Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Montag, 10. August 2009

Wahlkampf im Netz: von Glaubwürdigkeit keine Spur?

Vor ein paar Tagen gab es bereits einen kritischen Beitrag zum Thema "Wahlkampf im Netz". Mit der Bemerkung "keiner kriegt's hin" scheint der Nagel nun wirklich auf den Kopf getroffen zu sein. Neuere Entwicklungen eröffnen auch neue Möglichkeiten, sich zu äußern, die eigene Meinung kund zu tun. Skepsis aber schwebt über alledem - so interessant der Ansatz des "Open Reichstag" ist, so deutlich werden dabei auch einige Probleme, die einen tiefen Graben zwischen Bürgern und Politik aufzeigen.

Mit Steinmeiers Rede hatte ich mich bereits beschäftigt, die Umfrage im Politbarometer zeigte dann ganz deutlich das Problem. Die Zahlen nimmt ihm kaum jemand ab - insgesamt hat sich die SPD damit unglaubwürdig gemacht.
Das allerdings ist nicht nur das Problem einer einzelnen Partei.
Stand 10. August: 15 Uhr - auf die Frage, "Sind die Aktivitäten der deutschen Politiker glaubwürdig?" stimmten 86% mit "Dagegen".
Auf die Frage "Sollten Wahlversprechen einklagbar sein?" stimmten 85% mit "Dafür".

Beides gibt zu denken...
"Die machen ja sowieso, was sie wollen" - das scheint landläufig die herrschende Meinung zu sein. Kritisch beleuchten kann man aber auch die Mittel, die eingesetzt werden, um Politik zu vermitteln. Hinterfragen lässt sich die rhetorische Konzeption, mit der etwas "verkauft" werden soll.

Kurze Stichworte, knappe Formulierungen, Versprechungen und Schlagworte - all das ist genauso glaubwürdig wie die Margarine, die Harmonie in die Familie zaubert, die Flügel aus der Dose oder der garantierte Schutz vor Erkältung aus dem Joghurtbecher. Werbung und Wahlkampf haben eines gemeinsam: sie sprechen die Konsumenten als dumme Trottel an, denen man alles verkaufen kann, die man nicht ernst nehmen muss. Bürger sind dumme und verführbare Idioten, die man nur irgendwie dazu bringen muss, an der richtigen Stelle ein Kreuzchen zu machen.

Die Problematik der Glaubwürdigkeit hat noch eine ganz andere Seite - die Frage der Machbarkeit nämlich. Wirtschaft und Gesellschaft, demographische, technische und wirtschaftliche Entwicklungen sind hochkomplexe Prozesse, hochgradig intransparent. Wettervorhersage: naja, so ungefähr lassen sich Trends beobachten und Prognosen ableiten. Aber sicher.... nein, sicher sind dies Voraussagen nicht. Hochrechnungen, Kalkulationen über Wirtschaftswachstum und ähnliche Phänomene... Schätzungen, mehr oder weniger brauchbar, aber sicher sind sie auch nicht.

Entwicklungen in anderen Ländern, Trends in vielen Bereichen.... Unsicherheiten, Unwägbarkeiten, genau genommen heißt das doch nur: niemand kann wissen, was geschehen wird. Und dann kommen Leute daher und wollen uns weismachen, sie hätten ein Rezept für das, was "man" tun muss, sie wüßten heute schon, was morgen die richtige Politik ist.

Glaubwürdigkeit auf Versprechungen zu gründen - das funktioniert nicht. Warum also hören Politiker nicht einfach damit auf, Versprechen zu machen, die ihnen niemand abkauft, die sie sowieso nicht halten können, die überhaupt niemand zuverlässig halten kann, weil sich Politik nun einmal immer in einem intransparenten Wirkungsgefüge bewegt? Grundsatzfrage ohne den Anspruch auf eine abschließende Antwort: was macht Politik überhaupt glaubwürdig?

Anders gefragt: was ist denn wirklich machbar?
Gerechtigkeit ist nicht machbar, Vollbeschäftigung ist nicht machbar, Frieden ist nicht machbar, Umweltschutz ist nicht machbar, Bildung ist nicht machbar, Freiheit ist auch nicht machbar, was auch immer sich die Poltik auf die Fahnen schreibt, das was wirklich machbar ist, ist schlicht und ergreifend sehr begrenzt.

Politik kann Impulse setzen und im günstigen Fall gehen sie in die "richtige Richtung". Was dabei die "richtige Richtung" ist, darüber lässt sich schon streiten. Ob eine bestimmte Entscheidung nun wirklich richtig ist, im Sinne von: "den gewünschten Effekt zeigt", das lässt sich manchmal erst im Rückblick erkennen. Und selbst das ist fragwürdig - denn die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung sind nicht immer so transparent, dass bestimmte Entwicklungen in einem System eindeutig auf eine ganz bestimmte politische Entscheidung zurückgeführt werden können. Skepsis also ist geboten bei monokausalen Erklärungsansätzen und eingleisigen Lösungsansätzen nach dem Motto "jetzt verbieten wir mal die Killerspiele und dann gibt es keine Amokläufe mehr" oder: "wir verlängern die Ferien für die Schüler so lange, bis die Schweine keine Grippe mehr haben".

Offen ist immer noch, was denn nun letztendlich glaubwürdig sein KANN.

Werte? Mehr Wachstum, mehr Bildung, mehr Gesundheit, mehr Umweltschutz? Geht man von einer systemischen Betrachtung aus, ist alles Käse, so gut es auch klingen mag. Insgesamt geht es nicht um einzelne Werte, sondern um die Balance. Verschiedene Systeme, verschiedene Interessen, verschiedene Bedürfnisse, Wünsche, Anliegen und Ziele - die Balance ist das Kunststück, das die Politik insgesamt zu bewältigen hat.

Ziele? Das System selbst zwingt Politikern kurzfristiges Denken auf. Wer über mehr als eine Wahlperiode hinausdenkt, wird damit kaum ernst genommen. Ein Begriff wie "Nachhaltigkeit" deutet aber darauf hin, dass wir längst vor der Notwendigkeit stehen, längerfristig zu denken und das bedeutet eben: über mehrere Generationen hinweg. Die Schwierigkeit liegt dabei nicht nur in der Struktur des menschlichen Bewusstseins, sondern auch in der Kurzlebigkeit politischer Instituitionen.
Grund genug, Glaubwürdigkeit eher dorthin zu verlagern, wo Machtgerangel und Wahlkämpfe nicht stattfinden, Vertrauen dort anzusiedeln, wo sich die Energie auf ein bestimmtes Problemfeld konzentriert und fundierte Antworten auf komplexe Fragen zu erwarten sind.

Absichten? Es liegt nahe, Glaubwürdigkeit dort zu vermuten, wo Absichten nicht nur über einen längeren Zeitraum vertreten werden, sondern auch in konkrete Bemühungen münden. Sprich: glaubwürdig werden Politiker, wenn sie das, was sie angekündigt haben, auch wirklich tun.
Systemisch betrachtet ist das aber auch unsinnig - denn die flexible Reaktion auf Veränderungen und besondere Situationen, die nicht prognostizierbar sind, stellt die Rationalität bisheriger Absichten unter Umständen ziemlich in Frage. Die Einklagbarkeit von Wahlversprechen würde Politiker auf Intentionen festlegen, die nach der Wahl (wohlgemerkt auch aus der Perspektive der Wählerinteressen) unter Umständen nicht mehr sinnvoll sind.

Argumentation? Aussagen können in sich logisch schlüssig, gut begründet und fundiert sein - und trotzdem auf Einwände stossen oder als unglaubwürdig abgetan werden. "Recht zu haben" und glaubwürdig zu sein - das sind verschiedene Dinge.

Glaubwürdigkeit ist ein Beziehungskonstrukt. Was ich damit meine?
Glaubwürdigkeit steckt nicht in einzelnen Aussagen, Positionen oder einer bestimmten Person, Partei usw. Glaubwürdigkeit hängt davon ab, wer was wie in welchem Zusammenhang und in welcher Situation für wen so überzeugend darstellen kann, dass die eigene Auffassung, Meinung, Position als in sich schlüssig akzeptiert wird. Das ist keine "Leistung eines guten Redners" allein sondern ein gemeinsames Erzeugnis, das sich in einer Zuschreibung (des Merkmals "glaubwürdig" an eine Aussage, ein Konzept, eine Person usw.) zeigt. Glaubwürdigkeit ist so betrachtet ein sozialer Konsens. Die eine Richtung, über die man nachdenken kann ist die Frage, ob Poltiker überhaupt irgendwelche Versprechen machen sollten (vor allem, wenn klar ist, dass sie sie sowieso nicht halten können oder halten wollen). Die andere Richtung ist die Frage, ob Politiker im Wahlkampf überhaupt ernst genommen werden können - denn worum es letzten Endes geht, ist ja offensichtlich.

Die Frage hinter den Fragen ist aber auch, ob Politik überhaupt glaubwürdig ist, glaubwürdig sein kann. Für alle und in allen Siuationen.... grosses Fragezeichen.
Denn letzten Endes... machen "die da oben" ja doch, was sie wollen.
Wäre es anders... würde sich keiner drum reißen.

Kommentare:

  1. was mich am meisten immer im wahlkampf stört: die parteien haben einfach gar keine ideen mehr! es werden irgendwelche parolen verbreitet, die die masse gut finden. aber wie diese wahlideen in die tat umgesetzt werden sollen bzw. ob diese realistisch sind, das steht immer ausser frage.

    manchmal kommt es mir so vor als wären die parteien tatsächlich im krieg. das einzige was denen einfällt, sind nicht die ideen fürs volk, sondern wie sie am besten die anderen parteien "runtermachen" können.

    billig! Meine Interessen vertritt von den großen Parteien zumindest wirklich keine mehr...

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  2. Angriffe auf die anderen sind immer auch ein Zeichen dafür, dass die "schlagkräftigen" Argumente ausgegangen sind. Parteigerangel hin oder her - Probleme gibt es genug, aber zuwenig Bereitschaft, Ansätze als vorläufig zu betrachten und das, was daran brauchbar ist, handfest auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Komplexe Probleme lassen sich nicht mit monokausalen Erklärungen definieren und einem einfachen Gesetz lösen - Ansätze wie "an Amokläufen sind die Killerspiele schuld, also müssen sie verboten werden" greifen einfach zu kurz, das ist wissenschaftlich nicht haltbar und politisch nicht sinnvoll. Vielleicht hat sich aber auch die Einsicht durchgesetzt, dass viele Systeme politisch einfach nicht kontrollierbar sind - Hilflosigkeit also ist durchaus ein Moment, das nicht gerade zu Ideen beflügelt. Die Wirtschaft liegt eben nicht in den Händen der Politik und die Bedingungen, die im Einzelfall zu einem Amoklauf führen können, auch nicht. Die Bescheidenheit, einfach das zu tun, was möglich ist, damit Lösungen möglich werden, scheint aber mit dem Selbstverständnis der Politiker schwer vereinbar zu sein. Schließlich soll regiert werden, da muss man doch etwas tun... Fragezeichen... die besten Ideen, Ideen, die wirklich etwas bewegen, die erwarte ich nicht von der Politik.

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