Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Montag, 19. Oktober 2009

Brauchen wir einen Ratgeber für Ratgeber?


Ein Kommentar zum Artikel über die Frage, ob sich das Selbstwertgefühl durch Ratgeber entwickeln lässt, wirft Fragen auf. Zuerst aber der Text des Kommentars:


Interessante Gedanken. Danke dafür.



Ich empfinde diese manipulative Art der allermeisten Ratgeber eine unverschämtheit. Es ist die Aufgabe eines Ratgeber mir Rat zu geben und nicht mich unterschwellig auf einer NLP Art umzupolen. Diese NLP/Hypnoseschiene widert mich noch viel mehr an. Wie Miller mal schrieb, hat ein Hypnosebefehl denselben Charakter wie eine Zwangsstörung.
Wie kann man "Zwangsstörungen" (das ist für mich die eigentliche Grundlage negativer Erfahrungswelten) mit Zwangs bekämpfen? Da bekomme ich regelmäßig Anfälle mit welcher Leichtfertigkeit sich Menschen dermaßen Manipulieren lassen wollen.
Lieber gehe ich an meinen eigenen Fehlern zugrunde als mir Lösungen aufoktroyieren zu lassen - Das sind dann wenigstens MEINE Fehler, die ICH nicht lösen konnte und nicht die Glaubenssätze oder Erfahrungsprofile anderer.



Da ist zum einen das Thema "Manipulation". Gerade in einem Seminar über Hypnotherapie stand zu meiner Studienzeit die These im Raum, Psychotherapie sei schliesslich immer manipulativ. Einer Auffassung, der ich mich damals nicht anschliessen wollte. Hypnotherapie allerdings, wenn sie mit dem Anliegen verbunden ist, den Verstand "zu umgehen", wird schnell zu einem manipulativen Verfahren. Für das NLP gilt das auch.


Das Problem ist - man kann Methoden aus einer therapeutischen Situation herauslösen, abkoppeln von einer therapeutischen Beziehung und einer bestimmten therapeutischen Grundhaltung. "Es ist die Aufgabe eines Ratgebers, mir Rat zu geben" - einverstanden. Beraten und Manipulieren sind zwei verschiedene Dinge, Beraten kann hilfreich sein. Die Frage ist dann: wie muss ein Ratgeber beschaffen sein (gemeint ist hier ein Buch oder auch ein Text im Internet), der eben nicht manipuliert?


Wer manipuliert, nimmt anderen die Freiheit, Nein zu sagen. Oder macht es zumindest schwer. Ich denke, man diese Haltung auch einem Buch, einem Text und einer Person gegenüber einfordern. Mit der Aussage "ich möchte Möglichkeiten erkennen, aber selbst entscheiden, was ich tue" dürfte das Anliegen an Ratgeber und Ratgebende deutlich gemacht sein. Im Grund war das jetzt auch ein Rat... worauf es mir ankommt, ist der feine Unterschied zwischen "Möglichkeiten aufzeigen" und "anderen sagen, was sie tun sollen".


Was ist eigentlich ein guter Rat? Ein guter Rat passt, entspricht einer konkreten Person, passt zu dem was sie will, zur Situation, in der sie sich befindet und den gegebenen Lebensumständen mit ihren Möglichkeiten und Grenzen. Je weniger ich über diese spezifischen Feinheiten weiss, umso grösser ist die Gefahr, dass der bestgemeinte Rat ziemlich daneben geht. Und dann kann so eine Erfahrung enstehen: irgendwo hingeschoben zu werden, wo man eigentlich gar nicht hin will.


"Lieber gehe ich an meinen eigenen Fehlern zugrunde als mir Lösungen aufoktroyieren zu lassen." Die Formulierung "an den eigenen Fehlern zugrunde gehen" klingt recht drastisch. Vielleicht ist die Haltung "lieber suche ich meinen eigenen Weg als die Wege anderer zu gehen" in der Nähe - und dann lassen sich die Erfahrungen, Glaubenssätze, Überlegungen, Fragen und Wege als Denkanstoss nutzen, die man übernehmen kann oder auch nicht.


"Modeling" als exaktes Kopieren von Vorbildern ist ein zwiespältiges Verfahren, wenn man an Autonomie und Authentizität interessiert ist. Die Qual der Wahl und die Kunst, das Passende auszuwählen, aus Fragmenten Eigenes entwickeln - das müsste vielleicht Thema sein in einem "Ratgeber für den Umgang mit Ratgebern". Die Frage der Leichtfertigkeit, mit der sich andere manipulieren lassen.... vielleicht ist das auch bequem. Andere entscheiden lassen, das enthebt von der je eigenen Verantwortung. Wer eigene Wege finden will, muss mehr Verantwortung tragen, wacher sein, wird öfter scheitern, sich ins Dickicht wagen und Probleme bekommen, dabei aber auch auf eine ganz andere Art wachsen. Es wird ein schwierigeres Leben sein, aber eines, das echter ist.
Ein wacheres, dass sich den vielfältigen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten mehr bewusst wird - aber die Freiheit der eigenen Entscheidungen immer im Auge behält.
Kein Buch der Welt kann jemals für jeden und jede Situation einen guten Rat bereit halten.
Bücher können Handgepäck sein, Landkarte, Bericht... aber sie berichten stets von einem Leben, das bereits gelebt wurde. Und niemals von dem, was gerade jetzt dem einen oder der anderen hier oder da bevorsteht. Wer also wirklich selbst leben will, wird niemals einen Menschen, einen Ratgeber oder ein Patentrezept finden, der oder das sagen kann, was genau jetzt zu tun ist. Denn wer selbst lebt, findet sich immer wieder einmal dort, wo noch nie jemand war. Die Erkenntnisse anderer sind dabei möglicherweise nützlich. Vielleicht aber auch nicht. Dann bleibt die Notwendigkeit bestehen, selbst zu denken.
Selbst zu entscheiden. Und selbst etwas zu tun. Auch auf die Gefahr hin, dass es sich eines Tages als ein Fehler herausstellt. Allwissend, unfehlbar und perfekt sind wir eben alle nicht.
Was also könnte ein guter Ratgeber sein? Ein Text oder auch ein Mensch, der Zusammenhänge aufzeigt. Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet. Hinweise gibt. Ideen vermittelt oder anregt. Aber dem Leser, Hörer, Mandanten, Klienten, Patienten, Interessenten... letzten Endes die Freiheit lässt, selbst zu entscheiden, was und ob überhaupt etwas umgesetzt werden soll. Diese Freiheit sollten wir uns als Lesende und Hörende auch nehmen und nicht nehmen lassen - kritisch zu prüfen, was wir annehmen wollen und was nicht. Es mag sinnvoll sein, über Hinweise nachzudenken, die Hand und Fuss haben. Wenn aber ein "Zwang" daraus wird, läuft irgend etwas schief.


Kommentare:

  1. "Diese Freiheit sollten wir uns als Lesende und Hörende auch nehmen und nicht nehmen lassen - kritisch zu prüfen, was wir annehmen wollen und was nicht."
    Gerade das geht bei einem Buch ja besonders gut. Das rausholen, was für uns gerade passt und annehmbar ist. Vielleicht erklärt das auch die Vielfalt der Ratgeberbücher, in denen im Prinzip ja doch ähnliches drin steht. Aber im Einen ist das so formuliert, dass es für Leser X passt, im anderen jenes.
    Liebe Grüße,
    Sabine

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  2. Hallo Sabine,
    die Vielfalt hat schon etwas für sich, kann sehr bereichernd sein, aber aich verwirrend. Gerade wenn es um Psychologie geht, gibt es eben auch viel Fragwürdiges, Pseudowissenschaftliches und für Fachleute Haarsträubendes, das aber trotzdem sehr oft gelesen wird, weil es eben so schön einfach ist. Ratgeber, die gut verständlich geschrieben und trotzdem aktuell und gut fundiert sind, sind nicht unbedingt so leicht zu finden.

    Liebe Grüße.
    Rolf

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