Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Dienstag, 7. Juli 2009

Selbsthilfe: Selbstbewusst durch Ratgeber?

Kann man Selbstbewusstsein lernen? Ist alles nur eine Frage des Denkens, kommt es nur darauf an, sich selbst die richtigen Sätze zu sagen? Was bringen Selbsthilferatgeber und wo sind die Grenzen?
Positives Denken ist ein Ansatz, der interessant erscheint, wenn Zweifel und Ängste da sind, wenn daraus das Bedürfnis entsteht, sich irgendwie selbst wieder aufzubauen. Ratgeber versprechen Hilfe und geben Anweisungen, was und wie am besten gedacht werden soll. "Ich bin liebenswert" und "ich werde erfolgreich sein", solche Sätze also soll man an sich selbst richten. Und dann - wird alles gut.
Eine gewisse Skepsis scheint mir hier schon länger angebracht...
Positives Denken - was ist dran?

Positive Selbstaussagen können auch unerwünschte Effekte nach sich ziehen. In Waterloo (war da nicht noch etwas anderes los...?) untersuchten Joanne V. Wood and John W. Lee mit W.Q. Elaine Perunovic aus New Brunswick die Frage, ob solche Aussagen wirklich helfen. Und kamen zum Ergebnis, dass gerade jene, die über ein schwaches Selbstwertgefühl verfügten, sich noch schlechter fühlten, wenn sie sich solche Aussagen durch den Kopf gehen liessen.

Die Methode: Versuchspersonen wurden in zwei Gruppen eingeteilt - starkes und schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Anschliessend sollten sie sich die Aussage "ich bin eine liebenswerte Person" durch den Kopf gehen lassen. Gemessen wurde dann die Gefühle und die Selbsteinschätzung.

Das Ergebnis: Versuchspersonen mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl ging es nach der Auseinandersetzung mit der Aussage "ich bin eine liebenswerte Person" deutlich schlechter - im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die keine Aussage zu lesen bekam. Versuchspersonen mit starkem Selbstwertgefühl fühlten sich etwas besser, wenn sie die Aussage gelesen hatten.

In einer weiteren Studie sollten die Versuchspersonen positive und negative Aussagen über sich selbst aufschreiben. Merkwürdigerweise fühlten sich die Personen mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl besser, wenn auch negative Aussagen erlaubt waren - die Aufforderung, sich nur auf die positiven Gedanken zu konzentrieren, brachte keine Stärkung des Selbstwertgefühls mit sich.

Die Interpretation: die Autoren ziehen den Schluss, dass positive Aussagen bei Personen mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl zu gegenläufigen Gedanken führen können, die die positiven Aussagen überdecken. Positive Affirmationen helfen also jenen, die sie im Grunde nicht brauchen - und schaden eher bei jenen, für die sie eigentlich gedacht sind.

Die Ergebnisse stimmen nachdenklich. Selbstbewusstsein - oder sagen wir genauer: Selbstsicherheit - lässt sich nicht einfach mit entsprechenden positiven Selbstaussagen erreichen. Gerade jene, die es am meisten brauchen könnten, nehmen sich selbst solche Aussagen einfach nicht ab. Das Selbstbild lässt sich nicht einfach so "zurechtdenken". Die Ergebnisse sprechen auch für Konzepte zum Selbstsicherheitstraining, in denen konkrete Übungen enthalten sind. Sicherheit und damit verbunden eine höhere Selbsteinschätzung entsteht erst durch Erfahrung, die einen Lernprozess deutlich macht. Denn die eigene Erfahrung - die nimmt mensch sich selbst ab.

Quelle: Science Daily

Die Studie im Original:
Wood et al. Positive Self-Statements: Power for Some, Peril for Others. Psychological Science, 2009; DOI: 10.1111/j.1467-9280.2009.02370.x

Kommentare:

  1. Mit meinem Selbstbewustsein bzw. Selbstwertgefühl hingt es ab und an. Mir hilft es dann, wenn ich mir meine Kids ins Gedächtnis rufe oder mir mal im Geiste aufzähle was ich schon alles im Leben erreicht habe. Bin leider einer der Menschen, die nach Anerkennung hecheln, da sie in der Kindheit nicht so vermittelt wurden. Lange Prozesse, psychosomatische Klinik nach der Trennung etc. taten viele Felder auf. Diese alle zu be- und verarbeiten, wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Desto mehr ich aber erfahre, desto tiefer geht mein rein...... Nach meiner letzten Blogerfahrung habe ich auch mal wieder ne Menge lernen müssen. Letztendlich wird man nie aufhören zu lernen, sollte man auch nicht...
    Guter Artikel. Den sollten sich auch mal einige Therapeuten anschauen.....

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  2. Hallo Jürgen, das mit den Kindern und Erfolgen geht in die Richtung "Ressourcenorientierung" - also: starke Seiten bewusst machen und damit die glaubwürdigen Dinge betonen. Davon halte ich mehr als von Suggestionen oder platten Sprüchen wie "Kopf hoch, wird schon wieder". Anerkennung ist ein Grundbedürfnis und nicht beachtet oder ignoriert zu werden ist eine schmerzhafte Erfahrung. Ich glaube, dass die meisten Eltern sich nicht bewusst sind, wie wichtig solche Dinge sind.

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  3. Dann mache ich es mit meinen Kids hoffentlich besser als man es mit mir gemacht hat. Ich mache aber meinen Eltern keine Vorwurf, sie haben dennoch ihr bestes getan, wie es alle Eltern machen...

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  4. Die Frage ist: wie geht denn dieses "besser machen"? Auf den Zusammenhang "ermutigende Kommunikation" komme ich immer wieder zurück. Wenn Selbstwirksamkeit ein Aspekt des Selbstwertgefühls ist, dann sind Sprüche wie "lass das, das kannst du ja doch nicht" schädlich, das ermuntern, unterstützen und anleiten dagegen förderlich. Kritik, die nur destruktiv ist, schadet auch dem Selbstwertgefühl. Über einen interessanten Vortrag zum Thema Mediation will ich auch noch etwas schreiben, da geht es u.a. um die Erfahrungen, die Kinder machen, wenn sie aus Unwissenheit etwas "Dummes" tun...

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  5. "Lass das, dass kannst du ja doch nicht" bzw. hieß es "lass das deine Schwester machen", kenne ich nur zu gut.......Habe es zwar kapiert und meinen Frieden damit gemacht, aber es immer noch was mit mir, zumindest hin und wieder....

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  6. Ich ordne das als "Schema" ein - es ist ein Muster, das nun mal gespeichert ist wie ein Programm auf einer Festplatte. Einfach löschen? Geht nicht so einfach, es kann immer wieder "angeklickt" und aktiviert werden. "Ich kann das nicht", "ich bin zu klein, zu dumm, zu dick, zu dünn, zu..." - es gibt viele Varianten. Da helfen nur korrigierende Erfahrungen: "ich kann was - und das wird auch gesehen und beachtet."

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  7. Um diese Erfahrung zu machen, musste ich 40 Jahre alt werden. Da hat mein Vater mal vor einem NAchbarn in meinem Beisein erzählt, wie ich mein Haus geschindelt hätte....Letztendlich weiß ich was ich kann, puuh. Danke für diesen Dialog. Ich gehe jetzt mit Sohnemann etwas Essen. bin einfach zu faul selbst etwas zu kochen. Bis denn Rolf!

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  8. Das Problem ist doch, dass man sich positives Denken so einfach vorstellt. Da geht man u.U. mit einer falschen Erwartungshaltung ran. Man fühlt sich eben nicht einfach so schlagartig besser, wenn man anfängt sich positive Sachen einzureden - aber genau das denken Menschen mit schwachen Selbstwertgefühl. Daher ist es auch wichtig, dass sie positives Denken - zumindest anfänglich - nicht alleine betreiben. Es sollte auch immer jemand da sein, der sie bestätigt.

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  9. @ Paramantus

    Die Erwartungshaltung ist ein wichtiges Thema. Ich glaube, dass der Wunsch nach einer schnellen Wirkung der Grund für die Bereitschaft ist, nach Medikamenten zu greifen - es ist schön einfach. In der Regel genügt ein einfacher positiver Satz nun wirklich nicht, um wirklich etwas in Bewegung zu bringen. Gelegentlich sind es aber doch ganz kleine Dinge, die etwas in Bewegung bringen, Erleichterung verschaffen. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, in denen eine kurze Frage oder ein einfaches Bild als hilfreich empfunden wurde - das sind dann aber sehr individuelle und spezifische Dinge, die in einer bestimmten Situation passen. Damit kommen wir zum Thema "Bestätigung", das ich noch durch "Anleitung" ergänzen möchte. In der Literatur zum Autogenen Training findet sich ab und zu die Bemerkung, jeder habe sein "eigenes Autogenes Training", was bedeutet, für sich Übungen auszuwählen und bei Bedarf eben anzupassen.
    Ein solcher individueller Zuschnitt ist aber im Rahmen eines Ratgebers nicht zu leisten - so gesehen kann man wohl empfehlen, offen zu bleiben, sich vielleicht mehrere Ansätze und Möglichkeiten anzusehen, dann aber auch auszuwählen, was persönlich brauchbar, hilfreich, anwendbar ist. Es ist eine wichtige Aussage: "es sollte auch immer jemand da sein, der sie bestätigt". Und ermuntert - nicht nur mit einer kritischen Brille auf der Nase beurteilt, bewertet und in Leistungskategorien denkt.

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  10. Interessante Gedanken. Danke dafür.

    Ich empfinde diese manipulative Art der allermeisten Ratgeber eine unverschämtheit. Es ist die Aufgabe eines Ratgeber mir Rat zu geben und nicht mich unterschwellig auf einer NLP Art umzupolen. Diese NLP/Hypnoseschiene widert mich noch viel mehr an. Wie Miller mal schrieb, hat ein Hypnosebefehl denselben Charakter wie eine Zwangsstörung.
    Wie kann man "Zwangsstörungen" (das ist für mich die eigentliche Grundlage negativer Erfahrungswelten) mit Zwangs bekämpfen? Da bekomme ich regelmäßig Anfälle mit welcher Leichtfertigkeit sich Menschen dermaßen Manipulieren lassen wollen.
    Lieber gehe ich an meinen eigenen Fehlern zugrunde als mir Lösungen aufoktroyieren zu lassen - Das sind dann wenigstens MEINE Fehler, die ICH nicht lösen konnte und nicht die Glaubenssätze oder Erfahrungsprofile anderer.

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  11. @ Anonym: Danke für den Kommentar. Er hat mich nachdenklich gemacht und zu einem neuen Post geführt: brauchen wir einen Ratgeber für Ratgeber?

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