Psychosophie

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In der Begegnung mit anderen Menschen können wir uns selbst und andere besser verstehen lernen. Wenn wir miteinander sprechen, begegnen sich subjektive Welten. Vielleicht entstehen daraus Einsichten, die für das je eigene Leben von Bedeutung sind.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Sigourney Weaver - die "Untalentierte"




Im Jahre 2000 veröffentlichte DIE ZEIT ein Interview mit Sigourney Weaver, in dem sie ihre Erfahrungen an der Schauspielschule beschreibt. Dort bekam sie das Etikett "untalentiert" aufgeklebt und die Prognose besagte, dass sie nie eine Rolle bekommen würde. Diese Prognose hat sie gründlich widerlegt - und der interessante Aspekt an dieser Geschichte ist die Frage, welche Konsequenzen sich daraus für den Umgang mit dem Schema "Unzulänglichkeit" ableiten lassen. Schemata, hier verstanden als Überzeugungen über das je eigene Selbst, sind sozial vermittelt. Das Schema Unzulänglichkeit ist eine generalisierte (verallgemeinerte) Selbsteinschätzung, die das psycho-logische Resultat pauschal abwertender Fremdbeurteilungen ist. Eine Aussage wie "nicht das geringste Talent haben" ist so ziemlich die niederschmetterndste Beurteilung, die man über eine Schauspielerin abgeben kann.

Fakten zur Biographie von Sigourney Weaver

Sigourney Weaver wurde 8. Oktober 1949 in New York City geboren, 1974 war ihre Ausbildung an der Yale School of Drama abgeschlossen. Das Filmebüt erfolgte drei Jahre später - mit einer Rolle, die 6 Sekunden dauerte. Bis hierher lässt sich das vernichtende Urteil noch spöttisch verteidigen - die "Untalentierte" hatte eben Glück, eine Minirolle zu bekommen. Spätestens mit der Nominierung zur besten Hautpdarstellerin im Jahr 1987 kann man wohl die Zuschreibung der Talentlosigkeit als gründlich widerlegt ansehen. Es sei denn, man unterstellt, dass so eine Nominierung nun rein gar nichts mit Talent zu tun hat.

Urteile und Kriterien

In der Film-Zeit wird Sigourney Weaver darstellerische Wandlungsfähigkeit bescheinigt. Unterschiedliche Rollen, die Neigung zur Darstellung selbstbewusster und unabhängiger Figuren, all das passt nicht zur Prognose an der Schauspielschule. Die Frage ist: was ist hier eigentlich geschehen? War die Einschätzung der Lehrenden gründlich daneben oder hat sich das Talent erst im Laufe der Jahre entwickelt? Vermutlich ist an beiden Interpretationen "etwas dran". Was aber ist eigentlich "Talent"? Welche Kriterien gibt es denn für "begabt", "fähig" oder "talentiert" - und wie lässt sich eine Beurteilung verarbeiten, in Frage stellen, widerlegen, wenn es keine greifbaren Gegenargumente gibt?
Der Biographie in der Film-Zeit lässt sich entnehmen, dass sie anfangs Theater spielte und Werbespots drehte, zunächst "zweite Besetzung" war - der große Erfolg kam also nicht über Nacht. Bis zum Hollywoodstar in der Rolle der Ellen Ripley vergingen 13 Jahre. Aber lauter kann das "Ätsch" zum Thema "nicht das geringste Talent" kaum sein...


Identifikationen und Entscheidungen

Nehmen wir einmal an, sie hätte sich mit dem vernichtenden Urteil wirklich identifiziert, das Schema Unzulänglichkeit also voll und ganz in ihr Selbstbild integriert - dann wäre dieser Erfolg kaum möglich gewesen. Realistisch ist also die Annahme, dass sie sich zunehmend von dieser Fremdeinschätzung gelöst hat. Realistisch ist auch die Annahme, dass sich Fähigkeiten im Laufe der Zeit entwickelt haben - und nicht einfach so vom Himmel gefallen sind, sondern mühevoll erarbeitet worden sind. Ersetzt man den Begriff "Talent" durch "Potential", lässt sich im Rückblick erkennen, dass die Möglichkeiten einer Schauspielkarriere auf jeden Fall vorhanden waren. Auch dann, wenn manche es nicht erkannten.

"Ich bin nicht identisch mit dem Bild anderer von mir"

Da verlässt eine Frau die Schauspielschule und niemand scheint etwas von ihr zu halten, Grund genug also, den Kopf in den Sand zu stecken und irgendeine andere Beschäftigung zu suchen. Oder - trotzig dagegen anzugehen, nach Wegen zu suchen, wie sich diesem Negativbild etwas entgegensetzen lässt. Mit der Haltung "ich finde mich trotzdem toll" allein sind keine Preise zu gewinnen - die öffentliche Anerkennung, die Erfahrung, dass die Einschätzung der Talentlosigkeit eben nicht von allen geteilt wird, dürfte eine große Rolle gespielt haben, wenn man die Ablösung vom Schema Unzulänglichkeit zutreffend beschreiben will. Gelungen ist auf jeden Fall der Prozess, ein ganz anderes Bild zu "zeichnen", glaubwürdig ein negatives Urteil zu widerlegen und die Prognose der Erfolglosigkeit gründlich ad absurdum zu führen. "Ich bin nicht identisch mit dem Bild anderer von mir" - sinngemäss muss sie sich wohl so etwas gedacht haben. Wie gross die Selbstzweifel auch gewesen sein mögen, die Überzeugung, dass es da noch etwas Anderes gibt, der Glaube an Möglichkeiten, die 1974 noch kaum zu erahnen waren, ermöglichte eine Entwicklung, die ganz anders aussah als es sich ihre orakelnden Lehrer vorstellten.


Zuschreibungen, Etikettierungsleiden und der Ausweg

Zuschreibungen können großes Leid auslösen, der Begriff "Etikettierungsleiden" ist eine Umschreibung für einen Prozess, in dem das Schema "Unzulänglichkeit" beinahe zwangsläufig entstehen muss. Was in dieser Zeit in Sigourney Weaver wirklich vorgegangen ist, darf und soll privat bleiben. Aber sie ist ein lebendiges Beispiel dafür ist, dass Zuschreibungen kein unausweichliches Schicksal sind. Sie hat eben doch Rollen bekommen. Haufenweise. Ihr Talent bewiesen, Anerkennung gefunden. Und damit auch das traumatisierte Selbstbild korrigieren können. Solche Sprüche gibt es nicht nur in Amerika: "Du kannst nichts". "Du bist nichts wert". "Aus dir wird nie etwas". Und so weiter. Zuschreibungen dieser Art können großen Schaden anrichten. Was Sigourney Weaver betrifft, konnten diese Sprüche den großen Erfolg nicht verhindern. Sie hat es letzten Endes einfach nicht geglaubt. Und Recht behalten. Die starke und unabhängige Kämpferin Ellen Ripley ist nicht nur eine Rolle, sie zeigt auch etwas, das Sigourney Weaver IST. Etwas, das in uns allen steckt.



Kommentare:

  1. "Mit der Haltung "ich finde mich trotzdem toll" allein sind keine Preise zu gewinnen - die öffentliche Anerkennung, die Erfahrung, dass die Einschätzung der Talentlosigkeit eben nicht von allen geteilt wird, dürfte eine große Rolle gespielt haben..."

    Du sagst es schon, aber mir geht das in einem einzigen Nebensatz zu sehr unter. Denn die sich einfach toll finden gegen jeden Widerstand ist quasi unmöglich. Wer nicht völlig narzistisch veranlagt ist (selbst dann ists schwer und erstrebenswert ist das pathologische Gegenteil genausowenig), der wird es immer schwer haben weiterzukommen. Es sind die Rahmenbedingungen, die entscheidenden Anteil haben im Kampf gegen Vorurteile. Denn um nichts anderes geht es hier.
    Da wird allernorts dem finanziell Schwachen eine soziale Schwäche unterstellt, allernorts das SELBST SCHULD Szenario implementiert, wenn etwas nicht klappt. Dem Deutschen wird es in diesem Sinne nicht leicht gemacht. Gut genug ist er eh niemals. Leistet nie genug, ist nie schön genug, ist nie lässig genug, ist nie sportlich genug, ist nie ausgebildet genug. Wer nicht Erfolg hat, tut nicht genug etc.

    Bei solchen Bedingungen sehe ich schwarz für den Schemenwechsel für den Einzelnen, welchen du beschreibst.
    Für eine Frau an der Weltspitze mag das gelungen sein. Wieviele sind denn während der gut 30 Jahre ihres Karrierestrebens eben an solchen Urteilen gescheitert? Wieviele Otto Normalos scheitern daran ?

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  2. Hallo Anonym,
    danke für den Kommentar, es stecken viele wichtige Ansatzpunkte darin. Rahmenbedingungen und Vorurteile - Grund genug, auch einen kritischen Blick auf Ideologiebildungen in der Psychotherapie zu werfen, wenn es darum geht, "bei sich zu bleiben", was auch bedeutet, die Umwelt auszublenden. Fähigkeiten zu entwickeln und damit Anerkennung zu finden, das setzt eben einen Rahmen voraus, in dem sie sich auch zeigen und entfalten dürfen. Das "Selbst-schuld-Szenario" hilft nicht, ich betrachte es als Teil einer rigorosen Leistungsideologie, die dem Einzelnen nicht gerecht wird. Ich weiss nicht, wieviele Leute wirklich an den Urteilen anderer scheitern... aber ich fürchte, es sind sehr viele. Statt Schwarzsehen möchte ich lieber an einer Perspektive arbeiten, die andere nicht durch die Brille unreflektierter Leistungskategorien betrachtet. Auch hier stellen sich wieder persönliche Fragen: an welchen Ansprüchen orientiere ich mich? Was bedeutet für mich Erfolg und wo bzw. von wem suche ich nach Anerkennung?

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  3. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, einem anonymen Leser (Leserin) so eine Antwort zu geben.

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  4. @ Mona: Warum nicht? Wegen der Anonymität?

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  5. Ka ich hab halt kein Profil :-/

    Aber sehe grad das man seinen Namen posten kann :-)

    Danke für den Kommentar und Mona? Hast du gegen Anonymität im Netz bedenken? Ich weiß nicht ob das nicht doch nur ein Vorurteil ist...

    lieben Gruß
    :-)

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