Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Samstag, 2. Januar 2010

Ich weiss, dass ich weiss

Eine grundsätzliche Frage: wie sicher ist das Wissen, was können wir überhaupt wissen und wie stellen wir uns heute zu der Aussage "ich weiss, dass ich nichts weiss"? Anstoss, einmal wieder über das Thema nachzudenken, war ein Artikel von Jochen Ebmeier mit dem Titel "ich weiss". Das Thema ist mir zu wichtig, der Artikel zu ergiebig, um einfach nur eine kurze Antwort als Kommentar zu hinterlassen. Beim Lesen kam nach dem inneren affirmativen Nicken das Bedürfnis, das eine oder andere nun doch anders zu formulieren und weiter zu denken. Aber zunächst zum 'Nicken', dem Hintergrund für die Zustimmung.

"Es gibt kein Wissen ohne Prämissen" (Jochen Ebmeier)

Ja, ich weiss... Ich weiss, dass das Wissen auf Voraussetzungen beruht, und ich weiss, dass mir das Wissen um die Prämissen meines Wissens, wenn es denn überhaupt vorhanden ist, im Alltag sehr schnell wieder abhanden kommt. Weil es eben zu aufwendig wäre, sich all das ständig bewusst zu halten. Ich gehe davon aus, dass mir meine Sinne ein zutreffendes Bild der Realität vermitteln und bleibe doch skeptisch, weil ich eben auch um Wahrnehmungstäuschungen, Denkfehler und Täuschungen weiss. Ich weiss also, dass mein Wissen immer auch brüchig, vorläufig, revisionsbedürftig sein kann. Und letzten Endes auf Erkenntnisentscheidungen beruht, die etwas Bestimmes als 'wahr' annehmen, ohne dafür einen zwingenden Beleg anführen zu können.

Soweit also der Grundkonsens. Und nun wird es etwas schwieriger..: Denn in der kurzen Passage zur Beschreibung des "ich weiß" als Elementargestus wird Wissen als Anteilnahme beschrieben. Lässt sich diese Bewegung der Anteilnahme mit der nüchternen Vorstellung vereinbaren, Wissen sei im Grunde nicht mehr oder weniger als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' - und als solche keinesfalls auch nur annähernd so statisch wie die Informationen in einem Buch oder auf einem elektronischen Speichermedium? Fragezeichen als Anstoss zum Weiterdenken: ist diese Anteilnahme bereits eine Erfahrung des je eigenen Wissens und damit wiederum eine eigenständige Betrachtung wert? Kann man diese Anteilnahme mit Teilhabe (etwa im Sinne der 'Teilhabe am objektiven Geist') gleichsetzen und wenn ja (oder auch nein), wie ist dieses 'Teil von etwas sein' zu beschreiben?

Woher weiss ich, was ich weiss? Und - woher weiss ich, dass ich weiss? Wie kommt Erkenntnis zustande? Stehen die realistische und die idealistische Auffassung vom Weg der Erkenntnis wirklich ein Widerspruch? Wissen kann man verstehen als gespeichterte Information, die von aussen mehr oder weniger zufällig auf ein Individuum trifft. Berücksichtigt man die Selektivität der Wahrnehmung, wird deutlich, dass dieser Prozess so passiv eben nicht ist. Unterscheidet man dann verschiedene Formen des Wissens und grenzt davon die Erkenntnis ab, versteht Erkennen als das Zusammenfügen, Neuordnen und Interpretieren des je eigenen Wissens, können die aufgenommenen Eindrücke von aussen sich zu einem "Ergreifen" verdichten, ohne dass dabei ein Widerspruch des theoretischen Denkens auftreten muss. Im Erkennen also kommt das Wissen zu sich selbst, der Wissende wird sich seines Wissens bewusst (daher die Formulierung 'ich weiss, dass ich weiss') und nimmt es an. Hält es für wahr. Betrachtet es als Bestandteil der eigenen Lebensorientierung. Und zieht (vielleicht) persönliche Konsequenzen daraus.

Gehe ich dieser Unterscheidung von Wissen und Erkenntnis weiter nach und berücksichtige dabei das Prinzip der Perzeptbildung (das Auge ist keine Kamera, das Ohr kein Hörapparat, die Sinne bilden nicht einfach die Aussenwelt ab, das Gehirn macht sich selbst ein 'Abbild', ein 'Konstrukt' der Wirklichkeit), dann lande ich mit anderen Begriffen und anderen Worten sinngemäss ebenfalls bei der Aussage, dass das Wissen nicht nur passives Aufnehmen (ein "Rezeptakel") ist und die Erkenntnis erst recht. Also - das 'Wissen, dass ich weiss' entsteht keinesfalls automatisch und zwangsläufig. Den Denkapparat zu bemühen ist nicht überflüssig.
Das Denken schließlich kann Anlass sein, die durch die Sinne gewonnenen Erkenntnisse zu bezweifeln, zu hinterfragen - damit ist jede Erkenntnis auch potentiell 'diskutabel'. Die Frage ist, nach welchen Kriterien sich beurteilen lässt, ob eine bestimmte Erkenntnis nun 'gültig' ist und wenn ja, für wen und in welchen Zusammenhang. Vielleicht auch: unter welchen Voraussetzungen. Wir machen uns ein Bild von dem, was ist - und wenn ein solches Bild an einen 'Erkenntnisapparat' gebunden ist, kann es 'Objektivität' als Unabhängigkeit vom erkennenden Subjekt nicht geben. Objektivität ist nicht mehr als der Rückgriff auf allgemein anerkannte Voraussetzungen, die logische Schlussfolgerungen erlauben - und insofern 'unabhängig' vom erkennenden Subjekt sind.

Dass es 'objektiv wahre' Antworten auf Fragen gibt, verleiht der Wahrheit etwas Absolutes. Wissen und Erkenntnis aber sind relativ (bezogen auf einen bestimmten Bezugsrahmen) und zunächst subjektiv, durch intersubjektiven Konsens können sie an Objektivität angenähert werden. Ohne jedoch jemals dem Anspruch allgemeiner und ewiger Gültigkeit gerecht werden zu können. Das ist anstrengend, weil es bedeutet, dass es immer wieder neu notwendig ist, Wissen und Erkenntnis zu überprüfen, immer wieder neu nach dem, was wahr ist, zu fragen. Es ist unangenehm, weil es Unsicherheiten mit sich bringt, dem Wissen immer schon ein Fragezeichen anheftet.
 

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Kommentare:

  1. Dass Wahrheit sei, ist zwar eine subjektive, aber deshalb nicht minder absolute Prämisse allen 'wissenden' oder 'erkennenden' Verhaltens. Die Unterscheidung zwischen Wissen und Erkennen unter Rückgriff auf den "Informations"-Begriff bestreite ich ausdrücklich. Die Selbsttätigkeit unseres Erkenntnisapparats beginnt nicht erst beim Selegieren von eintreffenden Reizen ('Informationen'), sondern schon in der Erwartungshaltung des jederzeit aktiv nach brauchbaren Sinnesreizen 'Ausschau haltenden' und gezielt suchenden Gehirns. Das hat Wolf Singer an seinem Frankfurter Max-Planck-Institut herausgefungen, BEVOR er auf die Idee kam, des Menschen Freiheit zu bestreiten...

    Siehe hierzu: http://jochenebmeier.wordpress.com/2008/12/20/zur-neurophysiologie-des-lernens-nach-wolf-singer/

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  2. Danke für den Kommentar! Bevor ich näher darauf eingehe, will ich mir den Artikel über Wolf Singer in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen...

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  3. Streng genomen, ist es ein Artikel VON Wolf Singer (er hat ihn mir seinerzeit abgesegnet; wohlbemerkt vor der Sache mit der Freiheit...)

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  4. "Ich weiss, dass ich nichts weiss" und sage doch "ich weiss", denn sonst mache ich mir das Leben unnötig schwer. Letztlich muss ich mich entscheiden und entscheide mich für die logischste, sicherste Möglichkeit - wohl wissend, es könnte ganz anders sein. "Wahrheiten" zu hinterfragen ist deshalb sehr wichtig, birgt aber wiederum große Unsicherheiten. Die eigene Unsicherheit und Unfähigkeit zu kritischer Betrachtung macht für viele Menschen diejenigen so anziehend, die feste Überzeugungen vertreten. Solche Menschen bieten Halt. Das ist einerseits gut, andererseits sind darin große Gefahren, manipuliert zu werden. Oft trügt der Schein.

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