Psychosophie

Impressum - Blogplugins - Bookmarks - Miteinander sprechen - Psychosophie - Frage und Antwort - Inhalt - Smiliecodes - MyNetvibes

In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Kognitive Bezugssysteme und Kommunikation (1)

Der Grundgedanke ist einfach: Kommunikationsprozesse sind relativ einfach, so lange sich die Miteinandersprechenden innerhalb des gleichen kognitiven Bezugssystems bewegen. Das gilt auch für schriftliche Kommunikation. Es gilt für wissenschaftliche Kommunikation und in anderen Bereichen. Wo die Möglichkeiten und Grenzen im Einzelfall sind, bedarf dann einer differenzierteren Betrachtung.

Was mit "relativ einfach" gemeint ist, soll noch näher erläutert werden. Innerhalb der einzelnen Wissenschaften finden sich typische Denk- und Argumentationsmuster, die auf einem gemeinsamen Wissenschaftsverständnis beruhen. Solche Muster ziehen sich durch viele Wissenschaftsbereiche und ermöglichen gemeinsame Bezugspunkte - Konventionen, die sich im Wissenschaftsbetrieb entwickelt haben. Sie werden im Laufe der Zeit so selbstverständlich, dass es kaum nötig erscheint, darüber nachzudenken - bis es eben Situationen gibt, in denen unterschiedliche Auffassungen aufeinander prallen, wissenschaftliches Denken mit anderen kognitiven Bezugssystemen kollidiert.
Inhaltliche Auseinandersetzungen werden schnell destruktiv, wenn diese unterschiedlichen Bezugssysteme nicht berücksichtigt werden. Ich denke, dass es sehr hilfreich sein kann, wenn Wissenschaftler sich ihres Bezugssystems bewusst werden - und dann auch deutlich machen, warum sie bestimmte Aussagen nicht als wissenschaftliche Erkenntnis gelten lassen. Die Frage ist: wie lässt sich ein solches kognitives Bezugssystem beschreiben? Gibt es ein gemeinsames Verständnis von Wissenschaft, das sich durch alle Fachbereiche hindurchzieht oder existieren mehrere Systeme, die innerhalb einer Wissenschaft und zwischen verschiedenen Wissenschaften zu Missverständnissen und Konflikten führen können?
Einen Ansatzpunkt zur Klärung dieser Fragen sehe ich in den Regeln für vernünftiges Argumentieren, die Manfred Kienpointer mit Bezug auf van Eemeren und Grootendorst formuliert hat. Wenn diese Regeln wirklich Teil des Kognitiven Bezugssystems von Wissenschaftlern sind, dann müssten sie sich auch in der wissenschaftlichen Literatur aufzeigen lassen. Auch in den Scienceblogs müssten dann Text- und Kommentardialoge erkennbar sein, die sich an diesen Regeln orientieren. Könnte es sein, dass es vor allem dort schwierig wird, wo ganz bestimmte Regeln gebrochen werden?



Regel 1: Redefreiheit
Die Argumentierenden dürfen einander nicht hindern, Standpunkte vorzubringen oder Standpunke zu bezweifeln.

Der Begriff "Redefreiheit" wirft zunächst Probleme auf, denn wissenschaftliche Kommunikation findet zu einem erheblichen Anteil in schriftlicher Form statt. Mitreden darf in der Wissenschaft nicht jeder - wer ernst genommen werden will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, Fachzeitschriften nehmen nicht jeden x-beliebigen Text auf. Blogs stellen hier im Grunde einen großen Schritt dar - und die Überlegungen, Kommentare zuzulassen, auch wenn sich dabei gelegentlich ellenlange Diskussionen entwickeln, stellen einen Schritt dar, freie Meinungsäußerungen auch dort zu erlauben, wo jemand keinen akademischen Abschluss im entsprechenden Fach vorzuweisen hat.

Regel 2: Begründungspflicht
Wer einen Standpunkt vorbringt, ist verpflichtet, ihn zu verteidigen, wenn er oder sie gebeten wird, das zu tun.

Wissenschaftliche Literatur nimmt diese Pflicht zur Verteidigung zu einem großen Teil bereits vorweg - und das häufig sehr gründlich. Aussagen sind oft sehr bescheiden - beschränken sich auf Hypothesen, die untersucht und bestätigt wurden, beschreiben Methoden, Instrumente, Berechnungsgrundlagen usw.. Typisch für die empirischen Wissenschaften ist die Durchführung von Experimenten - sie gelten als Belege, als Begründung für bestimmte Behauptungen.

Regel 3: Redliche Bezugnahme auf das Gesagte
Ein Widerlegungsversuch muss sich auf denjenigen Standpunkt beziehen, der tatsächlich von der Gegenpartei in der Diskussion geäußert worden ist.

Kienpointer beschreibt in seiner Darstellung in diesem Zusammenhang eine Szene aus Martin Walsers "Zimmerschlacht". Kurz zusammen gefasst geht es um die Frage, ob Aussagen tatsächlich geäußert wurden oder nur unterstellt sind. Missverständnisse und Verwirrungen lassen sich vermeiden, wenn Widerlegungsversuche genau angeben, worauf sie sich beziehen. Literaturangaben und Zitate lassen sich aus dieser Perspektive als das Bemühen um vernünftige Argumentation verstehen - sie machen nachvollziehbar, worauf sich Einwände, Bedenken oder Gegenthesen genau beziehen.

Literatur:
KIENPOINTER, M. (1996). Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.









Kommentare:

  1. *Missverständnisse und Verwirrungen lassen sich vermeiden, wenn Widerlegungsversuche genau angeben, worauf sie sich beziehen. Literaturangaben und Zitate lassen sich aus dieser Perspektive als das Bemühen um vernünftige Argumentation verstehen - sie machen nachvollziehbar, worauf sich Einwände, Bedenken oder Gegenthesen genau beziehen.*

    Genau Rolf.
    Das ist ja "relativ einfach".

    AntwortenLöschen
  2. Relativ einfach schon, aber nicht selbstverständlich. Dort, wo gehäuft leer behauptet und irgend etwas ohne direkten Bezug widerlegt wird, wundert es mich nicht, wenn schriftliche oder mündliche Kontroversen wenig fruchtbar verlaufen. Immerhin ist es ein einfaches Mittel: belegen, was sich belegen lässt und wenn andere etwas behaupten - eben nachfragen, worauf sie sich dabei beziehen.

    AntwortenLöschen
  3. Lieber Rolf,
    es gibt Menschen, die versuchen irgendetwas zu widerlegen, ohne direkten Bezug zu Gesagtem oder Geschriebenem?
    Wie soll das denn gehen?

    AntwortenLöschen
  4. ...gar nicht. Zumindest nicht im srengen Sinn.

    AntwortenLöschen

Related Posts with Thumbnails