicht verlassen. Die Denkmuster invidiueller Nutzenorientierung sitzen tief - und Veränderungen brauchen Zeit. Die Frage ist, ob das menschliche Denken dem Klima vorauseilen kann oder früher oder später von ihm eingeholt wird.
Realistisch dürfte es sein, dass so manches Land ohne eine verbindliche Vereinbarung keinen Finger krumm machen wird, um irgend etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Politiker sind schließlich auch bloss Menschen. 


Quelle:
Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg


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Samstag, 19. Dezember 2009

Kritische Fragen zur Auswertung der Klimakonferenz

Besonders gelungen war der Weltklimagipfel nicht. Es gibt bereits viele konkrete Ansatzpunkte, Dokumentationen und Einsichten - genug Material also, um die ganze Angelegenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen. Kritik an der dänischen Verhandlungsleitung wurde laut. Die Frage ist, ob die Kritik berechtigt ist, aber immerhin - vielleicht lassen sich einigermassen brauchbare Schlussfolgerungen ziehen, wie es hätte besser laufen können.
Kann man eine so große Anzahl von Menschen überhaupt leiten? Erste Erkenntnis: je größer die Gruppe, umso schwieriger ist die Organisation, umso komplexer die Gestaltung konstruktiver Gesprächsprozesse.
Sprecherzieher kennen vielleicht die Formel N mal N minus eins - und dann halbieren. In einer Gruppe von 5 Personen dauert es also 10 Minuten, bis jede(r) mit jedem 1 Minute gesprochen hat. Bei 50 Personen, 192 Ländern mit jeweils 'nur' 2 Vertretern... kann man sich ausrechnen, dass nur eines übrigbleibt: zentralisierte Kommunikation, auf ein Podium fixiert. Eine Rede nach der anderen, wenig Gespräch. Also läuft ein großer Teil nebenher, hinter den Kulissen, verdeckt - und damit unmoderiert.
Die Weltklimakonferenz hat also allein aufgrund ihrer Größe ein chaotisches System geschaffen, das sich unmöglich vollständig moderieren lässt. Und dann entsteht leicht eine depersonalisierte Masse, in der sich jeder aus der Verantwortung stehlen - oder nach eigenen Interessen das stören kann, was aus irgend einem Grund nicht 'in den Kram passt'. Es gibt individuelle Unterschiede bezüglich der Gruppengröße, die sich effizient leiten lässt - die magische Zahl 7 kann dabei als Orientierungsmarke gelten. Auf sieben Personen kann man noch individuell eingehen. Auf beinahe 200 auf gar keinen Fall. Zu viele ziehen sich schweigend zurück, einige wenige dominieren und schaffen eine ungünstige Basis für einen echten Konsens. Wenn es denn um einen Konsens gehen soll....
Neben den Fragen zur Organisation lassen sich aber noch ganz andere Punkte kritisch beleuchten.
Die Rollendefinition der dänischen Gastgeber zum Beispiel: einen Standpunkt zu haben und auch einzubringen, das lenkt den gesamten Prozess von Anfang an in eine bestimmte Richtung. Und genau an dieser Stelle gab es Widerspruch, Einwände - bis zum Vorwurf an die dänische Ministerin Connie Hedegaard, sie würde undemokratisch handeln und einseitig die Industrieländer bevorzugen. Und damit war die neutrale Position, die für Vermittlungsbemühungen notwendig gewesen wäre, verloren. Konsequenterweise verzichteten die Dänen dann auch später darauf, ein eigenes Papier einzubringen. Möglich und wahrscheinlich sinnvoller wäre es gewesen, von Anfang an Gesprächsleitungen zu bestimmen, die sich inhaltlich bewusst zurückhalten und den Schwerpunkt auf die Prozessgestaltung legen. Also - schlicht darauf achten, dass in einer (am besten kleinen und überschaubaren Gruppe) alle zu Wort kommen, Einwände herausgearbeitet, korrekt übersetzt, verstanden und geklärt werden können. Statt inhaltlicher Vorgaben also das reine Bemühen umd die Arbeitsfähigkeit der Gruppe: dazu gehört nicht nur die Sache, der inhaltliche Verlauf - sondern auch die persönliche Situation. Einschließlich der emotionalen Betroffenheit, die stellenweise durchbrach.
Wer möchte schon gern zusehen, wie das eigene Land einfach so weggespült wird?
 
Mehr oder weniger deutlich wurde ein gemeinsames Problemverständnis vorausgesetzt. Die Situation ist aber nicht für alle dieselbe - die USA müssen nicht befürchten, komplett weggespült zu werden. Überschwemmungen, Dürre, Ernteeinbussen betreffen nicht alle Länder und manche profitieren sogar davon, wenn es wärmer wird. Das unterstellte gemeinsame Interesse aus einem gemeinsamen Problemverständnis heraus existiert einfach nicht. Wenn man also aus den medienvermittelten Informationen einen Leitungsfehler ausmachen kann, dann ist es das zu frühe Fokussieren einer Vereinbarung - und so entstand die Blockade im Prozess. Öffnende Prozesse kamen zu kurz. Die Klimaskeptiker kamen nicht hinreichend zu Wort. Das Ergebnis: 'Verfahrenstorpedos", die inmitten des Prozesses plötzlich alles in Frage stellten. Eng damit zusammen hängt das Problem 'Zahlen'.
Wieviel Prozent denn nun...? Es scheint, als würde die Wirschaft und die Finanzlage jedes einzelnen Landes darüber entscheiden, welche Zusagen gemacht werden können, es scheint, als könnten hier Menschen miteinander verhandeln. Können sie aber nicht - denn das Problem ist die Natur, das Klima, das sich verändert, nicht ein Mensch, den man dazu bewegen kann, 'cool' zu bleiben.
Es gibt keinen Verhandlungsspielraum, wenn es darum geht, Katastrophen zu vermeiden. Fragen wir doch mal Feuerwehrleute, bei denen die Meldung eingeht, dass es zu einem Großbrand kam. Setzen wir nun einen oder zwei Löschzüge ein? Setzen wir einen Helm auf oder nicht? Schicken wir 4 oder 5 Leute los? Oder vielleicht nur einen? Wer jetzt den Kopf schüttelt, hat verstanden, worum es geht - bei größeren Katastrophen werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, die man überhaupt nur in Bewegung setzen kann. Da wird nicht gefeilscht und verhandelt - denn die Zeit drängt.
Über Reduktionsziele in Prozentangaben zu diskutieren war also aus einer bestimmten Perspektive betrachtet von vornherein einfach unsinnig. Falscher Ansatz... die Produktion einer Konfliksituation anstelle eines offenen Prozesses, der sich an einer Leitfrage hätte orientieren können: was können wir tun, um so schnell wie möglich die Treibhausgase so weit wie möglich zu reduzieren?
Der Streit darum, wer was und wieviel tun könnte, sollte, müsste - lenkt die Energie in die falsche Richtung. Energie! Das ist überhaupt ein wichtiges Stichwort. Ja klar, Kraftwerke... nein, das Problem ist zunächst: wie lenken wir hinreichend viel Energie auf die Entwicklung neuer Möglichkeiten, weil mit den gegenwärtigen Mitteln die Ziele überhaupt nicht erreichbar sind? Frage also: wie schaffen wir ein weltweites konstruktives und innovatives Klima, das neuen Möglichkeiten eine Chance gibt, Kreativität und Innovation fördert? Wie können wir verkrustete Strukturen aufbrechen, die uns an wirtschaftliche, soziale und technologische Prozesse binden, die das Überleben der Menschheit bedrohen, weil wir dabei unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören?

Im Interview mit Prof. Dr. Mojib Latif sind zwei Punkte angesprochen, die auf jeden Fall bedenkenswert sind. Das Klimamikado im Sinne von: "erstmal sollen sich die anderen bewegen". Mit dem Begriff "Bedingungskonstrukte" meine ich Einstellungsmuster, die Bedingungen für das je eigene Handeln setzen und in Konfliktsituationen zu einem großen Problem werden können. Als "ich kann ja nicht, weil..." oder "erst wenn die anderen..., können wir..." zeigen sich Auffassungen, die nicht nur die eigenen Handlungsmöglichkeiten beschränken, sondern auch Blockadeoptionen überhaupt erst eröffnen. Was dabei herauskommt, sind Machtspiele - aber kein konstruktives Klima. Denn (sozialpsychologische Binsenweisheit namens Reaktanz) wer sich in seiner Freiheit eingeschränkt sieht, bemüht sich darum, sie wieder zu gewinnen. Das ganze geschieht wohlgemerkt in einer Runde von Leuten, die daran gewöhnt sind, "das Sagen" zu haben...

Man kann die ganze Geschichte auch anders sehen: wir haben ein gemeinsames Problem, das die ganze Welt betrifft und beraten zunächst einmal darüber, was möglich ist. Alle können davon berichten, was sie bisher getan haben und noch tun können. Die Versuche einer gemeinsamen Normbildung, die Definition von Ansprüchen, die vielleicht überhaupt nicht erfüllt werden können (aus politischen, wirtschaftlichen, finanziellen Gründen - oder auch deshalb, weil die notwendigen Technologien einfach noch nicht ausgereift oder gar nicht vorhanden sind) - das erzeugt Spannung, Widerstand, Unmut. Gefühle von Überforderung, Einengung, Unterlegensein, Druck, mehr tun zu sollen als möglich ist.

Der zweite Punkt betrifft die Frage, ob ein solcher Riesengipfel überhaupt in der Lage ist, Probleme zu lösen. Wenn ich davon ausgehe, dass die Problematik unterschiedliche Ebenen hat, wage ich zu bezweifeln, dass Politiker auf allen Ebenen einen wirklichen Durchblick haben können. Vielleicht müssen die Klimaforscher ihre wissenschaftsinternen Probleme zuerst unter sich lösen - und darüber nachdenken, wie sie in der Öffentlichkeit auftreten, sich den Klimaskeptikern gegenüber verständlich machen können. Die technischen Probleme... müssen vielleicht die Techniker zuerst unter sich klären. Und so weiter. Vieles spricht für kleinere Gruppen, die Detailprobleme bearbeiten - und über das Internet genügend Möglichkeiten haben, sich kontinuierlich weltweit auszutauschen.

Gerade jetzt, nach dem Scheitern auf politischer Ebene, das man zwar beschönigen, aber nicht leugnen kann, wäre es das Schlimmste überhaupt, den Kopf in den Sand zu stecken.

Vielleicht wäre es auch besser gewesen, zwei getrennte Vereinbarungen anzustreben, nachdem der Graben zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern sichtbar wurde? Umsonst war das Ganze sicher nicht - immerhin sind die Konfliktpunkte deutlich geworden. Zu viele, wie es scheint, um alle in dieser Zeit und in diesem Rahmen, der in Kopenhagen abgesteckt war, zu bearbeiten, geschweige denn wirklich lösen zu können. Gescheitert ist das Miteinander. Das globale Wir ist ein Langzeitprojekt.

Die eigentliche Klimakonferenz... hat gerade erst begonnen.
 
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Donnerstag, 12. November 2009

Kognitive Bezugssysteme und Kommunikation (3)


Regel 7: Verwendung plausibler Argumentationsmuster
Ein Standpunkt darf nicht als hinreichend gerechtfertigt angesehen werden, wenn die Rechtfertigung nicht durch ein plausibles und korrekt angewendetes Argumentationsmuster erfolgt.

Jede Wissenschaft entwickelt bestimmte Argumentationsmuster, die für die Beurteilung von Aussagen eingesetzt werden. Aus einer Theorie Hypothesen ableiten und überprüfen, ob sie sich bestätigen lassen - eine Theorie problematisieren, wenn sich eine abgeleitete Hypothese nicht bestätigen lässt usw.. Spezifische Berechnungen, um einen Sachverhalt zu untersuchen. Beschreibungen von Beobachtungen, Bezüge zu vorliegenden Studien, Vergleiche und ähnliches mehr. Potentiell strittig ist der Bezug auf Autoritäten - ebenso Erfahrungsquellen wie persönliche Erleuchtungen, Kaffeesatz oder Tarotkarten. Träume. Visionen, Intuition und Alltagsbeobachtungen mögen wichtige Impulse zur Theoriebildung leisten - empirisch orientierte Wissenschaftler werden aber stets nach einer Bestätigung fragen und dabei möglichst etwas messen wollen. Dabei stellt sich auch die Frage, welchem Paradigma eine Wissenschaft, ein bestimmter Ansatz folgt. Historiker werden Interpretationen der Geschichte ablehnen, die sich mit belegten Fakten nicht in Einklang bringen lässt und sich wenn möglich bei ihren Interpretationen auf Dokumente und Materialien stützen. Naturwissenschaften folgen eher dem kausal-nomologischen Paradigma, suchen also nach Gesetzmäßigkeiten. Strittig kann also sein, welche Erkenntnisquellen als wissenschaftlich anerkannt sind und welche nicht. Wer in einem Buch gelesen hat, die Relativitätstheorie sei durch eine Verschwörung zustande gekommen, kann daraus zwar "logisch" ableiten, sie müsse falsch sein - als wissenschaftliche Erkenntnis kann diese persönliche Meinung aber nicht gelten. Behaupten schließlich kann jeder irgend etwas. Aber so einfach ist die Wissenschaft nicht!



Regel 8: Logische Gültigkeit
Die Argumentationsmuster müssen logisch gültig sein oder zu logisch gültigen Schlußfolgerungen ergänzt werden können (durch das Explizitmachen von indirekt unterstellten Prämissen).

Wenn es um Logik geht, taucht irgendwann auch Aristoteles auf- so auch bei Kienpointer. In seinem Buch "Vernünftig argumentieren" hat er den plausiblen Argumentationsmustern ein eigenes Kapitel gewidmet. Wenn man sich die Vielfalt möglicher Muster und die Existenz verschiedener logischer Systeme vor Augen führt, ist leicht nachvollziehbar, dass sich Denkfehler an vielen Stellen einschleichen können. Wenn es um Gefühle geht und dann auch noch die Theorie des double-bind berücksichtigt wird, kann eine auch nur annähernd vollständige Beschreibung sämtlicher Probleme, die sich aus dem Bemühen um Logik ergeben können, nur zu einem ziemlich dicken Buch führen.
Die Kommunikationstheorie von Watzlawick ist dabei ein interessantes Beispiel für ein unlogisches Theoriegebäude, das sich erstaunlich lange hält. Die Aussage "man kann nicht nicht kommunizieren" ist irreführend, denn nicht alles Verhalten ist Kommunikation. Die Unterscheidung "verbal" und "nonverbal" ist ebenfalls irreführend und ungenau. Stelle ich die Forderung, dass eine wissenschaftliche Theorie in sich widerspruchsfrei sein muss, bleibt von seiner Kommunikationstheorie nicht sehr viel übrig... Manchen scheint es geradezu gleichgültig sein, ob ihre Aussagen logisch sind oder nicht. "Die Logik ist der Anfang aller Weisheit, aber nicht das Ende". Das sagte Mr. Spock. Nun, als Vulkanier muss er das doch wissen, das ist doch logisch - oder?



Regel 9: Annahme des Ergebnisses der Diskussion
Wenn die Rechtfertigung eines Standpunktes nach den obigen Regeln korrekt erfolgt ist, muß die Person, die den Standpunkt in Zweifel gezogen hat, ihn nun akzeptieren; wenn die Rechtfertigung nicht gelungen ist, muß die Person, die den Standpunkt vertreten hat, ihn nunmehr zurücknehmen.

Zunächst einmal bezieht sich Kienpointer in seinem Buch auf Gesprächsprozesse. Übertragen auf Wissenschaftskommunikation (in einem umfassenden, also auch längere Zeiträume einschließenden Sinn) kann man diese Regel problematisieren. Die korrekte Anwendung im Gespräch würde bedeuten, dass ein erfolgreich verteidigter Standpunkt nicht mehr bezweifelt werden darf. Rechtfertigung bzw. Verteidigung eines Standpunktes bedeutet aber nicht "Immunisierung für alle Zeit":

"(Es) darf [auch] nicht der Eindruck entstehen, die erfolgreiche Verteidigung eines Standpunktes habe ihn für alle Zeiten gegen erneute Kritik und Zweifel immun gemacht. ... Dasselbe gilt auch für die erfolglose Verteidigung eines Standpunktes: er ist nur vorläufig widerlegt." (KIENPOINTER, a.a.O, S. 64)
Noch interessanter ist ein weiteres Zitat...:
"Auf der Beziehungsebene können Probleme der Befolgung von Regel 9 auftreten, wenn Personen zu stur oder überheblich sind, um einen Standpunkt zurückzunehmen." (KIENPOINTER, a.a.O., S. 65).
Das ist, wie mir scheint, ein sehr wichtiger Aspekt. Das Phänomen, dass Standpunkte immer und immer wieder vertreten werden, obwohl sie längst widerlegt sind, lässt Diskussionen leer im Kreis herumlaufen - und dann taucht natürlich auch irgendwann die Frage auf, ob das "noch Sinn macht". Als Begründung für die Vorläufigkeit erfolgreicher bzw. erfolgloser Verteidigung eines Standpunkts erwähnt Kienpointer nicht zufällig 'neue Gesichtspunkte' und 'neue Argumentationen", die im Laufe der Zeit auftauchen können. Bleibt es aber bei einer sturen Verteidigung ohne neue Aspekte, verliert eine Diskussion irgendwann ihren Sinn.




Regel 10: Klarheit des Ausdrucks und korrektes Verstehen
Die Formulierung der Argumentationen darf weder ungenau noch mehrdeutig sein, und die Gesprächsteilnehmer müssen gegenseitig ihre Formulierungen so sorgfältig wie möglich interpretieren.

Konstuktiv formuliert könnte die Regel lauten: formuliere genau und eindeutig. Und hier wird es dann auch schon schwierig: wie genau ist genau genug? Und: für wen ist welcher Grad an Genauigkeit genau genug? Typisch für Fachsimpeleien und eingespielte Teams, engere Bekanntschaften, Freunschaften und Beziehungen sind Formulierungen im Telegrammstil, die trotzdem präzise genug sind, um verstanden zu werden. Manche wissen eben, was gemeint ist, wenn ein Ergebnis "hochsignifikant" ist. Andere wissen es nicht. Begriffe sind innerhalb bestimmter Kreise klar, in der Öffentlichkeit aber nicht unbedingt - oder mit einer anderen Bedeutung belegt, ohne das es zunächst auffällt. Man kann sich nun um sprachliche Perfektion bemühen und so sorgfältig wie nur irgend möglich sein - es wird nicht gelingen, alle möglichen und denkbaren Missverständnisse damit auszuschliessen. Kienpointer beschreibt im Abschnitt zu dieser Regel "unkooperative Techniken des Mißverstehens" und bringt damit zum Ausdruck, dass 'schräge' Interpretationen durchaus beabsichtigt sein können - und eben auch die Pointe in so manchem Witz darstellen.
Angemessene Formulierungen sind klar, sachlich und wirksam - dass es dabei nicht um ein situationsunabhängiges 'Formulierungstraining' gehen kann, wird im späteren Verlauf des Buches deutlich. Im Kapitel über "Verständlichkeit" heisst es:

"Es ist kaum möglich, unabhängig vom Thema, von den Gesprächsteilnehmern und vom Anlass des Gesprächs generelle Regeln aufzustellen" (KIENPOINTER, S. 189)
Es bleibt also das Bemühen um Klarheit und die Perspektive, im Zweifelsfall eben nachzufragen, wie etwas Bestimmtes gemeint war. Klären, was strittig ist - das kann auch bedeuten, Missverständnisse auszuräumen. Und: die Erkenntnis gewinnen, dass Verständigung schwierig ist, wenn es kein gemeinsames Bezugssystem gibt.


Literatur:
KIENPOINTER, M. (1996). Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.




Freitag, 30. Oktober 2009

Kognitive Bezugssysteme und Kommunikation (2)


Regel 4: Sachlichkeitsgebot
Ein Standpunkt darf nur dadurch verteidigt werden, dass man Argumente für den Standpunkt vorbringt.

Die Frage der Sachlichkeit ist ein Thema, das eine ausführlichere Darstellung erfordern würde. Zunächst einmal habe ich den Eindruck gewonnen, dass Wissenschaftler vor allem dort in Schwierigkeiten geraten, wo der Boden sachlicher Argumentation verlassen wird. Die Sache selbst (ob es dabei nun um die Astrologie, die Relativitätstheorie oder etwas ganz anderes geht) tritt dabei zurück. Es scheint, als bereite ein wissenschaftliches Studium häufig nur wenig auf Situationen vor, in denen es darum geht, Erkenntnisse gegenüber Leuten zu verteidigen, die sich nicht an den fachspezifischen Kriterien wissenschaftlicher Argumentation orientieren.


Regel 5: Redliche Bezugnahme auf implizite Voraussetzungen
Eine Person ist verpflichtet, zu den Voraussetzungen (=Prämissen) zu stehen, die er oder sie implizit zum Ausdruck gebracht hat. Umgekehrt dürfen den Kontrahenten nicht Prämissen unterstellt werden, die sich aus deren Äußerungen gar nicht entnehmen lassen.

Der Anspruch ist hoch - das "Mitgedachte" und "Mitgemeinte" ist nicht immer so leicht zu erkennen und zu rekonstruieren. Kienpointers Anliegen, vor allem im öffentlichen Bereich sehr sorgfältig mit Deutungen impliziter Voraussetzungen umzugehen, kann ich mich daher nur anschließen. Die von ihm erwähnte Vorgehensweise, im Einzelfall nachzufragen, ob eine bestimmte Aussage bei einer Äußerung "mitgedacht" ist, stellt immerhin einen methodischen Ansatz dar.


Regel 6: Gemeinsame Ausgangspunkte respektieren
Eine Prämisse darf nicht fälschlich als gemeinsam akzeptierter Ausgangspunkt hingestellt werden, und umgekehrt darf eine Prämisse, die gemeinsam akzeptiert ist, nicht zurückgewiesen werden.

Prämissen, verstanden als grundsätzliche Denkmuster, gemeinsame Ausgangspunkte also sind zu einem großen Teil Ergebnisse schulische und universitärer Sozialisation. Begriffe wie "empirisch", "falsifizieren", "Hypothese", "Theorie", "Experiment" usw. bekommen eine Bedeutung, die als Grundlage der Verständigung dienen. Was innerhalb der Wissenschaften die Kommunikation erleichtert, wird nach außen aber schnell zum Problem. Wenn eine bestimmte Aussage, die sich aus der Relativitätstheorie ableiten lässt, in einem Experiment nicht bestätigt werden kann, könnten Laien auf die Idee kommen, zu sagen: "die Wissenschaft hat festgestellt, dass die Relativitätstheorie nicht stimmt". Dass Physiker aufgrund eines einzigen Experiments ein komplexes Theoriegebäude einfach so über Bord werfen, kann ich mir schwer vorstellen.
Nun - schroffe Konfrontationen sind vor allem dort zu erwarten, wo Wissenschaftskritiker ihre Auffassungen nicht aus empirischer Forschung ableiten und damit die Prämissen, von denen wissenschaftliches Denken ausgeht, nicht akzeptieren. In einem solchen Prozess klar zu benennen, dass es nicht mehr um eine wissenschaftliche Diskussion, sondern um einen Meinungsaustausch geht, könnte hier für mehr Transparenz sorgen.






Donnerstag, 29. Oktober 2009

Kognitive Bezugssysteme und Kommunikation (1)

Der Grundgedanke ist einfach: Kommunikationsprozesse sind relativ einfach, so lange sich die Miteinandersprechenden innerhalb des gleichen kognitiven Bezugssystems bewegen. Das gilt auch für schriftliche Kommunikation. Es gilt für wissenschaftliche Kommunikation und in anderen Bereichen. Wo die Möglichkeiten und Grenzen im Einzelfall sind, bedarf dann einer differenzierteren Betrachtung.

Was mit "relativ einfach" gemeint ist, soll noch näher erläutert werden. Innerhalb der einzelnen Wissenschaften finden sich typische Denk- und Argumentationsmuster, die auf einem gemeinsamen Wissenschaftsverständnis beruhen. Solche Muster ziehen sich durch viele Wissenschaftsbereiche und ermöglichen gemeinsame Bezugspunkte - Konventionen, die sich im Wissenschaftsbetrieb entwickelt haben. Sie werden im Laufe der Zeit so selbstverständlich, dass es kaum nötig erscheint, darüber nachzudenken - bis es eben Situationen gibt, in denen unterschiedliche Auffassungen aufeinander prallen, wissenschaftliches Denken mit anderen kognitiven Bezugssystemen kollidiert.
Inhaltliche Auseinandersetzungen werden schnell destruktiv, wenn diese unterschiedlichen Bezugssysteme nicht berücksichtigt werden. Ich denke, dass es sehr hilfreich sein kann, wenn Wissenschaftler sich ihres Bezugssystems bewusst werden - und dann auch deutlich machen, warum sie bestimmte Aussagen nicht als wissenschaftliche Erkenntnis gelten lassen. Die Frage ist: wie lässt sich ein solches kognitives Bezugssystem beschreiben? Gibt es ein gemeinsames Verständnis von Wissenschaft, das sich durch alle Fachbereiche hindurchzieht oder existieren mehrere Systeme, die innerhalb einer Wissenschaft und zwischen verschiedenen Wissenschaften zu Missverständnissen und Konflikten führen können?
Einen Ansatzpunkt zur Klärung dieser Fragen sehe ich in den Regeln für vernünftiges Argumentieren, die Manfred Kienpointer mit Bezug auf van Eemeren und Grootendorst formuliert hat. Wenn diese Regeln wirklich Teil des Kognitiven Bezugssystems von Wissenschaftlern sind, dann müssten sie sich auch in der wissenschaftlichen Literatur aufzeigen lassen. Auch in den Scienceblogs müssten dann Text- und Kommentardialoge erkennbar sein, die sich an diesen Regeln orientieren. Könnte es sein, dass es vor allem dort schwierig wird, wo ganz bestimmte Regeln gebrochen werden?



Regel 1: Redefreiheit
Die Argumentierenden dürfen einander nicht hindern, Standpunkte vorzubringen oder Standpunke zu bezweifeln.

Der Begriff "Redefreiheit" wirft zunächst Probleme auf, denn wissenschaftliche Kommunikation findet zu einem erheblichen Anteil in schriftlicher Form statt. Mitreden darf in der Wissenschaft nicht jeder - wer ernst genommen werden will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, Fachzeitschriften nehmen nicht jeden x-beliebigen Text auf. Blogs stellen hier im Grunde einen großen Schritt dar - und die Überlegungen, Kommentare zuzulassen, auch wenn sich dabei gelegentlich ellenlange Diskussionen entwickeln, stellen einen Schritt dar, freie Meinungsäußerungen auch dort zu erlauben, wo jemand keinen akademischen Abschluss im entsprechenden Fach vorzuweisen hat.

Regel 2: Begründungspflicht
Wer einen Standpunkt vorbringt, ist verpflichtet, ihn zu verteidigen, wenn er oder sie gebeten wird, das zu tun.

Wissenschaftliche Literatur nimmt diese Pflicht zur Verteidigung zu einem großen Teil bereits vorweg - und das häufig sehr gründlich. Aussagen sind oft sehr bescheiden - beschränken sich auf Hypothesen, die untersucht und bestätigt wurden, beschreiben Methoden, Instrumente, Berechnungsgrundlagen usw.. Typisch für die empirischen Wissenschaften ist die Durchführung von Experimenten - sie gelten als Belege, als Begründung für bestimmte Behauptungen.

Regel 3: Redliche Bezugnahme auf das Gesagte
Ein Widerlegungsversuch muss sich auf denjenigen Standpunkt beziehen, der tatsächlich von der Gegenpartei in der Diskussion geäußert worden ist.

Kienpointer beschreibt in seiner Darstellung in diesem Zusammenhang eine Szene aus Martin Walsers "Zimmerschlacht". Kurz zusammen gefasst geht es um die Frage, ob Aussagen tatsächlich geäußert wurden oder nur unterstellt sind. Missverständnisse und Verwirrungen lassen sich vermeiden, wenn Widerlegungsversuche genau angeben, worauf sie sich beziehen. Literaturangaben und Zitate lassen sich aus dieser Perspektive als das Bemühen um vernünftige Argumentation verstehen - sie machen nachvollziehbar, worauf sich Einwände, Bedenken oder Gegenthesen genau beziehen.

Literatur:
KIENPOINTER, M. (1996). Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.









Dienstag, 27. Oktober 2009

Volksabstimmung über die Relativitätstheorie?




Ein verwunderlicher Titel... ein Mathematiker postet über die Volksabstimmung zur Relativitätstheorie. Ist Wahrheitsfindung, die Entscheidung über die Gültigkeit einer Theorie, ein demokratischer Prozess, eine Frage der Abstimmung?
Dahinter steht eine Debatte auf dem Blog, die irgendwie aus den Fugen geraten ist... Und die Abstimmung bezog sich auf die schwierige Frage, wie damit umzugehen sei. Aha. Doch etwas anders als ich zuerst dachte.
Ein Post mit 1905 Kommentaren. Über Einstein.
Ein Post mit 951 Kommentaren: Einstein und die Cranks.
Interessant, die Leidenschaft zu beobachten, mit der hier über die Relativitätstheorie gestritten wird. An sich ist die schon relativ schwierig, sie in relativ einfachen Worten zu erklären, auch nicht einfach, relativ schwer zu verstehen ist aber auch zunächst, worüber sich manche dabei eigentlich aufregen. Wer mit der Vorstellung lebt, Wissenschaft sei eine durchaus nüchterne Sache, kann sich hier von einer anderen Dimension inspirieren lassen, die wiederum eine relativ nüchterne Sicht auf die problematische Zwischenmenschlichkeit ermöglicht, die es nun einmal in wissenschaftlichen Diskussionen auch gibt.

Der schwierige Versuch, eine Beschreibung des Prozesses zu leisten: Worum geht es eigentlich?


Vereinfacht geht es um die Frage, ob die Relativitätstheorie nun stimmt oder nicht.
Kleiner Exkurs von einem, der für sich in Anspruch nimmt, eine Idee davon zu haben, wie Wissenschaft funktioniert:

Wissenschaft ist ein Prozess, in dem immer wieder neue Theorien entstehen.

Ist das Licht nun Teilchen oder Welle? Hat es von beidem etwas? Gibt es Experimente, die eine Entscheidung ermöglichen oder... wird eines Tages eine Theorie formuliert, die alle beobachteten Effekte erklären kann? So ungefähr. Mitgedacht dabei: es gibt klare und rationale Kriterien dafür, was als wissenschaftliche Aussage gelten kann und was nicht.
Vielleicht geht das Beamen ja doch und die Lichtgeschwindigkeit ist keine absolute Grenze. Wenn die Relativitätstheorie für immer und alle Zeit ohne Wenn und Aber gültig bliebe, wäre es ein Zeichen für einen dogmatischen Stillstand - die Physiker hätten es dann versäumt, weiter zu denken. Haben sie aber nicht. Logisch also, dass es irgendwann Einwände, Probleme, neue Erkenntnisse und neue Theorien geben muss.

Nun ja, im oben erwähnten Artikel sind 23 große Fehler erwähnt, die Einstein gemacht haben soll. Ohne nähere Erklärung verstehe ich hier überhaupt nichts und bin deshalb auch nicht bereit, auch nur einen einzigen davon als "belegt" oder "bewiesen" zu akzeptieren. Moment mal... leere Behauptungen bringen die Wissenschaft nicht voran. Als Hypothese vielleicht, dann bleibt es aber auch Hypothese, so lange bis die Geschichte untersucht, aufgezeigt, begründet und belegt ist. Also - es geht mir hier nicht um Einstein oder die Relativitätstheorie, sondern um die Frage, was hier aus der rationalen wissenschaftlichen Argumentation geworden ist. Hat sie ihren Sinn verloren?
Wenn Mozart mit Warp 4 reisen kann...dann nimtz mir den Atem. Okay, es gibt also Hinweise auf Überlichtgeschwindigkeit. Und? Bei den Kommentaren stolpere ich über die Aussage, Einsteins Theorie sei "schon oft widerlegt worden". Geht das überhaupt? Kann man eine Theorie als Ganzes überhaupt widerlegen? Wäre hier etwas mehr Sorgfalt angebracht, die genauer beschreibt, welches Experiment oder welcher mathematische Zusammenhang sich mit welcher Aussage aus dem theoretischen Gebäude nicht in Einklang bringen lässt?
Die Mikrowelle... Experimente widerlegen die Spezielle Relativitätstheorie. Eine Aussage, die beweifelt wird... da fallen Begriffe wie unlogisch, absurd - aber das ist etwas anderes als widerlegt. Ohne nähere Kenntnisse ist eine vernünftige Einschätzung, wer hier Recht hat, nicht möglich. Die Diskussion beginnt auch schwer nachvollziehbar zu werden, weil die Zusammenhänge nicht genau erklärt werden. Was sich da genau gezeigt hat und welche Aussage damit falsifiziert wird, das wird nicht so genau beschrieben.
Und jetzt beginnt der Prozess zu entgleisen... ein persönlicher Angriff auf Hartwig Thim, der auf der verlinkten Seite als emeritierter Professor erkennbar ist. Inhaltlich kann ich längst nicht mehr folgen... und ob die Lichtgeschwindigkeit nun isotrop oder anisotrop ist - keine Ahnung. Immerhin hat sich hier ein strittiger Punkt herauskristallisiert... statt rationaler Argumentation im Sinne von "was spricht dafür, was spricht dagegen" mischen sich aber Andeutungen und Teilbeschreibungen mit persönlichen Angriffen.
Spätestens beim Satz:
"Sie verseuchen mit dieser Grütze nicht wirklich die Hirne von Studenten?" verging mir die Lust, weiter zu lesen. Ich kann nicht beurteilen, ob und inwieweit Hartwig Thim Recht hat oder nicht, was man als belegt ansehen kann und wo Korrekturen, Modifikationen oder eine völlig neue Fassung der Relativitätstheorie erforderlich wären. Bemerken lässt sich aber, dass die Diskussion zu einem Kampfgespräch geworden ist, in dem sich persönliche Beleidigungen häufen. Und damit komme ich zu der verständlichen Frage zurück, was Blogger mit einer solchen Diskussion anfangen können, sollen... wo man dem Treiben besser ein Ende setzt. Und ich meine, es macht einen Unterschied, ob es um einen eher privat angelegten Rundumblog geht oder das Etikett "Scienceblog" drübersteht. Zunächst meine persönliche Meinung: beleidigende Kommentare würde ich löschen, ganz einfach deshalb, weil Beleidigung ein Straftatbestand ist und dafür möchte ich keine Plattform liefern. Darüber kann man streiten, okay. Es gibt aber auch ein schräges Bild von Wissenschaft ab - denn nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise, wie Wissenschaftler miteinander umgehen, prägen das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit.
Eine Grundsatzfrage bezieht sich auf die Leserschaft - für wen sind Scienceblogs eigentlich gedacht? Für alle? Nur für Fachkreise? Sind sie Medium interdisziplinärer, aber dennoch fachbereichsinterner Wissenschafts- kommunikation? Sollen sie eine Informationsplattform sein, die auch Fachfremden, Laien, einfach Interessierten Einblicke gewährt, die Bildungs-Input, aber auch Orientierung bei der Berufswahl bzw. der Wahl eines Studienfaches geben können? Das Spannungsfeld zwischen fachlicher Präzision und Verständlichkeit ist dabei ein Thema für sich. Plausibel ist die Annahme: je spezifischer Dialoge in Kommentaren werden, umso mehr Lesende verstehen nur noch "Bahnhof".
Nun, ein Schritt, der mehr mit Übersichtlichkeit zu tun hat, zeigt sich im Eröffnen eines neuen Posts. Wenn Hunderte von Kommentaren ankommen, geht es offensichtlich um ein Thema, das viel Zündstoff enthält und viel Interesse weckt. Nur - wer soll denn 500, 900, 1900 Kommentare wirklich lesen? Kann mir Wurst sein, Salami gefällt mir besser: kleine Scheibchen abschneiden, Teilfragen gesondert diskutieren. Das macht die Sache übersichtlicher. Vielleicht hätte ich dann auch das Interesse behalten und wüsste jetzt mehr über die für mich immer noch spannende Figur Albert Einstein und seine Theorien.
Aber es gibt etwas, das mir mehr Sorge bereitet: wenn es in wissenschaftlichen Diskussionen nicht mehr um die Sache geht, das Ganze zu einer Schlammschlacht wird, geht die Erkenntnis, die doch meinen naiven Vorstellungen gemäss dabei herauskommen sollte, früher oder später darin unter.

Und das - ist relativ schade. Im Allgemeinen und im Speziellen. Da kann ich nur hoffen, dass sich solche Prozesse nicht mit Lichtgeschwindigkeit oder noch schneller ausbreiten...




Sonntag, 18. Oktober 2009

Blogreview: Miteinander sprechen (aktualisierte Fassung)


Mit anderen zu sprechen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Aus Frage und Antwort entwickelt sich das Gespräch, wenn es denn jemanden gibt, der "da ist" und antwortet. Ist da wer? - gibt es da jemanden, zu dem ich Kontakt aufnehmen kann?
Ein Gespräch ist nicht einfach ein Transport von Information. Gespräch bedeutet, dass gemeinsam Sinn entsteht. Das kann auch schief gehen - und dann stellt sich die Frage, was ist denn nun ein gutes Gespräch? Wann ist ein Gespräch nicht nur ein Scheingespräch, sondern ein echtes Gespräch?

Was ist Gesprächsfähigkeit? - Wovon hängt es ab, ob Verständigung gelingt, welche Faktoren bestimmen den Sinn im Gespräch? Missverständnisse sind schnell entstanden, und wenn etwas anders "ankommt" als es gedacht war, entsteht eine bestimmte Erfahrung: So war das nicht gemeint! In Gesprächen stellt sich auch einmal die Frage, ob etwas "stimmt", ob eine Aussage "wahr" ist. Was bedeutet das eigentlich? Was ist gemeint mit den Begriffen Realität und Wahrheit? Was steckt dahinter, wenn jemand sagt: Ich verstehe dich (nicht)? Wenn Verstehen etwas mit Zuhören zu tun hat - ist das dann so selbstverständlich, dass man sagen kann: Zuhören kann doch jeder?
In einem Gespräch viele Dinge klären - Klärungsziele und Klärungsfragen können dabei nützlich sein.
Ob aber ein Gespräch überhaupt zustande kommt, ist auch eine Frage der Gesprächsbereitschaft. Menschen interessieren sich für unterschiedliche Themen - es spricht viel dafür, unterschiedliche Interessen im Gespräch zu berücksichtigen. Es gibt immer Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche - und daraus können Konflikte entstehen, wenn etwas "strittig" wird. Das Strittige ist die Grundlage des Streitens. Im sprechwissenschaftlichen Sinn bedeutet es argumentieren. Wie so etwas "geht", zeigt der Blick auf Argumentationsfiguren. Ist Streiten, ist das Austragen von Konflikten immer ein gegeneinander oder gibt es auch ein Miteinander Streiten? Müssen Konflikte immer zu einem Konsens führen, um gelöst zu werden? Die Gegenüberstellung Konflikte und Passung zeigt auf, dass ein Konsens nicht immer nötig ist. Konflikte können destruktiv werden, zu einem Kampfgespräch werden - Klären, Streiten, Kämpfen, Entwerfen sind unterschiedliche Muster, mit unterschiedlichen Auffassungen umzugehen. Gespräche können aus verschiedenen Gründen schwierig werden. Vielleicht ist gar nicht klar, was eigentlich strittig ist. Als Alternative zum "Munterdrauflosstreiten" ergibt sich dann: Klären, was strittig ist - sich über Strittiges verständigen. Wenn es denn geht... so manches Gespräch scheitert an der fehlenden  Kritikbereitschaft: Kritik annehmen ist nicht für alle so einfach. Vielleicht steht dahinter eine besondere Ablehnungssensibilität, die einer tieferen Auseinandersetzung im Wege steht. Das subjektiv Indiskutable: Gedanken zur Todesstrafe sind ein Beispiel für "gefühlsbeladene Themen", bei denen ist manchmal kaum möglich ist, "sachlich" zu bleiben.
Problematisch können aber nicht nur Inhalte sein - das Thema Rollensegmente zeigt, dass man auch in einer bestimmten Rolle "aus der Rolle fallen" kann... Unangenehme Erfahrungen kann man machen, wenn Ideen im Gespräch einfach abgebügelt werden. Es geht aber auch anders. "Machen Sie das so": ermutigende Kommunikation hat Zukunft.
Nicht nur Gespräche "an sich" können ein Problem sein, Probleme können auch Thema in einem Gespräch werden. Damit das Problemlösen im Gespräch nicht selbst zum Problem wird, sind Orientierungshilfen sinnvoll - wie etwa das Modell PISCO, das sich mit Überlegungen zur Gesprächsführung verbinden lässt, wenn man Probleme gemeinsam lösen will.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 in Deutschland trat der Bereich politische Kommunikation in den Mittelpunkt: mit der Redeanalyse zu Steinmeiers Deutschland-Plan verbunden ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Politik. Das geplante Duell Merkel-Steinmeier zeigte sich mehr als "Duett" - und warf auch die Frage auf, ob politische Kampfrhetorik noch zeitgemäss ist.

Globale Probleme erfordern immer mehr internationale Zusammenarbeit. Dabei steht die Neigung, die Dinge aus der Perspektive der je eigenen Kultur zu betrachten, Ethnozentrismus also, dem Gespräch im Weg. Wie aber kann dann globale Kommunikation aussehen?
Mit der Weigerung, einem englischen Korrespondenten auf Englisch zu antworten, hat Guido Westerwelle einige Diskussionen aufgeworfen. Deutschtum und Diplomatie: passt das zusammen? Gerade die englische Formulierung "let's agree to differ" zeigt die Zusammenhänge zwischen sprachlichen Formulierungen und Denkmustern auf. Unterschiedliche Bewertungsebenen erklären einen Teil der Komplexität, die Konfliktsituationen aufweisen können. Wie hängen Erwartungen, Konflikte und die Frage der Verständigung zusammen?





Montag, 27. Juli 2009

Bloggen und die Realität

Noch ein kleiner Nachtrag zum Bloggertreffen... die Sahnetorte hat ja bereits ihren Ehrenplatz bekommen. Die ist weg, logischerweise. Das zeigt mal wieder: nicht alles, was Blogger produzieren, ist für die Ewigkeit bestimmt.... Es macht aber so manches plastischer, wenn erfahrbar ist, dass Blogs eben nicht eine rein künstliche Welt darstellen, die von virtuellen Figuren geschrieben werden.
Es klingt banal, ist aber eine bemerkenswerte Erkenntnis: Blogger gibt es wirklich, dahinter stehen lebendige Menschen. Themen gab es reichlich und so manches klingt noch nach... warum bloggen, was geschieht da rund um Blogs, wieviel wiegt das Internet? Etwas metaphorischer gefragt: welches Gewicht haben Blogs und was bedeutet das eigentlich, was da geschieht? Blogs bilden Realität ab, teilen etwas mit, das sich natürlich auch im direkten Gespräch mitteilen lässt. Aber eben über eine Entfernung, die sich auch mit Verkehrsmitteln nicht so leicht, nicht so schnell überbrücken lässt. Und dann begegnen sich Menschen, die sich im Grunde überhaupt nicht kennen und doch vetraut sind. Auf eine Art, die sich schwer beschreiben lässt. Blogger haben Zeit, sagen wir: nehmen sich Zeit fürs Bloggen, und so unterschiedlich die Motive auch sein mögen - es steht ein Bedürfnis dahinter, sich mitzuteilen.
Angedeutet war auch die Frage, ob sich im Internet Züge zeigen, die im Alltag nicht ausgelebt werden können oder dürfen - schaffen Blogs also ein Stück virtuelle Realität, gleichen etwas aus, das im realen Leben fehlt? Sind Blogs Ausdruck des Bemühens, zu sich selbst zu finden, Erfahrungen auszuwerten und der Frage nachzugehen, was sich nun damit anfangen lässt?
Auf der einen Seite war es schade, dass es ein kleiner Kreis war, das hatte aber auch seine Vorteile... es wird persönlicher, direkter, intensiver. Da stellt sich einen grundsätzliche Frage, die jeder und jede für sich bedenken kann - was zeige ich von mir im Internet, was möchte ich wirklich öffentlich zugänglich machen, wo sind die Stellen, die ich bei aller Öffentlichkeit privat belassen möchte, Aspekte meines Lebens, die nicht für alle nachvollziehbar sein müssen oder sein sollen?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass manche Blogger niemals zu einem Bloggertreffen fahren würden, allein aus Angst, dass sich dabei zeigen könnte, "was wirklich ist" - oder mit dem Hintergedanken, dass so ganz beiläufig etwas offenkundig werden könnte, das eben nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.
So manches werde ich also für mich behalten, auf die eine oder andere Art noch weiterdenken, ohne ausführlich darüber zu berichten. Da werden vielleicht manche neugierig sein, worüber sich Blogger wohl unterhalten, wenn sie sich dann einmal treffen... soviel sei "verraten": es ging nicht nur ums Bloggen. "Blogommunikation", mein Kunstwort für Kommunikationsprozesse rund um Blogs, unterscheidet sich in manchen Aspekten grundsätzlich vom direkten Gespräch - einer dieser Aspekte ist das Modell eines Filters, der im Internet so manches durchlässt, das im direkten Gespräch nicht "zugelassen" oder "erwünscht" wäre. So manches aber auch zurückhält, das für Kontakte "unter vier Augen" und nicht für eine breite Öffentlichkeit bestimmt ist. Es ist eine spannende Erfahrung, unterschiedliche Arten der Begegnung zu vergleichen - so manches, was im direkten Kontakt möglich ist, wäre im Internet nicht denkbar. Und umgekehrt.
Die Torte - die ist öffentlich geworden. So wie sie einmal war... aber was wirklich "Sahne" war, hat etwas Persönliches und bleibt ein Geheimnis.

Samstag, 2. Mai 2009

„Machen Sie das so…“: ermutigende Kommunikation

„Das würde ich aber nicht so machen“ – „SO geht das aber nicht“ – „Das wird nicht funktionieren“ – „So haben wir das ja noch nie gemacht“…
Mit Äußerungen dieser Art können Führungskräfte Mitarbeiter entmutigen, verunsichern, demotivieren. Hoch motivierte Menschen reduzieren ihr Engagement, wenig motivierte Mitarbeiter werden noch stärker gebremst. Kompetente Mitarbeiter werden gedemütigt, weniger kompetente lernen nichts dazu. Vor allem dann, wenn weder klare Anweisungen gegeben werden, WAS genau „geht“ noch WIE es „geht“ oder gehen soll. Vielleicht lohnt es sich, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten über ermutigende Kommunikation nachzudenken, die Kompetenzen anerkennt, stützt und gleichzeitig motiviert. Man kann viel darüber nachdenken, was Führungskräfte so alles falsch machen können – und die Frage aufwerfen, ob ein „altes“ Buch aus dem Jahr 1995 Impulse beinhaltet, die Stoff zum Nachdenken geben können. „Make it so“ (wörtlich übersetzt: „Machen Sie das so“ oder „Tun Sie das“) ist ein Buch von Wess Roberts und Bill Ross, die deutsche Ausgabe erschien 1996 Im Heyne Verlag. Aus „Make it so“ wurde „Picards Prinzip – Management by Trek“. Damit wird auch der Untertitel des Originals wiedergegeben: “Leadership Lessons from Star Trek. The Next Generation.“
Vorbild also ist Captain Jean-Luc Picard, etwas weniger draufgängerisch als James T. Kirk, etwas diplomatischer und geprägt von der Vorstellung, dass zu einem Captain eine „gewisse Genialität“ gehört. In schwierigen Situationen wendet er sich oft an sein Team und bittet um Vorschläge – und ermutigt Initiative mit den Worten „tun Sie das“. Das Zauberwort in der deutschen Variante ist „Energie“. In der amerikanischen Fassung taucht hier das Wort „engage“ auf – man kann es auch verstehen als Aufforderung zum Engagement.
Star Trek ist Sciene Fiction – und das so manche Idee technisch nicht realisierbar ist hat der Physiker Prof. Harald Lesch ausführlich erläutert und begründet. Was davon in welcher Situation übertragbar ist, wenn es um Führung, Teamarbeit und Krisenmanagement geht, ist ein umfassendes Thema. Als Orientierungsmarke für handlungsleitende Prinzipien jedenfalls läßt sich so mancher Gedankengang als Entwicklungsimpuls umsetzen. „Im 24. Jahrhundert arbeiten die Menschen nicht, um Geld zu verdienen, sondern um sich weiter zu entwickeln“ (Captain Picard im Star Trek-Film „Treffen der Generationen“). Wer also Interesse daran hat, sich mit den Prinzipien „Konzentration“, „Priorität“, „Initiative“ und anderen näher zu beschäftigen, könnte sich die Folgen unter diesem Aspekt einmal genauer ansehen – oder das Buch von Roberts und Ross lesen. Sollte Ihnen als Führungskraft der Gedanke sympathisch werden, ihre Mitarbeiter zu ermutigen oder als Muter, Vater, Lehrer… junge Menschen zu ermuntern: dann tun Sie das!

Energie!


Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

Oft gelesen