Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Sonntag, 24. Mai 2009

Klärungsziele und Klärungsfragen

Für Klärungsprozesse sind Fragen sehr nützlich. Elemente des Klärungsgesprächs finden sich in vielen unterschiedlichen Alltagssituationen und zeigen sich nicht nur im direkten Gespräch, sondern auch in inneren (also: Denk-)Prozessen, die oft so stark automatisiert ablaufen, dass sie kaum bewusst werden. Klärungsziele und Klärungsfragen sind nicht nur in Sozialberufen von Bedeutung, auch in gewerblichen und technischen Aufgabenfeldern, in der Verwaltung, im Finanzwesen usw. sind sie unverzichtbar. Die folgende Zusammenstellung von Klärungszielen und Klärungsfragen erhebt nicht den Anspruch, für alle Bereiche vollständig und präzise genug zu sein. Sie beruht eher auf dem dumpfen Verdacht, dass so manches Problem leichter gelöst werden könnte (oder gar nicht aufgetreten wäre), wenn mehr und gründlicher geklärt würde. Professionalität zeigt sich auch in der Sorgfalt, mit der Klärungsprozesse gestaltet werden.
Wer zufriedene Kunden haben will, sollte unbedingt klären, was sie brauchen. Wer ein Auto reparieren will, sollte klären, was nicht funktioniert und warum es nicht funktioniert. Wer in einem bestimmten Bereich helfen, beraten, bilden oder therapeutisch arbeiten will, sollte klären, worin der Bedarf an Beratung, Bildung, Unterstützung usw. besteht. In vielen Berufsbereichen sind bewusst gestaltete, systematische Klärungsprozesse ein fester Bestandteil der Ausbildung und des beruflichen Alltags - Polizisten klären einen Unfallhergang, Versicherungskaufleute klären den Versicherungsbedarf, Lehrende fragen (manchmal) nach den Interessen ihrer Schüler, Methoden, Untersuchungen und diagnostische Verfahren werden eingesetzt, um Probleme zu klären. Nur im Privatleben, da scheinen die Muster gelegentlich zu fehlen… Lassen sich Konfliktfähigkeit und Beziehungsfähigkeit durch einen bewussteren Umgang mit Klärungsprozessen entwickeln? Was geschieht, wenn wir mehr und sorgfältiger klären?
Die Idee ist also, nicht nur das Klären zu entwickeln, sondern auch zu klären, WAS geklärt werden soll… und was in welcher Situation vielleicht besser geklärt werden sollte.

  • Klärung eines Problems (WAS ist FÜR WEN in WELCHER Situation ein Problem (und WARUM), WORIN besteht das Problem genau, WELCHE ART von Problem ist es, WELCHE Ansätze gibt es, das Problem zu lösen, WIE könnte eine Lösung aussehen, die realisierbar und (FÜR WEN?) akzeptabel ist?...)
  • Klärung eines Sachverhalts (WAS ist und WIE es ist…)
  • Klärung eines Ablaufs (WAS (in welcher Reihenfolge) geschehen ist…)
  • Klärung kausaler Zusammenhänge (WARUM bestimmte Dinge geschehen, welche Ursache welche Wirkung hat oder haben kann…)
  • Klärung von Sinnzusammenhängen (WIE welche Dinge in WELCHEM ZUSAMMENHANG verstanden werden können, WAS WOMIT zusammen hängt…)
  • Klärung subjektiven Erlebens (WIE eine bestimmte Situation erlebt wird, welche Bedeutung welche Aspekte haben, welche Gefühle und Gedanken damit verbunden sind…)
  • Klärung von Zielen und Absichten (WER WAS in welcher Situation WIE gemeint hat, WOZU bestimmte Aussagen gemacht wurden, WAS damit erreicht werden soll…)
  • Klärung einer Konfliktsituation (WELCHE ASPEKTE in WELCHER Situation nicht oder scheinbar nicht zusammen passen…)
  • Klärung von Standpunkten (WER in WELCHER FRAGE welche Auffassung vertritt und wie (und ob überhaupt) diese Auffassung begründet ist…)
  • Klärung von Rollen und Rollensegmenten (WER in welcher Rolle und welchem Rollensegment WEM in welcher Rolle und welchem Rollensegment begegnet und welche Probleme sich möglicherweise daraus ergeben…)
  • Klärung des Interventionsrechts (WER lässt sich VON WEM in welcher Situation, welcher ROLLE und welchem Rollensegment etwas sagen?)
  • Klärung von Beziehungen (WER sich VON WEM WAS wünscht, welche Erwartungen an wen in welchem Bereich mit welchem Anspruch gestellt werden…)
  • Klärung juristischer, formaler und organisatorischer Zusammenhänge (WELCHE Gesetze, Regelungen, Vorschriften, Verantwortlichkeiten, Entscheidungsbefugnisse, formale Vorgaben und organisatorische Rahmenbedingungen sind bei WELCHER Fragestellung zu beachten?)
  • Klärung von Konsequenzen (kurzfristige und langfristige, wahrscheinliche und mögliche, erwünschte und unerwünschte Folgen von Entscheidungen, Massnahmen oder Handlungen)

Ein extremes Beispiel soll verdeutlichen, welche Folgen es haben kann, wenn auch nur an einer Stelle zuwenig geklärt wird. In einer chemischen Fabrik gab es eine Explosion, eine ganze Halle brannte ab. An mehreren Stellen waren Schilder aufgehängt, das Rauchen war verboten. Dennoch warf einer eine Zigarette in ein „Wasserbecken“. Auf die Idee, dass die Flüssigkeit vielleicht brennbar und explosiv sein könnte, war er nicht gekommen… Inzwischen ist die Frage natürlich „geklärt“. Wie sagte Vince Ebert? Denken lohnt sich!
Klären, meine ich, lohnt sich auch.

Kommentare:

  1. Die systematische Aufstellung finde ich ausserordentlich gut. Hättest du ein Problem, wenn ich mir eine Kopie davon erstellen würde?
    Wünsche dir noch einen erfolgreichen Start in die neue Woche.

    rolf

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  2. Lieber Rolf,
    ich lese immer wieder gerne Deine Beiträge,
    wollte ich nur mal so erwähnen.
    Ich lasse mich hin und wieder sogar zu einem Kommentar hinreißen - hier oder anderswo.
    Zu Deinem Beitrag möchte ich anmerken, dass Klärungsziele und Klärungsfragen, ein Wissen um den jeweiligen Sachverhalt voraussetzen. Oder anders ausgedrückt: Sollte ein Mensch nicht über Wissen verfügen, welches ein Klärungsziel, bzw. eine Klärungsfrage aufkommen lässt, steht ein "Erklärungserwartender" natürlich ziemlich alleine auf weiter Flur.
    Oder noch anders ausgedrückt: Über "Klärungsbedarf" kann man sich nur unterhalten, wenn der andere geistig überhaupt folgen kann und will.
    Da ich zum Beispiel, geistig nicht unbedingt immer folgen kann und will, besteht
    bei mir der begründete Verdacht, dass ich mich weder einem Klärungsziel noch einer Klärungsfrage aufopferungsvoll widmen möchte.

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  3. @ Kralle

    Gegen eine Kopie zum privaten Gebrauch habe ich nichts, verhindern könnte ich es sowieso nicht. Mir geht es ja um ein besseres Miteinander und ich glaube, dass es gut wäre, wenn das enorme Potential, das in der Sprechwissenschaft steckt, allgemein bekannter wäre. ... Nur einmal hatte ich mit dem Kopieren von Texten ein Problem - da hatte einer mehrere Beiträge aus meinem Blog originalgetreu auf sein eigenes Blog übernommen - ohne Quellenangabe....
    Das Thema Klärungsfragen ist noch nicht zu Ende gedacht... einzelne Details möchte ich im Laufe der Zeit noch weiter ausarbeiten.
    Dir auch eine erfolgreiche Woche... mit viel Sonnenschein!
    Rolf

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  4. @ Mona

    "Zu Deinem Beitrag möchte ich anmerken, dass Klärungsziele und Klärungsfragen, ein Wissen um den jeweiligen Sachverhalt voraussetzen." - Ja und nein... Fachwissen und Erfahrung zeigen sich oft darin, dass schnell erkannt wird, wo ein Problem liegt, warum etwas nicht funktioniert usw. Andererseits fragt ein Polizist, der einen Unfallhergang rekonstruieren will, ja deshalb nach, weil er eben nicht genau weiss, was geschehen ist - das Wissen bezieht sich hier eher auf typische und relevante Aspekte, die zu einem Unfall führen KÖNNEN. Bei anderen Zusammenhängen ist es ähnlich - Erfahrung zeigt sich als Fähigkeit, "gute Fragen zu stellen", mehr auf wirklich wichtige Dinge zu achten.

    "Über "Klärungsbedarf" kann man sich nur unterhalten, wenn der andere geistig überhaupt folgen kann und will." - Das "Folgenkönnen" ist wirklich ein Problem und das "Klären wollen" auch. Anders als Paul Watzlawick ("man kann nicht nicht kommunizieren") gehe ich davon aus, dass man ein Gespräch sehr wohl verweigern kann. Klären und Streiten - beides geht nicht, wenn der oder die andere nicht will. Damit verbunden ist die Unterscheidung von durchsetzungsorientierter und lösungsorientierter Konfliktbereitschaft, die auf der Beobachtung beruht, dass manchmal weder das Klären noch das Streiten im Sinne einer argumentativen Auseinandersetzung möglich ist. Klärungsbereitschaft, Gesprächsbereitschaft überhaupt, sind keinesfalls selbstverständlich...
    Aber es geht ja auch nicht darum, alles mit allen in jeder Situation klären zu wollen... bis hin zur Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht Nichts. Dass etwas ist, nehme ich mal als Tatsache, und wenn ich darüber nachdenke, warum das so ist, habe ich bald einen Knoten im Hirn. So manches, meine ich, darf ungeklärt bleiben ohne dass deshalb die Welt untergeht.

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