Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Freitag, 23. Oktober 2009

Anatomie des Ärgers


Irgendwelche Erinnerungen mussten mir durch den Kopf gegangen sein, bevor ich eingeschlafen war. Kaum hatte ich in der Empfangshalle das neue Schild mit der Aufschrift "Anatomie des Ärgers" entdeckt, war ich auch schon drin. Und staunte. Mit einer Art Gummizelle hatte ich gerechnet, getragen von der längst überholten Idee, Aggression sei eben "ein Trieb, den man irgendwie rauslassen müsse". Erfahrungen von Leuten fielen mir ein, die mit dem Gedanken, ihre Aggressionen loszuwerden, in ein Fitnessstudio gegangen waren. Um nach einiger Zeit festzustellen, dass sie dadurch nur noch aggressiver wurden. Keine Gummiwände, kein Boxsack oder etwas Ähnliches.
Nein. Ein Schreibtisch in der Mitte und dahinter eine etwas nüchtern wirkende weissbekittelte ...Ärztin, wie ich vermutete. "Oh, ein neues Studienobjekt!", begrüßte sie mich. Schob die Brille über die Nase, was nun überhaupt nicht zu einem Science-Fiction-Traum passte. Aber, wie das eben so ist... selbst James T.Kirk trug wohl aus nostalgischen Gründen gelegentlich eine Brille. Nun ja. Mit einem VISOR, so wie ihn Geordi LaForge trug, hätte sie auch nicht besonders gut ausgesehen. Aber, zur Sache. "Den Ärger stelle ich mir wie einen Körper vor", begann sie ihre Theorie zu erläutern. Ein fragwürdiges Bild, wie ich fand... "Als Ärztin bin ich natürlich dem Leben verpflichtet," erklärte sie weiter. "Den Ärger umzubringen liegt mir absolut fern. Er soll leben und sich zeigen dürfen. Auch wenn er oft nicht mehr ist als ein Schatten, der vorüberzieht". Eine leicht poetische Ader schien sie also auch zu haben, trotz Brille. Oder vielleicht gerade deswegen.
"Oft sehen die Menschen im Ärger nur das Destruktive", fuhr sie fort, "ohne zu erkennen, dass in ihm das heisse Blut der Leidenschaft fliessen kann". Was sollte das denn werden? Eine verkorkste erotische Geschichte? Jetzt sollte wohl noch eine Erklärung darüber erfolgen, wie nahe gewisse Hirnzentren in unseren Schädeln beieinander liegen oder so etwas. Leider blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn schon ging die Vorlesung weiter: "Jeder Ärger hat ein Rückgrat und Hände. Wie jedes Lebewesen möchte er sich ausdrücken, kann dabei sehr konstruktiv werden und etwas Neues schaffen. Seine Augen, die Ohren, die Sinne machen aufmerksam und zeigen, wo es etwas gibt, das nicht in Ordnung ist. Das Rückgrat schliesslich sind die Werte, das, was einem Menschen wichtig ist. Wer sich nie über etwas ärgert, hat keine Werte, die man verletzen könnte, kann also auch nichts als ärgerlich beurteilen. Und das ist schade. Denn dann finden die Hände keinen Anlass, aktiv zu werden und etwas zu verändern auf der Welt."
Die näheren Details dieser abstrusen Theorie will ich nicht näher erläutern. So ein Unfug, dachte ich. Zuerst. Etwas später ging mir die Frage durch den Kopf, ob diese bildhafte, verfremdende Analogie vielleicht doch etwas an sich hatte. Als Methode, sich von unangenehmen Gefühlen zu distanzieren. Abstand zu gewinnen und dadurch einen neuen Zugang zu finden. Und dann fiel mir Albert Einstein vor dem Spiegel ein. Mit der Frage, ob er sich wohl noch rasieren könnte, wenn er jetzt mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs wäre. Es wäre ja ärgerlich, wenn das Spiegelbild einfach so verschwinden würde...
Wissenschaftler sind schon seltsame Menschen. Als ich aufwachte, dachte ich darüber nach, ob ich heute wohl etwas Ärgerliches finden würde, das sich ändern liess. Im Spiegel konnte ich mich erkennen... war also wohl wieder auf der Erde angelangt. Und bestimmt nicht mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Sooo schnell bin ich auch nicht...!



Kommentare:

  1. "Das Rückgrat schliesslich sind die Werte, das, was einem Menschen wichtig ist. Wer sich nie über etwas ärgert, hat keine Werte, die man verletzen könnte, kann also auch nichts als ärgerlich beurteilen."
    Eine ganz interessante Sichtweise, danke!

    lg Sabine

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  2. Hallo Sabine,
    ..."was lässt mich so fühlen?" - "ich ärgere mich über..., weil...". Ziele, Wünsche und Bedürfnisse, Einstellungen, Ansprüche und Werthaltungen spiegeln sich darin. So lässt sich auch einem unangenehmen Gefühl etwas Wertvolles abgewinnen...

    LG Rolf

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