Freitag, 8. Januar 2010

Bildung ist wertvoll - Käfer wissen das...

Ein netter kleiner Animationsfilm zum Käfertraining und dem Wert von Bildung. Actiongeladen, spannend, kurz und vor allem: mit Happy End.



Missbrauch tut weh - auch im Kopf

Neues aus der Forschung zum Thema Kopfschmerzen: Missbrauch in der Kindheit, emotionale Vernachlässigung und Zurückweisung erhöhen das Risiko, später unter Kopfschmerzen zu leiden. Auch andere Schmerzstörungen nehmen zu.

Für eine Studie der U.S.-Gesundheitsbehörde wurden 3,2 Millionen (!) Berichte über Kindesmissbrauch bzw. Verwahrlosung aus dem Jahr 2007 ausgewertet. Davon wurden 794.000 Kinder eindeutig als Opfer eingeordnet, 59% davon waren emotional vernachlässigt, 4% emotional missbraucht, 8% sexuell missbraucht, 11% körperlich misshandelt. Wie in vielen anderen klinischen Studien auch wurde der Zusammenhang zwischen MIsshandlung und späterer chronischer Migräne empirisch bestätigt.

In einer Querschnittstudie an der Universität Toledo wurden 1348 Migränepatienten aus 11 Kliniken untersucht. Kriterium war nicht die Aussage 'ich habe Kopfschmerzen', sondern eine vorliegende ärztliche Diagnose. Für die Einschätzung der Missbrauchserfahrungen wurde ein Traumafragebogen eingesetzt (das Childhood Trauma Questionnaire), außerdem wurden in der begleitenden Anamnese weitere Schmerzstörungen erfragt. Bei den Patienten, die MIssbrauchserfahrungen gemacht hatten, traten signifikant mehr Begleitstörungen auf - 61% hatten mindestens eine weitere Schmerzstörung, 58% der Migränepatienten berichteten über mindestens eine Variante der Vernachlässigung oder des Missbrauchs. Mehrfach misshandelte zeigten auch mehrere zusätzliche Störungen. Bei köperlichen Misshandlungen trat häufiger Arthritis auf, bei emotionalen Misshandlungen häufiger emotionale Störungen und Blasenentzündungen. Bei misshandelten und missbrauchten Frauen waren häufiger Erkrankungen der Gebärmutter (z. B. Endometriose, eine gutartige Wucherung der Gebärmutterschleimhaut) zu beobachten.

Nun könnte man solche Problembereiche als über den Zusammenhang von Misshandlung und Depression vermittelt ansehen - die Ergebnisse sprechen aber dafür, dass ein erhöhtes Risiko für Migräne und weitere Schmerzstörungen unabhängig von Depressionen und Ängsten auftritt.
Aufgrund der Zusammenhänge schätzt Dr. Tietjen die Kognitive Verhaltenstherapie hier als besonders geeignet ein.

s. auch: Kindheitstraumata verkürzen das Leben


Quelle:

Wiley-Blackwell (2010, January 6). Abuse in childhood linked to migraine and other pain disorders. ScienceDaily. Retrieved January 8, 2010, from http://www.sciencedaily.com /releases/2010/01/100106003608.htm
 
Literatur:
 
Tietjen et al. Childhood Maltreatment and Migraine (Part II). Emotional Abuse as a Risk Factor for Headache Chronification. Headache The Journal of Head and Face Pain, 2010; 50 (1): 32 DOI: 10.1111/j.1526-4610.2009.01557.x 

Donnerstag, 7. Januar 2010

Bloggen hat Potential - und Suchtpotential

Die Frage war schon einmal da... macht Bloggen süchtig? Manche packt es, es kribbelt in den Fingern, und wenn die Statistik dann nicht (mehr) so toll aussieht, entsteht schon beinahe eine Krise oder zumindest ein Fragezeichen.

Der folgende 'Test' ist ja im Grunde mehr ein Spass, aber wer mag, kann sich ja einmal testen:

65%How Addicted to Blogging Are You?Created by OnePlusYou - Free Dating Sites


Die Frage nach Ressourcen: Blogs sind Ressourcen. Bloggen ist eine Ressource. Blogs haben Bildungspotential. Blogs stiften Kontakte. Blogs ermöglichen Erfolgserlebnisse. Bloggen kann viel Spass machen. Blogs ermöglichen Meinungsaustausch und erweitern den Horizont. Keine Frage: es stecken viele Möglichkeiten drin. Aber eben auch Gefahren.
Wie in vielen Dingen geht es immer wieder um das 'gesunde Maß', eine angemessene Haltung, die Frage nach einem sinnvollen Umgang mit Blogs. Im Zusammenhang mit Statistiken liegt das Thema 'Erfolgskriterien' nahe: sind die Top-Blogs wirklich diejenigen, die am meisten Besucher haben? Was die Qualität eines Blogs betrifft, gehen die Meinungen auseinander... das Nachdenken über die Potentiale, die mit dem Bloggen verbunden sind, geht dann aber doch in andere Richtungen. Ob Text, Erlebnisbeschreibung, Gedicht oder Kurzgeschichte, ob über Theorie oder ein Videopost... Blogbeiträge können dazu dienen, etwas aufarbeiten, sich Klarheit zu verschaffen, etwas auszudrücken. Und das hat, wie ich meine, einen Wert an sich. Ob es nun gelesen wird oder nicht - manche finden sich darin, schreiben vielleicht einen Kommentar. Blogs sind eine Möglichkeit, sich auszudrücken und mitzuteilen - und der Effekt, dass dabei etwas klar wird, Gedanken sortiert, geklärt, strukturiert und geordnet werden, ergibt sich beim Schreiben selbst. Bloggen ist potentiell eine Möglichkeit der Selbsthilfe - auch ohne Leserschaft.
Aber es geht ja nicht immer und überall um persönliche Erlebnisse, sondern auch um das, was 'da draussen' in der Welt geschieht. Also... Bloggen kann dazu anregen, sich kundig zu machen, zu recherchieren, Zusammenhänge herzustellen und interessegeleitet das zu tun, was Journalisten eben auch so tun. Bloggen bildet - beim Lesen und beim Schreiben. Wenn es auch nicht unbedingt so professionell und so gefährlich ist wie bei jene, die aus Krisengebieten berichten. Immerhin befindet sich das Krisengebiet für manche ja im eigenen Innern. Da ist der Weg dann nicht so weit... oder doch?
Spannend wird es natürlich, wenn ein Blog schon längere Zeit besteht. Dann lässt sich nachlesen, was 'damals' war, es lässt sich nachlesen, was wann wichtig war und welche Gedanken zu dieser Zeit aktuell waren. Früher oder später werden Blogs als Lebenszeugnisse auch Gegenstand der Forschung sein, Zeitzeugnisse, die sich für Analysen, Fallstudien, Längsschnitte eignen und als Dokumente dienen werden, wie sich Zeitgeschichte im individuellen Bewusstsein verschiedener Personen spiegelt. Bei Blogs, die längere Zeit bestehen, lässt sich eine oft erstaunliche Entwicklung von Kompetenzen beobachten - hier und da kleine Korrekturen, Experimente, Ergänzungen und vor allem Übung. Zunächst sind die Fertigkeiten im Umgang mit dem Medium PC, Blog und Internet ein Entwicklungsfeld. Und dann zeigt sich die Übung im Schreiben, potentiell auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Netzwerke enstehen und wer geschickt damit umzugehen weiss, findet wesentlich schneller als je zuvor interessante neue Informationen über alle möglichen Dinge. Kann schneller und direkter vergleichen, ergänzen, kommentieren - und damit auch weiter entwickeln, was sich als Idee zeigt. Ideen wie das Co-Counseling und Co-Blogging sind noch längst nicht ausgereizt... Netzwerke sozialer Unterstützung und Kooperation sind vielleicht in ihrer Bedeutung noch kaum erkannt. Das wissenschaftliche, innovative, soziale, politische und auch das therapeutische Potential, das in all diesen Entwicklungen steckt, schlummert gewissermassen noch so vor sich hin, bricht aber stellenweise schon deutlich durch.

Bloggen erfordert aber auch ein gewisses Mass an Selbstkontrolle - denn die Eigendynamik, die sich daraus entwickeln kann, ist nicht unproblematisch. So gesehen ist es ein gutes Zeichen, wenn der eine oder die andere einmal eine Pause einlegt, sich vom Schielen auf Besucherzahlen und ähnlichen Erfolgskriterien distanziert. Denn Bloggen kann das Leben zwar bereichern - aber es ist eben nur ein Teil des Lebens, nicht das Leben selbst.
 
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Lösungsorientierung und Ressourcen

Über Ressourcen nachzudenken, das hatte ich mir vorgenommen. Früher oder später muss hier auch die lösungsorientierte Kurztherapie zur Sprache kommen. Sie gehört zwar nicht zu den anerkannten Therapieverfahren, aber grundsätzliche Gedankengänge lassen sich auch in verhaltenstherapeutische Konzepte integrieren. Im Grunde auch in tiefenpsychologische Ansätze, dort aber würde der Begriff Ressourcenorientierung besser passen. Und jener Begriff (Ressourcenorientierung) taucht, oh Wunder, seit einigen Jahren auch in der Verhaltenstherapie auf. Aber dazu an anderer Stelle mehr...
Lösungsorientierung. Es hat etwas Konstruktives, bildet ein Gegengewicht zur typischen Defizitorientierung in der Psychotherapie. Es scheint, als seien Probleme wichtig, Kritik nötig, als müsse man Diagnostik verstehen als Problemanalyse. Diagnosesysteme wie das ICD-10 wimmeln nur so von vielen Dingen, die defizitär, eingeschränkt, gestört und sonst was sind. Und - ob nun durch freie Assoziation, die Analyse von Grundkonflikten nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (oder auch der älteren Strukturdiagnostik), mit der Verhaltensanalyse oder dem Bemühen um die Erkenntnis dysfunktionaler (maladaptiver) Schemata... immer geht es um das, was fehlt, nicht geht, schwierig oder krank ist. Es geht um Probleme, und dabei treten Lösungsansätze, die vielleicht schon vorhanden sind, sich andeuten oder bereits gären, leicht in den Hintergrund. In der Medizin gibt es eine ähnliche Gegenbewegung zur Pathogenese: die Salutogenese als Ansatz, mehr die Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen.
Man kann nach Problemen fragen oder Lösungen suchen, den Blick auf das Gestörte oder Kranke richten oder danach fragen, was Gesundheit ist und wie sie sich fördern lässt. Andere beurteilen und kritisieren, ihnen Vorwürfe machen, weil sie dieses oder jenes falsch machen - oder nach Potentialen fragen, die sich fördern lassen. Auch auf der internationalen Ebene (bezogen auf die Frage des Klimawandels) gab es natürlich viele Mängel zu entdecken... und jede Menge Ansatzpunkte für Kritik. Lösungsorientiert zu denken, das führt auch auf dieser Ebene schneller zur Frage nach Ressourcen - erneuerbare Energien, Wind und Wasser zum Beispiel. Auf unterschiedlichen Ebenen zeigen sich ähnliche Muster und es scheint, als sei hier wie da wesentlich mehr gewonnen, wenn man nach Lösungen sucht als sich beständig nur um die Problematik zu bemühen und zu dem Schluss zu kommen, dass doch alles ganz furchtbar ist. Oder werden wird. Zumal der Klimawandel und die globale Erwärmung im Moment nun wirklich nicht zum Wetter passt. so als würde die Erde erstmal eiskalt zurück schlagen wollen, bevor sie uns ordentlich einheizt...

Wenn in Deutschland der Begriff 'Kurztherapie' fällt, dann sind damit 25 oder 40 Sitzungen gemeint. Aus ursprünglich sechs Sitzungen wurden in der systemischen Kurztherapie schließlich nur noch fünf. Fünf Sitzungen - allerdings mit einem recht aufwendigen Rahmen. Vor allem aber: mit einem sehr stark konzentrierten Blick. Das funktioniert nicht immer, nicht bei allen Störungen, aber der Kern, die Grundgedanken - die lassen sich immer wieder als Orientierungsmarke heranziehen, wenn die Analyse einer bestimmten Problematik sehr umfangreich und beinahe uferlos wird. Man kann lange Zeit in der Vergangenheit suchen und Vieles dabei finden - und man kann Dutzende von Verhaltensanalysen anfertigen, um immer wieder neue Probleme zu entdecken.

Und nun... eine einfache Frage aus der Kurztherapie:

Nehmen wir an, das Problem wäre gelöst, was wäre dann anders?
 
Die Frage ist sehr allgemein gehalten - es ist völlig unklar, um welches Problem es sich handelt, es ist unklar, ob der Fragende überhaupt eine Ahnung davon hat, worum es sich handelt. Man kann eine solche Frage auch dann stellen, wenn das Problem irgendwie peinlich oder sehr kompliziert ist. Vielleicht würde es viele Stunden dauern, um das Problem überhaupt zu verstehen, auch nur annähernd zu erfassen, was alles wie und warum und wie lange schon damit zusammen hängt, welche Rolle dieser oder jener in der Geschichte damit zu tun hatte und überhaupt...
Lassen wir das Problem einmal beiseite. Wäre es gelöst, wäre etwas anders. Und das, was anders wäre... gibt vielleicht einen Hinweis auf einen Weg. Dass mit einer solchen einfachen Frage schon alles fertig und parat 'auf dem Tisch liegt', will ich nicht behaupten.
Aber es scheint, als würde sich so manches verändern, wenn mehr Energie auf die Frage gelenkt würde, wie eine Lösung aussehen könnte. Und überhaupt... woher wissen wir eigentlich, dass zuerst das Problem und dann die Lösung kommt?


Literatur:

Steve de Shazer (1995). Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verlag.



s. auch:

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Berliner Kurven oder: wer ist gut in Mathe?

Als Denkanstoss zunächst ein Ausschnitt mit Manfred Spitzer...



Der Ausschnitt verkürzt die Problematik erheblich, ist aber gerade deshalb leichter zu verstehen.
Im Prinzip geht es um die Frage, 'wie erkläre ich mir etwas?'. Und das lässt sich natürlich auch auf ganz andere Dinge übertragen als nur auf die Frage, wer gut in Mathematik ist und warum.
Vereinfacht: die Erklärung "das ist Begabungssache" legt den Schluss nahe, dass sich Anstrengung NICHT lohnt, die Erklärung "das ist Übungssache" legt den Schluss nahe, dass Übung auch Erfolg, sprich bessere Noten mit sich bringt. Nun tauchen bei Rotter auch noch "Zufall" und "Aufgabenschwierigkeit" auf, aber auch damit sind noch längst nicht alle Faktoren erfasst, die beim Lernen eine Rolle spielen.
Aber eines kann man festhalten: wer fördern will, sollte Attributionen auf 'mangelnde Begabung' vermeiden. Denn damit wird jeder Motivation der Boden entzogen. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn ich sowieso zu doof bin? Trotz alledem... ist es auch eine Frage, wie die Dinge erklärt werden. Sehr plastisch ist zum Beispiel die Antwort auf die Frage 'was ist Leere': "Ich hab's im Kopf, aber ich kann's nicht sagen...". Anschaulich auch die Definition: "Eine Wendeltreppe ist eine Treppe, die wendelt." Darunter kann man sich doch etwas vorstellen oder? Buchstäblich genommen hat Julia aus Berlin den 'Rechenweg': die Kurvendiskussion in Berlin-Kreuzberg zeigt, womit man hier rechnen muss...

Berliner Kurvendiskussion/Auf dem Boden der Tatsachen/Urban MINT from Witja on Vimeo.



Die Diskussion der Kurve in der Kurve... und das, ohne überfahren zu werden. Das ist Kunst!

Linkhinweis:

Eine ausführliche, aber nicht ganz einfache Darstellung zur Attribution im Leistungsverhalten (locus of control) findet sich bei Werner Stangl.



Mittwoch, 6. Januar 2010

Mathematik - nichts für Mädchen?

Das Vorurteil sitzt tief und hat eine lange Geschichte: "Mathematik ist nichts für Mädchen, die können das nicht. Wenigstens nicht so gut. Also darf man eben nicht so viel von ihnen erwarten."
Stimmt das wirklich?
Einige bereits etwas älter gewordene Mädchen sind der Frage nachgegangen - und haben mächtig dabei gerechnet. Insgesamt wurden die Daten von 493.495 Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 bis 16 Jahren ausgewertet, die Daten stammten aus 69 Ländern. Eine Metaanalyse, die sich auf eine derart breite Datenbasis stützt, ist mehr als nur ein begrenzter Ausschnitt - man kann für die gewählte Altersgruppe ein hohes Mass an Repräsentativität voraussetzen. Das Ergebnis: die Mädchen waren eben nicht schlechter als die Jungen. In den Ländern, in denen die Geschlechter gleich behandelt werden, zeigten die Mädchen im Durchschnitt höhere Leistungen. Erkennbar war aber auch, dass sich die Mädchen weniger zutrauen - und damit lässt sich erklären, warum sie seltener eine Laufbahn im technischen oder wissenschaftichen Bereich einschlagen. Jungen schreiben sich selbst im Fach Mathematik eine höhere Leistungsfähigkeit zu und strengen sich mehr an.
In einigen Ländern waren durchaus Leistungsunterschiede im Fach Mathematik zu beobachten, die Forscherinnen gingen deshalb auch der Frage nach, woran das liegen könnte. Kaum verwunderlich ist die Beobachtung, dass Mädchen vor allem dort bessere Leistungen zeigten, wo es auch weibliche Vorbilder gab - also Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen usw.. Die Schlußfolgerung: Mädchen können im Fach Mathematik genauso gut sein wie Jungen, wenn man sie ermutigt und unterstützt.

Quelle: Science Daily, 06.01.2010


Literatur:

Nicole M. Else-Quest, Janet Shibley Hyde, Marcia C. Linn. Cross-National Patterns of Gender Differences in Mathematics: A Meta-Analysis. Psychological Bulletin, 2010; 136 (1): 103-127 DOI: 10.1037/a0018053
 

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Montag, 4. Januar 2010

Snow Patrol: Just Say Yes

Vielleicht. Und ja, aber. Eventuell, unter Umständen, vielleicht auch nicht. Es ist ein Stück Alltagserfahrung, dass es manchmal keine klaren Aussagen gibt. Ohne auf den Songtext näher einzugehen, dachte ich mir: das hat was, wenn man auch einmal 'einfach Ja' sagen kann.


Wie lange dauert es, bis es klickt?

Es wird wohl ein größeres Projekt, den Zusammenhängen von Wissen, Wahrnehmen, Erkennen und Erkenntnis etwas näher auf die Spur zu kommen. Der 'Klick' als Bild für das Erkennen scheint gelegentlich nicht sofort zu kommen...

Alltagserfahrung... einen Apfel erkennt man sofort. Oder nicht? Tatsächlich scheint einige Zeit zu vergehen, bis ein wahrnehmbares Objekt erkannt wird. Es gibt Schätzungen von 100 bis 500 Millisekunden. In einem Experiment in Tel Aviv sollten Versuchspersonen ein Zeichen geben, wenn sie ein Objekt auf einem Bildschirm erkannten und darauf deuten. Die Objekte wurden jeweils nur sehr kurz eingeblendet, gemessen wurde die Aktivität des Gehirns mit dem EEG. Dabei zeigte sich, dass manche Versuchspersonen zwar angeben konnten, WO sie etwas gesehen hatten, aber sie konnten nicht sagen, WAS es war. Und das ist (meine Interpretation) ein Hinweis darauf, dass Wahrnehmen und Erkennen (im Sinne von: einem Objekt eine Bezeichnung zuordnen) zwei verschiedene Vorgänge sind. Zurück zum Experiment - etwa 300 bis 400 Millisekunden dauerte es, bis nach dem Auftauchen eines Objekts eine Reaktion im EEG erkennbar war. Einfache Objekte wie ein Würfel oder ein Apfel waren schneller zu erkennen, bei Worten dauerte es etwas länger. (Salti et. al. (2009))

Mit dem Blick auf dieses Experiment scheint die Vorstellung, Wissen als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' zu betrachten, noch recht gut vereinbar zu sein. Die Zeitspanne, die zwischen Wahrnehmen und Erkennen liegt, lässt sich auch verstehen als jener Zeitraum, den das Gehirn braucht, um den 'richtigen Begriff' zu finden. Wissen bezieht sich dabei auf sprachliches Wissen, als Kenntnis über die Merkmale eines Objekts, denen ein bestimmter Begriff wie 'Apfel', 'Würfel' usw. zu geordnet ist.

Die Darstellung zur Neurophysiologe des Lernens geht von einem ganz anderen Informationsbegriff aus:

"Sie [die Architektur der Nervenverbindungen im Gehirn, R.G.] speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt. Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese." (Wolf Singer)
Dieses Vorwissen als Grundstruktur des Gehirns ist zunächst nichtsprachlicher Natur. Denn das 'vorgefertigte Gehirn', das 'Fragen an die Welt stellt' (ebenda) ist nicht von Geburt an das Gehirn eines Lebewesens, das für alle Objekte eine Bezeichnung hat und sich unmittelbar einer differenzierten Sprache zu bedienen weiss. Das Vorwissen (von dem man wirklich sagen kann, dass es Erkenntnisprozesse steuert) ist zunächst 'strukturell', nicht sprachbezogen, damit auch nicht bewusst im Sinne von 'sprachlich bewusst'. Anders formuliert: wir wissen so manches, noch bevor wir einen Begriff dafür haben. 
Nun komme ich zum Einwand von Jochen Ebmeier bezüglich der Begriffe 'Wissen und Erkennen'. Die Unterscheidung von Wissen und Erkennen bleibt aus meiner Sicht nach wie vor sinnvoll. Genau genommen ging es mir aber um die Gegenüberstellung von Wissen und Erkenntnis - und dabei war 'mitgedacht', dass Erkennen und Erkenntnis wiederum zwei verschiedene Dinge sind. Mit einem zu eng gefassten Begriff von Information komme ich allerdings schnell ins Stolpern... Der Gedanke, dass auch Gene lernen können und damit Informationen speichern, ist nicht neu und hat in jüngster Zeit wieder 'Nahrung' bekommen: genetische Veränderungen können innerhalb weniger Jahre stattfinden. Kann man das als einen Lernprozess verstehen? Als Erkenntnisprozesse der Evolution? Auch wenn es mehr wie 'trial & error' aussieht... dass hier Begriffe wie 'Information' und 'Erkennen' angemessen sind, liegt irgendwie nahe. Wichtig erscheint mir aber auch eine Differenzierung der Begriffe:
 
- es gibt unterschiedliche Arten von Information - und nicht alle sind sprachlicher Natur
- es gibt unterschiedliche Ebenen und 
- unterschiedlich komplexe Formen des Erkennens und der Erkenntnis.

"Die Selbsttätigkeit unseres Erkenntnisapparats beginnt nicht erst beim Selegieren von eintreffenden Reizen ('Informationen')..." (Jochen Ebmeier in seinem Kommentar) - das will ich nicht bestreiten. Die Darstellung im Post 'ich weiss, dass ich weiss' könnte als lineares Erkenntnismodell verstanden werden - so, als würde Erkenntnis irgendwie mit der Wahrnehmung beginnen und in einer komplexen Erkenntnis wie etwa einem wissenschaftlichen Theorigebäude enden. Im Grunde betrachte ich Erkenntnisprozesse eher unter dem Blickwinkel eines hermeneutischen Zirkels - und das auch dort, wo Prinzipien des Kritischen Rationalismus (also: Hypothesen ableiten, Experimentieren, Falsifizieren usw.) realisiert werden. Einen wirklichen 'Anfang' oder ein 'Ende' gibt es nicht. Wahrnehmen, Erkennen, Erkenntnis und Wissen sind Phasen in einem sich beständig wiederholenden Prozess.

Und manchmal dauert es etwas länger als eine halbe Millisekunde, bis es klickt.


Literatur:

Jochen Ebmeier (2008). Zur Neurophysiologie des Lernens nach Wolf Singer.

American Friends of Tel Aviv University (2009, December 21). Now you see it, now you know you see it. ScienceDaily. Retrieved January 4, 2010, from http://www.sciencedaily.com­ /releases/2009/11/091130131329.htm 


Detlef Weigel, Stephan Ossowski, Korbinian Schneeberger, Norman Warthmann, Richard M. Clark, José Ignacio Lucas-Lledó, Michael Lynch, Ruth G. Shaw
The rate and molecular spectrum of spontaneous mutations in Arabidopsis thaliana
Science, 1. Januar 2010


Samstag, 2. Januar 2010

Ich weiss, dass ich weiss

Eine grundsätzliche Frage: wie sicher ist das Wissen, was können wir überhaupt wissen und wie stellen wir uns heute zu der Aussage "ich weiss, dass ich nichts weiss"? Anstoss, einmal wieder über das Thema nachzudenken, war ein Artikel von Jochen Ebmeier mit dem Titel "ich weiss". Das Thema ist mir zu wichtig, der Artikel zu ergiebig, um einfach nur eine kurze Antwort als Kommentar zu hinterlassen. Beim Lesen kam nach dem inneren affirmativen Nicken das Bedürfnis, das eine oder andere nun doch anders zu formulieren und weiter zu denken. Aber zunächst zum 'Nicken', dem Hintergrund für die Zustimmung.

"Es gibt kein Wissen ohne Prämissen" (Jochen Ebmeier)

Ja, ich weiss... Ich weiss, dass das Wissen auf Voraussetzungen beruht, und ich weiss, dass mir das Wissen um die Prämissen meines Wissens, wenn es denn überhaupt vorhanden ist, im Alltag sehr schnell wieder abhanden kommt. Weil es eben zu aufwendig wäre, sich all das ständig bewusst zu halten. Ich gehe davon aus, dass mir meine Sinne ein zutreffendes Bild der Realität vermitteln und bleibe doch skeptisch, weil ich eben auch um Wahrnehmungstäuschungen, Denkfehler und Täuschungen weiss. Ich weiss also, dass mein Wissen immer auch brüchig, vorläufig, revisionsbedürftig sein kann. Und letzten Endes auf Erkenntnisentscheidungen beruht, die etwas Bestimmes als 'wahr' annehmen, ohne dafür einen zwingenden Beleg anführen zu können.

Soweit also der Grundkonsens. Und nun wird es etwas schwieriger..: Denn in der kurzen Passage zur Beschreibung des "ich weiß" als Elementargestus wird Wissen als Anteilnahme beschrieben. Lässt sich diese Bewegung der Anteilnahme mit der nüchternen Vorstellung vereinbaren, Wissen sei im Grunde nicht mehr oder weniger als 'im Gedächtnis gespeicherte Information' - und als solche keinesfalls auch nur annähernd so statisch wie die Informationen in einem Buch oder auf einem elektronischen Speichermedium? Fragezeichen als Anstoss zum Weiterdenken: ist diese Anteilnahme bereits eine Erfahrung des je eigenen Wissens und damit wiederum eine eigenständige Betrachtung wert? Kann man diese Anteilnahme mit Teilhabe (etwa im Sinne der 'Teilhabe am objektiven Geist') gleichsetzen und wenn ja (oder auch nein), wie ist dieses 'Teil von etwas sein' zu beschreiben?

Woher weiss ich, was ich weiss? Und - woher weiss ich, dass ich weiss? Wie kommt Erkenntnis zustande? Stehen die realistische und die idealistische Auffassung vom Weg der Erkenntnis wirklich ein Widerspruch? Wissen kann man verstehen als gespeichterte Information, die von aussen mehr oder weniger zufällig auf ein Individuum trifft. Berücksichtigt man die Selektivität der Wahrnehmung, wird deutlich, dass dieser Prozess so passiv eben nicht ist. Unterscheidet man dann verschiedene Formen des Wissens und grenzt davon die Erkenntnis ab, versteht Erkennen als das Zusammenfügen, Neuordnen und Interpretieren des je eigenen Wissens, können die aufgenommenen Eindrücke von aussen sich zu einem "Ergreifen" verdichten, ohne dass dabei ein Widerspruch des theoretischen Denkens auftreten muss. Im Erkennen also kommt das Wissen zu sich selbst, der Wissende wird sich seines Wissens bewusst (daher die Formulierung 'ich weiss, dass ich weiss') und nimmt es an. Hält es für wahr. Betrachtet es als Bestandteil der eigenen Lebensorientierung. Und zieht (vielleicht) persönliche Konsequenzen daraus.

Gehe ich dieser Unterscheidung von Wissen und Erkenntnis weiter nach und berücksichtige dabei das Prinzip der Perzeptbildung (das Auge ist keine Kamera, das Ohr kein Hörapparat, die Sinne bilden nicht einfach die Aussenwelt ab, das Gehirn macht sich selbst ein 'Abbild', ein 'Konstrukt' der Wirklichkeit), dann lande ich mit anderen Begriffen und anderen Worten sinngemäss ebenfalls bei der Aussage, dass das Wissen nicht nur passives Aufnehmen (ein "Rezeptakel") ist und die Erkenntnis erst recht. Also - das 'Wissen, dass ich weiss' entsteht keinesfalls automatisch und zwangsläufig. Den Denkapparat zu bemühen ist nicht überflüssig.
Das Denken schließlich kann Anlass sein, die durch die Sinne gewonnenen Erkenntnisse zu bezweifeln, zu hinterfragen - damit ist jede Erkenntnis auch potentiell 'diskutabel'. Die Frage ist, nach welchen Kriterien sich beurteilen lässt, ob eine bestimmte Erkenntnis nun 'gültig' ist und wenn ja, für wen und in welchen Zusammenhang. Vielleicht auch: unter welchen Voraussetzungen. Wir machen uns ein Bild von dem, was ist - und wenn ein solches Bild an einen 'Erkenntnisapparat' gebunden ist, kann es 'Objektivität' als Unabhängigkeit vom erkennenden Subjekt nicht geben. Objektivität ist nicht mehr als der Rückgriff auf allgemein anerkannte Voraussetzungen, die logische Schlussfolgerungen erlauben - und insofern 'unabhängig' vom erkennenden Subjekt sind.

Dass es 'objektiv wahre' Antworten auf Fragen gibt, verleiht der Wahrheit etwas Absolutes. Wissen und Erkenntnis aber sind relativ (bezogen auf einen bestimmten Bezugsrahmen) und zunächst subjektiv, durch intersubjektiven Konsens können sie an Objektivität angenähert werden. Ohne jedoch jemals dem Anspruch allgemeiner und ewiger Gültigkeit gerecht werden zu können. Das ist anstrengend, weil es bedeutet, dass es immer wieder neu notwendig ist, Wissen und Erkenntnis zu überprüfen, immer wieder neu nach dem, was wahr ist, zu fragen. Es ist unangenehm, weil es Unsicherheiten mit sich bringt, dem Wissen immer schon ein Fragezeichen anheftet.
 

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Donnerstag, 31. Dezember 2009

Sylvester 2009

Feuerwerk zu Sylvester? Manche brauchen keines, sie 'brennen' auch so. Zumindest scheint das bei Bruce Springsteen der Fall zu sein....



Einen netten Film habe ich auf YouTube gefunden zum Sylvester 2009. Neben guten Wünschen zum neuen Jahr sind noch drei wichtige Tipps für Skifahrer aufgenommen... Also denn:

guten Rutsch ins Neue Jahr!

Und Vorsicht bei Biltz- und Glatteis!



Mittwoch, 30. Dezember 2009

Statt guter Vorsätze fürs Neue Jahr

Nachgedacht und überlegt... Jahresrückblick? Gute Vorsätze? Viele sagen, da wird ja doch nichts draus, andere bemühen sich um Tipps, wie doch etwas daraus werden kann... für mich persönlich habe ich beschlossen, ich spare mir das. Stattdessen folge ich einer Neigung, die ich bei anderen Menschen auch gelegentlich beobachte: Schwerpunkte zu setzen, bestimmte Dinge oder Themenfelder zu vertiefen. Was könnte das sein? Ein Motto, ein Schlagwort?
Der Ansatz dieses Blogs bezog sich auf das 'Miteinander sprechen', der Schwerpunkt 'Konflikte und Konfliktfähigkeit' ist dabei noch wenig ausgearbeitet, die Bundestagswahl brachte einen stärker politischen Akzent mit sich. Und dann kam eben der Blog Action Day und die Klimakonferenz. Offene Fragen gibt es genug... und ein Themenfeld zeichnet sich ab, das einen vielschichten Bezug zu mehreren Bereichen ermöglicht.

Ressourcen.

Es lohnt sich, über Ressourcen nachzudenken, wenn sich das Jahr 2009 im Rückblick als nicht so ganz gelungen zeigt, aber auch dann, wenn sich wertvolle Entwicklungen und Erfolge erkennen lassen.
Unzufriedenheit mit dem Ergebnis der Klimakonferenz kann auch bedeuten, mit einer weiter gefassten Perspektive nach Lösungsansätzen zu fragen. Ressourcen beziehen sich also nicht nur auf persönliche Ressourcen, sondern auch auf Energiequellen, darüber hinaus auf Potentiale, die sich nutzen lassen, um persönliche, institutionelle, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu fördern. Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Zukunftsfähigkeit können Ansatzpunkte sein, nach dem zu fragen, was langfristig trägt - und Perspektiven eröffnet. Auch ganz privat und persönlich.
In diesem Sinne wünsche ich schon mal allen Lesenden, Nachdenkenden und Bloggenden ein ressourcenreiches 2010!
 
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Kann man Kommunikation trainieren?

Die sprechwissenschaftliche Forderung ist alt: Trainer brauchen eine Lizenz! Und das ist eben die Sprecherzieherprüfung, die es seit nunmehr...

Oft gelesen