Freitag, 26. März 2010

Die Ethik des Papstes

Papst Benedikt XVI steht weiter in der Kritik: er habe in seiner Zeit als Erzbischof viel mehr gewusst als er bisher zugegeben hat. In der Meldung der Tagesschau gibt es eine interessante Aussage, die Rückschlüsse auf die ethischen Prinzipien erlaubt, denen der damalige Erzbischof folgte:

Dem pädophilen Priester sollte eine Unterkunft gewährt werden, damit er eine Therapie machen konnte.

Das klingt vernünftig und berücksichtigt mehrere Prinzipien: einerseits sollte der Priester nicht einfach entlassen werden (was man als 'gnädig' betrachten kann), andererseits lässt sich rekonstruieren, dass das Verhalten des Priesters als Problem erkannt und (vorsichtig formuliert) einer Lösung näher gebracht werden sollte. Die Entscheidung des Generalvikars hat diese Absicht jedoch vereitelt - es scheint also keine verbindliche Dienstanweisung gewesen zu sein. Missbrauch durch den besagten Priester war bereits erfolgt - also waren weitere Missbrauchsfälle zumindest als Möglichkeit vorherzusehen. Sie fanden auch tatsächlich statt - und führten 6 Jahre später zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten.

Die Entscheidung des Erzbischofs Ratzinger ist in sich schlüssig, wenn man zwei der relevanten Rollensegmente berücksichtigt: der Kirche (also dem eigenen Arbeitgeber) gegenüber war die Entscheidung loyal und sollte Aufsehen vermeiden. Dem Priester gegenüber war die Entscheidung gnädig, setzte vermutlich aber auch voraus, dass die beabsichtigte Therapie auch wirklich durchgeführt wird. Der kritische Punkt ist das Rollensegment des Vorgesetzten: auch hier hat der Erzbischof wohl nicht damit gerechnet, dass der Priester einfach so wieder im Gemeindedienst eingesetzt wird. Ob der heutige Papst als damaliger Erzbischof darüber informiert war, ist umstritten. Nur: wie steht es eigentlich um die Verantwortung den Kindern und Jugendlichen gegenüber? Jenen, die bereits missbraucht worden waren und jenen, die vielleicht noch missbraucht werden würden?

Im Rückblick wäre es auf jeden Fall vernünftiger gewesen, auf die Durchführung einer Therapie zu drängen und darauf zu bestehen, dass erst danach (wenn überhaupt) ein weiterer Einsatz des pädophilen Priesters in der Gemeinde erfolgen darf.

Der kritische Artikel in der New York Times fasst die ethischen Prinzipien recht deutlich zusammen: "their highest priority was protecting the church from scandal" heißt es dort. Übersetzt: oberste Priorität war es, die Kirche vor einem Skandal zu bewahren. Und das ist damals ja auch gelungen - 30 Jahre lang. Also: bloß keine Öffentlichkeit, keine Hinweise nach außen, auf gar keinen Fall staatliche Behörden verständigen...

Der Erzbischof Joseph Ratzinger zeigte also in besonderem Ausmaß das, was Arbeitgeber in Deutschland (und sicher auch anderswo) von ihren Arbeitnehmern erwarten: Loyalität. Und das bedeutet, dass man eben auch einmal ein Auge zudrücken muss, wenn irgend etwas nicht so ganz sauber abläuft. Auf gar keinen Fall aber dürfen Betriebsgeheimnisse nach außen dringen.

Ob ohne diese Loyalität der Kirche gegenüber aus dem Erzbischof Ratzinger der Papst Benedikt XVI geworden wäre, ist fraglich. Wäre er damals zur Polizei gegangen, hätte er zugelassen, dass der Priester sich für die Missbräuche verantworten muss, dann hätte der Aufruhr, der jetzt stattfindet, schon Jahrzehnte früher stattgefunden. Und - die Taten wären eben nicht verjährt, die Glaubwürdigkeit der Kirche wäre bereits damals erschüttert worden. Irgend jemand in der Kirche hätte bestimmt darüber nachgedacht, wie man wohl einen solchen Erzbischof wieder loswerden könnte... Ethisch korrekt, verantwortungsbewusst den Kindern gegenüber, der Wahrheit verpflichtet und an den Gesetzen des Staates orientiert: das hätte bedeutet, aufzudecken und Konsequenzen zu ziehen, aber auch: die eigene Karriere zu ruinieren, zumindest aufs Spiel zu setzen.
Die Wahrheit hätte den damaligen Erzbischof befreit - von den Vorwürfen, mit denen er sich jetzt als Papst konfrontiert sieht, aber auch sehr wahrscheinlich von seinem Amt. 

Auch wenn es nun so aussehen mag, als wollte ich den Papst in Schutz nehmen wollen: hier zeigt sich ein typisch deutsches Loyalitätsdilemma.  
Und deshalb möchte ich sie einmal fragen, die deutschen Arbeitnehmer...

...in der chemischen Industrie: ob sie es wohl melden würden oder gar gegen ihren Arbeitgebern Anzeige erstatten würden, wenn sie Anweisungen ausführen sollen, die bewusst und vorhersehbar die Umwelt belasten?
...in Krankenhäusern: ob sie in der Rolle des Arztes einen Patienten auch gegen die medizinische Notwendigkeit von der Intensivstation in eine andere Abteilung verlegen würden, wenn der Chefarzt es so will?
...in Versicherungsgesellschaften: ob sie bereit wären, auf eine Provision zu verzichten und ihren Kunden eben nicht eine Versicherung zu verkaufen, die sie im Grunde gar nicht brauchen?
...an den Universitäten: ob sie in der Rolle des Professors die Universitätsleitung darauf aufmerksam machen würden, dass es sittenwidrig und unanständig ist, von habilitierten Dozenten kostenfrei Lehrveranstaltungen zu verlangen?

Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Aus eigener bitterer Erfahrung kann ich nur sagen: meine Weigerung, fachlich oder juristisch bedenkliche Anweisungen auszuführen, hat mich mehr als einmal den Job gekostet.
Niemand kommt wirklich nach oben, ohne mindestens einmal ethisch fragwürdige Entscheidungen zu treffen - weil Loyalität einfach eine große Bedeutung hat. Und dabei wird eben vieles unter den Teppich gekehrt. Integrität und Glaubwürdigkeit zu bewahren - das ist alles andere als einfach. Was hier am Beispiel des Papstes durchbricht, ist nur die Spitze eines Eisbergs, der sehr viel mit dem deutschen Untertanengeist zu tun hat. Denn Arbeitnehmer in Deutschland, ob sie nun in der katholischen Kirche oder sonstwo beschäftigt sind, müssen vor allem eines: funktionieren. Und deshalb wird so manches verschwiegen, obwohl es wichtig wäre, den Mund aufzumachen. Schließlich geht es ja darum, Geld zu verdienen.


s. auch: Mißbrauch, Glaube und Glaubwürdigkeit

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Donnerstag, 25. März 2010

Ständchen zum Bloggeburtstag

Vor genau einem Jahr erblickte dieses Blog das Dickicht der Welt, um darin nach einer besseren zu suchen. Und da gab und gibt es jede Menge ernster Themen, Grübeleien und offene Fragen. Aber Poesie und Musik sollen auch nicht zu kurz kommen, zum ersten Blogjahrestag widme ich also dieses geborgte Ständchen meinem Blog und allen sonstigen Mitwirkenden auf dem Blogsberg. Licht aus... wumm.... Blogspot: an.



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Dienstag, 23. März 2010

Macht Arbeit krank? Bericht der Bundespsychotherapeutenkammer

"Arbeit macht öfter seelisch krank - keine Arbeit auch" - berichtet die Tagesschau. Das stimmt aber (so) nicht - wenn man den Bericht der Bundespsychotherapeutenkammer für die Pressekonferenz am 23. März 2010 genauer liest...
Im dritten Abschnitt des Berichts wird die Frage der "wahren" Prävalenz aufgegriffen - und dabei ist das Kernproblem deutlich beschrieben. Kurz und knapp:

Sind psychische Störungen häufiger geworden oder werden sie häufiger diagnostiziert?

Bereits die Verwendung des Begriffes "seelisch" zeigt die allgemeine Unwissenheit sehr deutlich - denn das Diagnosesystem ICD-10 ist keine "Seelendiagnostik", bei der eine womöglich unsterblich gedachte Seele untersucht wird. Wenn darauf hingewiesen wird, dass die "Erkennensrate psychischer Störungen in der hausärztlichen Versorgung häufig unzureichend ist",  könnte man den  Hausärzten daraus einen Vorwurf ableiten. Zu Unrecht allerdings, denn Hausärzte, die wohl meist Fachärzte für Allgemeinmedizin sind, sind eben Mediziner - und damit auf körperliche Krankheiten spezialisiert. Hausärzte sind also bei psychischen Störungen einfach die falsche Adresse - und sollten an Psychologen delegieren, wenn die Vermutung naheliegt, dass eine psychische Störung vorliegen könnte. Denn die psychologische Diagnostik stellt genügend Instrumente zur Verfügung - und viele von ihnen sind recht einfach zu handhaben.
Das Argument geringerer Tabuisierung psychischer Störungen ist nicht durchgängig haltbar - auf die widersprüchlichen Ergebnisse weist der Bericht der Bundespsychotherapeutenkammer deutlich hin. Wünschenswert ist es durchaus - und wenn eine höhere Anzahl psychischer Störungen lediglich zeigen würde, dass es akzeptabler geworden ist, psychische Störungen beim Namen zu nennen, dann wäre das eher ein gutes Zeichen. Aus dem möglichen Vorwurf gegen die Ärzteschaft könnte auch ein positives Zeichen werden - denn die gestiegene Anzahl der Krankmeldungen aufgrund von psychischen Störungen kann auch bedeuten, dass die Hausärzte in den letzten Jahren mehr erkennen und angemessener reagieren.

Interessant ist der Abschnitt über den Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit - sie liefern Ansatzpunkte für die Gestaltung eines psychologisch gesunden Arbeitsplatzes.

Zunächst die Faktoren, die hier eine Rolle spielen:
  • Anforderungen des Arbeitsplatzes
  • Entscheidungsfreiräume
  • Gehalt
  • menschliche Wertschätzung
  • beruflicher Status
  • Aufstiegschancen
  • Arbeitsplatzsicherheit
  • ausbildungsadäquate Beschäftigung

Hohe Anforderungen müssen nicht zu psychischen Störungen führen - problematisch wird es vor allem dort, wo ein hohes Mass an Verantwortung mit geringen Entscheidungsmöglichkeiten verunden ist. Ein psychologisch gesundes Konzept verbindet ein hohes Mass an Verantwortung mit entsprechenden Entscheidungsbefugnissen. Noch einfacher formuliert: wer Verantwortung tragen soll, muss auch entscheiden können und entscheiden dürfen.
Das Modell der "Verausgabung" zielt auf ein Ungleichgewicht ab, das im Kern darin besteht, viel zu geben (oder geben zu sollen), aber wenig dafür zu bekommen. Wer hier weiter denkt, stößt auf Bedingungen des Arbeitsvertrages, aber auch auf die Frage nach Umgangsformen und Führungsstilen. 

Eine hohe Gefährdung der psychischen Gesundheit ist vor allem dort zu erwarten, wo
- das Gehalt zu gering ist bzw. der Qualifikation nicht entspricht
- der Arbeitsplatz unsicher ist und damit beständig Arbeitsplatzverlust droht
- den Mitarbeitern wenig Wertschätzung entgegen gebracht wird
- berufliche Tätigkeiten nicht angemessen sind, d.h. der Ausbildung nicht entsprechen
- organisatorische Ungerechtigkeiten vorliegen
- soziale Unterstützung von Kollegen und Vorgesetzten fehlt.

Welche Faktoren in welchem Ausmass wirksam sind, läßt sich schwer eindeutig sagen. Klar ist: es gibt Ansatzpunkte genug, Arbeitsplätze unter die Lupe zu nehmen und der Frage nachzugehen, wo sich etwas verändern lässt. Vorausgesetzt, Arbeitnehmer werden als Menschen wahrgenommen, die nicht nur ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, sondern auch einen Anspruch auf psychische Gesundheit haben.

Aus dem Bericht geht deutlich hervor, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit belastet. Außerdem widersprechen die Ergebnisse der Metaanalyse von Paul & Moser (2006) dem Vorurteil, Arbeitslose wären einfach 'zu faul zum Arbeiten'.

Arbeit kann krank machen, Arbeitslosigkeit erst recht. Ob es 'schlimmer geworden' ist, läßt sich nicht so ohne weiteres sagen. Psychische Gesundheit ist auf jeden Fall eine Frage der Arbeitsbedingungen bzw. der Erwerbssituation. Die Schlußfolgerung, dass es vor allem darum gehen muss, Arbeitsbedingungen zu verbessern, ist trotzdem fragwürdig, denn es spielen eben auch persönliche und private Einflussfaktoren eine Rolle.

Fest steht: die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen ist in den Jahren 2000 bis 2008 gestiegen - und das kann und sollte Anlass sein, etwas mehr über reale Arbeitsbedingungen nachzudenken.


Quelle:

Bericht der Psychotherapeutenkammer, 23.März 2010, PDF-Datei mit 24 Seiten

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Das Alter an der Backe

Was lässt Menschen alt aussehen? Gemeint ist hier das buchstäbliche, tatsächliche kalendarische Alter. Na, die Falten eben, werden manche sagen, und das entspricht auch den gängigen Vorstellungen. Aber - das Alter erkennt man an der Backe, genauer gesagt, am Kieferknochen. Robert Shaw, Professor für Platische Chirurgie an der Universität Rochester, hat 120 Personen untersucht und dabei verschiedene Dinge gemessen - Größe und Winkel verschiedener Gesichtsknochen. Anhand von computertomographischen Aufnahmen wurden dabei bei jeweils 20 Frauen und Männern aus drei verschiedenen Altersgruppen (20-36, 41-64, 65 Jahre und älter) Veränderungen beobachtet.
Und dabei zeigte sich das Alter eben wirklich an der Backe: der Winkel, in dem der Kieferknochen sich von der Unterseite nach oben (also zum Ohr hin), abknickt, wird mit zunehmendem Alter immer größer. Dadurch bekommt der untere Teil des Gesichts weniger Unterstützung - und so entstehen dann auch die Falten.
Implantate in das Kinn und die Backe könnten diese Alterungseffekte abschwächen, stellt Robert Shaw fest. Im Artikel der Universität Rochester sind die Verschiebungen des Kieferknochens deutlich zu erkennen.

Quelle:
University of Rochester Medical Center, Facial Aging is More Than Skin Deep (23.03.2010)

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Montag, 22. März 2010

Ausgrenzende Kommunikation im Internet

Kommunikation im Internet ist ja nur virtuell, also nicht so bedeutend - könnte man meinen. Dass solche Prozesse sehr wohl einen starken Einfluss haben, zeigt eine Studie an der Universität in Kent. 
Professor Dominic Abrams untersuchte mit seinen Mitarbeitern den Einfluss ausgrenzender Kommunikation auf die Selbsteinschätzung bei Personen aus unterschiedlichen Altersgruppen. Dabei geht es auch um die Begriffe 'Cybermobbing' und 'Bullying' - Mobbing im Internet also, meist verbunden mit Angriffen, Beleidigungen und Verletzungen. Mit 'ostracism' wird eine scheinbar harmlose Form untersucht, übersetzen kann man das Wort mit 'Ächtung', 'Verbannung' oder - etwas neutraler - mit 'Ausgrenzung'. Ausgrenzende Kommunikation bezeichnet also einen Vorgang, bei dem einzelne Personen einfach ignoriert werden. Abrams geht davon aus, dass Ausgrenzung (im Original eben 'ostracism') grundlegende Bedürfnisse des Selbstwertgefühls, der Zugehörigkeit, Bedeutsamkeit und Kontrolle verletzt. Anders formuliert: wer wahrgenommen wird, ist "jemand", wird beachtet, ist von Bedeutung und kann mit beeinflussen, was da geschieht. Wer ausgegrenzt wird, nicht beachtet wird, verliert auch an Bedeutung - nicht nur vor den anderen, sondern auch vor sich selbst.

Die Forscher teilten ihre Versuchspersonen in drei Gruppen ein: 41 Personen waren im Alter von 8-9 Jahren, 79 im Alter von 13-14 Jahren, 46 im Alter von 20 Jahren. In einem Onlinespiel (namens 'Cyberball') sollten sie mit drei anderen Spielern Bälle hin und her werfen. In einer Versuchsbedingung wurden die Teilnehmer mit einbezogen, in einer zweiten Bedingung bekamen sie nur am Anfang zweimal einen Ball zugeworfen, danach spielten die anderen Teilnehmer ohne die Versuchsperson weiter.

Nach jedem Durchgang sollten die Versuchspersonen ihre Selbsteinschätzung beurteilen und angeben, ob ihnen das Spiel gefallen habe. In allen drei Gruppen führte die Versuchsbedingung, in der die Personen ausgegrenzt wurden, zu einer niedrigeren Selbsteinschätzung - alle vier oben genannten Bedürfnisse wurden verletzt. Und die Stimmung war gedrückt. In der Gruppe der 8-9-Jährigen zeigten sich diese Effekte am deutlichsten. Die Forscher gehen davon aus, dass Ältere wirksame Muster gegen die Bedrohung des Selbstwertgefühls entwickelt haben, also nicht (mehr) so anfällig sind. Bei den 13-14-Jährigen wurde das Gefühl der Zugehörigkeit am stärksten beeinflusst - was den Gedanken stützt, dass die Gruppe der Gleichaltrigen (die 'peer group') im Jugendalter eine besondere Bedeutung besitzt. Und das gilt auch für Netzwerke im Internet, die wesentlich wichtiger sind als bei Kindern oder Erwachsenen.

Die negativen Reaktionen ließen nach, wenn die Versuchspersonen anschließend in das Spiel eingebunden wurden. Abrams geht davon aus, dass Ältere weniger Probleme damit haben, Anschluss zu finden, wenn sie irgendwo ausgegrenzt wurden. Für Kinder dagegen kann das sehr schwer sein - Eltern und Lehrer sollten deshalb besonders achtsam sein, ob Kinder mehrfach die Erfahrung machen, nicht dabei sein zu dürfen und ausgegrenzt zu werden.

 
Quelle:

University of Kent (2010, March 22). Online ostracism damages children’s self esteem. ScienceDaily. Retrieved March 22, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2010/03/100322083853.htm

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Donnerstag, 18. März 2010

der Sprach tut not


der sprach tut not
gedacht zu werden
der sprach tut not
gesproch zu werden

die end verschluck
gar seltsam guck
weil kaum versteh
was jetzt gescheh

das wort nicht end
wie man es kennt
zur falt der sorg
man sich besorg

fix und behend
ein neues end
damit der sprach
nicht etwas fehl

mit müh man sich
durch worte quäl
beim les und hör
den sinn wegstehl

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Dienstag, 16. März 2010

Philosophieren zwischen Sinn und Ergebnis

Mit der Erkenntnis, nicht in die Wissenschaft zu gehören, wirft Helmut Hofbauer grundsätzliche Fragen auf. Ist Philosophie eine Wissenschaft? Zunächst rüttelt die Frage an der simplen Gewohnheit, die Philosophie eben in die Geisteswissenschaften einzuordnen. Als solche beschäftigt sie sich auch mit wissenschaftstheoretischen Fragen und kann damit jeder Wissenschaft Impulse geben. Aber das, was mit Philosophie zu tun hat, ist weit umfassender und betrifft nicht nur die Wissenschaft als solche.

Das Problem ist der "Anspruch, man müsse in einer wissenschaftlichen Kommunikation gleichsam alle übrigen Denker und Forscher überholen, um überhaupt etwas sagen zu dürfen." (Hofbauer, a.a.O.).

Es wird still auf der Welt, wenn nur das wirklich Neue, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, gesagt werden darf. Als ungesunde Einstellung, die dem Sinn des Philosophierens entgegensteht, stellt dieser Anspruch ein Quelle von Kommunikationsstörungen dar. Sinnvoll also erscheint es, sich davon schnellstmöglich zu befreien. Als Blogleser zumindest käme es mir nicht in den Sinn, einen solchen Anspruch zu stellen. Die Tatsache, dass da überhaupt jemand seine Gedanken aufschreibt, ist ein Hinweis darauf, dass da jemand denkt - und das an sich ist schon ein Zeichen dafür, dass sich hier ein menschliches Bedürfnis ausdrückt, das andere Gedanken anstossen und - im günstigen Fall - neue Einsichten bewirken kann. Als persönliche Erfahrung, zu einem bestimmten Thema einen neuen Anstoss bekommen zu haben, mehr Klarheit oder auch eine differenziertere Sicht zu entwickeln, hat dieser Prozess auch dann Sinn, wenn es nicht um die absolut geniale Innovation allen bisherigen Denkens geht.

Das Spannungsfeld zwischen Sinn und Ergebnis beschreibt mögliche Standpunkte und Orientierungsmarken. Dort, wo das Nachdenken selbst als sinnvoll gilt, ist es nicht so wichtig, ob dabei auch etwas wirklich Neues herauskommt. Die konsequente Ergebnisorientierung dagegen bewertet den Prozesse des Nachdenkens nach dem, was sich an Neuem ergibt - und stellt den SInn der Tätigkeit, die doch Voraussetzung aller Ergebnisse ist, möglicherweise in Frage.

"Warum sollte es nicht Philosophie sein, z.B. einen Gedanken von Platon, Descartes oder Nietzsche zu wiederholen, ihn noch einmal zu denken und ihn dadurch erneut zum Leben zu erwecken?" (Hofbauer, a.a.O.)

Es gibt keinen Grund, anders formuliert: versteht man Philosophie als das Bemühen, Erkenntnisse zu gewinnen, sind die Gedanken, die bereits gedacht wurden, natürlich ein wertvoller Hinweis. In uralten Texten Gedanken zu finden, die auch heute noch wertvoll, anregend, stimmig sein können, ist ein Teil dieses Prozesses. Manches mag auch heute noch gültig sein, anderes überholt. Auch das ist Erkenntnis: dass manche Einsichten über einen sehr langen Zeitraum gültig bleiben können. Und - dass so manches, das als neu bezeichnet wird, seine Wurzeln in Gedanken haben kann, die bereits vor Jahrhunderten gedacht wurden.

Hat Platon mit seinem Bild vom Pferd und Wagenlenker die Freudsche Triebtheorie bereits vorweggenommen? Ist die paradoxe Intervention wirklich eine Erfindung der modernen sytemsichen Therapie - oder nicht mehr als die Neuauflage einer alten Technik, die sich in einer recht bekannten Aufforderung ausdrückt: "wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein"? Kognitive Dissonanz und Spinoza... es gibt sicher noch mehr Beispiele dafür, dass grundsätzliche Fragen des menschlichen Daseins immer wieder neu, immer wieder anders und doch im Kern sinngemäß identisch oder geringfügig variiert neu auftauchen.

Zurück zur Frage nach Sinn und Ergebnis - und der Auseinandersetzung mit den Ansprüchen an die Philosophie und ihre Ergebnisse:

Anstatt also ihn zu fragen: „Was ist das Neue an deiner Erkenntnis und was ist seine Relevanz für die ganze Gesellschaft?“ – sollte man ihn lieber fragen: „Welche Bedeutung hat dieser Gedanke für dich und welche Fortschritte ermöglicht er in deinem persönlichen Denksystem?“ (Hofbauer, a.a.O.)

Die Vorstellung einer 'persönlichen Denklandschaft' kann sehr hilfreich sein, um persönliche Probleme zu beschreiben. Dort, wo es gelingt, einen inneren Konflikt aufzulösen, weil klar geworden ist, dass manche Dinge, Überzeugungen, Ziele usw. eben nicht stimmig zusammen passen, hat persönliche Erkenntnis einen hohen Wert - auch dann, wenn es nicht um weltbewegend Neues geht. Das persönliche Denken, das sich auf die je eigene Lebenserfahrung bezieht und in der Auseinandersetzung mit dem Denken anderer seine Prägungen erfahren hat, entwickelt und immer wieder neu reflektiert wird, ist eine Perspektive außerhalb der Wissenschaft - und als solche mehr als die immanente Betrachtung in der Lage, Aspekte des Wissenschaftstreibens zu entdecken, die innerhalb des wissenschaftlichen Denkens selbst kaum wahrnehmbar sind. Wer in einem Boot sitzt und rudert, kann das Boot selbst nicht von außen betrachten - dazu muss man aussteigen.

Eine Frage....

Damit stehe ich vor dem großen Problem, wie man Erkenntnisse nennen soll, die nach wissenschaftlichen Kriterien wahr sind, aber weder einen Neuigkeitswert haben noch die Menschheit vom jetzigen Ausgangspunkt einen Schritt voranbringen (und ihren Entdecker dadurch zu einem wissenschaftlichen Star machen)??? (Hofbauer, a.a.O.)

...und eine persönliche Antwort:

'Fundamental'. 'Grundsätzlich'. Oder so ähnlich. Und die persönliche Bedeutung lässt sich leicht erkennen - fundamentale Erkenntnisse, die wahr sind, sich immer wieder bestätigen, geben Halt. Sie bieten eine Basis für das Miteinandersprechen, das Selbstverständnis und das Erkennen der Welt. Alles oder auch nur zuviel auf einmal in Frage zu stellen löst Unsicherheiten aus - und gerade dort, wo das Philosophieren sich auf die kritische Betrachtung einzelner Fragen richtet, sind grundsätzliche Einsichten, auf die man sich immer wieder beziehen kann, der feste Boden, der das Wagnis des Denkens in unbekannte Bereiche hinein überhaupt erst rational macht und dem Versinken im Sumpf potentiell unendlichen Fragens vorbeugt.

Fundamentale Einsichten immer wieder neu zu denken und dabei auch jene zu ermutigen, die kaum in der Lage sind, das Wort "Philosophie" zu buchstabieren, ist durchaus eine ehrenwerte Tätigkeit. Jedes Jahr wechseln sich die Jahreszeiten ab, in der Nacht wird es dunkel und wenn tagsüber am Himmel dunkle Wolken aufziehen, müssen wir damit rechnen, dass es bald regnet. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, aber deshalb sind sie nicht falsch.

Ist Philosophie nun wissenschaftlich oder nicht? Wenn man die individuelle Tätigkeit des Nachdenkens über sich selbst, andere und die Welt als Philosophieren bezeichnet, gibt es eine Dimension der Philosophie, die nicht notwendigerweise wissenschaftlich ist, es aber auch nicht sein muss. Andererseits gehört zur Suche nach Erkenntnis auch die Frage nach der Fundierung des Erkannten. Stimmt das denn? Sehen das andere auch so? Gibt es Belege, Begründungen, Erfahrungen und andere Einsichten, die meine Erkenntnis stützen?

So also trägt das Philosophieren den Keim der Wissenschaft immer schon in sich. Die Erkenntnis, dass überzogene Ansprüche Kommunikationsprozesse in der Wissenschaft (und nicht nur dort) stören, ist selbst eine philosophische Einsicht, die sich wissenschaftlich untersuchen und begründen lässt. Aus diesem Grund meine ich, dass gerade Menschen wie Helmut Hofbauer in die Wissenschaft gehören - wohin denn sonst?




Montag, 15. März 2010

Hannibal Lecter und Co: Psychopathen und ihr Gehirn


Als Psychopathen werden Menschen mit einer stark ausgeprägten dissozialen Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Generell gelten Persönlichkeitsstörungen als schwer behandelbar - wenn überhaupt, dann benötigen sie eine längere Therapie, oft über mehrere Jahre hinweg. Dass bei Psychopathen auch neurologische Aspekte eine Rolle spielen, ist nicht neu. Die fehlende Empathie, Schwierigkeiten, soziale Normen zu erkennen und zu akzeptieren, all das hat auch seine Wurzeln in Funktionsstörungen des Gehirns.
An der Universität Vanderbilt (Nashville, USA) untersuchte eine Forschergruppe die Zusammenhänge rund um das Belohnungssystem bei Psychopathen. Dabei stellen sie bisherige Vorstellungen zu den typischen Merkmalen in Frage - und verbinden mit ihrer Forschung die Hoffnung, früher erkennen zu können, ob und unter welchen Bedingungen dissoziale Tendenzen in gewalttätiges Verhalten umschlagen. Das Klischee des Psychopathen zeichnet eine kaltblütige Persönlichkeit, die sich nimmt, was sie haben will, ohne danach zu fragen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die Unfähigkeit, Angst zu empfinden, Defizite im Bereich soziale Kompetenzen - das waren in der bisherigen Forschung Schwerpunkte. Was die Gruppe in Nahsville interessierte sind die Bereiche, in denen Psychopathen zuviel haben - Impulsivität, ein sehr starkes Interesse an Belohnungen und eine ausgeprägte Risikobereitschaft. Ebendiese Züge sind in besonderem Mass für kriminelles und gewalttätiges Verhalten verantwortlich.
Mit verschiedenen Messmethoden (PET, fMRI) untersuchten die Forscher die Zusammenhänge von Psychopathie und der Produktion von Dopamin im Gehirn. Die Messergebnisse zeigten dasselbe Muster: Psychopathen produzieren eine wesentlich höhere Menge an Dopamin im Gehirn. In einem Experiment bekamen die Versuchspersonen Amphetamine und beobachteten die Wirkung auf die Dopaminausschüttung. Zur Relevanz des Experimentes verweisen sie auf den verbreiteten Drogenkonsum bei Psychopathen. Wie erwartet zeigten die Amphetaminkonsumenten erhöhte Werte. Bei Versuchspersonen mit stark ausgeprägten dissozialen Tendenzen erreichten die Werte jedoch beinahe das Vierfache. Eine Aktivität des Nucleus accumbens zeigte sich auch bei finanziellen Belohnungen, die für das Erledigen einer einfachen Aufgabe versprochen wurde.
Psychopathen reagieren also wesentlich stärker auf Belohnungen - und stellen dabei Risiken, soziale Normen und Gefühle zurück. Ob sie sich dabei strafbar machen, anderen schaden oder sich selbst in Gefahr bringen - das alles interessiert sie einfach nicht.

Ergänzung:
Neurologische Aspekte der Psychopathie werden auch andernorts untersucht: im August 2009 zeigte eine Untersuchung am Institut für Psychiatrie am King's College in London strukturelle Defizite im Gehirn gewalttätiger Psychopathen auf.

Literatur:

Joshua W Buckholtz, Michael T Treadway, Ronald L Cowan, Neil D Woodward, Stephen D Benning, Rui Li, M Sib Ansari, Ronald M Baldwin, Ashley N Schwartzman, Evan S Shelby, Clarence E Smith, David Cole, Robert M Kessler & David H Zald. Mesolimbic dopamine reward system hypersensitivity in individuals with psychopathic traits. Nature Neuroscience, 2010; DOI: 10.1038/nn.2510

Quellen:





Sonntag, 14. März 2010

Glashaus: Jetzt oder nie

Ein kritischer Blick auf die Neigung, in den Formulierungen des "könnte" und "sollte" zu denken, hedonistisch der Prokrastination zu huldigen und dabei das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen.


Freitag, 12. März 2010

Hindemith: Musica funebre

...aus persönlichen Gründen...

Könnte man sich denken...


so manches
könnte man sich denken
wenn man denken würde

weil aber manche
nicht denken
was sie sich denken könnten

kann man sich denken
dass so manches nicht gedacht wird
obwohl man es sich denken könnte

man könnte sich denken
was alles bedacht würde
wenn gedacht würde
was man sich denken könnte
einschliesslich
der vielen dinge
die über das nicht gedachte
gedacht werden könnten

dann wäre so manches anders
das kann man sich denken

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Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

Oft gelesen