Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Dienstag, 12. Januar 2010

Mister No

Mister No ist ein ganz übler Geselle. Im Grund existiert er nicht, aber das wissen die meisten Menschen nicht, in denen er lebt. Er hat keine Stimme, aber er leiht sich gerne eine. Mit Vorliebe sind es die Stimmen der Eltern. Manchmal benutzt er aber auch andere, die im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz oder sonstwo mit Menschen zu tun haben. Seinen Namen hat er von seinem Lieblingswort: NEIN. Mister No ist Ankläger und Richter, weiss alles besser und legt stets den Finger auf die Wunde. Aufmerksam verfolgt er jede Schwäche, die er irgendwo finden kann. Und dann kommen die Sprüche: siehst du, das klappt nicht. Das kannst du nicht. Das ist nichts für dich. Du bist einfach zu doof. Du bist nichts wert. Du machst stets alles falsch. Aus dir wird nie etwas. Und alles, was du beginnst, wird dir misslingen. Sollte doch einmal etwas gelingen - purer Zufall. Wird nicht wieder vorkommen. Wenn etwas schief geht - es liegt immer an dir...
Früher nannte man ihn auch den Teufel und es gab eine schlimme Zeit, in der man versuchte, mit Hammer und Meißel ein Loch in den Kopf zu bohren, damit der böse Geist entschwinden möge...
Dabei entschwand aber auch das Leben, irgendwie funktionierte die Methode nicht. Und so blieb er eben am Leben, treibt sein Unwesen auch weiterhin in vielen Köpfen. Löst Ängste aus und Depressionen, stürzt Menschen in Verzweiflung und manchmal von der Klippe. Manchmal bringt er die Menschen dazu, sich vor den Zug zu werfen oder aus dem Fenster zu springen. Meistens aber hält er die Menschen einfach klein.
Die Begriffe 'böser Geist' oder 'Dämon' sind für aufgeklärte Zeitgenossen nicht mehr angemessen - das Phänomen selbst aber existiert. Heute beschreiben Begriffe wie 'depressiver Attributionsstil' oder 'Script', 'frühes maladaptives Schema' oder 'dysfunktionale Kognition' jene Prozesse, die mit der Figur des Mister No personifizierend beschrieben sind. Eine gewisse Verwandtschaft zu einer anderen berühmten Persönlichkeit, die unter dem Pseudonym 'innerer Schweinehund' bekannt wurde, lässt sich nicht leugnen. Eugene Gendlin nannte ihn 'den inneren Kritiker'.

Im Film 'Die Bruce Lee Story' wird eine Szene dargestellt, in der Bruce Lee gegen seine Ängste kämpft. Zurück versetzt in seine Kindheit flüchtet er zunächst vor dem symbolischen schwarzen Mann, der seine Angst repräsentiert.



Nun lässt sich der Kampf gegen 'Mr No', Ängste und Denkmuster, die das Leben einschränken, im Film sehr schwer darstellen. Wie kämpft man gegen solche Gedankengänge, was kann man Mister No entgegen setzen? Was in der Kognitiven Verhaltenstherapie als Disput irrationaler Gedanken bezeichnet ist, wird leicht zu einer fragwürdigen Diskussion zwischen Therapeut und Patient - im Grunde aber geht es um einen Kampf, den ein Mensch gewissermassen gegen sich selbst führen muss. Genauer gesagt: gegen einen Teil des Selbst. Und dort - hilft kein Kung Fu, kein Judo, kein Aikido, keine brutale Gewalt. Mister No ist nicht mit Muskeln zu besiegen. Bilder wie 'der Teufel', ein 'Dämon' oder 'böser Geist' machen Mister No groß. Im Grunde aber besteht er - nur aus Gedanken.

Lernen kann man hier sehr viel von Kindern, die einfach nachfragen, in Frage stellen oder ablehnen, was ihnen nicht passt. Stimmt doch gar nicht! Woher willst du das denn wissen? Mein Papa sagt da was ganz anderes! Der Kampf gegen Mister No braucht die Waffen des Geistes, die Macht der Frage und des Zweifelns. Beweise mir das!
So mancher selbstverständlich gewordene, tief verankerte Spruch ist nicht mehr als eine leere Behauptung. Eine Behauptung, die einfach nur urteilt und abwertet, ohne begründet, ohne fundiert zu sein. Und das Gefährliche an Mister No ist nicht die Macht seiner Worte - das Problem beginnt erst da, wo man ihm glaubt, ihm folgt, weil es früher irgendwie nicht anders zu gehen schien.

Der Kampf gegen Mister No also ist innere Emanzipation - die kritische Analyse der Denkmuster, die vermittelt, aufgedrückt, verinnnerlicht wurden. Es ist die Entmachtung eines inneren Potentials, das die Lebensfreude beschränkt und nüchtern betrachtet völlig irrational ist. Die Mythen über böse Geister haben eine sehr lange Tradition. Heute kann man sie ganz nüchtern als Konstrukt bezeichnen. Die Erfindung von Mister No dient also einem einfachen Zweck - ihn als Fantasieprodukt zu entlarven und deutlich zu machen, dass er im Grunde nicht existiert. Dann aber hat er auch nicht das Recht, irgend jemandem etwas einzuflüstern, das nicht stimmt. Wieviel Macht bleibt noch übrig, wenn niemand mehr zuhört?





Kommentare:

  1. Hallo! Wenn er, Mister No, aber von außen viel Zündstoff bekommt, kann er ganz schön stark werden und die ohnehin schon geschwächte Person findet vielleicht gar keinen Weg mehr daraus, auch wenn sie im Grunde weiß, daß das gar nicht stimmt, was ihr da von innen und von außen eingetrichtert wird! LG monisha

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  2. Hallo Monisha,
    das ist wirklich ein Problem. Es ist schwer, tief verwurzelte Überzeugungen zu verändern, wenn man ganz allein da steht. Das alles aus sich selbst heraus zu verändern ist schwer.
    Mit dem, was man so gemeinhin als 'soziale Unterstützung' bezeichnet, wird es schon leichter. LG Rolf

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  3. Und was ist mit denen, die diese "soziale Unterstützung" nicht haben oder denen sie verwährt wird, weil heutzutage jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt ist? Oder jene, die einfach nicht über ihre Gefühle reden können, weil sie nie gelernt haben dies zu tun oder es einfach irgendwann eingestellt haben, weil sowieso niemand richtig zu hört?

    Sorry, für die Fragen! LG monisha

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  4. Die Fragen sind durchaus berechtigt... der Bereich 'Umgang mit Gefühlen' ist ein allgemeines Defizit. Und dass die soziale Unterstützung vielen fehlt, deshalb auch Depressionen weit verbreitet sind, ist mir wohl bewusst. Bloggen ist für mich auch der Versuch, ein winziges Stück sozialer Unterstützung möglich zu machen... und wenigstend Denkanstösse weiter zu geben. Auch wenn es kaum mehr sein mag als ein Tropfen auf den heissen Stein...
    LG Rolf

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  5. Hallo! Sorry, aber ich nochmal! Irgendwie läßt mich dieses Thema nicht so ganz wieder los! Habe noch ein paar Fragen:

    1. Welche Therapieformen werden hier angewendet?
    2. Wie lange kann so eine Therapie dauern?
    3. Inwiefern könntest Du denn diese soziale Unterstützung durchs Bloggen leisten, denn ich denke nicht, daß sich jemand hierhin stellt und schreibt, daß er diesen Mister No in sich hat oder irgendwelche anderen Probleme?

    Eigentlich wären da noch mehr Fragen, aber ein paar haben sich versteckt und außerdem möchte ich Dich hier ja auch nicht mit meiner Neugierde zuspamen! Deshalb mache ich jetzt Schluß für heute und wünsche Dir einen ruhigen Start in die neue Woche! LG monisha

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  6. Hallo Monisha,

    bei diesem Text 'Mr No' hatte ich verschiedene Ansätze aus dem Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie im Hinterkopf. Wie lange eine Therapie dauert, hängt von vielen Faktoren ab, auch vom Kontext (stationär in einer Klinik oder ambulant). Die dritte Frage kann ich nur teilweise beantworten. Ich versuche, Denkanstösse weiter zu geben, aber wer was wie genau damit anfangen kann, ist nicht immer so leicht abzusehen...
    Für die Fragen, die 'eigentlich noch da wären' habe ich eine E-Mail-Adresse: psychosophie@online.de. Persönliches soll auch persönlich bleiben dürfen. LG Rolf

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