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Mittwoch, 18. Juni 2025

Aufmerksamkeit im Gespräch

Aufmerksamkeit hat zunächst einmal etwas mit der Wahrnehmung zu tun. Aber es geht nicht einfach darum, die Augen aufzumachen, die Ohren aufzumachen, die ja sowieso offen sind und keine Ohrenlider haben - was für den einen oder die andere gelegentlich eher bedauerlich sein mag. Klar ist: so wie ein Computer nur einen begrenzten Arbeitsspeicher hat und nicht mehr richtig arbeiten kann, wenn es zuviel wird, ist auch die Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns begrenzt. Es liegt nahe, dass die Aufmerksamkeit schwankt und deshalb auch mehr Fehler passieren können, wenn jemand abgelenkt wird. Telefonieren oder Gespräche führen während einer Autofahrt - das kann am Steuer zum Problem werden. Neu ist - dass auch das Gegenteil gilt. Zumindest belegt eine neue Studie, dass umgekehrt auch das Autofahren die sprachlichen Fähigkeiten begrenzt und einschränkt.
Man kann sich einfach dabei schwer auf ein Gespräch konzentrieren - die Fähigkeit, Sprache zu benutzen und Sprache zu verstehen, nimmt ab. Art Kramer, Professor für Sozialpsychologie in Illinois, beschreibt das sehr drastisch: "This study shows that various aspects of language go to hell when you're driving" - verschiedene Aspekte der Sprache gehen beim Autofahren zum Teufel.  In den Untersuchungen benutzte Art Kramer zusammen mit dem Psycholinguisten Gary Dell einen Fahrsimulator. Unter den 96 Versuchspersonen war die Hälfte älter als 65 Jahre, die andere Hälfte etwa 20 Jahre alt. Paarweise zugeordnet sollte eine Person eine Geschichte erzählen, die andere später wiedergeben, was sie behalten hatte. Zunächst wurde gemessen, wieviele Details erinnert werden konnten, wenn der Fahrer einfach nur im Simulator saß. In der zweiten Phase ging es simuliert durch dichten Stadtverkehr - die zweite Person saß daneben oder telefonierte mit dem Fahrer. Diejenigen, die in der Simulation durch dichten Stadtverkehr fuhren, erinnerten sich an 20 Prozent weniger Details - die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu behalten, war also deutlich reduziert. Wer nun meint, den Jüngeren würde das nicht so gehen, täuscht sich: auch bei ihnen nahm die Fähigkeit, eine Geschichte wiederzugeben, sehr deutlich ab.

Bereits im Dezember 2008 wurde eine Studie veröffentlicht, dass Telefongespräche während einer Autofahrt die Aufmerksamkeit erheblich stören - mehr als ein direktes Gespräch. Und das gilt auch, wenn eine Freisprechanlage benutzt wurde.

Ein Zitat von Gary Dell aus der aktuellen Studie stimmt nachdenklich: "With modern technology, we're talking more and more while we are doing other things, but we may be understanding one another less and less." Übersetzt: Moderne Technologie füht dazu, dass wir mehr und mehr Gespräche führen, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind. Und dabei verstehen wir uns gegenseitig immer weniger.

Grund genug also, nicht nur beim Autofahren mit Gesprächen vorsichtig zu sein und vor allem im Stadtverkehr eben nicht zu telefonieren. Gespräche zu führen, wirklich gute Gespräche zu führen, das setzt eben auch die volle Aufmerksamkeit voraus. Es geht eben nicht immer nur so nebenbei.


Quellen:

University of Illinois at Urbana-Champaign (2010, January 22). Driven to distraction: New study shows driving hinders talking. ScienceDaily.

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/01/100122222222.htm

American Psychological Association (2008, December 1). Drivers Distracted More By Cell Phones Than By Passengers. ScienceDaily. 

Retrieved January 24, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2008/12/081201081917.htm

s. auch: 

Samstag, 23. Januar 2010

Hypothalamus an Leber. Betrachtungen zum Hungergefühl

Hypothalamus an Leber: was macht denn der Glucosespiegel gerade?
Leber an Hypothalamus: frag mal im Magen nach...
Hypothalamus an Magen: wie ist der Lagerbestand?
Magen an Hypothalamus: eher mässig, ich bekomme so langsam Zuckungen...!
Hypothalamus an Fettzellen: habt ihr noch Leptin?
Fettzellen an Hypothalamus: darf's ein bisschen mehr sein?
Hypothalamus an Großhirn: melde Hunger!
Großhirn an Hypothalamus: Hey, ich träume noch!
Hypothalamus an Großhirn: Aufwachen!
Hypothalamus an Magen: Knurren bitte!


...knurr...

...einige Zeit später...

Großhirn an Waage: hab ich abgenommen?
Waage: ...ächz...


So könnte es aussehen. Oder auch anders.
Ist Hunger ein Gefühl? Genau genommen ist es ein physiologischer Prozess, man kann deshalb auch von einem Hungersignal oder einem Hungerreiz sprechen. Das Signal 'Hunger' entsteht dabei im Kopf - und nicht im Magen. Es ist das Ergebnis eines inneren Kontrollprozesses, den wir im Detail überhaupt nicht wahrnehmen können. Und das wirft Probleme auf, wenn es um die Frage der Körperwahrnehmung, der Selbstwahrnehmung und Selbstregulation bei Essstörungen geht.

Den Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Selbstwahrnehmung weiter auszuarbeiten
ist sinnvoll. Bezogen auf die Wahrnehmung von Hungergefühl und Sättigungsgefühl, kürzer: Signale, die das Essverhalten steuern, ergeben sich fünf mögliche Problembereiche.

1. Sind die Körpersignale angemessen? Sind hier physiologische Störungen im Spiel, die etwa mit bestimmten Gehirnregionen oder Hormonen zusammen hängen?

2. Werden die Signale nicht oder nicht deutlich genug wahrgenommen?
Sind spezifische Muster entstanden, die Reize 'Hunger' oder 'Sättigung' zu verschieben, zu unterdrücken, druch andere Reize zu ersetzen?

3. Werden die Signale zwar wahrgenommen, aber nicht richtig interpretiert?
Fehlinterpretationen unterscheiden sich bei verschiedenen Störungen - die Interpretation des Hungergefühls als bedrohlich ist dabei genauso problematisch wie das Nichtwahrnehmenkönnen oder Wahrnehmenwollen des Sättigungsgefühls.

4. Werden andere Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle als Hunger interpretiert?
Ist Hunger mit Appetit verbunden oder eine Ersatzhandlung für etwas anderes, das nicht zu bekommen ist? Wenn ja, welche Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle oder Belastungen stehen dann hinter dem Essen?

5. Werden die Signale zwar wahrgenommen und richtig interpretiert, führen aber zu unangemessenem Essverhalten?
Was und wie, welche Nährstoffe in welcher Menge... hier also ist das klassische Feld der Ernährungsberatung. Fragen in diesem Zusammenhang betreffen aber auch das Tempo, den sozialen Zusammenhang - und das Aufhören. Zwischen Verschlingen und Trödeln steht irgendwo das Vernünftige - und der Genuss.

Die Abgrenzung von Problembereichen soll nicht mehr sein als ein Entwurf, der sich im Gespräch genauer ausarbeiten lässt. Denn mehr Achtsamkeit allein, so sinnvoll sie auch ist, genügt nicht. Ernst beiseite.

Wie der Körper funktioniert, kann Dr. Otto Waalkes natürlich viel schöner erklären. Nur den letzten Tipp... über den kann man sich streiten. Aber - sehet und staunet selbst...


 

*


Montag, 4. Januar 2010

Wie lange dauert es, bis es klickt?

Es wird wohl ein größeres Projekt, den Zusammenhängen von Wissen, Wahrnehmen, Erkennen und Erkenntnis etwas näher auf die Spur zu kommen. Der 'Klick' als Bild für das Erkennen scheint gelegentlich nicht sofort zu kommen...

Alltagserfahrung... einen Apfel erkennt man sofort. Oder nicht? Tatsächlich scheint einige Zeit zu vergehen, bis ein wahrnehmbares Objekt erkannt wird. Es gibt Schätzungen von 100 bis 500 Millisekunden. In einem Experiment in Tel Aviv sollten Versuchspersonen ein Zeichen geben, wenn sie ein Objekt auf einem Bildschirm erkannten und darauf deuten. Die Objekte wurden jeweils nur sehr kurz eingeblendet, gemessen wurde die Aktivität des Gehirns mit dem EEG. Dabei zeigte sich, dass manche Versuchspersonen zwar angeben konnten, WO sie etwas gesehen hatten, aber sie konnten nicht sagen, WAS es war. Und das ist (meine Interpretation) ein Hinweis darauf, dass Wahrnehmen und Erkennen (im Sinne von: einem Objekt eine Bezeichnung zuordnen) zwei verschiedene Vorgänge sind. Zurück zum Experiment - etwa 300 bis 400 Millisekunden dauerte es, bis nach dem Auftauchen eines Objekts eine Reaktion im EEG erkennbar war. Einfache Objekte wie ein Würfel oder ein Apfel waren schneller zu erkennen, bei Worten dauerte es etwas länger. (Salti et. al. (2009))

Mit dem Blick auf dieses Experiment scheint die Vorstellung, Wissen als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' zu betrachten, noch recht gut vereinbar zu sein. Die Zeitspanne, die zwischen Wahrnehmen und Erkennen liegt, lässt sich auch verstehen als jener Zeitraum, den das Gehirn braucht, um den 'richtigen Begriff' zu finden. Wissen bezieht sich dabei auf sprachliches Wissen, als Kenntnis über die Merkmale eines Objekts, denen ein bestimmter Begriff wie 'Apfel', 'Würfel' usw. zu geordnet ist.

Die Darstellung zur Neurophysiologe des Lernens geht von einem ganz anderen Informationsbegriff aus:

"Sie [die Architektur der Nervenverbindungen im Gehirn, R.G.] speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt. Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese." (Wolf Singer)
Dieses Vorwissen als Grundstruktur des Gehirns ist zunächst nichtsprachlicher Natur. Denn das 'vorgefertigte Gehirn', das 'Fragen an die Welt stellt' (ebenda) ist nicht von Geburt an das Gehirn eines Lebewesens, das für alle Objekte eine Bezeichnung hat und sich unmittelbar einer differenzierten Sprache zu bedienen weiss. Das Vorwissen (von dem man wirklich sagen kann, dass es Erkenntnisprozesse steuert) ist zunächst 'strukturell', nicht sprachbezogen, damit auch nicht bewusst im Sinne von 'sprachlich bewusst'. Anders formuliert: wir wissen so manches, noch bevor wir einen Begriff dafür haben. 
Nun komme ich zum Einwand von Jochen Ebmeier bezüglich der Begriffe 'Wissen und Erkennen'. Die Unterscheidung von Wissen und Erkennen bleibt aus meiner Sicht nach wie vor sinnvoll. Genau genommen ging es mir aber um die Gegenüberstellung von Wissen und Erkenntnis - und dabei war 'mitgedacht', dass Erkennen und Erkenntnis wiederum zwei verschiedene Dinge sind. Mit einem zu eng gefassten Begriff von Information komme ich allerdings schnell ins Stolpern... Der Gedanke, dass auch Gene lernen können und damit Informationen speichern, ist nicht neu und hat in jüngster Zeit wieder 'Nahrung' bekommen: genetische Veränderungen können innerhalb weniger Jahre stattfinden. Kann man das als einen Lernprozess verstehen? Als Erkenntnisprozesse der Evolution? Auch wenn es mehr wie 'trial & error' aussieht... dass hier Begriffe wie 'Information' und 'Erkennen' angemessen sind, liegt irgendwie nahe. Wichtig erscheint mir aber auch eine Differenzierung der Begriffe:
 
- es gibt unterschiedliche Arten von Information - und nicht alle sind sprachlicher Natur
- es gibt unterschiedliche Ebenen und 
- unterschiedlich komplexe Formen des Erkennens und der Erkenntnis.

"Die Selbsttätigkeit unseres Erkenntnisapparats beginnt nicht erst beim Selegieren von eintreffenden Reizen ('Informationen')..." (Jochen Ebmeier in seinem Kommentar) - das will ich nicht bestreiten. Die Darstellung im Post 'ich weiss, dass ich weiss' könnte als lineares Erkenntnismodell verstanden werden - so, als würde Erkenntnis irgendwie mit der Wahrnehmung beginnen und in einer komplexen Erkenntnis wie etwa einem wissenschaftlichen Theorigebäude enden. Im Grunde betrachte ich Erkenntnisprozesse eher unter dem Blickwinkel eines hermeneutischen Zirkels - und das auch dort, wo Prinzipien des Kritischen Rationalismus (also: Hypothesen ableiten, Experimentieren, Falsifizieren usw.) realisiert werden. Einen wirklichen 'Anfang' oder ein 'Ende' gibt es nicht. Wahrnehmen, Erkennen, Erkenntnis und Wissen sind Phasen in einem sich beständig wiederholenden Prozess.

Und manchmal dauert es etwas länger als eine halbe Millisekunde, bis es klickt.


Literatur:

Jochen Ebmeier (2008). Zur Neurophysiologie des Lernens nach Wolf Singer.

American Friends of Tel Aviv University (2009, December 21). Now you see it, now you know you see it. ScienceDaily. Retrieved January 4, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2009/11/091130131329.htm 


Detlef Weigel, Stephan Ossowski, Korbinian Schneeberger, Norman Warthmann, Richard M. Clark, José Ignacio Lucas-Lledó, Michael Lynch, Ruth G. Shaw
The rate and molecular spectrum of spontaneous mutations in Arabidopsis thaliana
Science, 1. Januar 2010


Mittwoch, 22. Juli 2009

Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche


1. Manches haben wir mit allen Menschen gemeinsam.
2. Manches haben wir mit vielen Menschen gemeinsam.
3. Manches haben wir mit einigen Menschen gemeinsam.

4. Manches unterscheidet uns von allen anderen Menschen.
5. Manches unterscheidet uns von vielen anderen Menschen.
6. Manches unterscheidet uns von einigen anderen Menschen.

7. Gäbe es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen,
könnten wir uns nicht miteinander verständigen.
8. Gäbe es keine Unterschiede zwischen den Menschen,
gäbe es keinen Grund, sich miteinander zu verständigen.
9. Gäbe es keine Widerprüche zwischen den Menschen,
gäbe es keinen Grund, danach zu fragen, was gut, richtig, wahr usw. ist.

10. Unterschiede können Widersprüche sein,
können aber auch nur als Widerspruch interpretiert werden.
11. Unterschiede können entstehen, wenn Gemeinsamkeiten als Unterschiede,
Unterschiede als Gemeinsamkeiten wahrgenommen werden.
12. Gemeinsamkeiten sind die Grundlage, Unterschiede der Anlass
und möglicherweise Thema der Verständigung.

13. Verständigung kann dazu führen, dass aus Unterschieden Widerprüche entstehen,
die Gemeinsamkeiten in den Hintergrund treten lassen.
14. Es scheint den Menschen gemeinsam zu sein, dass ihnen Unterschiede und Widersprüche schneller ins Bewusstsein dringen, obwohl sie nach Gemeinsamkeiten suchen.
15. Verständigung kann dazu führen, dass hinter Widersprüchen
Unterschiede erkennbar werden, aus denen neue Gemeinsamkeiten entstehen.

16. Manchmal sind es gerade die Unterschiede, die Gemeinsamkeiten stiften.
17. Unterschiede, die nicht als Widerpruch wahrgenommen werden,
können zusammen passen oder nicht.

18. Gemeinsames entsteht häufig aus der Passung von Unterschieden,
der Toleranz gegenüber Widersprüchen und
der Betonung der Gemeinsamkeiten trotz aller Unterschiede und Widersprüche.

Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

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