Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Donnerstag, 16. April 2009

Ich verstehe dich (nicht)…

Manchmal wird das eben so dahin gesagt: „ich verstehe dich“. Oder auch: „ich verstehe dich nicht“. Was bedeutet das eigentlich? Was ist Verstehen eigentlich? Ich verstehe dich – das kann bedeuten: ich kann nachvollziehen, was in dir vorgeht. Darin klingt das Mit-Fühlen an, Verstehen hat also hier etwas damit zu tun, Gefühle nachempfinden zu können. Ich verstehe dich – das kann aber auch einfach bedeuten, ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Da erscheint mir etwas logisch, vernünftig, begründet. Ich verstehe dich nicht – das kann bedeuten: ich kann dich nicht hören, vielleicht weil die Stimme zu leise ist, das Gesprochene so leise an mein Ohr dringt, dass ich die Worte, das Gesagte, und deshalb auch das Gemeinte nicht erfassen kann. Vielleicht ist es zu laut im Raum, vielleicht ist die Verbindung über ein Telefon gestört, vielleicht sprechen andere im Raum und machen mir Mühe, mich auf eine bestimmte Person zu konzentrieren. „Ich verstehe dich nicht“ kann bedeuten, dass die Logik, die Inhalte, die Einstellung, das Verhalten, nicht meine Zustimmung finden. Verstehen kann bedeuten, einverstanden zu sein, Nichtverstehen kann bedeuten, eben nicht zuzustimmen. Sind denn Verstehen und Einverständnis wirklich dasselbe?
Bedeutet „andere Menschen verstehen“ auch ihnen zuzustimmen? Kann man sich „verstanden fühlen“, auch wenn der oder die andere nicht zustimmt, eine andere Auffassung vertritt?
Und: wieso taucht hier in unserem Sprachgebrauch eigentlich das Fühlen auf? Was ist das für ein Gefühl, wenn man sich „verstanden fühlt“, welche Rolle spielen Gefühle überhaupt beim Verstehen?
Grundsätzlich kann es viel Verwirrung stiften, wenn verschiedene Begriffe durcheinander geraten, nicht klar genug auseinander gehalten werden. Also – Verstehen und Zustimmen sind zwei verschiedene Dinge. Verständnis ist nicht automatisch auch Einverständnis. Ein Gedankengang kann nachvollziehbar sein, eine Position („im Kopf“ oder rational) verständlich sein. Trotzdem muss ich diesem Gedankengang nicht zustimmen. Wenn man davon ausgeht, dass man verschiedene Dinge eben aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann, dann können mehrere Positionen verständlich sein, auch wenn sie sich widersprechen.
Ergänzt man die Formulierung „ich verstehe etwas oder jemanden“ durch verschiedene Inhalte, lassen sich Arten des Verstehens unterscheiden. Das gedankliche oder rationale Verstehen bezieht sich eher auf ein Thema, einen Gedankengang, eine Position. Das gefühlsmäßige, emotionale oder empathische Verstehen bezieht sich auf das innere Erleben, auf die Gefühlswelt einer anderen Person. „Ich verstehe etwas“ kann auch auf einen Sachverhalt bezogen sein. Verstehen heißt dann, Zusammenhänge zu erkennen, zu wissen, was wohin gehört, wie das Eine mit dem Anderen verbunden ist, welche Schlussfolgerungen aus einem bestimmten Sachverhalt abgeleitet werden können. Ich verstehe etwas – das kann bedeuten, ich kann mir etwas erklären, ich weiß, wie etwas funktioniert. Wenn jemand „etwas von einer Sache versteht“, so wird damit oft gemeint, dass jemand über Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt, die zu einem bestimmten Fach, der „Sache“ eben, gehören. „Davon verstehe ich nichts“ heißt oft: darüber weiß ich nichts. Indirekt ist damit die Vorstellung verbunden, dass Wissen automatisch auch Sachverstand bedeutet. Darüber kann man sich nun auch streiten…
Verstehen hat etwas mit Wissen zu tun – deutlich wird es dort, wo man etwas nicht versteht, weil man die gesprochene Sprache nicht kennt oder nicht weiß, was ein bestimmter Begriff bedeutet. Wer sich um das Verstehen bemühen möchte, kann sich angewöhnen, nachzufragen – das scheint manchen peinlich zu sein. Wer nachfragt, gibt ja damit zu, etwas nicht zu wissen. So kann man das sehen. Oder: wer nachfragt, zeigt Interesse. Habe ich das richtig verstanden? Es kommt auf einen Versuch an: nachfragen, wenn etwas unklar ist. Habe ich dich richtig verstanden? Wie meinst du das? Oder: was meinst du damit? Dort wo aus einem leichtfertig dahingesprochenen „ich verstehe dich“ das erfahrbare Bemühen wird, nachzuvollziehen, was der oder die andere wirklich meint und welches innere Erleben damit verbunden ist, kann so manches deutlich werden, das bislang unverständlich blieb. Alles sofort bis in den letzten Winkel verstehen zu wollen, das ist ein (zu) hoher Anspruch. Langsam und schrittweise etwas mehr, etwas besser verstehen, das aber ist möglich und erreichbar. Dann kann es geschehen, dass aus dem Miteinandersprechen wirklich ein gemeinsames Verständnis füreinander wird. Wir verstehen uns.
Wie das geht? Am Anfang steht etwas, das so einfach erscheint und doch so schwer sein kann: das Zuhören.

Kommentare:

  1. Rolf, Du schreibst:
    Alles sofort bis in den letzten Winkel verstehen zu wollen, das ist ein (zu) hoher Anspruch.

    Ganz genau Rolf, dann wären Psychologen nämlich arbeitslos.

    Ich finde es sehr interessant, dass Du Verstehen in verschiedene Arten einteilst.
    Sollte ich mich also in Zukunft fragen, welche Art des Verstehens ich bei meinem Gesprächspartner anwenden möchte?
    Sollte ich vor Gesprächsbeginn im stillen Kämmerlein auswürfeln, welche Art des Verstehens ich bei einem Gespräch anzuwenden gedenke, da ich mich nicht entscheiden kann(die emotionale Ebene, oder doch eher die sachliche Ebene)?
    Sollte ich mich vorher auf ein Gespräch vorbereiten? Geht das überhaupt? Und wann darf, oder sollte ich, die Zone des Zuhörens verlassen, nachdem ich den Gesprächspartner habe ausreden lassen? Sollte ich eine Schweigeminute, oder auch zwei, absolvieren? Fragen über Fragen. ;-)

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  2. In gewisser Weise ist die Unterscheidung ja künstlich, nicht als streng voneinander getrennt gedacht. Es ist eben nicht jede Form in jeder Lebenslage sinnvoll - manchmal geht es eben mehr um die Sache, im privaten Bereich eher um Beziehungen. Das Thema Gesprächsvorbereitung ist ein weites Feld. Wichtige Gespräche vorzubereiten ist sinnvoll, aber eben nur begrenzt möglich. Mündliche Prüfungen gehören dazu: obwohl oder gerade weil unklar ist, was da genau gefragt wird, hat die Vorbereitung auf möglichst viele mögliche Fragen eben Sinn. Das Ausreden lassen ist schon ein Zeichen von Höflichkeit - wichtiger als eine Schweigeminute scheint mir aber, ob auf das Gehörte (und irgendwie Verstandene) eingegangen wird. Ein Gespräch hat auch etwas damit zu tun, ob sich die Miteinandersprechenden aufeinander beziehen - oder nur Äußerungen aneinander reihen, die wenig miteinander zu tun haben. Die "Kunst des Aneinandervorbeiredens" ist noch ein Sonderthema... vielleicht hilft auch der nächste Blogbeitrag etwas weiter, in dem das sprechwissenschaftliche Situationsmodell verarbeitet ist. Ich fürchte, daraus entstehen noch mehr Fragen über Fragen...

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