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Mittwoch, 18. Juni 2025

Aufmerksamkeit im Gespräch

Aufmerksamkeit hat zunächst einmal etwas mit der Wahrnehmung zu tun. Aber es geht nicht einfach darum, die Augen aufzumachen, die Ohren aufzumachen, die ja sowieso offen sind und keine Ohrenlider haben - was für den einen oder die andere gelegentlich eher bedauerlich sein mag. Klar ist: so wie ein Computer nur einen begrenzten Arbeitsspeicher hat und nicht mehr richtig arbeiten kann, wenn es zuviel wird, ist auch die Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns begrenzt. Es liegt nahe, dass die Aufmerksamkeit schwankt und deshalb auch mehr Fehler passieren können, wenn jemand abgelenkt wird. Telefonieren oder Gespräche führen während einer Autofahrt - das kann am Steuer zum Problem werden. Neu ist - dass auch das Gegenteil gilt. Zumindest belegt eine neue Studie, dass umgekehrt auch das Autofahren die sprachlichen Fähigkeiten begrenzt und einschränkt.
Man kann sich einfach dabei schwer auf ein Gespräch konzentrieren - die Fähigkeit, Sprache zu benutzen und Sprache zu verstehen, nimmt ab. Art Kramer, Professor für Sozialpsychologie in Illinois, beschreibt das sehr drastisch: "This study shows that various aspects of language go to hell when you're driving" - verschiedene Aspekte der Sprache gehen beim Autofahren zum Teufel.  In den Untersuchungen benutzte Art Kramer zusammen mit dem Psycholinguisten Gary Dell einen Fahrsimulator. Unter den 96 Versuchspersonen war die Hälfte älter als 65 Jahre, die andere Hälfte etwa 20 Jahre alt. Paarweise zugeordnet sollte eine Person eine Geschichte erzählen, die andere später wiedergeben, was sie behalten hatte. Zunächst wurde gemessen, wieviele Details erinnert werden konnten, wenn der Fahrer einfach nur im Simulator saß. In der zweiten Phase ging es simuliert durch dichten Stadtverkehr - die zweite Person saß daneben oder telefonierte mit dem Fahrer. Diejenigen, die in der Simulation durch dichten Stadtverkehr fuhren, erinnerten sich an 20 Prozent weniger Details - die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu behalten, war also deutlich reduziert. Wer nun meint, den Jüngeren würde das nicht so gehen, täuscht sich: auch bei ihnen nahm die Fähigkeit, eine Geschichte wiederzugeben, sehr deutlich ab.

Bereits im Dezember 2008 wurde eine Studie veröffentlicht, dass Telefongespräche während einer Autofahrt die Aufmerksamkeit erheblich stören - mehr als ein direktes Gespräch. Und das gilt auch, wenn eine Freisprechanlage benutzt wurde.

Ein Zitat von Gary Dell aus der aktuellen Studie stimmt nachdenklich: "With modern technology, we're talking more and more while we are doing other things, but we may be understanding one another less and less." Übersetzt: Moderne Technologie füht dazu, dass wir mehr und mehr Gespräche führen, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind. Und dabei verstehen wir uns gegenseitig immer weniger.

Grund genug also, nicht nur beim Autofahren mit Gesprächen vorsichtig zu sein und vor allem im Stadtverkehr eben nicht zu telefonieren. Gespräche zu führen, wirklich gute Gespräche zu führen, das setzt eben auch die volle Aufmerksamkeit voraus. Es geht eben nicht immer nur so nebenbei.


Quellen:

University of Illinois at Urbana-Champaign (2010, January 22). Driven to distraction: New study shows driving hinders talking. ScienceDaily.

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/01/100122222222.htm

American Psychological Association (2008, December 1). Drivers Distracted More By Cell Phones Than By Passengers. ScienceDaily. 

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2008/12/081201081917.htm

s. auch: 

Sonntag, 18. November 2012

Rad ab? Vorurteile gegen Psychologen


Summary: In einer empirischen Studie wurden weit verbreitete Vorurteile und ihre Kovarianz mit dysfunktionalen Prozessen in der Psychotherapie untersucht. Aus mehr als dreihundert digitalisierten Therapieprotokollen wurden außerdem die relevantesten Vorurteile extrahiert und in 1587 Supervisionsstunden bis zum Erbrechen reflektiert. Es ist A. Schnurz und B. Piepegal ein wichtiges Anliegen, die Auflösung der Vorurteile voranzutreiben und die noch ungeklärten Fragen zu beantworten.

Stimmt es, dass Psychologen alle ein Rad ab haben?


Schnurz & Piepegal: „gelegentlich ja“. Vor allem, wenn ein Reifen platt ist, neigen Psychologen in ähnlicher Weise wie andere Akademiker, Nicht-Akademiker und Möchtegern-Akademiker dazu, das entsprechende Rad zu Reparaturzwecken zu entfernen. Empirische Studien haben gezeigt, dass sich Fahrzeuge mit plattem Reifen signifikant langsamer bewegen und die Funktionalität selbiger Gegenstände am besten durch das Dissoziieren des runden Teils vom Rest des Fahrzeugs wieder hergestellt werden kann. Also: „Rad ab, wenn es sein muss“ (Schnurz & Piepegal, a.a.O, S.197).

Haben alle Psychologen einen Hammer?

„Diese Hypothese konnten wir nicht bestätigen“, aber das ist A.Schnurz & B.Piepegal folgend nur eine Seite. Denn manche haben tatsächlich einen Hammer und rationalisieren die Anwendung dieses Werkzeugs mit der Kognition, die Fähigkeit unter Beweis stellen zu wollen, trotz des akademischen Hintergrunds einen Nagel in die Wand schlagen zu können. In der Tat zeigte ein nicht unerheblicher Teil der untersuchten Therapeutenbüros an der Wand hängende Bilder. Die Schlussfolgerungen sind A.Schnurz und B.Piepegal klar: dort musste jemand sein, der einen Hammer hat. Oder zumindest jemanden kennt, der einen Hammer hat.

Stimmt es, dass Psychologen nicht mehr alle Tassen im Schrank haben?

Diese Frage ließ sich in der empirischen Studie aus der Beobachtung von 537 Therapeutenbüros über einen Zeitraum von 2 Wochen ganz klar beantworten. Schnurz und Piepegal: „Ja, das stimmt, weil sie eine davon zum Kaffeetrinken brauchen.“ Bei Teetrinkern gilt die Kausalität in analoger Weise.

Mit einer multivariaten Varianzanalyse konnten die Autoren Zusammenhänge zwischen Art und Ausmaß der Vorurteile auf Patientenseite sowie konstruktiven bzw. dysfunktionalen Prozessen in der Psychotherapie ermitteln. Das Vorurteil „Rad ab“ reduzierte signifikant die Therapiemotivation bei Patienten, die Angst vor dem Autofahren hatten. Widersprüchliche Ergebnisse ergaben sich beim zweiten Vorurteil: bei manchen Patienten wirkte sich die Anwesenheit eines Hammers nicht auf den therapeutischen Prozess aus, bei Abwesenheit könnte ja schließlich der Nachbar gefragt werden. Patientinnen neigten eher dazu, die Beine beim Anblick eines Therapeutenhämmerchens übereinander zu schlagen und die Überprüfung des Kniesehnenreflexes zu erwarten. Bezüglich des dritten Vorurteils zeigten sich ebenfalls keine Effekte, sofern den Psychologen eine gewisse Privatsphäre zugestanden wurde. Wenn Besenkammer und Küchenschrank tabu sind, wird die Anzahl der sich dort befindlichen Schachteln, Schrauben und Tassen nach A.Schnurz und B.Piepegal irrelevant.

Literatur:

SCHNURZ & PIEPEGAL (2012). Rad ab? Vorurteile gegen Psychologen und ihre Kovarianz mit dysfunktionalen Prozessen in der Psychotherapie. Berlin, Ouagadudu, Los Angeles: Sure Camp Press.

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Sonntag, 30. September 2012

Wirkt Psychotherapie auch übers Telefon?


Die Schwelle zur Psychotherapie ist hoch - in Deutschland warten viele monatelang auf einen Therapieplatz, aber das ist nicht das einzige Problem. Die Angst vor der Therapie, die Befürchtung gesehen zu werden, die Schwierigkeit, gerade in ländlichen Regionen dort hin zu kommen, wo es Psychologische Psychotherapeuten gibt, hält zudem noch mehr Menschen davon ab, überhaupt einen Therapieplatz zu suchen. Wenn das alles auch per Telefon ginge, es hätte Vorteile, allen Bedenken, die da sein mögen zum Trotz. Vorteile und Nachteile lassen sich diskutieren, eine Frage ist dabei zentral: wirkt Psychotherapie denn überhaupt übers Telefon?
Immerhin fehlt der extraverbale Bereich, die Möglichkeit, Verhalten direkt zu beobachten, es fehlt der direkte Kontakt in einem gemeinsamen Raum.

In Cambridge wurde diese Frage untersucht: 39.000 Paiteten wurden dabei befragt, das ist eine beträchtliche Anzahl. Der Vergleich bezog sich auf Kognitive Therapie - in der einen Gruppe im direkten Kontakt, in der anderen übers Telefon. Für die meisten zeigten sich beide Varianten in gleicher Weise wirksam, ausgenommen ist dabei eine abgrenzbare Gruppe mit ernsthafteren Problemen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass Psychotherapie per Telefon auch jenen zugänglich ist, die aufgrund von Transportproblemen, beruflichen Verpflichtungen, körperlichen Einschränkungen oder anderer Probleme gar nicht in der Lage wären, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen. Außerdem waren die Kosten in der Studie für die Psychotherapie per Telefon deutlich geringer (im Originaltext sind 36,2% Kostenersparnis angegeben, die Zahl bezieht sich auf den Osten Englands).

Dem Wunsch der University of Cambridge, bei Bezugnahme auf diese Studie einen Link auf die ensprechende Seite zu setzen, komme ich gern nach:



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Mittwoch, 9. März 2011

Depression, Angst und körperliche Beschwerden

Wenn jemand sagt, "mir geht es gut", dann kann das im Prinzip mehreres bedeuten. Vielleicht bedeutet es, "ich fühle mich gut", vielleicht auch "ich bin körperlich fit". Oder auch beides. Nehmen wir an, das ist nicht der Fall und ein Arztbesuch ist fällig. Erzählen die Leute dann mehr körperliche Beschwerden, wenn es ihnen auch psychisch nicht gut geht? Tut mehr weh, gibt es mehr oder stärkere Schmerzempfindungen, wenn die Psyche angeknackst ist?
Da könnte durchaus ein Zusammenhang bestehen... irgendwie scheint das auf der Hand zu liegen.

Depressionen und Angst haben tatsächlich einen Einfluss darauf, wie ausgeprägt die Symptome sind, die beim Arztbesuch berichtet werden. Allerdings auf unterschiedliche Art:
Depressive berichten mehr Beschwerden aus der letzten Zeit, erinnern sich also stärker an unangenehme Körperempfindungen - vielleicht sogar mehr als tatsächlich vorhanden waren.
Ängstliche dagegen sind stärker an der Gegenwart orientiert und interpretieren unklare Körpersignale schneller als Hinweis darauf, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist.


Eine Grundsatzfrage dabei ist, wie eine Beurteilung möglich sein soll, ob jemand mehr Symptome berichtet als tatsächlich vorhanden sind oder waren - und dazu ist ein Blick auf die Methode nötig, mit der die Zusammenhänge untersucht wurden.

Erster Teil der Studie: 144 Studenten wurden befragt, sollten das Ausmass ihrer depressiven Stimmungen einschätzen, anschließend bei 15 körperlichen Symptomen angeben, wie häufig diese in den letzten 3 Wochen aufgetreten waren.
Das Ergebnis: ein höheres Mass an depressiven Verstimmungen korreliert mit mehr körperlichen Symptomen. Anders: wer "mies drauf" ist, dem geht es auch körperlich schlechter.

Zweiter Teil der Studie: 125 Studenten wurden in verschiedenen Gruppen eingeteilt, dann wurden verschiedene Gefühlszustände angeregt - Ärger, Angst, Glück, Depression oder "neutral". Anschließend wurden 24 körperliche Symptome abgefragt (Schwäche bzw. Erschöpfung, Herzbeschwerden, Muskelschmerzen und Magenbeschwerden) - verbunden mit der Gegenwart, also ob sie jetzt gerade vorhanden sind.
Die Versuchspersonen aus der Angstgruppe berichteten dabei mehr körperliche Symptome als die anderen.

Ein Einwand: könnte es nicht sein, dass gerade das Auslösen von Angst zu körperlichen Symptomen führt, der zweite Teil also nichts anderes bedeutet, als selbstversteckte Ostereier gefunden zu haben? Bei Herzbeschwerden wäre das nachvollziehbar, bei Erschöpfung allerdings nicht - wenn es also generell zu mehr Beschwerden kam (und nicht nur jenen Effekten, die für Anstzustände typisch sind), dann scheint doch etwas dran zu sein.

Dritter Teil: 120 Studenten wurden ähnlich wie im zweiten Teil in unterschiedliche Stimmungszustände versetzt. Diesmal wurden gegenwärrtige UND vergangene Symptome abgefragt. Im Durchschnitt beschrieben die Ängstlichen fünf Symptome zum gegenwärtigen Zeitpunkt, die anderen Gruppen nur eins oder zwei. Die Depressiven erinnerten sich an durchschnittlich 7 Symptome aus den letzten 3 Wochen, die anderen Gruppen im Schnitt drei.

Die Forscher sind sich dessen bewusst, dass diese Ergebnisse auch problematische Schlussfolgerungen nahelegen können. Sinngemäß könnte daraus im ärztlichen Kopf werden, dass Depressive und Ängstliche eben gern mal übertreiben, entweder für den Moment oder in bezug auf die letzte Zeit. Damit, so ihr Vorschlag, lässt sich aber auch vorsichtiger umgehen - entweder, indem Angehörige ebenfalls gefragt werden oder mithilfe eines Tagebuchs, in dem die Patienten ihre Beschwerden aufzeichnen. Einen zweiten kritischen Punkt greifen sie ebenfalls auf: das Alter der Studenten, das die Übertragung auf die Patientenschaft in einer Arztpraxis fragwürdig erscheinen lässt. Eine weitere geplante Studie soll sich deshalb mit Älteren beschäfigen, um herauszufinden, ob der Effekt auch bei einer Altersgruppe um die 40 auftritt.

Bleibt als vorsichtiges, aber immerhin plausibles Resumée: körperliche Beschwerden werden durch psychische Beschwerden wie Depressionen oder Angst beeinflusst. Auf unterschiedliche Art.

Quelle:

Science Daily


Die Studie im Original:
M. Bryant Howren, Jerry Suls. The symptom perception hypothesis revised: Depression and anxiety play different roles in concurrent and retrospective physical symptom reporting.. Journal of Personality and Social Psychology, 2011; 100 (1): 182 DOI: 10.1037/a0021715

Samstag, 16. Oktober 2010

HIlft Yoga bei Fibromyalgie?

Schmerzen überall und die Ursache ist nicht so ganz klar: Fibromyalgie ist ein Begriff dafür und die Frage ist, was da helfen kann, wenn es (noch) keine optimale Behandlung dafür gibt. In Oregon wurden verschiedene Methoden untersucht, die sich gegen Fibromyalgie einsetzen lassen. Und dabei ging es auch um Yoga.

53 Frauen mit der Diagnose Fibromyalgie wurden per Zufall einer von zwei Versuchsgruppen zugeordnet. Eine Gruppe nahm an einem achtwöchigen Yogaprogramm teil, zu dem verschiedene Übungen, Meditationen und Gruppendiskussionen gehörten. Die zweite Gruppe wurde rein medikamentös behandelt. In beiden Gruppen wurden Fragebögen eingesetzt, die Yogagruppe sollte außerdem ein Tagebuch führen.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Yoga bei einer Reihe von Fibromyalgiesymptomen wirksam ist - Schmerzen, Steifigkeit, Schlafstörungen, Depression, Gedächtnisstörungen, Angst und emotionale Instabilität konnten deutlich reduziert werden. Schmerzen gingen um durchschnittlich 24% zurück, Müdigkeit um 30%, depressive Symptome um 42%.

Die Autoren (Carson et. al., s. Literaturangabe) weisen darauf hin, dass die Teilnehmerinnen sehr aktiv gewesen waren und die Übungen zuhause fortsetzen wollten. Insgesamt zeigen auch die früheren Studien der Forschergruppe die Wirksamkeit von Yoga bei Schmerzstörungen auf.

Insgesamt, so die Schlussfolgerungen von James Carson, besteht die beste Behandlungsmethode für Fibromyalgie also aus einer Kombination aus Medikamenten, Körperübungen und der Entwicklung von spezifischen Bewältigungsstrategien.


Anmerkung: Informationen über Fibromyalgie und eine Broschüre mit einfachen Bewegungsübungen finden sich auch auf der Website der Deutschen Rheuma-Liga. 


Die Studie im Orignal:

James W. Carson, Kimberly M. Carson, Kim D. Jones, Robert M. Bennett, Cheryl L. Wright, Scott D. Mist. A pilot randomized controlled trial of the Yoga of Awareness program in the management of fibromyalgia. Pain, 2010; 151 (2): 530 DOI: 10.1016/j.pain.2010.08.020

Quelle:

Oregon Health & Science University (2010, October 14). Yoga can counteract fibromyalgia, study suggests. ScienceDaily. Retrieved October 16, 2010, from http://www.sciencedaily.com­/releases/2010/10/101014083119.htm

Samstag, 14. August 2010

Glückliche Mitarbeiter - und der Laden läuft

Es ist leicht nachvollziehbar, dass Arbeit bei den Beschäftigten einen großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat - schließlich verbringen sie dort viel Zeit. Es gibt bereits einige Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen arbeitsbezogenen Einstellungen und Gesundheitsproblemen wie Herzkrankheiten, Burnout und Depression. Solche Einstellungen haben aber auch einen großen Einfluss auf den Umsatz eines Unternehmens. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, in der mehr als 2000 Abteilungen von 10 großen Unternehmen untersucht wurden.
Die Beschäftigten wurden dabei befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Arbeitsplatz waren, wie lange sie schon dort beschäftigt waren, wie sie sich Kunden gegenüber verhalten hatten und wie zufrieden sie mit ihrem Gehalt waren. Die Analyse der Daten zeigte dabei einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit der Mitarbeiter und dem Umsatz des Unternehmens auf. Positive Einstellungen zu den Arbeitsbedingungen zeigten sich in einer längeren Beschäftigungsdauer, höherer Loyalität gegenüber der Kundschaft und höherem Umsatz des Unternehmens.

Die Studie im Original:

Association for Psychological Science (2010, August 14). Happy employees may be the key to success for organizations. ScienceDaily. Retrieved August 14, 2010, from
http://www.sciencedaily.com/releases/2010/08/100813121920.htm

Literatur:

1. Manon Mireille LeBlanc, Julian Barling. Workplace Aggression. Current Directions in Psychological Science, 2004; 13 (1): 9 DOI: 10.1111/j.0963-7214.2004.01301003.x
2. H. R. Bowles, M. Gelfand. Status and the Evaluation of Workplace Deviance. Psychological Science, 2009; 21 (1): 49 DOI: 10.1177/0956797609356509
3. Paul E. Spector. Employee Control and Occupational Stress. Current Directions in Psychological Science, 2002; 11 (4): 133 DOI: 10.1111/1467-8721.00185
4. J. K. Harter, F. L. Schmidt, J. W. Asplund, E. A. Killham, S. Agrawal. Causal Impact of Employee Work Perceptions on the Bottom Line of Organizations. Perspectives on Psychological Science, 2010; 5 (4): 378 DOI: 10.1177/1745691610374589

Freitag, 6. August 2010

Depression und Alzheimer



Die Erkrankung Morbus Alzheimer ist oft mit Depressionen verbunden, das ist bereits bekannt. Aber wie sieht das nun mit den Zusammenhängen aus, wenn es welche gibt? Sind depressive Symptome ein frühes Warnsignal, das eine Alzheimererkranung ankündigen kann oder einfach ein Risikofaktor? Eine Studie an der Rush University beschäftigt sich mit dieser Frage und wurde in der Zeitschrift Neuroloy veröffentlicht.
357 an Alzheimer erkrankte Personen wurden über 3 Jahre hinweg untersucht und weil die Selbstdarstellung nicht immer sehr zuverlässig ist, wurden ergänzende Informationen herangezogen, wie sich depressive Symptome entwickelten - Familienangehörige und Freunde der Betroffenen kamen deshalb in Interviews zu Wort, um eine zusätzliche Einschätzung von außen zu bekommen.
Robert S. Wilson, einer der Autoren der Studie, stellt fest, dass Depression nicht als unvermeidlicher Bestandtelil des Krankheitsbilds Alzheimer betrachtet werden sollte - Depressionen erhöhen aber das Risiko, zusätzlich an Morbus Alzheimer zu erkranken. Warum das so ist, bleibt noch offen.

Die Studie im Original:

R.S. Wilson, G.M. Hoganson, K.B. Rajan, L.L. Barnes, C.F. Mendes de Leon, and D.A. Evans. Temporal course of depressive symptoms during the development of Alzheimer disease. Neurology, 2010; 75: 21-26

Quelle:

Science Daily
Rush University Medical Center (2010, August 5). Depression is a risk factor and not an early sign of Alzheimer's disease, study suggests. 
ScienceDaily. Retrieved August 6, 2010, 
from http://www.sciencedaily.com/releases/2010/07/100705190530.htm

Freitag, 28. Mai 2010

Machos am Steuer

Montreal, Psychologische Fakultät der Uni. Wieviel 'Macho' steckt im Mann und wie zeigt sich das am Steuer? Eine Wagen sollten sie 'fangen', überholen also, das war die Anweisung für 22 Männer, die in einem Fahrsimulator untersucht wurden. Eingeschätzt wurden sie mit dem ADMI (Aubum Differential Maculinity Inventory), das anhand von 60 Fragen eine Einschätzung erlaubt, wie ausgeprägt der Macho ist... Indikatoren sind dabei Einstellungen wie "Männer die weinen, sind schwach" oder "Männer sind grundsätzlich intelligenter als Frauen". Was sich im Simulator beobachten lässt, sind Risikobereitschaft und Aggressivität am Steuer. Und die Ergebnisse?
Die ausgeprägten Machos fahren aggressiver, übertreten häufiger Verkehrsregeln, gehen mehr Risiken ein. Mit der Vorinformation, die Aufgabe sei in 7 Minuten zu schaffen, wird eine Verfolgungsjagd inszeniert, die nach 4 Minuten zum Ziel führt. Die Lässigeren brauchen 12 Minuten, fahren dafür aber auch vorsichtiger.
Julie Langlois greift in der Interpretation der Ergebnisse auf ein Konzept zurück, dass sich mit dem Begriff der 'symbolischen Selbstergänzung' beschreiben lässt: das Auto wird zur äusseren Erweiterung des Selbst und kann zu irratonalen obsessiven Tendenzen führen. Es scheint tief im männlichen Sterrotyp verwurzelt zu sein, durch Aggressivität und riskantes Verhalten sich selbst beweisen zu wollen. Das Fahrzeug als Vehikel, die eigene Persönlichkeit auszudrücken, mag ein typisch männliches Phänomen sein.

Kommentar: wenn mann eine Ecke weiter denkt, zeigt sich, wie dumm dieses aggressive männliche Macho-Stereotyp ist.

Quelle:
University of Montreal (2010, May 27). Macho men a liability on roads, study finds. ScienceDaily. Retrieved May 27, 2010,
from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/05/100526111332.htm

Freitag, 21. Mai 2010

Musik macht stark, schlau und beruhigt

'Eine Sonate täglich, 30 Minuten lang': so lautete die Dosierung des Medikaments "Mozart" für frühgeborene Babies, deren Entwicklung gefördert werden sollte. Dr. Dror Mandel und Dr. Ronit Lubetzky (Tel Aviv) stellten dabei fest, dass Mozart das Wachstum förderte - die Babies wurden ruhiger, verbrauchten weniger Energie, nahmen deshalb schneller zu und wurden stärker. Mozart wirkt also beruhigend auf Neugeborene, aber die musikpsychologische Forschung interessiert sich noch für ganz andere Fragen: macht Mozart denn auch schlau?
An der Universität gingen Jakob Pietschnig, Martin Voracek und Anton K. Formann dieser Frage nach. Vorausgegangen war eine Studie aus dem Jahr 1993, in der Frances H. Rauscher (Unversity of Califonia) bei Studenten höhere geistige Fähigkeiten bei Studenten beobachtet hatte, die zuvor Mozarts Sonate für zwei Klaviere (KV 448) gehört hatten. Fünf Jahre später wurde deshalb in Georgia ein Gesetz erlassen, das jeder Mutter eines Neugeborenen eine CD mit klassischer Musik zubilligte. In Florida wurde ein Gesetz verabschiedet, das in jeder Kinderkrippe mindestens eine Stunde klassischer Musik pro Tag vorsah. So ganz überzeugt war die Fachwelt allerdings nicht davon, dass Mozart (die Musik wohlgemerkt, nicht die Mozartkugeln!) wirklich schlau macht... Replikationsstudien wollte es nicht so recht gelingen, den Effekt erneut nachzuweisen. An der Uni in Wien wurden deshalb 40 Studien mit einer Metaanalyse untersucht, um herauszufinden, ob es diesen 'Mozarteffekt' denn nun wirklich gibt. Bestätigen konnten sie die Forscher ihn nicht - und bezeichen den Mozarteffekt als eine Legende, das Hören allein macht nicht schlauer.
Aber gut für das Herz soll es sein.... Ob das nun wieder stimmt, untersuchten J.Bradt und C.Dileo in Philadelphia. Nach der Sichtung von 23 Studien mit insgesamt 1.461 Patienten, die sich nach einem Herzinfarkt in einer Klinik befanden. Nur zwei davon bezogen sich direkt auf die Wirkung von Musiktherapie, die meisten untersuchten einfach den Effekt von Musik-CDs. Herzschlag und Blutdruck gehen zurück, Ängste lassen sich reduzieren, die Stimmung lässt sich verbessern. Insgesamt ist die Formulierung eher vorsichtig: "music listening may be beneficial for heart diesease patients" - Musik zu hören kann für Herzpatienten heilsam sein. Dass sich dabei auch begleitende Depressionen lindern lassen, lässt sich nicht bestätigen. Offen bliebt dabei, welche Art von Musik, welcher Stil wirksam ist und wo die Möglichkeiten einer spezifischen Musiktherapie liegen.
Was macht denn nun Musik angenehm, welche Elemente sind es, die darüber entscheiden, ob Musik 'gefällt', 'gut klingt' oder als schrecklicher Missklang empfunden wird? Josh McDermott et. al. befragten in Minnesota 250 Studenten nach ihren Höreindrücken, varrierten dabei Klänge, harmonische und disharmonische Frequenzen. Harmonische Klänge werden meist als angenehmer empfunden - und das vor allem von jenen, die selbst ein Instrument zu spielen gelernt haben. Ob diese Ergebnisse in anderen Kulturen genauso aussehen, bezweifeln die Forscher - die naheliegende Annahme besagt, dass das Angenehme in der Musik eben auch eine Frage der Hörgewohnheiten ist. Dort also, wo andere Klänge und Rhythmen stärker verbreitet sind, wird auch eine andere Art von Musik als angenehm empfunden. Unterschiede und Vielfalt sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Musik bleibt also immer auch Geschmackssache, kann sehr angenehme Wirkungen haben, beruhigen und besänftigen, ist aber auch kein Wundermittel, das alle Probleme löst und Genialität aus dem Kopfhörer zaubert. Eine persönliche Frage also, der sich nachzugehen lohnt: was gefällt mir persönlich? Was tut mir gut, wirkt auf mich angenehm, anregend oder entspannend? Dabei muss es nicht immer Mozart sein. Aber es kann. Womöglich wird der eine oder die andere dabei doch schlauer?


Literatur:

Bradt J, Dileo C. Music for stress and anxiety reduction in coronary heart disease patients. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2009, Issue 2. Art. No.: CD006577 DOI: 0.1002/14651858.CD006577.pub2

Josh H. McDermott, Andriana J. Lehr, and Andrew J. Oxenham. Individual Differences Reveal the Basis of Consonance. Current Biology, 2010; DOI: 10.1016/j.cub.2010.04.019

Jakob Pietschnig, Martin Voracek, Anton K. Formann. Mozart effect-Shmozart effect: A meta-analysis. Intelligence, 2010; 38 (3): 314 DOI: 10.1016/j.intell.2010.03.001

Frances H. Rauscher, Gordon L. Shaw, Catherine N. Ky. Music and spatial task performance. Nature, 1993; 365 (6447): 611 DOI: 10.1038/365611a0

Quellen:

American Friends of Tel Aviv University (2010, January 8). Mozart therapy: A sonata a day keeps the doctor away. ScienceDaily. Retrieved May 21, 2010, from http://www.sciencedaily.com/releases/2010/01/100107132551.htm

University of Vienna (2010, May 10). Mozart's music does not make you smarter, study finds. ScienceDaily. Retrieved May 21, 2010, from 

Wiley - Blackwell (2009, April 16). Music Reduces Stress In Heart Disease Patients. ScienceDaily. Retrieved May 21, 2010, from 

Cell Press (2010, May 20). What makes music sound so sweet (or not). ScienceDaily. Retrieved May 21, 2010, from 

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Dienstag, 18. Mai 2010

Lassen sich Posttraumatische Belastungsreaktionen vorhersehen?

Auf traumatische Erlebnisse reagieren nicht alle gleich - manche bekommen ernsthafte Probleme, die mit dem Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung bezeichnet werden. Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts zeigt nun, dass sich anhand des Schlafmusters vorhersehen lässt, wer Probleme bekommen wird und wer nicht. Die Untersuchung ist in deutscher Sprache abrufbar, deshalb begnüge ich mich hier mit einem kurzen Hinweis und der Quellenangabe.
 
Literatur:

Victor I Spoormaker.; Anna Sturm; Katia C Andrade; Manuel S Schröter; Roberto Goya-Maldonado; Florian Holsboer; Thomas C Wetter; Philipp G Sämann; Michael Czisch. The Neural Correlates and Temporal Sequence of the Relationship Between Shock Exposure, Disturbed Sleep and Impaired Consolidation of Fear Extinction. The Journal of Psychiatric Research, 13. Mai, 2010

Quelle:

Wer wird durch ein traumatisches Erlebnis krank? (Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft)


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Montag, 17. Mai 2010

Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie

(aktualisiert)

Die Aufstellung ist noch nicht vollständig und wird nach und nach ergänzt. Die Zusammenstellung zeigt aber zwei grundsätzliche Einsichten: psychodynamische Therapie und Verhaltenstherapie lassen sich in ihrer Wirksamkeit bestätigen. Und: die Wirksamkeit wurde meist bei spezifischen Problembereichen nachgewiesen. Im Einzelfall können beide Ansätze wirksam sein, manchmal ist der eine oder andere besser. Es gibt Grenzen, wenn es um Psychosen geht. Manchmal ist die begleitende Behandlung mit Medikamenten sinnvoll. Und... manchmal finden sich auch Belege für Therapieansätze, die nicht als wissenschaftlich anerkannt gelten.

Mai 2010: Kunsttherapie hilft Kindern mit Asthma, baut Ängste ab und erhöht die Lebensqualität
Februar 2010: Verhaltenstherapie verbessert den Schlaf bei Schmerzpatienten 
Februar 2010: Hypnose hilft gegen Schmerzen bei Frauen mit Brustkrebs und Metastasen

Januar 2010: Psychodynamische Therapie wirkt bei vielen psychischen Störungen wie Angst, Panik, Depression.

Juni 2009: Kognitive Verhaltenstherapie nützt nichts bei Schizophrenie und zeigt nur begrenzte Wirkung bei biploaren Störungen

April 2009: Kognitive Verhaltenstherapie hilft bei älteren Erwachsenen, die Sorgen zu lindern

April 2009: Kognitive Verhaltenstherapie lindert Schmerzen

November 2008: Psychodynamische Therapie wirkt bei Depressionen

Oktober 2008: Bei Persönlichkeitsstörungen und chronifizierten psychischen Störungen ist eine längere Psychotherapie besser

November 2007: Verhaltensherapie, die durch Medikamente begleitet wird, hilft depressiven Teenagern, die gleichzeitig Substanzen missbrauchen
September 2007: Familientherapie erhöht die Wirksamkeit der Therapie von Bulimie bei Teenagern
März 2007: Psychodynamische Therapie wirkt bei Panikstörungen

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Kunsttherapie hilft Kindern mit Asthma

Wenn Kinder Asthma haben, ist nicht nur der Körper betroffen - auch die Lebensqualität und die gesunde psychische Entwicklung sind beeinträchtigt. Im Rahmen eines pädiatrischen Programms setzt deshalb das National Jewish Health Center in Denver Kunsttherapie ein und untersuchte vor kurzem die Wirksamkeit dieser Therapieform.
Sinn der Kunsttherapie ist es, den Ausdruck von Gefühlen zu ermöglichen, ob es dabei nun um körperliche Erkrankungen, traumatische Erlebnisse oder sonstige Belange geht. Die Forscher glauben, dass Kunstwerke dabei helfen, einen Abstand zu sich und körperlichen Beschwerden zu finden. In der Studie wurde 22 Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren (Diagnose: chronisches Asthma) zufällig einer von zwei Gruppen zugeordnet. In der einen Gruppe wurden 7 kunsttherapeutische Sitzungen zu je 60 Minuten durchgeführt, in der Kontrollgruppe nicht. Im Verlauf der kunsttherapeutischen Sitzungen sollten Diskussionen angeregt werden, der Ausdruck von Problemen im Umfeld der Belastungen durch die chronische Erkrankung sollte ermöglicht, die Problemlösung gefördert werden. Dabei zeigte die Kunsttherapiegruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe deutliche Verbesserungen in bezug auf Problemlösestrategien, Kommunikation, Lebensqualität, einen Abbau von Ängsten und eine höhere Selbsteinschätzung (Kommentar: mit 'self-concept-scores' könnte auch das Selbstwertgefühl gemeint sein). Die positiven Ergebnisse blieben auch 6 Monate danach bestehen. Bruce Bender, Professor für Pädiatrie im National Jewish Health, beschreibt Kunsttherapie deshalb als sinnvolle Ergänzung der medizinischen Behandlung. Kinder verfügen eben nicht über dieselben Möglichkeiten wie Erwachsene, sich sprachlich auszudrücken, wenn es um Gefühle, Wahrnehmungen oder Überzeugungen geht - andere Ausdrucksformen erleichtern deshalb die Mitteilung und Verarbeitung belastender Situationen.


Literatur:


Anya Beebe, Erwin W. Gelfand, Bruce Bender. A randomized trial to test the effectiveness of art therapy for children with asthma. The Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2010; DOI: 10.1016/j.jaci.2010.03.019


Quellen:

National Jewish Health: Study Demonstrates Art Therapy's Effectiveness in Pediatric Asthma, 12.05.2010

National Jewish Medical and Research Center (2010, May 12). Study demonstrates art therapy's effectiveness in pediatric asthma. ScienceDaily. Retrieved May 17, 2010, from http://www.sciencedaily.com/releases/2010/05/100512141914.htm

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Freitag, 14. Mai 2010

Depressionen: Umdenken ist besser als Verhaltensänderung

Die grundsätzlichen Überlegungen haben bereits eine lange Tradition, aber es ist trotzdem interessant, dass Studien immer wieder die Wirksamkeit Kognitiver Therapie bestätigen. Daniel Strunk (Ohio State University, USA) ging der Frage nach, ob bei schweren Depressionen der Aufbau von Aktivitäten (also der direkte Ansatz am Verhalten) oder die Bearbeitung negativer Gedanken wirksamer ist. 60 Patienten mit der Diagnose  Major Depression (entspricht im ICD-10 der schweren depressiven Episode) wurden in zwei Universtitätskliniken von 6 Therapeuten mit Methoden der Kognitiven Therapie behandelt. Die Therapiesitzungen wurden auf Video aufgezeichnet. Geschulte Beobachter sollten dann beurteilen, wie stark die Therapeuten in den ersten vier Sitzungen Verhaltensaspekte beziehungsweise depressive Gedankengänge in den Vordergrund stellten. Nach jeder Sitzung wurde der Schweregrad der Depression mit einem Patientenfragebogen ermittelt. Untersucht wurde schließlich der Zusammenhang zwischen angewandten Methoden und dem Grad der Verbesserungen, die sich von einer Sitzung zur nächsten ergeben hatten. Die Konzentration auf die ersten Sitzungen beruht dabei auf der Erfahrung, dass meist gerade in der Anfangsphase die deutlichsten Entwicklungen beobachtbar sind.

Therapeuten, die sich vor allem auf die Verhaltensebene konzentrierten, erreichten nicht sehr viel - die deutlichsten Fortschritte ergaben sich dann, wenn kognitive Strategien im Vordergrund standen. Umdenken also, die Bearbeitung depressiver Gedankengänge und Überzeugungen, zeigt sich als hilfreich und verbessert die Befindlichkeit. Die weiteren Beobachtungen sind im Prinzip auch nicht neu - und durchaus einleuchtend. Die Behandlungserfolge waren besser, wenn die Patienten mit ihren Therapeuten zusammen einen Behandlungsplan erarbeiteten und umsetzten. Bessere Ergebnisse ergaben sich auch, wenn die Patienten den Therapieverlauf aktiv mitgestalteten und offen für die Vorschläge ihrer Therapeuten waren.

Eine der Fragen, mit denen sich die Forscher in Ohio beschäftigen betrifft die Wirkungsweise der Kognitiven Therapie überhaupt. Geht es um Techniken, die man einüben und entwickeln kann oder mehr um die Veränderung der Selbstwahrnehmung, Selbsteinschätzung und das Selbstbild?

Insgesamt bewirkt die Bearbeitung negativer Denkmuster und die realistischere Einschätzung von Ereignissen mehr als eine reine Verhaltensänderung.

Kommentar: Aaron T. Beck beschrieb bereits 1970 typische Denkmuster bei Depressionen, die als 'Kognitive Triade' bezeichnet werden. Depressive bewerten sich selbst, die Umwelt und die Zukunft negativ. Logischerweise müsste Kognitive Therapie also vor allem dann wirksam sein, wenn es gelingt, eine positivere Bewertung in diesen Bereichen zu ermöglichen. Dieses Umdenken, das zu einer neuen Bewertung von Ereignissen führt, ist der entscheidende Aspekt in der Therapie.


Literatur:

Beck, A.T. Cognitive Therapy: Nature and Relation to Behavioral Therapy. In: Behavioral Therapy, 1970, 1, S. 184-200.

Daniel R. Strunk, Melissa A. Brotman, Robert J. DeRubeis. The process of change in cognitive therapy for depression: Predictors of early inter-session symptom gains. Behaviour Research and Therapy, 2010; DOI: 10.1016/j.brat.2010.03.011

Quelle:

Ohio State University (2010, May 12). Changing thoughts key to battling even severe depression. ScienceDaily. Retrieved May 14, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2010/05/100512125257.htm
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Dienstag, 11. Mai 2010

Kognitive Teletherapie bei Depressionen

Der Begriff 'Cognitive-Behavioral Teletherapy' bezeichnet eine Therapieform, die über das Telefon praktiziert wird. Die Frage ist, ob eine solche Variante effektiv ist - fehlt da nicht etwas, wenn der direkte persönliche Kontakt 'Auge in Auge' auf die rein fernmündliche Kommunikation beschränkt ist?

An der Brigham Young University (Utah, USA) wurde diese Frage untersucht. 30 Patienten, bei denen eine klinische Depression diagnostiziert war, nahmen an einer Kurztherapie mit 8 Telefonaten teil - die Gespräche dauerten dabei zwischen 21 und 52 Minuten. Eine medikamentöse Behandlung gab es dabei nicht. 6 Monate später wurde ermittelt, ob die Symptome verschwunden waren und wie die Wirksamkeit im Vergleich zu jener Gruppe aussah, die die Therapie direkt in der Klinik durchgeführt hatte. In der Teletherapiegruppe war die Depression bei 42 Prozent verschwunden, die Klinikgruppe zeigte eine Erfolgsquote von 50 Prozent. Diane Spangler, Professorin an der Brigham Young University und Mitautorin der Studie, stellt fest, dass Teletherapie nicht für alle die geeignete Form darstellt. Ein Drittel der Patienten, die für die Teletherapie in Frage kamen, zogen dann doch den direkten Kontakt gegenüber dem eigenen Wohnzimmer vor. Für diejenigen, die gerne telefonierten, fielen dafür die Wege weg und die Therapie wurde als weniger peinlich wahrgenommen. Die Stichprobe von 30 Personen ist nicht sehr groß - zeigt aber, dass Therapie über das Telefon beinahe genauso wirksam ist wie im direkten Kontakt.

Literatur:
Steve Tutty, Diane L. Spangler, Landon E. Poppleton, Evette J. Ludman, Gregory E. Simon. Evaluating the Effectiveness of Cognitive-Behavioral Teletherapy in Depressed Adults%u2606. Behavior Therapy, 2010; 41 (2): 229 DOI: 10.1016/j.beth.2009.03.002

Quelle:
Brigham Young University (2010, May 10). Telephone therapy for depression? Study says yes. ScienceDaily. Retrieved May 11, 2010, from http://www.sciencedaily.com/releases/2010/05/100510141729.htm
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Dienstag, 27. April 2010

Lachen ist gesund, sagt die Forschung

Lachen ist gesund, heißt es. Und es scheint so einfach zu sein. Im Grunde aber ist es ein komplizierter Vorgang. Es ist sogar Stress, jawohl. Allerdings ein 'guter', gehört in die Kategorie Eustress. Lachen kann ziemlich anstrengend sein. Das Gehirn ist dabei schwer aktiv. Die Vorstellung, dass Lachen die Gesundheit fördert, wurde bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts (also im letzten Jahrtausend...) entwickelt und belegt. Auf die Psychologie des Blödelns verweise ich hier nur am Rande...
Dr. Lee S. Berk und Dr. Stanley Tan (Loma Linda University Medical Center, Kaliforinien) haben die Frage des Lachens wieder aufgegriffen, und sie hatten, wie man hoffen darf, ihren Spass dabei. Wie also reagiert der Körper, wenn man lachen muss? Oder sollten wir sagen: wenn man lachen darf? Wenn man etwas zu lachen hat? Zumindest kamen sie zu dem Ergebnis, dass Lachen verschiedene Funktionen im Körper in Schwung bringt, die Hormone im endokrinen System optimiert und Cortisol und Epinephrin abbaut. Damit trägt das Lachen also zur Stressreduktion bei, hier dem unangenehmen, dem Distress. Lachen fördert das Immunsystem, aktiviert die Produktion von Antikörpern, Abwehrzellen wie die T-Zellen, die von Krebszellen gar nicht gemocht werden. Tumorzellen haben also beim Lachen nichts zu lachen...

Das fröhliche Lachen also ist eine feine Sache...

14 Freiwillige nahmen an einer Lachnummer, pardon: Lachstudie, teil. Welchen Einfluss hat das Lachen auf auf die Hormone und auf den Appetit, wenn man diesen positiven Eustress mit dem negativen Distress vergleicht? Filme sollten sie dazu ansehen, jeweils 20 Minuten lang. Einen lustigen und einen traurigen. Der Blutdruck wurde gemessen, es wurde Blut abgezapft, die Ergebnisse notiert. Während des traurigen Films gab es keine auffällige Veränderung bezüglich der Appetithormone. Der lustige Film dagegen veränderte den Blutdruck und die Menge an Leptin und Ghrelin. Die Wirkung ähnelte dem Effekt, den leichte Bewegungsübungen haben, die Versuchspersonen bekamen Appetit.

Kritische Bemerkungen fügen die Autoren trotzdem an, wenn es um den Einsatz des Lachens als Methode geht - für Leute, die zu wenig Appetit haben, mag das gut sein, aber bei intensiven chronischen Schmerzen oder schweren Depressionen dürfte die Anregung des Lachens dann doch nicht so einfach und nicht so passend sein. Insgesamt aber lässt sich die Vorstellung, dass Lachen eine gute Medizin ist, dann doch bestätigen.



Quelle:
Federation of American Societies for Experimental Biology (2010, April 26). Body's response to repetitive laughter is similar to the effect of repetitive exercise, study finds. ScienceDaily. Retrieved April 26, 2010, 

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Freitag, 23. April 2010

Die Macht der Pharmaunternehmen

Wie zuverlässig sind Arzneimittelstudien?
Selten lässt sicher herausfinden, wer eine bestimmte Studie finanziert - in einem ganz konkreten Fall aber war es die Bundesärztekammer, die etwas ganz Bestimmtes wissen wollte: Welchen Einfluss hat die Finanzierung von Arzneimittelstudien auf das Ergebnis? Das Ergebnis ist bedenklich - Studien, die von Pharmaunternehmen finanziert werden, sind zwar methodisch meist besser. Aber das Ergebnis ist auffallend häufig günstig für den Wirkstoff, der untersucht wurde. Wenn nicht, bleiben die Studien häufig in der Schublade und niemand erfährt etwas davon. Näheres dazu lässt sich im Ärzteblatt nachlesen.

Sind die niedergelassenen Ärzte korrupt?
Pharmaunternehmen beeinflussen aber nicht nur die Forschung - sie sind auch daran interessiert, dass niedergelassene Ärzte ganz bestimmte Medikamente verschreiben. Und dafür sind eben gewisse Zuwendungen gedacht... Ein Urteil des Oberlandesgerichts Braunschweig könnte nun eine Welle von Strafverfahren gegen Ärzte und Apotheker auslösen. Näheres dazu in der Frankfurter Allgemeine.

Solche Meldungen erinnern an einen Skandal aus den 60er Jahren - damals ging es um Thalidomid, einen Wirkstoff, der trotz der bekannten Bedenken weiter verkauft wurde. Als Beruhigungsmittel namens Contergan. Nun darf sich jede und jeder ihren und seinen Teil dazu denken.

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Mittwoch, 21. April 2010

Künstliche Augen

Tel Aviv. Professor Yael Hanein erforscht Möglichkeiten, blinden Augen zu neuer Sehkraft zu verhelfen. Die Sehnerven werden dabei mit Elektroden versehen, die das Zellwachstum stimulieren. Im Tierversuch waren die Bemühungen bereits erfolgreich, und eines Tages wird es vielleicht möglich sein, Implantate für Menschen herzustellen. Aber das ist noch ein weiter Weg.... bis dahin können die Ergebnisse immerhin die Herstellung von Arzneimitteln anregen, die sich auf die Behandlung von empfindlichem Nervengewebe im Gehirn beziehen. Ein Millionstel Millimeter sind die Kohleröhrchen ('carbon tubes') groß und sehen aus wie Spaghetti (so steht's geschrieben, obwohl Spaghettti normalerweise nicht wie Kohle aussieht...). Diese 'Kohlespaghetti' werden dann unter Strom gesetzt... und fördern das Zellwachstum. Wie die Nervenzellen genau interagieren, kommunzieren und wachsen und zusammenarbeiten ist dabei noch mit vielen Fragen verbunden. Aber dass es eines Tages bionische Augen gibt, ist durchaus möglich.

Literatur:

   1. Asaf Shoval, Christopher Adams, Moshe David-Pur, Mark Shein, Yael Hanein and Evelyne Sernagor. Carbon nanotube electrodes for effective interfacing with retinal tissue. Frontiers in Neuroengineering, 2009; 2 DOI: 10.3389/neuro.16.004.2009
   2. Raya Sorkin, Alon Greenbaum, Moshe David-Pur, Sarit Anava, Amir Ayali, Eshel Ben-Jacob, Yael Hanein. Process entanglement as a neuronal anchorage mechanism to rough surfaces. Nanotechnology, 2009; 20 (1): 015101 DOI: 10.1088/0957-4484/20/1/015101

Quelle:

American Friends of Tel Aviv University (2010, April 21). Seeing a bionic eye on medicine's horizon. ScienceDaily. Retrieved April 21, 2010, from
http://www.sciencedaily.com/releases/2010/03/100322143221.htm

Dienstag, 20. April 2010

Antidepressiva haben mehr Nebenwirkungen als erwartet

Wenn bei Depressionen Medikamente verschrieben werden, erwarten die Ärzte natürlich, dass sie auch genommen werden. Viele Patienten setzen die Medikamente aber selbst ab - meist aufgrund der unangenehmen Nebenwirkungen. Mark Zimmerman, Direktor im Rhode Island Hospital (USA), ging deshalb mit seinen Kollegen der Frage nach, wie häufig solche Nebenwirkungen tatsächlich auftreten. 300 Patienten wurden befragt, die Nebenwirkungen wurden mit einem Fragebogen erfasst (einer angepassten Variante des TSES, der Toronto Side Effects Scale). Nebenwirkungen zeigten sich dabei 20mal häufiger als in den Aufzeichnungen der behandelnden Ärzte. Selbst die Einschränkung auf "häufige" oder "besonders lästige" Nebenwirkungen zeigte eine zwei- bis dreimal höhere Häufigkeit als die Ärzte vermutet hatten.
Die Schlußfolgerung der Autoren lautet, dass die Nebenwirkungen durch die Ärzteschaft also nur sehr unzureichend erfasst werden - die meisten der angegebenen Nebenwirkungen waren ihnen nicht bekannt. Häufig werde nach sexuellen Funktionsstörungen gefragt, andere Beschwerden aber vernachlässigt.  An manche Nebenwirkungen hatten sich die Patienten nach eigenen Angaben eben gewöhnt - und sie deshalb von sich aus überhaupt nicht angesprochen. Zimmerman kritisiert aber auch die unvollständige Information seitens der Ärzte an die Patienten, die zuwenig über mögliche Nebenwirkungen erfahren würden. Und dann eben aus eigenem Entschluss Medikamente zu früh absetzen. Sein Vorschlag ist deshalb, einen Fragebogen zu den tatsächlichen Nebenwirkungen häufiger einzusetzen, um die medikamentöse Behandlung von Depressionen zu verbessern.

Literatur:
Mark Zimmerman et al. Underrecognition of Clinically Significant Side Effects in Depressed Outpatients. Journal of Clinical Psychiatry, 2010;71(4):484%u2013490 DOI: 10.4088/JCP.08m04978blu

Quelle: 
Lifespan (2010, April 19). Depression medication: Patients report 20 times more side effects than recorded in charts, study finds. ScienceDaily. 
Retrieved April 20, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/04/100419151112.htm


Samstag, 17. April 2010

Klimaschutz: neue Argumente oder neue Polemik?

"Zwei Grad und nicht mehr" - so lautet der Titel eines Artikels in der ZEIT, der sich mit den Angriffen auf den Klimaschutz auseinandersetzt. Die Autoren sitzen im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen und verteidigen das Zwei-Grad-Ziel, das im Copenhagen Accord zumindest als Leitlinie aufgenommen ist. Das Anliegen meiner Analyse bezieht sich die Argumentationsstrukturen: wo also sind Thesen und Schlußfolgerungen rund um das Thema begründet und an welchen Stellen tritt die Polemik in den Vordergrund?

Zunächst die Fragestellungen:

War die Klimakonferenz ein Fehlschlag oder doch ein Schritt in die richtige Richtung?
Ist der Bericht des Weltklimarats IPCC falsch?
Gibt es den Klimawandel überhaupt?
Ist die Hockeyschlägerkurve widerlegt?
Ist der Einwand, Klimawandel habe es schließlich auch in früheren Zeiten gegeben, berechtigt?
Müssen wir mit Klimafolgeschäden aufgrund der fortschreitenden globalen Erwärmung rechnen?
Sind Klimaschutzmaßnahmen wichtig - oder ist auch eine Anpassung an ein verändertes Klima möglich?
Was ist Risikomanagement und wie sollte es aussehen?

Die entscheidende Frage betrifft zunächst den Klimawandel überhaupt - genauer betrachtet sind es hier zwei Fragen, die unterschiedlich beantwortet werden: ob es ihn gibt und wenn ja, ob er 'menschengemacht', also Folge der Kohlendioxidemissionen ist.
Das Problem, das Wurzel und Grundlage vieler polemischer Äusserungen ist, liegt im Bericht des Weltklimarates, der zumindest eine Fehlprognose enthalt: dass der Himalaya bis 2035 eisfrei ist, gilt inzwischen als widerlegt. Die Verteidiger des Zwei-Grad-Ziels (namentlich Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam, Prof. Claus Leggewie, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Professorin Renate Schubert, Institut für Umweltentscheidungen Zürich) räumen Fehler im Bericht des IPCC ein, aber sie seien 'an einer Hand abzählbar'. Die Schwierigkeit im Problemfeld liegt darin, dass wissenschaftliche, politische und technologische Fragestellungen miteinander verbunden werden - was einerseits der Bedeutung des Themas gerecht wird, andererseits aber auch eine breite Angriffsfläche für mehr oder weniger unsachliche Argumentationslinien, Zweifel und Bedenken liefert.
Es ist mühsam, herauszufiltern, was denn nun (noch) stimmt und was nicht - es ist der Sache aber auch nicht dienlich, wenn aufgrund einzelner Fehler der gesamte Bericht des IPCC verworfen wird. Eine Aussage aus dem ZEIT-Artikel möchte ich deshalb unterstreichen:

"Es ist wünschenswert, dass die Forschung zum Klimawandel und die Berichterstattung des IPCC darüber auf immer neue Prüfstände kommen."

Forschung wird in der Regel sowieso ständig überprüft - lässt sich aber auch leicht in Frage stellen, wenn politische oder finanzielle Interessen unterstellt werden, die gewisse Ergebnistendenzen nahelegen. Und die Berichterstattung lässt sich überprüfen, wenn die zugrundeliegenden Forschungsergebnisse transparent gemacht werden und damit nachvollziehbar sind. Bei alledem scheint das Problem weniger in der Klimaforschung selbst, sondern in der Art und dem konkreten Vollzug der Wissenschaftskommunikation zu liegen. Um in diesem komplizierten Geflecht etwas mehr Klarheit zu schaffen, scheint es mir sinnvoll, verschiedene Bereiche und Fragestellungen voneinander zu trennen:

1. Es gibt es empirische Daten, die messbar und darstellbar sind.
2. Es gibt Prognosen, die Wahrscheinlichkeitsaussagen zum Ausdruck bringen - und davon abhängen, welches Modell zugrunde gelegt wird.
3. Es gibt Ziele, die sich aus der Forschung selbst nicht ableiten lassen.
4. Politische Entscheidungen lassen sich vor dem Hintergrund bestimmter Ziele beurteilen.
5. Wünschenswerte technologische Entwicklungen hängen in ihrer Beurteilung ebenfalls von formulierten Zielen ab.

Zurück zum Gletscher: die Prognose war falsch. Das bedeutet natürlich nicht, dass sämtliche empirische Daten, auf die sich der Bericht des IPCC bezieht, ebenfalls falsch sind. Wer die Ebenen nicht sauber voneinander trennt, kann aber zu dem Schluß kommen, dass die Klimaforschung eben "nicht stimmt" - und dann liegt das Problem in der Glaubwürdigkeit eines Forschungsbereiches, der sich in die Politik einmischt, aber stellenweise eben doch auf wackeligen Beinen steht. Prognose bedeutet eben: "wir wissen es nicht, wir machen eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Ereignisse unter bestimmten Voraussetzungen auftreten werden". Aus diesen Prognosen wiederum lassen sich Ziele ableiten - wenn sich die Grundlagen nicht verändert haben, ist es logisch, dass die Zielvorstellung "maximal 2 Grad" ebenso konstant bleibt. Streng genommen ist es aber keine wissenschaftliche Aussage - sie kann also nicht empirisch belegt werden, sondern ist begründbar mit Bezug auf empirische Forschung, rational vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstands - und potentiell revisionsbedürftig, wenn sich neue Erkenntnisse zeigen.

Neue Argumente scheint es im Moment nicht zu geben, die Sachlage ist und bleibt kompliziert. Skeptiker gibt es immer noch und die These, dass es den Klimawandel überhaupt nicht gibt, scheint in manchen Köpfen recht stabil zu sein. Die Frage ist, ob sich dahinter rationale Einsicht verbirgt oder ein Igeleffekt, soll heißen: "die ganze Geschichte ist zu kompliziert und beängstigend, also denken wir besser nicht darüber nach". Polemik hilft an dieser Stelle nicht weiter - eher schon das Bemühen um Glaubwürdigkeit und der kritische Blick auf die Darstellung eines komplexen Problems. Wie schwierig es ist, einen globalen Konsens zu finden, der die Bemühungen der ganzen Welt auf ein einziges Ziel ausrichtet, das hat die Konferenz in Kopenhagen deutlich gezeigt. Trotz alledem sind Überlegungen zum Umweltschutz und Klimaschutz nicht unsinnig geworden. Die Frage ist, ob eine neue Diskussion über Sinn und Unsinn des Zwei-Grad-Zieles eine sinnvolle Entwicklung auslösen kann. Vielleicht würde es mehr bringen, Teilprobleme abzugrenzen, einzelne Fragen zu bearbeiten und zu klären, Ansätzen nachzugehen, die an irgend einer Stelle etwas Konstruktives bewirken.

Aus den Kommentaren zum Artikel in der ZEIT habe ich einen Link herausgefischt, den ich hier noch einfügen möchte: "Wo Wüsten Hokuspokus sind" lautet der Titel in der Süddeutschen. Darin geht es um gezielte Aktionen gegen die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung - aus wirtschaftlichen Interessen heraus. Es bleibt also nichts anderes übrig, als immer wieder neu nach der Wahrheit zu fragen - und zu berücksichtigen, dass immer wieder gern Sachverhalte so dargestellt werden, dass sie den eigenen Interessen möglichst nicht im Wege stehen. Etwas mehr Sachlichkeit und Vernunft würde dem Klima der Klimadiskussionen sicher gut tun.

s. auch:

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Donnerstag, 15. April 2010

Können Schmerzen angenehm sein?

Können Schmerzen angenehm sein? Eine neue Studie scheint diesen Schluß nahezulegen. Genauer gesagt: chronischer Schmerz verändert die Wahrnehmung akuten Schmerzempfindens. Noch genauer: das Gehirn reagiert anders. Die Studie, um die es geht, ist im Journal "Neuron" erschienen und beschreibt die veränderte Reaktion neuronaler Schaltkreise bei chronischen Schmerzen. Wie das alles genau funktioniert, das liegt teilweise noch im Dunkeln - zunächst einmal ist Schmerz eine subjektive Empfindung, was sich dabei auf der physiologischen Ebene abspielt, ist nicht so ganz klar. Das Forscherteam um Dr. A. Vania Apkarian (Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago) benutzte die Magnetresonanztomographie, um die Hirnaktivität bei akuten und chronischen Schmerzen zu untersuchen. Mit 'chronischen Schmerzen' sind dabei Rückenschmerzen gemeint, die 'akuten Schmerzen' sind im Original als 'acute noxious themal stimuli' bezeichnet - 'noxious' heißt wörtlich 'schädlich', 'thermal stimuli' sind Temperaturreize, und da der Begriff 'thermal' meist für Hitze verwendet wird, tippe ich auf Hitzereize - also etwa die Berührung mit einem sehr heißen Gegenstand. Die Schmerzwahrnehmung und die Hirnregionen, die in den beiden Gruppen aktiviert wurden, waren nahezu identisch - aber es gab einen deutlichen Unterschied in der Region des Nucleus accumbens. Und das ist nun das Seltsame: bei den Patienten mit chronischen Rückenschmerzen löste akuter Schmerz einen Rückgang der Aktivitäten im Nuclues accumbens aus. Akuter Schmerz reduziert also den chronischen - und wirkt kurzfristig angenehmer als der chronische Schmerz. Die Forscher interpretieren das Ergebnis als einen dysfunktionalen Lernprozess bei chronischen Schmerzpatienten.

Kommentar: dieser etwas merkwürdige Effekt lässt sich verhaltensanalytisch gut erklären - wer keine chronischen Schmerzen hat, empfindet nachlassenden Schmerz natürlich als Erleichterung (ein unangenehmer Reiz fällt weg). Bei chronischen Schmerzen tritt mit dem Rückgang des akuten unangenehmen Reizes aber der noch unangenehmere chronische Schmerz in den Vordergrund - also 'tut es weh, wenn der Schmerz nachlässt". Ob sich dieser Befund schmerztherapeutisch umsetzen lässt, ist allerdings die Frage - auch wenn akute Schmerzen kurzfristig ablenken und 'angenehm' sind... scheint mir diese 'Methode' nicht besonders menschlich oder hilfreich zu sein...

vgl. dazu eine weitere Übersetzung der Studie: Wenn Schmerzen von Schmerzen ablenken

Literatur:
Marwan N. Baliki, Paul Y. Geha, Howard L. Fields, A. Vania Apkarian. Predicting Value of Pain and Analgesia: Nucleus Accumbens Response to Noxious Stimuli Changes in the Presence of Chronic Pain. Neuron, Volume 66, Issue 1, 149-160, 15 April 2010 DOI: 10.1016/j.neuron.2010.03.002

Quelle:
Cell Press (2010, April 15). Hurts so good: Chronic pain changes brain response to acute pain. ScienceDaily. Retrieved April 15, 2010, from http://www.sciencedaily.com­/releases/2010/04/100414122637.htm

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Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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